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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 VrUrrrrtrtztfrtre Wochrnsätzrifl Seite 11 Forderung des Antisemitismus; in ihr ist die Quintessenz unseres reformatori scheu Programms zu erblicken jetzt und immerdar! (Minutenlanger, brausender Beifall; Lachen bei der Fcaction B ö ck e l.) Reichskanzler Für st Ahlwardt: Meine Herren, ich kann dem Herrn Borcedner zu meinem Bedauern keine Hoffnung machen, daß die Regierung sich zu seiner letzten Anregung sympathisch stellen wird. Dagegen würde die Regierung wahrscheinlich nicht abgeneigt sein, einem Anträge auf obligatorische Einführung des Nasenpolypen in wohlwollender Erwägung näher zu treten, da sich diese Act von Bildung für die Entwicklung und Conservirung des antisemitischen Geistes unzweifelhaft förderlich erwiesen hat. Abg. E. v. S.: Als ich vordem abtrat, haben sich B-ö ckel und B ö cke lgenossen erfrecht, zu meckern. Ich erkläre hiermit, daß die ganze Fcaction mit jüdischem Gelde bestochen ist; dasselbe gilt von Sr. Knoblaucht dem Herrn Reichskanzler. (Lärm und Beifall.) Reichskanzler Fürst Ahlwardt: Sie Schuft, Sie Lump! Beweisen Sie mir das! Abg. E. v. S.: Ich verzichte darauf, hier den Beweis zu führen. Ich schlage mich ahlwärdts in den Busch der Volksversammlung. Die nöthigen tausend Centner Acten kann ich bis morgen mit Leichtigkeit von den hiesigen Käsehöckern besorgen. Kommen Sie hin, meine Herren, ich verspreche Ihnen einen genußreichen Abend. Anfang 8 Uhr; Beginn der Enthüllungen 9 Uhr. Entree 1 Mark, von 9 Uhr an 1.59 Mark. Jeder Biedermann ist geladen. (Zuruf: Will er machen 'n Geschäftche!) Meine Herren, ich bin nie gegen das Geschäft an sich gewesen; aber es muß von Deutschen gemacht werden. (Stürmischer Beifall. Der Reichskanzler verläßt den Saal.) Abg. Böckel: Meine Herren, der Vorredner hat mich eigentlich meiner Aufgabe enthoben, da er sich deutlich genug als waschechter Jude entpuppt hat. Ich will aber trotzdem constatiren, was soeben durch Prof. Rohling mit antisemitischer Sicherheit festgestellt worden ist. Nach einer der Wahrscheinlichkeit sehr nahe kommenden Hypothese hat sich eine Urältermutter des Herrn von Sonnenschein im 15. Jahrhundert, als sie in gesegneten Umständen war, an einem jüdischen Trödler versehen. Nach einer andern Hypothese haben die „Ahnen" des Herrn Abgeordneten noch bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein Sonnemann von Ehrenschein geheißen. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft geben zwei Hypothesen zusammen ein kategorisches Urtheil. Folglich ist Herr Sonnemann von Ehrenschein ein Jude. (Allgemeine Bewegung. Der Abgeordnete Ehrenmann v. Sonnenschein wird sofort mittelst Wurfmaschine nach Argentinien befördert.) Darauf vertagt sich das Haus, um zum Frühschoppen zu gehen. Morgen: Antrag des Abg. M. Harden, die Regierung zu ersuchen, Erhebungen darüber anzustellen, ob der Abg. Leus, wie sein Name argwöhnen läßt, von polnischen Juden abstammt. Fortsetzung der heutigen Berathung. Ferner: Novelle zum Wuchergesetz. (Pasquino, Beilage zum „Zuschauer" in Hamburg.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Neue Scandale. Es hat wieder einmal unerhörte Scandale gegeben, man ist wieder einmal „auf das Tiefste entrüstet", die Hallen des Rathhauses und die Landstube sind wieder einmal „entweiht". Es ist doch merkwürdig, daß man die Natur der Herren Lueger, Schneider und Gregorig noch immer nicht kennt oder kennen will. Bor langen, langen Jahren haben wir bereits vorausgesagt, daß der antisemitische Terrorismus weniger den Juden als der liberalen Partei gefährlich werden müsse. Damals standen wir freilich mit unserer Meinung ziemlich vereinzelt da — heute ist es auch für die Kurzsichtigen klar geworden, wohin die lärmende Korybantenschaar des Judenhasses eigentlich zielt. Herr Lueger verhöhnt die Autorität des Präsidenten im Abgeordnetenhause, des Landmarschalls im Landtage und des Bürgermeisters im Gemeinderathe. Herr Schneider besudelte die Minister und den Statthalter Sr. Majestät des Kaisers und Herr Gregorig beschimpft den Bürgermeister und die Lrtadlräthe. In Liesen Scandalen liegt System, mehr als man bisher glaubte und noch immer zu glauben scheint. Die beiden jüngsten Auftritte im Landtage und im Gemeinderathe waren „unerhört", aber es wird noch „unerhörter" kommen, der Terrorismus wird bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Es kann ja gar nicht anders sein. Die liberalen Blätter selbst constatiren die Nachgiebigkeit und Connivenz ihrer Partei gegenüber den antisemitischen Jacobinern, eine Connivenz, welche bis hart an die Grenze der Würde und Selbstachtung geht. Hören wir doch einmal das „Neue Wiener Tagblutt", heute das eigentlichste Sprachrohr der liberalen Parteileitung: „Man räumt Leuten, welche bisher mehr zu schreien als zu arbeiten verstanden, willig Ausschußplätze ein und es gibt zartbesaitete Naturen, welche auf solche Würden freiwillig verzichten, um nur einem Antisemiten Platz zu machen. Respectirung der Minorität ist ein schöner constitutioneller Grundsatz, ob er jedoch beobachtet werden soll gegenüber Leuten, die nichts anderes thun, als den Parlamentarismus täglich-und stündlich zu discreditiren, das ist eine andere Frage." Und an einer andern Stelle nennt dasselbe Blatt den Widerstand, den man dem Treiben der Antisemiten entgegensetzt, „ein wächsernes Wesen ohne Kraft und Härte". „Die Regierung," heißt es weiter, „hat ihre Stellung der Sache gegenüber nicht geändert, was um so mehr Wunder nimmt, als der Gelegenheiten zu einer entschiedenen Stellungnahme bereits eine große Zahl vorhanden war." Ja, worüber beklagt man sich dann? Herr Schneider hat den Statthalter direct beschuldigt, daß er denuncire und Se. Majestät den Kaiser belüge. Die antisemitische Presse jubelt über solche Reden und billigt die vorgefallenen Scandale, und der Herr Staatsanwalt findet keinen Anlaß zum Einschreiten. Der Herr Staatsanwalt hat die Interessen des Staates zu wahren, und wenn er nicht einschreitet, jo heißt das so viel, daß die Regierung, deren Organ ja der Ätaatsanwalr ist, die Staarsinteressen durch solche Vorgänge nicht als gefährdet erachtet. Darin liegt eine Ermunterung zur Fortsetzung der Scandale und die Antisemiten haben für solche stillschweigende Ermunterungen eine sehr feine Empfindung. Von unserem Standpunkt der Vertretung der rein jüdischen Interessen hätten wir ja keine Veranlassung, über diesen Gang der Dinge unzufrieden zu sein. Wenn einmal die Minister und andere hohe Staatsbeamte, wenn die Präsidenten der gesetzgebenden Körperschaften, wenn liberale Abgeordnete, Stadträthe und Gemeinderäthe ebenso besudelt und verunglimpft werden, wie bisher unsere Glaubensgenossen, so befinden wir uns ja in guter Gesellschaft und der Antisemitismus beißt sich in seinen eigenen Schwanz; er macht keinen Unterschied mehr zwischen Ärierthum und Semitenthum. Aber wir fühlen uns eben nicht nur als Juden, sondern auch als Bürger des Staates und als Glieder der Gesellschaft und als solche müssen wir das Schreckensregiment, welches die Antisemiten ungestört auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens aufrichten, tief beklagen. Ob sich doch die nöthige Energie finden wird, demselben entg-genzuireten? Wenn sie sich finden soll, so muß das Beispiel von Oben gegeben werden. jBom antisemitischen Lügengefindel. Das^ „Deutsche Volksblatt" bringt in seiner Nummer vom 1. Jänner 1895 unter der Ueberschrift „Ein jüdischer Gerichtshof", eine langmächrige Räubergeschichte von einem ehemaligen jüdischen Rabbiner, der nach London geflohen und dort zum Chrisrenthume übergetreten ist, nachdem er in seinem Heimatlande Russisch-Polen sich dadurch den Haß seiner Glaubensgenossen zugezogen hatte, daß er durch eine Anzeige beim ordentlichen Gerichte die parteiische Entscheidung eines Beth-Din unwirksam gemacht hatte. Dieses Beth-Din habe durch sein Urtheil den Vormund und die Verwandten eines jungen Mannes ermächtigt, diesen und seine beiden Geschwister um das väterliche Erbtheil von mehr als 50.000 Rubel zu

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