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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 1010 VettrrrrMrllrtze WortzensrrxcM i?ti 52 Generalrrdnrr Edler v. Raxoxort-Pvrada. Präsident: Generalredner für ist der Herr Abgeordnete Dr. Edler v. Rapoport. Ich ertheile ihm das Wort. Abgeordneter Dr. Edler v. Rapoport: Der Herr Abgeordnete für Sechshaus hat den Ausspruch gelhan, daß, wenn der Antrag 1, den der Herr Abgeordnete Byk im Namen unserer engeren Gesinnungsgenossen gestellt hat, angenommen wird, man sagen werde: Welche Macht muß das Judenthum haben, wenn es ihm gelang, diesen Antrag hier im hohen Hause durchzubringen! Ich möchte eine sehr bescheidene Antwort darauf geben. Ich glaube, wenn der vorliegende Antrag von dem hohen Hause angenommen wird, so wird der Ausspruch ganz anders lauten. Man wird aisrufen: Welches Glück, daß die Idee der Gerechtigkeit, der einfachen Billigkeit in diesem hohen Hause noch eine freudige Aufnahme und sichere Zuflucht sindet! Ich glaube, der Herr Antragsteller hat mit genug beredten Worten nachgewiesen, daß es sich in dieser ganzen Angelegenheit nicht um irgend ein Borgreifen der Inden handelt, sondern einfach um den Schutz der Schwachen, um eine Frage der Gerechtigkeit. Und wer an der traurigen Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien zweifelt, der muß wirklich, wie es der Herr Abgeordnete für Sechshaus gethan hat, in das Land gehen und sich das Land ansehen. Ich weiß nicht, ob ich irrig berichtet bin, aber mir wurde mitgetheilt, daß gerade aus seinem Munde, als cr mit jüdischen Handwerkern dort zusammenkam und ihre Berhältuisse sah, eine Erklärung erfolgte, worin er sagte: Ich bin nicht gegen Euch, ich bin nicht gegen die Armen. Ich glaube, Niemand kann gegen die armen Handwerker in Galizien sein, wer die dortige Situation kennt. Ich glaube, wer die Berbältnisse gesehen hat, muß sich sagen: Eine so schwere, ökonomische Krise, wie sie die jüdische Bevölkerung Galiziens, jetzt durchmacht, ist über sie noch nicht gekommen. Eine Reihe von wirthschaftlichen Tharsachen haben dazu beigetragen diese Lage der jüdischen Bevölkerung herbeizusühren. Die Ausgestaltung des galizischen Bahnnetzes hat den Zwischenhandel brachgelegt, der Consument kann mit dem Producenten in directen Verkehr treten, nach und nach ist der Geldverkehr durch die zahlreichen Vorschuß- und Sparbanken in andere Canäle gelenkt worden, allmälig sind auch andere Schichten der Bevölkerung an jene Erwerbszweige herangetreten, welche bis jetzt in den Händen der Juden waren. Endlich trat jene große Krise ein, der Niedergang der Preise der Cerealien, welcher verheerend gewirkt hat nicht blos auf die jüdische, sondern auch auf die übrige Landbevölkerung und die Einwohnerschaft der kleineren Städte. Durch alle diese Kalamitäten ist nach und nach der Erwerb der jüdischen Bevölkerung erloschen. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage: Es ist eine Thatsache, daß heute vielleicht 500.000 jüdische Einwohner in Galizien in der Früh anfstehen und nicht wisien, wie sie den Tag überleben sollen. Und diese Kenntniß der Verhältnisse schöpfe ich nicht allein aus meiner eigenen Erfahrung. Es sind zahlreiche, nicht nur jüdische, sondern auch christliche College», welche uns sagen: ermannt Euch doch, seht doch, in welch tiefem Elend die jüdische Bevölkerung schmachtet! Nicht blos die öffentlichen Behörden, ja die gesammte christliche Bevölkerung ist von Wohlwollen erfaßt, gegenüber diesen traurigen Verhältnissen. Denn wenn dieses seit Jahrhunderten bestehende, nachbarliche, traditionelle Wohlwollen nicht wäre, dann stünden wir längst vor einer Katastrophe. Es ist wahr, es hilft noch vorläufig die Thatsache, daß die übrige jüdische Bevölkerung, die noch etwas besitzt, bis an die äußerste Grenze der Wohllhätigkeit gegenüber ihren ärmeren Glaubensgenossen geht. Aber das alles würde nicht genug sein gegenüber dem, was heute wirklich besteht. Es ist nun die Frage: Was ist zu thun, um diesem Elend der jüdischen Bevölkerung abzuhelfen? Es müßte neue Arbeit geschaffen, es müßten neue Erwerbsquellen eröffnet werden, und die Freunde des ganzen Landes beschäftigten sich mit dieser außerordentlich wichtigen Frage. Gegenüber dieser ernsten Situation würde nun das vorliegende Gesetz jene Classe der Bevölkerung, welche noch die einzige erwerbende im ganzen Lande ist, nämlich die Handwerkerclasse aufs Tiefste schädigen. Wenn in Galizien eine jüdische Handwerkerfamilie mit 5 bis 6 Kindern 1 y2 bis 2 fl. wöchentlich zum Leben hat, so ist sie glücklich weil sie wenigstens leben kann. Wie könnte aber diese Familie dann existiren, wenn ihr och ein Tag der Woche von der Arbeit weggenommen würde, mann sie statt 6 Tage nur 4J/2 Tage arbeiten könnte? Bedenken Sie Folgendes, meine Herren! In unserem Lande sind circa 56.00O Handwerker; wenn diese nun 52 Tage im Jahre mehr feiern müßten, so würde das einen Entgang von drei Millionen Arbeitstagen geben, und rechnen Sie nun einen solchen Arbeitstag nur mit dem kleinen Durchschnittsbetrage, den ich früher erwähnt habe, so wäre das ein Einnahmeverlust von einer Million Gulden, für diese arme, ohnehin von so kärglichen Verdiensten lebende Bevölkerungsclasse. Ist das also nicht eine Frage der Gerechtigkeit? Wird man da vielleicht sagen, daß die Annahme des vorliegenden Antrages die Macht der Juden erkennen lasse? O nein! Das ist einfach eine Frage der Billigkeit. Nun, meine Herren, wenn man erwägt, was geschehen müßte, wenn man den jüdischen Handwerker vor die Wahl stellen würde, entweder seinen Kindern den Unterhalt nicht zu geben, oder aber, um selbe vor dem Hungertode zu retten, dem Gesetze zu trotzen und am Sonntag zu arbeiten, da er doch seine religiösen Pflichten durch die strenge Einhaltung der Sabbathruhe erfüllt und wenn cr al'o thatsachlich cm Sonntag arbeiten würde; offenbar müßte er nach dem neuen Gesetze, wenn es unverändert bestehen bliebe, bestraft werden. Aber welche nachtheilige ethische Wirkung müßte dies haben! Welche Verwirrung des ethischen Sinnes würde dies in den niederen Schichten der Bevölkerung Hervorrufen, wenn er für die Arbeit gestraft würde, weil er anderseits die Pflichten gegen seine Familie erfüllt hat, ohne seinen religiösen Pflichten untreu geworden zu sein. Nehmen wir aber den umgekehrten Fall, er wird das Gesi tz nicht verletzen wollen, er wird am Sonntag die Arbeit unterlassen. Wenn er dann nicht wird 2% Tage in der Woche feiern wollen, um doch den nörhigen Lebensunterhalt für die Angehörigen zu erwerben, so wird er in die Gefahr gerathen, seinen religiösen Pflichten untreu zu werden und die Sabbathruhe nicht genau zu halten oder sogar am Sabbath zu arbeiten. Offen gestanden, ich besorge das nicht. Denn der religiöse Sinn ist in so großem Maße der israelitischen Bevölkerung Oesterreichs, namentlich Galiziens eingein pft, daß sie meistentheils lieber hungern, als die rituellen Vorschriften in Bezug auf die Sabbathruhe nicht einhalten würde. Ist es aber die Aufgabe der Gesetze, es soweit zu bringen, daß die Bevölkerung zwischen Pflichten gegen die Familie und die Pflichten gegen die Religion gestellt werden soll? Im Gegentheile, ich glaube, es ist Aufgabe der Gesetzgebung, die ethischen Principien in den niederen Schichten der Bevölkerung so unangetastet als möglich zu erhalten. Der Herr Abgeordnete für Sechshaus hat nun ein angeblich großes Bedenken erhoben und gesagt: „Wie wird es aber mit den christlichen Lehrlingen sein, die ein jüdischer Handwerker bei sich hat? Die wird er dann am Samstag arbeiten lassen, während er selbst mit jüdischen Gehilfen am Sonntag arbeiten wird." Meine Herren! Dagegen ist ein Schutz vorhanden. Wir betrachten ja all' diese Verhältnisse vom Gesichtspunkte der orthodoxen jüdischen Bevölkerung, welche den Sabbath genau einhält und für diese ist die Bibel ein heiliges Gesetz. In der Bibel ist aber ausdrücklich gesagt, daß am Sabbath im Hause der Juden Jeder ruhen muß, nicht allein der Jude. Es heißt hier ausdrücklich, daß auch der Andersgläubige ruhen muß. „Der siebente Tag ist Sabbath Deinem Gotte; da darfst Du keinerlei Arbeit verrichten, weder Du, Dein Sohn und Deine Tochter, noch Dein Knecht und Deine Magd, selbst Dein Vieh oder ein Fremdling in Deinem Thore." Es ist also die von dem Herrn Abgeordneten von Sechshaus in's Auge gefaßte Eventualität ganz ausgeschlossen. (Abgeordneter Dr. G essmann Ja, am Samstag!) I Abgeordneter Dr. Edler v. Rapoport: Es war ja eben i vom Samstag die Rede und da ist etwas Derartiges nach den Anschauungen der orthodoxen Juden ausgeschlossen. Ich will die Geduld des hohen Hauses nicht weiter in Anspruch nehmen und will nur noch meinen tiefsten Dank dafür wiederholen, daß der Antrag im Kreise meiner engsten Gesinnungsgenossen sofort Anklang gefunden hat. Ich bin überzeugt, daß auch das hohe Haus in dieser Frage, wo es sich nur um das einfachste Gebot der Gerechtigkeit handelt, seinen Principien treu bleiben und womöglich einhellig dem Anträge Byk zustimmen wird. (Lebhafter Beifall.'Redner icird beglückwünscht )

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