Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1 Orstrrrrvtzische WortzrnschrM Seite » Man kann nicht umhin, sein schmerzliches Bedauern auszudrücken, daß manche Juden sich dem scheußlichen Nihilismus anschlossen, daß sie theilnahmen an Verbrechen, welche die Menschheit und die Cultur besudeln. Wir haben uns von jeder Gemeinschast mit diesen Scheusalen losgesagt, aber wir können doch nicht für die Verbrechen Einzelner verantwortlich gemacht werden und man kann doch nicht verlangen, daß die Inden aus lauter unschuldigen Engeln bestehen sollen. Ebenso wie wir ein gewisses Contingent unserer Vertreter in Kunst und Wissenschaft, im Handel und Wandel, in Industrie und Gewerbe haben, ebenso wie wir verhältnißmäßig Aerzte, Juristen, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Sänger, Maler, Bildhauer u. s. w. stellen, so mußte selbstredend sich auch ein gewisser Percentsatz (Dank dem Himmel, ein nur sehr geringer) von Verbrechern und Nihilisten sinden. Die leicht erregbare Jugend — jüdische oder christliche— konnte nicht umhin, von dieser Bewegung inficirt zu werden. Es war daher eine schreiende Ungerechtigkeit, daß man die Juden mehr wie alle anderen Rassen verfolgte, weil sich in ihrer Mitte ein gewisser (im Verhältniß zu ihrer Zahl verschwindend geringer) Percentsatz von politischen Verbrechern gesunden hatte. Hätten die Juden sich ganz passiv zu dieser Bewegung verhalten (die erst später in entsetzliche verbrecherische Ausschreitungen ausartete), so würde man sie der Feigheit beschuldigt, ihnen den Vorwurf gemacht haben, daß sie nur ernten wollen und nicht säen, daß sie die Früchte einheimsen wollen, zu denen Andere ihr Blut hergegeben, um damit den Freiheitsacker zu düngen. Ich bin entfernt von dem Gedanken, den Antheil einiger jüdischer Tollköpfe an der einstigen nihilistischen Bewegung zu billigen; ich kann nicht genug starke Worte sinden, um deren Gewallthaten zu verdammen, die in strictem Widerspruch mit unseren humanen Glaubensdogmen sind, die dem heiligen, göttlichen Gesetz: „Du sollst nicht tobten" so strict widersprechen. Doch wollte ich nur erklären, daß diese unglückselige Theilnahme Etlicher, die Millionen Unschuldiger dadurch elend gemacht, unsäglichen Verfolgungen ausgefetzt, ich will nicht sagen eine berechtigte, (bewahre mich der Himmel davor), sondern eine ganz natürliche war. Der Assimilationsproceß war dazumal im vollsten Gange. Der Paria, dem man die Thore des Ghetto wenn auch.nicht sperrweit geöffnet, athmete eine reine freie Luft und aus Dankbarkeit begann er sich mit seinen Befreiern zu assimiliren, ihnen in Allem nachzuahmen, in ihren Tugenden, doch auch leider in ihren Lastern, verfiel unwillkürlich in ihre Mängel; ebenso wie er sich ihre Vorzüge aneignete, huldigte er den vön ihnen proclamirten Wahrheiten, hing jedoch auch ihren Verirrungen nach. Wir wurden allmälig Russen, nachdem wir so lange Heloten gewesen. Sind wir schuld, wenn unsere Lehrer, denen wir Dankbarkeit schuldeten, uns auf Abwege führten, wenn wir ihnen folgten dis an den Rand des Abgrundes, wenigstens etliche von uns, die vielleicht allzufrüh von dem Baume der Erkenntniß genascht? Dank dem Himmel! Die Periode der Irrungen ist vorüber und wir russischen Juden sind durch herbe Erfahrungen zu sehr gewitzigt worden, als daß wir in die früheren Fehler zurückfallen sollten. Die etlichen unglücklichen Verirrten aus unserer Mitte haben ihre Sünde mit dem Leben oder mit lebenslänglicher Strafarbeit in den Bergwerken Sibiriens oder in den mörderischen Klimas von Sachalin bezahlt. Die Juden sind gewarnt und gewitzigt worden. Seit' 1882 hat sich kein Jude mehr an den nihilistischen Bestrebungen betheiligt, wir haben aufgehört, der Panurgesheerde anzugehören, sind zu der Einsicht gekommen, daß die Assimilation auch ihre Grenzen hat und daß man an uns weit höhere Anforderungen stellt, als an irgend eine andere Nation. Wir sind in uns gegangen, haben Musterung gehalten und sind zu der Schlußfolgerung gekommen, daß wir an Vielem selbst Schuld trugen. Wir gingen eben in unserem Assimilirungseifer viel zu weit und sind dafür hart gestraft worden. Das wird uns als heilsame Lehre dienen. Diese dreizehn Jahre harter, schwerer Prüfungen haben ihr Gutes, wie ihr Schlechtes gehabt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie dazu beigetragen haben, gar manche unsympathische Seite unseres Charakters zu glätten, gar manche unangenehme Scharte auszuwetzen. Die gemeinsamen Verfolgungen haben die Zusammengehörigkeit gefestigt. Wenn auch Manche, infolge des ausgeübten Druckes, von uns abgefallen, so haben wir dagegen gesehen, wie sich die Glaubenstreue der Masse festigt, wie selbst alte Renegaten sich uns zuwendeten, wie ihre Gefühle, die ganz abgestorben schienen, zu neuem, frohem Leben erwachten und junge Blüthen trieben. Anstatt der welken, verdorrten Blätter, die von dem Baume des Judenthums abfielen, kamen neue, frische Knospen hervor. Verfolgungen schaffen Märtyrer. Die Weisheit dieses Spruches bewährt sich auch bei uns, und wenn wir auch keine Märtyrer anführen können, welche die Unerschütterlichkeit ihrer Glaubenstreue auf dem Scheiterhaufen, unter dem Henkerbeil dargethan, jo haben wir Viele, die Noth und Elend, Hunger und Durst, materiellen Entbehrungen jeglicher Art und moralischen Erniedrigungen getrotzt, Haus und Hof, Frau und Kind, verlassen haben, um in weiter Ferne, jenseits des Oceans, eine neue Heimat zu gründen, um nicht den alten Glauben zu verleugnen, der väterlichen Religion abtrünnig zu werden. Die Zahl dieser Märtyrer ist Legion. Noch größer ist die Zahl der edlen, unerschrockenen Kämpen, die in der dumpfen, erstickenden Atmosphäre des Ghettos sich nicht durch weltliche Vortheile verleiten ließen und ausharrten, bis die Morgenröthe anbrach. Die traurigen Folgen des systematischen, dreizehnjährigen Druckes, der auf den russischen Juden lastete, drückten sich in einem Sinken des Bildungsniveaus aus. Ganz abgesehen davon, daß dem Dildungsdrang der jüdischen Jugend ein Riegel vorgeschoben wurde, indem man deren Eintritt in die mittleren und höheren Lehranstalten außerordentlich erschwerte und die Tbore gewisser Tempel des Wissens (als der medicinischen Akademie, der Ingenieurschule, der Forstinstitute u. dgl.) hermetisch vor ihr schloß, benützte die fanatisch-orthodoxe Partei, die leider in Rußland noch sehr zahlreich ist und in früherer Finsterniß vegetirt, diese Gelegenheit, für ihre reactionären Ideen Propaganda zu machen. „Da habt ihr die Folgen euerer Assimilationsbestrebungen, rufen sie triumphirend aus, ihr wolltet euch den Russen anschließen, mit Aufopferung euerer nationalen Eigenheiten, euerer uralten Traditionen Russen werden, Russen mosaischer Confession, und seht nun, was daraus geworden'. Verächtlich hohnlachend stoßen euch die Russen zurück und wollen von euch nichts wissen. Gebt also diese Chimäre aus, bleibt was ihr gewesen, Juden, zieht euch in euch selbst zurück, schließt euch von der Außenwelt und der sogenannten Cultur, die uns nur Unheil gebracht, ab; seid fromme Juden, studirt Bibel und Talmud, spucket auf alle profanen Wissenschaften." Leider machen diese auch in der jüdischen Presse ertönenden Unkenrufe Eindruck und man beginnt die Bildung, diesem Urquell allen Nebels, zu perhorresciren und gleich der Schnecke in ihr Haus beginnt der russische Jude sich in seinen Fanatismus zurückzuziehen, denn die Ereignisse haben der Orthodoxie Recht gegeben. Wenn derartige anormale Verhältnisse noch lange gedauert hätten, so wären die Früchte einer civilisatorischen Thätigkeit mehrerer Jahrzehnte ganz vernichtet worden. Doch Dank dem Himmel, dem ward nicht so. Für die russischen Juden sind bessere Zeiten angebrochen; der Baum ihrer Hoffnungen treibt neue Blüthen. Und in diesen freudigen Hoffnungen sind sie nicht getäuscht. Die helle Morgenröthe ist angebrochen; rosig färbt sie den äußersten Rand des östlichen Horizonts und dann werden die Farben glühender, intensiver, Purpur und Gold; hoch auf schäumt das Meer; die Sonne der Freiheit wird bald erscheinen in blendendem Glanze und ihre goldigen Strahlen werden dann belebend, erwärmend in das dunkle Ghetto fallen und dann ertönen die Worte des herrlichen Liedes, das unser Rubinstein in Vorahnung des Kommenden gedichtet und zu dem der große, nun verewigte Tondichter eine so herrliche Melodie componirte: „Oessnet mir die Kerkerpsorten!" Rubinstein hatte dieses Gedicht, wie er mir selbst erzählte,