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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 WeWerredhtklhr Wmhrnschrtfl 9h. 1 parapbrastrt, als er einst in M os kau während des Iomkipur znm Nilagebet die Synagoge besuchte. Ein jüdischer Freund übersetzte ihm den Satz: „Oeffnet uns die Himmelspforten, bevor sie sich schließen, dieweil sich neigt der Tag! Es neigt sich der Tag, die Sonne ist im Sinken; wir gehen ein in Deine Thore, laß uns willkommen sein!" Dieses leidenschaftsvolle, poesiereiche Gebet frapvirte das für alles Gute, Edle und Schöne emvfängliche Gemüth Nubinstein's und er componirte auf Grund besten sein herrliches Lied „Oeffnet mir die Kerkerpforten", freilich ohne demselben einen religiösen Charakter zu geben. Der slavische Semit, wie er sich selbst nannte, hat in seinen Compositionen überall Anklänge semitischer Melodien voll erhebender Innigkeit und rührender Anmuth. (Schluß folgt.) Vergessene jüdische Künstler. Oefter als einmal hat man unsere Zeit vorwurfsvoll die raschlebige, und mit Recht, genannt. Sie vergißt schnell und erinnert sich schwer. Eine Fülle in der Oeffentlichkeit wirkender Personen bringt in seinem Verlaufe so ein Jahrhundert mit berauf und eine jede begehrt gleich eine Anweisung auf die Unsterblichkeit. Alle vermeinen für die Ewigkeit gewirkt und geschaffen zu haben. Aber hat die Mitwelt schon ein schlechtes Gedächtniß, hat die Nachwelt noch ein weit schlechteres. Die Zeit löscht einen glänzenden Namen nach dem andern aus. die Jahre leaen ihre grauen Netze über den Ruhm des Tages, in Nebel und Dämmer versinkt nur allzu rasch was durch Jahrhunderte zu leuchten sich vermaß . . . Platz muß den Neuen, Nachstürmenden, ungestüm Bordrängenden gemacht werden — Platz unter allen Umständen, Platz um jeden Preis. Raum und Licht heischen sie gebieterisch, um sich entfalten zu können und die Lebenden baben ja bekanntlich immer Recht. Immer? In der Unerbittlichkeit, mit der sie ihre Berechtigung aufs Dasein erkämvfen, liegt auch ein Zug von Grausamkeit, von — Unrecht. Ote-toi qne je m' y mette! Nicht Alles verdiente so rasch vergessen und so gründlich verwischt zu werden und gar manches schöne Talent, dem ein längerer Nachruhm gebührte, wird mit hinweggetragen von der unaufhaltsam nachströmenden Hochfluth der neuen Erscheinungen. Einige Gestalten wollen wir herauszugreifen versuchen, von den vielen, denen die Zeit Unrecht getban, und ihre Namen einer neuen Generation ins Gedächtniß rufen. Jüdische Künstler! Sie trugen doppelte Last, doch trugen sie sie tapfer. Künstler! — eine Welt von Leid. Qual und Enttäuschnug birgt das stolze Wort in sich. Jude? wahrlich kein minder stolzes in dem Sinne, den wir ihm geben, aber auch mit Kränkung. Erniedrigung, mit Schmerz und Bedrängniß erkauft und ausgewogen. Arglose Gemüther ahnen wohl schwerlich. was die beiden Worte zusammen bedeuten!! Verdovvelte Schwierigkeit, verdreifachtes Hinderniß Sie trennen den indischen Künstler vom Erfolg und bat er die steile Höbe glücklich erklommen, so grünt der Lorbeer zwischen Dornen und Nesteln, und auch dort gibt es keine Rast, denn das Gekreisch des Pöbels dringt bis hinauf: ..Herunter, herunter mit dem Juden!" Berständnißvolles Eingehen auf seine Eigenart — und jeder wahre Künstler hat eine — wird ihm selten oder nie zu theil. Seine Eigenart bringt eine bämische Kritik beharrlich mit Stammes n n art in aransame Verbindung. Der Beoeisterte muß für vie Nüchternen schaffen. Noch bevor er sein Werk unter Zausend Schmerren geboren, ist es schon verworfen und in den Kotb gezerrt. Es ließe sich ein langes Lied von den Leiden der jüdischen Künstler erzäblen — aber es klingt zu traurig . . . Noth und Entbebrunq lernt am Ende auch der kleine Gewerbsmann kennen, das gewöbnt sich schließlich — aber das schönste Feuerwerk vor den Zöglingen des Blindeninstitvtes abbrennen müssen — dabei kommen einem gar sonderbare Gefühle- * * Papst Pius IX. und der jüdische Bildhauer. Im Jahre 1850 war es. als der damalige Chef des Wiener Hauses Rothschild den Gedanken faßte, eine nach dem Leben geformte Marmorbuste des Papstes zu erwerben. Was meinen wohl die Herren Antisemiten von heute dazu, welche die Juden gern als christenfeindlich und unduldsam hinstcllen möchten, wenn es nur immer ginge! Jo, Rothschild wollte die Züge des Papstes in seinen Privatgemächern ausgestellt haben und ein Kunstwerk sollte es sein — wie anders? Da wandte er sich denn mit dem Auftrag an den jüdischen Bildhauer Jacob Guttmann. Durch Vermittlung des dazumaligen, römischen Gesandten Grafen E st e r h a z y sollte es erreicht werden, daß der Papst einige Sitzungen gewöhie. Doch das war bei dem vielbeschäftigten Oberhaupt der kaiholischen Christenheit nicht so leicht. Es ermangelte durchaus nicht am guten Willen—auch wußtederPapst für wen die Büste bestinimt war. ganz gut und war geneigt, dem Wunsche des jüdischen Mäcens zu willfahren — aber die Zeit-die Zeit- Da wurde ein Ausweg glücklich gefunden. Während der öffentlichen Audienzen, hinter einer Tapete von goldbordirter Seide verborgen, konnte ja der Künstler, den neugierigen Blicken der zahllosen Audienzwerber entzogen, an seinem Werke arbeiten. Huldvoll sprach eines Tages Pio nono den jüdischen Künstler an: „Diese Büste ist also bestellt?" — „Sie ist es heiliger Vater." — „Von wem?" — „Von Baron R o t hsch ild." — „Dann qlaube ich, dürfte Ihr Honorar nicht unbedeutend sein." — „Von größerer Bedeutung ist für mich die Gnade Ew. Heiligkeit." Nach Verlauf zweier Wochen war die Arbeit am Thonmodell beendet und der Papst hatte nur Worte der lobendsten Anerkennung für den glücklichen Meister. Es war auch in der That ein Werk aus einem Gusse — voll Leben. Geist und Seele, dabei von sprechendster Aehnlichkeit. Der Papst war entzückt und ermüdete nicht, seinkm Entzücken in der liebenswürdigsten Weise Ausdruck zu leiben. Alle violetten und rothen Monsignori desgleichen. Sie ükerboten sich in Zuvorkommenbeit, denn sie könnensehr charmont sein, wenn sie wollen. Guttmann machte sich alsbald daran, die Büste in Marmor auszuführen, um sie seinem Besteller zu überreichen. Später soll er noch eine Wiederholung des Meisterwerkes für seine ungarische Heimat in Angriff genomn en und ausgeführt haben. Sicheres ist darüber nicht bekannt. Die Pius-Büste des jüdischen Bildhauers Guttm ann nimmt als ein nach dem Leben getreu geformtes Kunstwerk unter den Porträts des letzten Papstes denselben Rang «in. wie des berühmten französischen Kupferstechers Gaillard herrliches Blatt von 1874. Mit absoluter Autbenticität sind die Züge des Pontifex hier und dort auf die Nachwelt gebracht. Guttmann fixirte die Züge des kräftigen, wohlwollenden Mannes — Gaillard die des zornigen, erbitterten Greises 5 Jakob Guttmann wurde im Jahre 1811 zu Arad geboren. Seine Eltern waren arme, ehrliche Leute. 1824 kam er zu einem christlichen Büchsenmacher in die Lehre. Am meisten intereffirten den Knaben die oft kunstvollen Graviriwaen an alten Flintenläufen, welche er anfangs mit plumper, später aber mit immer geschickterer Hand nachzukritzeln sich mühte. 1827 ging er nach alter Handwerkssitte auf die Wanderschaft und der junge Büchsenmacher arbeitete sichs Jahre hindurch in den verschiedenen ungarischen Provinzstädtlein. 1833 zog es ihn nach Wien. Da geschah etwas, das einen Wendevunkt in seinem Leben bilden sollte. Ein uraltes, mit herrlichen Arabesken verziertes Büchsenschloß fiel ihm in die Hände und begeisterte den kunstentstammten Jünalina derart, daß er nur ein Ziel mehr kannte — die Kunst! Der Funke war in's Pulverfaß gefallen.. . . Als Graveur-Autodidakt brachte er es bald dabin, den Grabstichel mit Sicherheit zu regieren. 1834 war er schon selbstständiger Graveur in der Kaiserstadt. Bis 1837 Handwerker, geschickter Handwerker zwar, hatte er zum Künstler noch sehr weit. Eine von ibm prächtig grovirte Büchse erregte auf einer Ausstellung die Aufmerksamkeit des Fürsten Metternich, welcher ihm einen Vorschlag machte, den Guttm ann freudig annahm: „200 st. C.-M.. dem Zögling der Bildhauerschule der Akademie". Aber 200 st. C.-M. waren eigentlich blutwenig — Hunger. Entbebrungen warteten seiner — doch für die Kunst ertrug Guttman«Alles. Abends saß er immer im Finstern in seinem kleinen Stübchen, er hatte kein Geld, Licht zu kaufen.. .. Aber er gelangte doch an's Ziel. 1843 war er Bildhauer, Künstler, und 1844 fertigte er schon eines seiner gelungensten kleineren Werke, die kleine Broncestatuette. Solowon v. Rothschild darstellend. Der Baron war von dem Werke, zu dem er gar nicht gesessen hatte und welches ibm Leopold v. W e r t h e i m st e i n. sein Foctotnm, voiffübrte, böchlich übrrascht. Die nächste Folge dieser Ueberraschnna war der Auftrag, eine Marmorbiiste zu machen und 1000 fl. wies er

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