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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Vestrrretchtptze VochrnschrM Seile 3 oder wegen seiner Abstammung, wegen seines Besitzes oder wegen seines Aussehens, oder Oft nur wegen seines Ncmnens verfolgt, kann der ein ehrlicher, braver Mann, ein anständiger, gesittet-r Mensch sein? Nein und abermals Nein! Und der überau z lehrreiche Fall Leuß erbringt nur wieder den Beweis, den genchtsorduungSmäßigen Beweis, für die oben dargelegten Thatsachen. Schade, daß solche Facten an dem Bestehen und dem Fo. umwachsen des Antisemitismus so gar nichts zu ändern vermögen. Die „Partei" schüttelt derlei Elemente, wenn sie sih einmal compromittirt haben, gleichgiltig ab, sie stellt sich, als kennte sie sie nicht, als Hütte sie sie nie gekannt. Das geht dann wieder so lang fort, bis abermals ein dunkler Ehrenmann vor den Schranken des Gerichtes erscheint, um darzuthun, daß er würdig war — Antisemit zu heißen. Wie erwähnt, nützen solche Ereignisse gar nichts. .Ihr praktischer Werth ist gleich Null. Beweist doch einem Näuber die Ungesetzlichkeit seiner Handlungsweise? Er wird Euch als Antwort einfach Niederschlagen. Erklärt dem eingestiegenen Wohuungseinbrecher den Unterschied zwischen Mein und Dein, während er an dem Schloß der Feuersesten bohrt! Und redet mit — Antisemiten!! Ihr werdet die gleichen Erfolge erzielen. Aber deswegen darf man es sich doch nicht verdrießen lassen, Processe wie den des Leuß, Scherz er u. s. w. sorgfältig zu überprüfen und zu überdenken. Eine spätere, einsichtsocllere Zeit wird vielleicht gar nicht begreifen können, wie die deutsche Bevölkerung — das Volk der Denker! o Ironie! —sich von Ahlwardt, Liebermann und Leuß und wie die Oesterreicher sich von Schönerer, Schneider, Lueger baben können nasführen lassen. Lieb ermann von Sonnen berg schrieb noch unter dem 13. December 1894 in seinen „Deutsch-Socialen Blättern" über die Sache stolz und kühn, wie folgt: „In Sachen des Abgeordneten Leuß haben wir zur Kenutniß unserer Leser nochzuiragen, daß derselbe von Neuem in Untersuchungshaft genommen worden ist. Die in liberalen Redactionen entstandene Meldung, daß Herr L. sein Mandat niedergelegt habe, ist aus der Luft gegrifjen. Der schwergeprüfte Mann hofft im festen Vertrauen aus seinellnschuld auf baldige Fällung d e s R i ch t e r s p r u ch e s und wird dann das Mandat s e lb v c r st n d l ich behalten. Wie verlautet, werden die Schwurgerichts-Verhandlungen gegen Leuß bereits im Laufe dieser Woche stattfinde.".. Eine Einstellung des Verfahrens wird von der Fraktion der Deutschsocialen Reformpartei im Reichstage nicht beantragt werden. Die „Deutsche Wacht" schreibt: Von rechtskundiger Seite wird uns übrigens mitgetheilt, daß die Angelegenheit Leuß nicht so ungünstig liegt, als es auf den ersten Blick schien. Das Verfahren gegen Leuß ist bereits einmal gerichtsseitig eingestellt worden; auf Grund neuer ® enunciation ist wieder untersucht worden und sowohl Untersuchungsrichter wie Staatsanwaltschaft haben sich dahin geäußert, daß tein Material für die Anklage vorliege. Dieselbe scheint nunmehr auf Anordnung des Justizministers erhoben zu sein. Aus dem Processe gegen Leuß, den wir in der vorigen Nummer unter Hildesheim erwähnten, tragen wir nach der „Hannover. Post" noch einige Einzelnheiten über die betheiligten Angehörigen der Judenschutztruppe nach. Auf Befragen mußte Schale r zugeben, daß er wegen Brand st iftung undaußerdem mit zahlreichen Strafen (auch einer standgerichtlichen wegen Aufreizung znm Ungehorsam) während s e i n e r M i l i t ä z e it v o r b e stra f t sei und als Arbeitssoldat ho. be dienen müssen. Weigl mußte zugeben, daß er zurBesoldung eines Mannes, der gegen Leuß iu der Meineidssache intriguiren sollte. Geld gegeben habe. Weigt bezieht nach seiner eigenen Aussage urcd nach derjenigen des Dr. Hirsch ein festes Gehalt von dem Verein zur Abwehr des Antise mitismus. Schüler erklärte, daß e r f r ü h e r in e i n e m „k e st e n B e r h ä l t n i ß" z u diesem ge st an den habe, jetzt aber nur für einzelne Reisen und Vorträge entschädigt werde". Die Sache hat sich ein wenig anders dargestellt, als sich die üppige Dichterphantasic des Abgeordneten Liebermann — er ist ebenso Abgeordneter, wie Leuß es war — es sich ausmalte. Wie sagt doch der von den Antisemiten arg geschmähte Lessing in seiner Minna von Barnhelm: „Der kann dem Galgen tausend Schritte vorgeben und ich wette mein Leben, er holt ihn doch ein". Leuß har zwar nicht den Galgen, wohl aber das verdtenle Zuchthaus emgeholt. Hans Thomas L e u ß, der Abgeordnete des Wahlkreises Eschwege-Schmalkalden war am lautesten im Parlamente, wenn es galt, gegen „jüdische Siltenlosigkeit, jüdischen Meineld", zu spektakeln und bte feine Ironie des Geschickes fügte es, daß gerade er wegen Meineides, den er um feine sittliche Berkommenheit verschämtunverschämt zu decken schwur, drei Fahre Zuchthaus und fünf Fahre Ehrverlust — äußeren nämlich — erntete. Ehre hat er wohl nie besessen, konnte sie folgerichtig nicht verlieren. Dieser entsetzliche, den niedrigsten Ausschweifungen, den gemeinsten Trieben zügellos unterworfene Mensch erfrechte sich, den Moralisten zu spielen und mit heuchlerischer Grimasse über die Schlechtigkeit der Juden zu wettern und zu zetern. Er hat gegen das Kol-nidre-Gebet, von dem er soviel verstand, wie em Säugling von Aristoteles, ruchlose Schmähungen ausgestoßen. Den Eid eines Juden verwarf er mit großartigem Gestus von vornherein-und nun? Gruppe!! Er steht gedrandmarkr da, Freund und Feind wenden sich gleichermaßen verächtlich und angeekeli ab von dem, der selbst Meineide schwur und Andere noch dazu mit glatter Zunge verleitete. Seinen Lüsten folgend, hat er daS Weib seines Freundes zum Ehebrüche, wie zum falschen Eide verführt und er möge nur in beschaulicher Slille darüber nachsinnen, welches von beiden das größere Berbrechen gewesen. Nicht die Alliance Jsraeltte hat ihn zu Grunde gerichtei, sondern der Dämon der Unzucht, die maßlose Gier in seiner eigenen Brust. Der deutsche Mann, der Borkämpfer der „deutschen Treue und arischen Sitte" streckte erst seine Hand nach der Ehre und dem Besitz, dem Rechlsstande der jüdischen Bevölkerung aus, und als er sah, daß man dies straflos thun dürfe, ja noch mehr, daß man dafür Ansehen, Macht, Einstuß und Beifall ernte, vermeinte er, auch die Ehre seines Freundes ungestraft besudeln zu dürfen. E i n Meineid — zwei Meineide, was lieg: daran, wer nimmt das so genau? Man darf nicht scrupulös sein. — Die antisemitischen Zeitungen schütteln den lästig gewordenen, dummen Leuß — weil er sich hat erwischen lassen — sorgfältig ab. Die ossicielle Vertretung der vereinigten Antisemiten zu Eisenach, vor der Dr. Schnutz gegen den Verführer seines Weibes an der Hand des erdrückenden Materiales Klage führte, erklärte sich — allerdings vor der Verurtheilung — solidarisch mit dem meineidigen Wüstlinge und Abgeordneten. Werner, der Einzige, der einen Ausschließungsantrag eingebracht hatte, fiel mit demselben durch. „Es liegt kein ausreichender Grund v o r" entschieden die Häupter und eigentlich — hatten sie ja Recht. Antisemiten dürfen nicht mit dem Maßstabe gewöhnlicher, honetter Menschen gemessen werden. Sie genießen eine Ausnahmsstellung in der moralischen Welt. „Sie sind, wie sie sind, oder sie sind nicht!" Die Hannoveraner Genossen haben am Tage, ehe das vernichtende Verdict gesprochen wurde, im ersten elegantesten Gasthofe Hannovers ein Abendessen zu 72 Gedecken, jedes zu 14 Mark ohne Wein bestellt und sich mit ihrem sauberen Führer bis zur letzten Minute solidarisch erklärt. Fetzt dürfte sich ein sachter, aber um so sicherer Abbröcklungsproceß vollziehen. Ein Zug voll schneidender Ironie geht durch die ganze schmutzige Geschichte. An Conlrasten ist sie überreich, die einander unversöhnlich gegenüberstehen. Fm Parlament nimmt man ein Manl oollMoral und fröhnt im Privatleben schamlosester Unzucht! Aus der Rednertribüne der Volksversammlung spricht man von Heiligkeit und innen ist man angefressen von einer Ruchlosigkeit der Gesinnung, die Gottesfurcht und Scheu vor dem Heitigsten nicht einmal dem Namen nach kennt. Man spricht von deutscher Ehr', deutscher Treu' und überredet insgeheim des Freundes Weib zum Ehbruch um schmutzigen Lüsten zu fröhnen. Den Eid des rechtgläubigen Juden aus die Thora, die sein Heiligstes und Theuerstes seit Jahrtausenden, für die

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