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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 1006 E-9 »-» **ji »t.. j. j. ..Xrt 7cpnxtdtt|o{s MZmtzsnptzrM Nr. 62 Politik; er fordert nicht blos Moral inder Politik, sondern Moral als Politik. Jeremias knüpft deshalb fortwährend an die Berufung des Volkes zur Heiligkeit an. — Hier spricht Lazarus den schonen Gedanken aus: „Von dem Heiligen im Singular ist nur von Gott die Rede. Wenn sonst aber von Heiligkeit im Bezug auf Personen die Rede ist, kommt nur die Mehrzahl oder der Gesammtbegriff des Volkes vor. Heilig ist w-der Moses, noch Elias noch Ähron." Jeremias steht dem Adel schnurstracks entgegen; er denkt nur an das Volk als Ganzes; zuweilen wird der Prophet Volkstribun. Die zügellose Unterdrückung und Vergewaltigung des Volkes durch die Adelspartei macht ihn dazu. Er ist der Vorläufer der modernen Zeit in der Idee der Gerechtigkeit gegen den Kleinen und Darbenden. Wie gegen den verkommenen Adel wendet er sich gegen das verkommene Priesterthum, geißelt dessen Eigennutz und Liebedienerei; er macht den Priestern klar, daß die ganze Opferei ohne Sittlichkeit, Recht, Keuschheit, Gotteserkenntniß und Menschenliebe nichts sei; ja in seinem Zorne geht er so weit, selbst die Olah zu verwerfen. Er kämpft gegen die faschen Propheten die Schwindler und Volksbethörer. In all' diesen Kämpfen steht er allein. „An wen soll ich mich wenden?" ruft er schmerzvoll. „Wenn ein Jeremias mit seinen idealen Anforderungen heute käme? an wen soll er sich wenden?-" Die Mission des Propheten mußte für seine Zeit erfolglos bleiben. Einige Jahre vor der entsetzlichen Katastrophe rafften sich der König und die Großen — höchstwahrscheinlich durch Jeremias bewogen — zu einer großen sittlichen That auf zur „Proclamation der Freiheit für Alle". „Man wird in den Büchern der Geschichte namentlich des Alterthums, aber auch des Mittelalters vergebens nach einer social-politischen Thatsache von gleicher Tragweite und Gewalt suchen". Diese Zeit war groß, denn sie schließt einen ethischen Fortschritt in sich. Bald aber erfolgte der Rückfall. Vergebens spricht der Prophet seine strafenden Worte. An dem Tage, als der moralische Aufschwung jenes großen Ereignisses verloren ging, war das Schicksal des Volkes besiegelt. Politisches Glück kann es nicht retten, denn seine Geschichte ist die Geschichte des moralischen Princips; da die Moral gesunken, sinkt das Volk mit. Jetzt erfolgt das Unheil. Der Staat wird vernichtet, Jerusalem fällt, der Tempel ist zerstört, das Volk in Gefangenschaft aefübrt. Jeremias bleibt im Lande bei den Verlaffenen. Rach Gedaljah's Ermordung wird der Prophet nach Egypten geschleppt, nachdem er vergeblich davor gewarnt, in das von ihm so tief gebüßte Land an ziehen. Der feige Pöbel hofft dort Brot zu finden, die Weiber spielen die erste Rolle, denn die Männer sind Memmen.- So dauert die Qual des Propheten bis an sein Ende In Egypten ist er verschollen. Sokrates stirbt im Staatsgefängniß, Alexander auf seinem Siegeszuge, Cäsar auf dem Capitol! Abrabam stirbt, in der Doppelhöhle wird er begraben; den Sarg Josests tragen seine Enkel in ihre künftige Heimat! Moses stirbt, Gott selbst gibt ihm die Ruhestätte! Jeremias stirbt, er ist verschollen. „Jeremias der Prophet ist nicht mehr — jetzt erst ist Jeremias der Prophet, seinen Doppelberuf hat er erfüllt: niederzureißen und aufzubauen; auszureißen aus den Herzen des Menschen das Verkehrte, und das Rechte neu zu pflanzen. Er hat den Götzendienst vernichtet, den Lebensbaum der Religion des Geistes gepflanzt. Und was er bis heute gewesen, wird er noch für lange Zeiten hinaus bleiben; einer der größten Lehrer und einer der strengsten Mahner zum Gottesdienst der Sittlichkeit; der Sittlichkeit nicht blos des Einzelnen, sondern der menschlichen Gesellschaft, durch welche allein sie zu einer heiligen Gemeinschaft werden kann." Dem Jeremias rufen wir zu: „Gott ist unser Recht!". Die Pflanzung und Ausbreitung eines geläuterte n Gottesbewußtseins in der Menschheit ist unser Recht in der Geschichte." Dies ist der Inhalt des Buches. Kaiser Wilhelm und Baronin Carl von Rothschild. Frankfurt, 20. December. Die jüngst verstorbene Baronin Earl von Rothschild hatte im Jahre 1890 zur Zeit der antisemitischen Hochfluth in Deutschland an Kaiser Wilhelm ein Schreiben gerichtet, worin sie seinen Schutz für ihre jüdischen Glaubensgenossen erbat. Das Schriftstück lautet in deutscher Uebertragung: 29. März 1890. Darf eine völlig Fremde Verzeihung hoffen, wenn sie es. wagt, Ew. Kaiserlichen Majestät in einer Angelegenheit, die ihr sehr am Herzen liegt, zu nahen? Es ermuthigt mich dazu der Gedanke, daß mein seliger Gatte, Baron Earl v. Rothschild, viele Jahre lang durch die Freundschaft und bas Vertrauen des hochverehrten Großvaters Ew. K. Majestät ausgezeichnet worden, und daß ich selbst, während eines Zeitraums von zwanzig Jahren, zahlreiche Beweise gnädigster Zuneigung von Seiten der 'Kaiserin Augusta empfangen habe, deren Andenken mir stets thener bleiben wird. Ew. Kais. Majestät haben jüngst eine so erhabene Vorurtheilslosigkeit, so tiefes Mitgefühl für die Armen und Bedrückten, so viel Fürsorge, Scharfblick und Festigkeit bekundet, daß es die tiefste Bewunderung erregen, die freudigsten Erwartungen nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa erwecken muß. So darf auch ich denn hoffen, den Gerechtigkeitssinn Ew. K. Majestät nicht vergebens anzurufen, wenn ich Sie beschwöre, die Lage Ihrer jüdischen Unterthanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurtheil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen. Glauben Sie mir, dieselben gehören zu Ew. Majestät getreuesten und ergebensten Unterthanen, und ich denke, es dürfte sich kein einziger Fall finden, wo sie gegen ihr Vaterland sich vergangen hätten. Was ist's, das gegen sie vorgebracht wird? Sie lieben das Geld, heißt es; ihr einziges Begehren sei, Reichthümer anzuhäufen. Aber welche andere Laufbahn, als die des Handels und des Gelderwerbs ist ihnen offen gelassen worden? In welcher anderen Weise konnten sie ihren Verstand, ihre Beharrlichkeit, ihre Thatkraft zur Geltung bringen? Bis ganz vor Kurzem war ihnen nicht ein einziger Amtsberuf, sei es im Bereiche der Wissenschaft, sei es im Staatsdienst, zugänglich gewesen; Geschlecht auf Geschlecht ging dahin, und sie hatten immer nur eine Möglichkeit vor Augen — diejenige, sich ein Vermögen zu machen. Schon hatte dieser ungerechte Zustand sich glücklich zu bessern begonnen, aber ach! nun droht er, durch eine seltsame Rückkehr zur Härte und zum Vorurtheil, auf's Neue hervorzubrechen. Ew. K Majestät ist zu gerecht, zu erleuchtet, um solche Behandlung eines Tbeiles Ihrer Unterthanen zuzulassen; Sie werden dem Antriebe Ihres eigenen Herzens, der Leuchte Ihres eigenen Geistes, dem Zuge der Gnade nnd der Gerechtigkeit folgen und der Engherzigkeit derer kein Gehör geben, welche, dem Geiste ihrer eigenen Religion zum Trotz, die das Erbarmen und Wohlwollen gegen all' unsere Nebenmenschen predigt, einen Theil der Unterthanen Ew. Majetät, auf dessen Hingebung und Vaterlandsliebe Sie vertrauensvoll rechnen dürfen, verfolgen und mit grenzenloser Ungerechtigkeit behandeln möchten. Darauf hat sie, wie die „Frankfurter-Zeitung" mittheilt, ausderkaiserlichen Eabinetskanzlei folgende Antwort erhalten: „Seine Majestät der Kaiser haben Ew. Hochwohlgeboren Schreiben erhalten. Allerhöchstdieselben vermochten nicht zu erkennen, welche Umstände gerade zur Zeit zum Ausdrucke so lebhafter Besorgnisse in Betreff der Behandlung der jüdischen Unterthanen Seiner Majestät Anlaß geben können, wie sie in Ihren Darlegungen Ausdruck gefunden haben. S e. Majestät umfaßt alle ihreUnterthanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religio ns bekenn tniß mit gleichem landesväterlichem Wohlwollen und die jüdischenUnterthanen dürfen auf den allerhöchsten Schutz umso sicherer vertrauen, je mehr dieselben -nach Ihrer Versicherung bestrebt sein werden, keiner anderen Claffe der Bevölkerung in Betätigung wahren Patriotismus und echter Bürgertugend nachzustehen. Auf allerhöchsten Befehl habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hiervon ergebenst in Kenntniß zu setzen. Der Geheime Kabinetsrath v. LucanuS.

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