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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Vrstrrredtziptzr Mochrnsttzrifi Rr. 1 das Märtyrerblut seiner Ahnen geflossen, schmäht man höhnisch, den Talmud besudelt man schamlos mit dem Geifer der Verleumdung — aber selbst schwört man Meineide und läßt Meineide für sich schwören nach Bedarf... Der Fall L e u ß hat seine psychologischen Feinheiten. Man hat ihn auch in den Blättern einen „sensationellen" — mit Unrecht nach unserer Auffassung genannt. Sensationell ist doch nur das Unerwartete, noch nicht dagewesene Neue — Ueberraschende! Wir haben absolut nichts Unerwartetes gefunden, sondern die Sache herankommen sehen, neu ist sie längst nicht, überrascht hat sie gar Niemanden — Herrn Leuß vielleicht ausgenommen und seine Genossen, die das Triumphsouper voreiligerweise bestellt haben. Schade um die schöne Hetzrede, die der „Freigesprochene" da gegen die Juden losgelaffen hätte. Thut nichts, er kann sie ja noch immer in drei Jahren halten, nachdem er das Haus der Zucht verlassen haben wird. An Beifall wird es ihm auch dann gewiß nicht fehlen. _ C. 0. Vertrag zur Geschichte der russischen Juden?) I. Trauriger Rückblick, tröstlicher Ausblick. In nachstehenden Artikeln beabsichtige ich einen kurzen Abriß der Geschichte der Juden in Rußland zu geben. Doch halte ich es für notwendig, vorauszuschicken, daß sich dieser Beitrag zur Geschichte unserer unter dem russischen Scepter lebenden fünf Millionen Glaubensgenossen nicht auf die jüngste seit dem 20. October d. I. (alten Stiles) freudige Gegenwart, sondern auf die düstere, neueste Vergangenheit bezieht. Eine liebliche Morgenröthe ist angebrochen, und freudig schlagen die Herzen von fünf Millionen russischen Juden ihrem neuen, jungen Herrscher entgegen und frohe Hoffnungen schwellen die Brust, daß dem dreizehnjährigen Martyrium ein Ende gesetzt werden wird. Die neue Aera, welche seit kaum zwei Monaten be* gönnen, hat die Segel unserer Hoffnungen schwellen machen. Getrost sehen wir der neuen Zukunft entgegen, überzeugt, daß die gerechte Sache triumphiren wird und daß wir baldigst am Ziele unserer Leiden angelangt sein werden. Wir erwarten keine urplötzlichen Abänderungen, keinen jähen Uebergang von einem Extrem ins andere; wir sind uns wohl bewußt, daß die Weltgeschichte, die gleichzeitig das Weltgericht ist, keine Sprünge kennt, keine salti mortali daß der Fortschritt sich langsam, aber stetig vollzieht und daß eben die natürliche, nicht überhastete Entwicklung des Processes gleichzeitig eine Bürgschaft für beffcn Solidität und Dauer ist. Wir erhoffen uns eine allmälige Milderung des schroffen Regimes, dem wir so lange unterworfen waren; wir erwarten nun eine minder willkürliche Anwendung der gegen uns gerichteten Ausnahmsgesetze, welche unser materielles und moralisches Sein untergruben und viele Tausende heimatlos machten, indem sie dem ausgeübten Druck erlagen und ihnen kein anderer Ausweg übrig blieb, als am heimischen Herde sicher vor Hunger zu sterben oder in fremde unbebaute Länder zu emigriren, um vielleicht daselbst ein Asyl zu finden. Ouro lex — sid lex! Selbst die harten Ausnahmsgesetze, von denen wir beiroffen worden, wären noch nicht so entsetzlich, so verhängnißvoll in ihren Folgen gewesen, wenn nicht d^ren willkürliche Deutung und Anwendung durch die niederen, execuliven Organe geradezu einen drakonischen Charakter angenommen hätte. Diese durch Graf I g n a t i e w proclamirten sogenannten Maigesetze, welche Hunderttausende des flachen Landes aus Dörfern und Weilern in die Städte trieben, um sie daselbst unsäglichem Elend und furchtbaren Entbehrungen preiszugeben, wären auch noch nicht so entsetzlich gewesen, wenn diese Gesetze, ich sage nicht, eine humane *) Bon einem unserer hervorragendsten Glaubensgenossen in St. Petersburg. D. Red. | Deutung, sondern nur eine richtige, dem Buchstaben der Verordnung entsprechende Anwendung, eine vollkommen legale Ausführung gefunden hätten. Aber da nun einmal der Jude quasi vogelfrei erklärt worden war und es dem Janhagel (zur Beschämung der menschlichen Natur) eigen ist, den Gedrückten noch mehr zu unterdrücken, sich der wilden Jagd auf das gehetzte Wild anzuschließen, so ward der bureaukratische Plebs von wilder Versolgungssucht.und Judophobie erfüllt und es begann eine Hetzjagd, wie sie geradezu beispiellos in der modernen Geschichte der Cultmvölker ist. Der Gesetzgeber hatte solche Unmenschlichkeiten, wie sie leider Gottes so häufig durch Mißbrauch der Amtsgewalt und willkürliche Auslegung an und für sich strenger Verordnungen voikamen, nicht beabsichtigt. Er wollte nur die ländliche Bevölkerung gegen die sogenannte jüdische Exploitation schützen, ein höchst löbliches Vorgehen, wenn in der That die Juden auf dem flachen Lande dieses blutsaugerische Aussaugesystem so systematisch und unbarmherzig betrieben hätten, als man es ihnen zuschrieb. Doch die Legislative beabsichtigte durchaus nicht, einen Theil der Bevölkerung der Nolh und dem Elend, dem Hunger und der Verzweiflung in die Arme zu treiben und die schwache Stimme der gefolterten Juden gelangte nur selten bis an die höhere Behörde, und wenn sie bis dahin gelangte, so war eine Redreffur oft unmöglich, eine Remedur kam zu spät. Da haben Sie ein Beispiel unter Tausenden der Beamtenwillkür. Laut eines der Paragraphen der unseligen J g na t iew'scheu Maigesetze war es den Juden nicht mehr gestattet, sich in den Dörfern neu anzusiedeln, während, denen, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt vor der Promulgirung dieser Verordnungen daselbst gewohnt harten, der fernere Verbleib gestattet war. Nun ereignete es sich, daß ein Dorfjude seine Wohnung wechseln mußte; dies erklärte nun die Ortsbehörde als Neuansiedluug und jagte die Betreffenden erbarmungslos von Haus und Hof. Manche wurden beim Senat klagbar und diese höchste Justizbehörde caffirte regelmäßig dies ungerechte, illegale Verdict. Aber wie Viele halten die Mittel, klagbar zu werden? Und die Senatsentscheidung. schuf kein Präcedenz, war nur für den individuellen Fall giltig; die Willkür und Gefühllosigkeit der Beamten wurde nicht bestraft und sie sah sich geradezu ausgemuntert, auf dem betretenen Wege fortzusahren. II. Der Prügelknabe als Nihilist. Das vorige Regime hatte sich die Aufgabe gestellt, ultranational zu sein und diese Fahne hoch zu halten. Rußland für die Russen! lautete die Devise und hätte Niemand dagegen etwas einwendcn können, wenn diese Lesung keine allzu enge Grenze gezogen hätte. Unter Russen, welchen allein Rußland gehören sollte, verstand man blos rechtgläubige, orthodoxe; hinter der nationalen Flagge barg sich die religiöse und dominirende. Alles, was nicht echt in russischer, rechtgläubiger Wolle gefärbt war, mußte zurückgesetzt, beschränkt, unterdrückt, verfolgt werden. Lutheraner und Katholiken wurden auch theilweise in ihren Rechten beschränkt; selbstverständlich jedoch, daß das größte Maß von Bedrückungen den Juden zu theil ward, diesem uralten Sündenbock der Menschheit, diesem Prügelknaben, der für fremde Gebresten sühnen und stets die Zeche zahlen muß. Die Erbitterung gegen die Juden war noch durch einen anderen Umstand als religiöse Unduldsamkeit motivirt. Man konnte es den russischen Juden nicht verzeihen, daß etliche Vertreter derselben sich an der nihilistischen Bewegung, an den anarchistischen Attentaten betheiligten, obgleich in dem Nihilismus die Repräsentanten sämmtlicher Nationalitäten des weiten Reiches anzutreffen waren: Polen, Deutsche und Russen, Lutheraner und Katholiken. War es da zu verwundern, daß auch Juden von dieser Irrlehre hingerissen waren und in die Verbrecherlegion eintraten, sie, die sie doch weit größeren Verfolgungen ausgesetzt woroen, als irgend eine andere Raffe.

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