Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Veflrrvetchlfchr Wochenptzrtp Nr. 1 schrecklichen Vorfälle in schaudernder Erinnerung, welche Veranlassung wurden, daß viele Tausende unglücklicheJuden ibr geliebtes Vaterland Marokko verlassen mußten. Sie wandten sich nahe der heiligen Stadt, um daselbst eine neue Heimat zu gründen — an dem Orte, wo jeder Fußbreit an die Vergangenheit erinnert, wo jeder Stein, wenn er erzählen dürfte, als Zeuge gewaltiger Geschehniffe auftreten könnte .... dorthin zog es sich mit aller Macht, dort wollten sie sich ansässig machen, dort leben und sterben. Aber das Mißgeschick kettete sich an ihre Fersen und wenn nicht opferwillige mildherzige Glaubensgenossen sich ihrer annehmen, so sind Tausende frommer, jüdischer Familien dem sicheren Untergang geweiht. Nicht um flüchtiges Almosen handelt es sich, die Gaben der Milde sollen nicht blos für die Bedürfnisse des Augenblicks aufgebraucht, sondern dauernd und segenbringcnd in rationeller Weise verwendet werden. Oberrabbiner Josef A r w a s ans Jerusalem weilt in dieser Angelegenheit eben in unserer Stadt. Er hat die größten Culturcentren Europas bereits besucht und ist überall mit Auszeichnung ausgenommen worden, die Sache, in deren Dienst er sich bereitwillig gestellt, hat durch ihn manchen Schritt nach vorwärts gethan — doch bleibt noch viel mehr zu thun. Vom schönen Ziele, den Brüdern im Glauben ein menschenwürdiges Dasein bereiten zu können, trennt ihn noch viel! Der König von Italien hat Herrn A r w a s huldvoll empfangen und seiner Sympathien versichert. Er wird voraussichtlich auch die Action selbst hilfbereit fördern. Zahlreiche Notabilitäten hat Herr A r w a s, der selbstverständlich alle zu seiner Beglaubigung dienenden Acten mit sich führt, so daß in dieser Hinsicht jeder Zweifel Thorheit wäre, gesprochen und für den Zweck gewonnen. Er soll Wien nicht umsonst ausgesucht haben. Auch hier wohnen Juden — auch hier flehen sie ihren übrigen Neligionsgenossen nicht nach, wo es werkthätige Hilfsbereitschaft zu zeigen, wo es die Linderung fremden Elendes und unverschuldeten Unglückes gilt! Wir können den nachfolgenden Aufruf nur wärmstens unterstützen. Wer ein noch so geringes Scherflein für gedachten Zweck spendet, der hat eine „Mizweh" im wahrsten, echt jüdischen Sinne gethan. Der Aufruf lautet: Die schrecklichen politischen Ereignisse im Marocco, welche die Flucht von Tausenden und Tausenden Israeliten zur Folge hatten, die sämmtlich in der heiligen Stadt von Jerusalem einen Zufluchtsort suchten, ließen dessen Eommunität, um den armseligen Glaubensgenossen Beistand zu leisten, zur Entscheidung kommen, ihrerseits Mithilfe bei allen Brüdern von ganz Europa zu suchen. Zu diesem Zwecke wurde der ergebene Unterfertigte aus der Mitte der Oberrabbiner dortselbst mit allgemeiner Zustimmung, wie dies aus den Documenten in seinen Händen zu ersehen ist, auserwählt, um bei allen Glaubensgenossen Europas eine Geldunterstützung anmsuchen und selber bereist schon seit ungefähr acht Monaten die größten Städte, wo er bis jetzt mit Gottes Gnade all »meine günstige Aufnahme fand. Der Hauptzweck ist der, in der heiligen Stadt eine Zchl von 100 Häuscrn bauen zu lassen, um den armen Brüdern, wovon noch heute tagtäglich ganze Familien nackt und hungrig sich dort zuflüchten, ein Obdach zu gewähren, der ergebene Unterfertigte erlaubt sick daher in Namen der armseligen Brüder an Euer Wohlaeboren die Bitte zu richten, ihm in seinen heiligen Zwecke gütigst Beistand leisten zu wollen und gibt sich der Hoffnung hin, daß auch Euer Wohlgeboren mit einer Geldspende zur Befferung der erbarmungsvollen Lage der armen Flüchtlinge gütigst Mitwirken wollen. Euer Wohlgeboren kann der Segnung der vollsten und ewigen Dankbarkeit unserer armen Brüder überzeugt sein, und indem der ergebene Unterfertigte auf eine günstige Antwort, die er sich eine Pflicht machen wird persönlich abzuholen, seitens Euer Wohlgeboren harrt, sagt er Euer Wohlgeboren im Voraus seinen verbindlichsten Dank und zeichnet hochachtungsvoll ergebenst Josef Arwas Einer der Oberrabbiner in Jerusalem. Kojetein (Mähren). Lange hat die stille Judengasse unserer Stadt, eine der freundlichsten und gepflegtesten Mährens, die in weitem Bogen an den Marktplatz sich schließt, nicht so viel freudige Bewegung gesehen, wie am Freitag den 28. Dec. v. I. Es galt dem Einzug unseres neuerwählten Rabbiners Dr. Salomon Fuchs, den die Gemeindevertretung am Bahnhofe erwartete. Ein Zug von sechs Equipagen brachte den Vorstand mit dem neuen Rabbiner und seinem Ebrenqeleite, in dein auch sein Bruder, der thatkräftige und treffliche Herausgeber der ,Hamagid" in Krakau sich befand, in die festlich geschmückte Amtswohnung des Gemeindehauses. Seit dem Tode des unvergeßlichen, fast ein halbes Jahrhundert mit der Gemeinde verwachsenen Rabbiners Jacob Brüll waren diese Räume verlassen und derödet, wie auch seine Stelle im Gotteshause verwaist und leer war. Wie ein Symbol lichter Verheißung berührte es die Gemüther, als am Vorabend des Weihesabbathes der Rabbiner die Lichter der Menora entzündete. Der Leuchtstoff in Israels Gemeinden ist nirgends erschöpft, das Wunder vom Oelkrüglein kann noch täglich allerorten, auch unter uns, wie in der Zeit der Makkabäer sich erneuern; es kommt nun darauf an, daß die daß die Männer gefunden werden, in denen der göttliche Feuergeist lebt, die schlummernden Kräfte zu wecken und die Gemüther zu entflcümnen. Daß der neue Rabbiner von dem reinsten Willen zu diesem edlen Erweckungswerke beseelt ist, davon sollte die Gemeinde sich zu ihrer freudigsten Begeisterung am Sabbath selber überzeugen, den seine Antrittsrede zu einem wahren Weihesabbath gestaltete. Wie von geheimen Kräften verwandelt, so wuchs der Redner mit jedem Satze seiner gedankenvollen Predigt, unwiderstehlich alle Hörer bezwingend und wie im Fluge die Herzen erobernd. Der Geist der Friedfertigkeit und sanften Führung, der aus jedem Worte dieser Rede 'drang, hätte jeden Widerstand hinwegräumen müssen, wenn er überhaupt vorhanden gewesen wäre. Bald war das Gefühl allgemein, daß den verwaisten Platz des Rabbiners in unserem altehrwürdigen Gotteshause, einem der ältesten und bemerkenswerthesten Mährens, ein Mann eingenommen bat, der ihn, seiner großen Vorgänger würdig, mit göttlichem Beistände au^zufüllen wissen wird. Denn wie unser Gotteshaus selbst mit seinem mächtigen Kuppelgewölbe und seiner Größe von der einstigen Bedeutung unserer Gemeinde erzählt, so kündet der Betsitz zur Rechten der Bundeslade von den glänzenden Namen weithin in der Jndenheit ihrer Zeit berühmter Rabbiner, die als Führer unserem Gemeinwesen einst vorangeleuchtet haben. Hier hat der große Schüler und Freund R. Ezechiel Landa u's, R. Eleasa' Fleckeles, einer der größten Prediger seiner Tage, das Wort Gottes verkündet, hier hat R. Mose P e r l s, um nur die Spitzen aus dem letzten Jahrhundert zu nennen, eine der bedeutendsten rabbinischen Persönlichkeiten aus halb vergangener Zeit, Schüler herangebildet und das Studium des Gesetzes verbreitet. Und noch zu Lebzeiten unseres letzten Rabb ners ist der Name unserer Gemeinde mit seinen Schriften und Leistungen in weite Kreise hinausgedrungen, zu denen sonst der Name unserer mährischen Stadt niemals einen Weg gefunden hätte. Und als sollte die Ahnung und das Vorgefühl der Gemeinde eine Bekräftigung erfahren, daß jene großen Vorgänger einen Fortsetzer gefunden haben, der einst an ihre Reibe an geschlossen zu werden würdig befunden werden dürfte, verkündeten die freudigen Glückwünsche von Nah und Fern, die der Telegraph uns brachte, daß unsere Wahl auf keinen Unbekannten, sondern auf einen Mann gefallen ist. an dessen Arbeit in weiteren Kreisen der Wissenschaft die schönsten Hoffnungen geknüpft werden. Aus all' den Städten, in denen Dr. Fuchs zum Zwecke seiner Studien sich aufgehalten hat, kamen begeisterte Depeschen, die unsere Gemeinde zu der von ihr getroffenen Wabl beglückwünschten. Der Grand Rabbin von Frankreich, der anerkannt größte Prediger der französischen Juden, Zadoc Kahn, ehrte unseren Gemeindevorstand durch ein Glückwunsch-Telegramm. Ebenso trafen Depeschen ein von den Rabbinern der Gemeinde Breslau, Dr. Gutmann und Dr. Rofenthal, von Dr. M. Braun, dem Nachfolger des Prof. G r a e tz am Breslauer Rabbinerseminar, von Prof. Dr. David Kaufmann von der Landes- Rabbinerschule in Budapest, von Abraham Epstein, dem gelehrten und scharfsinnigen Kritiker in Wien und von dem ausgezeichneten Kenner und Förderer der jüdischen Wissenschaft und stets bereitwilligen Freunde aller ihrer Pfleger, L. I. H a l b e r st am in B i eli tz. Alle diese Männer knüpfen an den Amtsantritt des Dr. Fuchs die Hoffnung, daß die von ihm begründete und durch ihre gediegenen Arbeiten freudig begrüßte hebräische Wochenschrift „Hachoker" fortan durch regelmäßiges Erscheinen zu einem förderlichen Organ der über alle Länder der Judenheit sich ausbreitenden reicherblühten, jüdischen Wissenschaft sich entwickeln wird. Uns aber erfüllt die Zuversicht, daß mit dem neuen Rabbiner neuer Geist, jüdischer Geist in alle Glieder unserer Gemeinde einziehen wird, daß er die Herzen der Kinder, wie der letzte der Propheten es ausdrückte, zu den Vätern zurückführen und es als eine Herzenssache betrachten,