Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 52 Wrperrrktzllrtzr MortzrnkchrM Seite 1013 zwar hielt er darauf, dies um so kräftiger zu betonen, je mehr derAntisemitismus sich hervorwazte und je häßlichere Fcrmen derselbe annahm. Baron. Moriz Königs Wärter war bemüht, auch seine Kinder in der gleichen-Tradition zu erziehen, und er hielt es für so undenkbar, daß einer seiner Söhne die Pietät gegen den Vater vergessen sollte, daß er für den Fall, als einer derselben sich vom jüdischen Glauben abwenden sollte, gar keine Bestimmung in seinem Testamente traf. Eine derartige Eventualität Hielt er für gänzlich ausgeschlossen, und es hätte ihm gewiß großen Schmerz bereitet, wenn bei Lebzeiten einer seiner Söhne der Zugehörigkeit zum Judenthume sich entäußert hätte. Nun hat er die Augen geschlossen, und Baron Hermann Königswarter entledigte sich der Angehörigkeit zum Judenthum. Der Glaubenswechsel des Barons ist für die Oeffentlichkeit nur insoferne von Interesse, als in Folge einer testamentarischen Bestimmung, die Baron Moriz Königswarter getroffen hat, die Summe von einer MillionGulden für wohlthätige Zwecke verfügbar geworden ist. Baron Moriz Königswarter nämlich, welcher, wie erwähnt, einen Glaubenswechsel seiner Söhne ganz unmöglich hielt, hat verfügt, daß in dem Falle, als einer seiner Enkel sich taufen lassen sollte, aus dem hinterlassenen Vermögen eine Million Gulden wohlthätigen Zwecken zugewendet werden soll. Nun ist der Enkel, der Sohn des Baron Hermann, von diesem der katholischen Kirche zugeführt worden, und die verschiedenen Stiftungen und Vereine, welche in der erwähnten Eventualbestimmung des Baron Moriz K ön i g s w a r t e r'schen Testaments genannt sind, sollten nun, wie ihre Vorstände und Cnratoren erwarteten, die ausgesetzten Legate ausbezahlt erhalten. Da ereignet sich nun etwas ganz Unerwartetes. Baron Hermann K ö n i g s w a r t e r und sein findiger Advocat haben nämlich einen Ausweg entdeckt, vermittelst dessen die letztwillige Anordnung des Baron Moriz Königswarter umgangen werden könnte. Die Herren benützten nämlich den Wortlaut des Testamentes, wonach die Million bezahlt werden soll, falls ein Enkel „sich taufen läßt". Dieser nunmehr getaufte Enkel aber ist ein kleines Kind, welches sich, wie der schlaue Advocat in dankbarem Einverständnisse mit seinem Clienten herausgefunden hat, gar nicht taufen lassen konnte, weil es keinen eigenen Willen und kein eigenes Urtheil hat, sondern welches sein Vater, Baron Hermann Königswarter, hat taufen lassen, ohne es zu fragen. Der Enkel habe sich also nicht taufen lassen, sondern sei getauft worden, und diese sophistische Auslegung einer ganz klaren und ihreni Geiste nach gar nicht miß;uverstehenden lehtwilligen Verfügung jenes Mannes, dem Baron Hermann Königswarter den mühelosen Erhalt einer ungeheuren Erbschaft zu verdanken hat, soll dazu benützt werden, um das Testament anzufechten u n d d i e Auszahlung der Million für wohlthätige Zwecke zu verweigern. Das ist nun, eine sehr unangenehme Ueberraschung für die wohlthätigen Anstalten, denen eine bedeutende Summe hätte zufließen sollen, in b es ist nur noch die Frage, ob das Gericht, welches über diese Angelegenheit zu entscheiden haben wird, sich dazu bereit finden wird, diese so findige und schlaue Auslegung des Testamentes als richtig anzuerkennen. Dieser Versuch, die letztwillige Verfügung des Baron Moriz Königswarter hinweg zu escamotiren, um den von ihm ererbten Besitz nicht um eine Million schmälern zu müssen, ist eine eclatante Verletzung der Pietät gegen den Verstorbenen und eine gänzliche Außerachtlassung jener Pflichten, die der Besitz jeder wirklich vornehmen Natur auferlegt. Wien, 26. December. (L e g a t i o n s r a t h D r. S. S p i tz e r.) In tiefster Zurückgezogenheit hat der müde Greis, der heute hier unter reger Theilnahme seiner Freunde zu Grabe getragen wurde, seine letzten Jahre verlebt. Allein wenn er seinen Blick rückwärts wendete, konnte er auf ein an Ereignissen und Erfolgen reiches Leben zurückschauen. Wer den gebrechlichen alten Herrn, auf einen Stock gestützt und von seiner fürsorglichen Gattin geleitet, sich im Stadtpark ergehen sah, konnte nicht ahnen, daß einst mächtige orientalische Würdenträger sich um seine Gunst beworben hatten. Sigmund Spitzer war 1813 in dem mährischen Landstädtchen Nikolsburg geboren und 1837 in Wien zum Doctor der Mediein promovirt worden. Alsbald wurde er, von feinen Lehrern warm empfohlen, als Professor der Anatomie nach Constantinopel berufen, wo ec unter den größten Schwierigkeiten die Elemente des modernen medicinischen Unterrichtes einzuführen bemüht war. 1845 verfiel Sultan Abdul Medschid in eine schwere Krankheit Dem österreichischen Arzte gelang es, ihn von derselben zu befreien und zugleich sein persönliches Vertrauen zu gewinnen. Er wurde zum ersten Leibarzt des Sultans und 1847 auch zum Dicector der medicinischen Schule ernannt. Aber nicht ungestraft bekleidet man im Lande der persönlichen Regierung wichtige Vertrauensstellungen. Als einige hohe Würdenträger des Reiches dessen inne wurden, daß der neue Leibarzt sich nicht als Werkzeug von Partei-Jntriguen gebrauchen ließ, sachten sie ihn, d eff ei nibengsame Rechtlichkeit allen dahin zielenden Bemühungen ein übersteigliches Hinderniß entgegenstellte, bei seinem kaiserlichen Herrn anzuschwärzen. Zuletzt bedrohten sie, als dies mißlungen war, sogar sein Leben. Da erbat Dc. Spitzer seinen Abschied, und der Sultan mußte, wenn auch, widerstrebenden Sinnes, diesem Verlangen willfahren. Der Leibarzt wurde 1850 zum Botschaftsrath in Wien und 1857 zum ottomanischen Geschäftsträger am Hofe von Neapel ernannt. Diesen Posten bekleidete er bis zur Eroberung Neapels durch Garibaldi. In demselben Jahre (1860) starb Spitzer's Gönner, Abdul Medschid. Noch in seiner letzten Krankheit hatte er die Berufung des befreundeten Leibarzles gewünscht, und als diese, wie es scheint, durch Jntriguen vereitelt wurde, soll er noch auf dem Todtenbette geklagt haben, man trenne ihn gewaltsam von seinem treuesten Freunde. Fortan lebte Dr. S pitzer als Privatmann, die wissenschaftlichen, politischen und literarischen Strömungen der Zeit mit regem Interesse und Verständniß verfolgend, erst in Paris und dann in Wien. Unter seinen nahen Freunden befanden sich noch von Constantinopel der Achmed B e si k P a s ch a, L. A. Frankl und der jüngst verstorbene feinsinnige Uebeisetzer persischer Gedichte, Baron Schlechta. Spitzer hinterläßt nebst seiner trauernden Witwe eine Tochter, die mit dem französischen Gesandten in Chile, Grafen B a l ny d'A v r i c o u rt, verheiratet ist. Unter den beim Begräbnisse Erschienenen befanden sich dei Präsident des Reichsgerichtes Dr. U n g e r, FZM. Freiherr v. Sitter, Herrenhausmitglied Nikolaus Dumba, Hosrath Professor Gomperz, belgischer General-Consul Doret und Andere mehr. Lemberg, 22. December. (Die polnische Presse über die Antisemiten. Ovation für den Abgeordneten D r. Byk.) Die polnischen Blätter treten sehr energisch gegen das zügellose Treiben der Antisemiten im Abgeordnetenhause auf und betonen, daß die Christlich-Socialen ä la Lueg er mehr zum Socialismus als zum Christenthume Hinneigen, denn das Christenthnm lege vor Allem die Verpflichtung auf, die Wahrheit zu sagen und nicht etwa durch allerhand Verleumdungen die Nächstenliebe zu bethätigen. Sogar clericale Polenblätter. wie der ..Przeglond", drücken ihr Befremden darüber aus. daß Dr. Lueger, dessen ganze parlamentarische Laufbahn sich aus einer Reihe schwerschwregender moralischer Niederlagen zusammensetzt, noch immer seinerBorstadtclientel zu imponiren vermag. — Der Reichsrathsabgeordnete Dr. Byk war heute hier bei seiner Rückkehr aus Wien Gegenstand einer herzlichen Ovation. Auf dem Bahnhofe wurde er von Abordnungen der israel tischen Handwerker zahlreichen Studenten und hervorragenden Persönlichkeiten unter Führung des Landtags-Abgeordneten Dr. Goldmann erwartet, welche ihrem Danke und ihrer Anerkennung für das wirksame Eingreifen Byk's in die Debatte über das Gesetz, betreffend die Sonntagsruhe, entsprechenden Ausdruck gaben. Wilna, 18. December. Eine Epidemie 'st in unserer Umgebung unter dem Vieh ausgebrvchen. Die? auern beschuldigten die Juden des „bösen Blicks", und ekam in Folge dessen zu blutigen Kämpfen. Die den Juden 'hörigen Läden und Häuser wurden geplündert und angezündei. mehrere Juden wurden in die Flammen geworfen; andere ft rben unter der Knute oder wurden von den Bauern aufgeknüpst. Die Soldaten schossen gegen die Aufrührer; es gab viele Todte und Schwerverwundete. Die Juden fliehen aus der ganzen Provinz. Paris, 25. December. In der Donnerstagssitzung der fünf vereinigten französischen Akademien, die unter dem Vorsitz Octave G r e a r d's, gegenwärtigen Directors, unter Beisitz Fran^oise Coppee's als Kanzlers stattfard, wurde von dem Director folgender, aufBefebl des Czaren Nikolaus ll. an den Präsidenten des Institut äe France gerichteter Brief des russischen Geschäftsträgers v. Giers, des Sohnes des Ministers, verlesen: