Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 VrstrrrrdMchr Wochrnfchrist Nr. 1 In der ersten Hälfte des XVI. Jahrhundertes beschuldigte man die Juden in Posen, sie hätten drei Hostien gestohlen und mit Messern durchstochen. Auf Ansuchen der Juden wurde hierüber ein Proceß eingeleitel. Das königliche Urtheil lautete, daß die Juden in Posen während der Frohnleichnahmsproceffion in der Sradt lange Messer zu ttagen haben. Auf diese Weise gewährten die Könige den Juden gehörigen Schutz gegen unsinnige Anfeindungen. Die Sitte, lange Messer zu ttagen, wurde erst im Jahre 1777 abgeschasft. Die 3 Hostien sollen noch jetzt in Posen zur Andacht der Frommen zu sehen sein. Trotz der Beschränkungen erfreuten sich die Juden unter der Regierung der Jagellonen einer wahren Toleranz, sie führten ein ruhiges und glückliches Dasein und ihre Lage gestaltete sich zur Zeit der letzten Jagellonen zu einer besonders günstigen. Die Talmudakademien in Krakau und Lublin, Brzesö und Lemberg, welche von Schülern vom weilen Süden und Westen besucht waren, die öfteren Rabbiuersynoden aus allen Provinzen der Republik, um gemeinsame Interessen zu berathen, geben uns ein Bild der gedeihlichen Entwickelung des Judenthums unter der Regierung edler und humaner Könige. Auch die Wahlkönige, iu deren Adern polnisches Blut floß, vergaffen nicht „ihrer treuen Juden". Die feindselige Strömung, welche die kurze Regierung Heinrichs de Balois wachrief, dämpfte rasch der bekannte „Uniwersat" des Königs Stefan Batory, ihm war ein Starosta und ein Jude gleich vor dem Gesetze, er gestaltete den Juden ausdrücklich, auch an christlichen Feiertagen Handel zu treiben und machte die Behörden für Judenverfolgungen verantwortlich. Sigismund HL bekehrte die Juden nicht mit Feuer und Schwert trotz seiner jesuitischen Erziehung, sondern sicherte den gelausten Juden die Aufnahme in den Adelsstand — wie es im dritten Statut für Lithauen heißt. Der polnische Schriftsteller Grabowski bedauert in seinem Werke über die Juden im Königreich (1611): Verblendet sind die Juden, daß sie im Fürstenthum (d. h. Lithauen) den Adelsstand und den Gottesglauben zurückweisen. Nicht viele folgten dem königlichen Rufe. Die glückliche Lage der polnischen Juden sollte jedoch bald eine Acnderung erfahren. Aeußere, dem polnischen Charakter und der erhabenen polnischen Tradition fremde Einflüsse wirtten zusammen und brachten das polnische Judenthum rasch zum Verfall. Der Jesuitenorden und seine Erziehung der Jugend, welcher manches Unglück dem Vaterland brachte; der Kosakenaufstand unter Bogdan CH mielnicki, der vielen Tausenden von Juden das Leben kostete oder die tatarische Gefangenschaft brachte; endlich die Kriege mit Schweden versetzten dem polnischen Judenthum einen harten Schlag, nach welchem es sich nicht erholen konnte. Auch die letzten polnischen Könige bestätigten den Juden ihre Privilegien, das Judenthum hatte jedoch zu stark gelitten, um sich zur früheren Höhe erheben zu können. Die Mitzwirthschaft der Sachsen brachte auch den polnischen Juden Unglück. Intoleranz und Verfolgung ließen die Juden die glückliche Zeit der Regierung polnischer Könige herbeisehnen. Eine neue, glückliche Aera schien für das polnische Judenthum wieder zu beginnen mit dem letzten, polnischen Könige. Die Bemühungen, die Verhältnisse derZRepublik zu regeln und zu bessern, wendeten sich auch der Lage der Juden zu. Biele Projecte während des vierjährigen Landtages befaßten sich mit der Lage der Juden. Die politischen Ereignisse hinderten die Vollendung des erhabenen Werkes. Ein Project soll sogar vom Könige selber herrühren. Die Verfasser der Projecte hatten folgende Grundsätze im Auge. 1. Bis nun waren die Juden nur tolerirt, von nun an sollen sie gleichberechtigt sein. 2. Mit der Gewährung der Gleichberechtigung trifft die Regierung die Pflicht, für gehörige Erziehung und gehörigen Unterricht Sorge zu tragen. 3. Alle Unterschiede zwischen Juden und Christen haben aufzuhören, die Religionsfreiheit wird jedoch gesichert. 4. Handel und Industrie sind frei. 5. Neu entstehenden Religionsgenossenschaften ist die Gewissensfreiheit zu gewähren. 6. Es ist nicht unmöglich, daß die Juden auch an Feiettagen kämpfen, es ist dah.r hiefür Sorge zu ttagen, u. s. w. Angesichts dieser erhabenen Tradition der Polen, angesichts ihres und ihrer Könige immerwährenden Bestrebens, die Lage „ihrer treuen Juden" zu verbessern und zu sichern, erscheint die Zuversicht nicht unberechtigt daß die Polen niemals den Juden ihren Beistand^versagen werden. Dr. Julian Peiper. Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. Donnerstag, den 27. Deccmber 1894, Abends 7 Uhr, fand im Hotel zum englischen Hof, Mariahilferstraße 81, die 21. ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelr ereines für die westlichen Bezirke, welche zahlreich besucht war, statt. Unter den Anwesenden bemerkte man als Gäste Cultusvorsteher Salo Cohn, den Abgeordneten Dr. Bloch, den Obmann des Vereines zur Hebung der Gewerbe Herrn Br od u. s. w. Der Erbauer des prächtigen Vereinstempels und langjähriger Vereinspräsident, Cultusvorsteher, Architekt Max Fleischer eröffnete die Generalversammlung, indem er die anwesenden Vereinsgenossen und insbesondere die erschienenen Gäste auf das Herzlichste begrüßte. Nach Verificirung des Protokolls der letzten Generalversammlung erstattete der Vorsitzende den Bericht über die Thätigkeit im abgeschlossenen Vereinsjahr. Der Verein zählt derzeit 257 Mitglieder; davon 172 mit dem Jahresbeitrag von fl. 6.—, 7 Mitglieder mit dem Jahresbeitrag von fl. 8.—, 60 Mitglieder zahlen je fl. 10.—, 6 Mitglieder je fl. 12.—, 8 Mitglieder je fl. 15.—, 3 Mitglieder je fl. 20.—, 1 Mitglied fl. 50.— Redner gedenkt in bewegten Worten der im letzten Jahre verstorbenen Vereinsgenossen, insbesondere des ehemaligen Vorstandsmitgliedes Moriz K n e p l e r, erwähnt den Vereinsrevisor Dr. Jacob Weinberg und den Vereinsgenossen Samuel Goldberg. Die Versammlung ehrt das Andenken dieser Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Der Obmann erklärt, daß der Vorstand in Folge der günstigen Lage des Vereines sich veranlaßt gesehen, an die Verwirklichung eines längst gehegten Wunsches zu schreiten: die Errichtung einer Altersversorgung für die Vereinsbeamten (Lebhafter Beifall). Ueber Antrag des Herrn I a no wi tz er wurde ein neues Regulativ für Jahrzeit-Stiftungen beschlossen, um den Wünschen der Vereinsgenossen entgegenzukommen. Desgleichen wird ein Confirmationsunterncht eingerichtet die Confiunationsfeier soll alljährlich im Vereinstempel abgehalten werden. Das Erträgniß der Betsitze ergab fl. 6576.— gegen fl. 5480.— im Vorjahre, die Bethausfiliale fl. 508.— Auf Grund einstimmigen Beschlusses wurde dem Vereinsprediger Herrn Dr. T ag- 1 i ch t das Definitivum verliehen und über Ansuchen des Cultusvorstandes gestattet, daß Herr Dr. Ta glicht während der Vacanz im israelitischen Tempel zu Fünfhaus fungire. Die Spenden im Tempel betrugen fl. 5839.27 gegen fl. 4288.— im Vorjahre; fernere Spenden sind zu erwähnen: 2 Thorastände von Herrn Herr mann und Frau Therese K ön ig im Werthe von fl. 110.—, 1 kostbare, weißoSchulchandecke von Frau Sofie Heim; 1 große Glastafel für den Altartisch von Herrn Jacob Strauß; Herr Josef Toffler hat seine Rechnung über gelieferte Bekleidungsgegenstände um ‘/8 ihres Betrages ermäßigt, Herr Dr. Engel widmete unentgeltlich seinen Rechts-Beistand und das Vorstandsmitglied Herr Friedrich Pollak, Schmalzhofgasse, spendete anläßlich der Vermählung seines Sohnes den Betrag von fl. 100.—. (Lebhafter Beifall.) Redner schließt: „Es ist nunmehr ein Decennium seit dem Bestände unseres neuen Gotteshauses abgelaufen. Wir haben es seinerzeit errichten geholfen und haben darin einen würdigen Gottesdienst eingeführt; wir haben später die für die Zukunft werthvollen Realitäten erworben und können manche Errungenschaft hervorheben. Dies Alles haben wir erreicht, ohne unsere Cultus-Gemeinde pecuniär im mindesten in Anspruch zu nehmen. Dies danken wir dem wahrhaft religiösen Gemeinsinne, der Opferfähigkeit und Opferwilligkeit unserer Mitglieder und Tempelbesucher. Mit Stolz und Freude blicken wir auf das heilige Unternehmen. Wir hegen nur Einen Wunsch: daß dieses Unternehmen fürder gedeihe, daß stets Männer von Herz und Sinn es zum Guten leiten! Wir danken Allen, die es fördern und dem Vorstande der Cültusgemeinde, der es wohlwollend im Auge behält." (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Schatzmeister kaiserl. Rath Pollak verliest den Rechnung^ abschluß und die Bilanz, seine interessanten erläuternden Bemerkungen wurden oft von lebhaftem Beifall unterbrochen. Die vorgeführten Ziffern zeigten ein erfreuliches Bild des Gedeihens und Fortschrittes. Seit 1886 hat der Verein 31.690 fl. an Schulden abgeschrieben; er schließt die Thätigkeit des letzten Gebahrungsjahres mit einem Cassa-Saldo von 11.914 fl. und in den nächsten Tagen werden an Nachlath Jeschurun die 3500 fl.