Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021060--04153-3028325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 62 Milschöpfer der Völkerpsychologie, als Verfasser von „Das Leben der Seele", der deutsche Kaiser verlieh ihm den Geheimrathstitel. Wer die Arbeiten Lazarus' kennt, wird auch in dem vorliegenden Werke nichts Anderes erwarten, als eine in vollendeter Form dargebotene, philosophische Studie. „Was ich darbieten möchte, sind einige psychologische und allenfalls volkerpsychologische Betrachtungen, die sich auf die Geschichte des Jeremias, auf sein Wesen und sein Wirken beziehen". Und dieser Aufgabe wird der Verfasser mehr als gerecht, denn er bietet nicht einige psychologische Betrachtungen, sondern das Seelenleben des großen Propheten wird scharf zergliedert, man liest in dessen Seele, die Gedanken und Gefühle liegen offen zu Tage und das Werden und Wachsen seiner Empfindungen entwickelt sich vor dem Leser. Wie oft hat man nicht Jeremias gelesen, wie viele alte und neue Conimentare studirt, wie viel Gutes, ja Vortreffliches gehört! So Vortreffliches, glaube ich, wie Lazarus bietet, noch nicht. Er schreibt nicht als Philologe, er schreibt zuerst als Psychologe, dann als Jude, und als welcher Jude! Als edler, tiefüberzeugter, stolzer Jude, an dessen Begeisterung für Judenthum sich die kalten, starren Herzen unserer Zeit erwärmen können. Ich will versuchen, den Gedankengang der Arbeit wiederzugeben, denn sie verdient Gemeingut der gebildeten Welt zu werden. Die jüdische Prophetie ist einzig in ihrer Art; bei keinem Volke der Welt und bei keiner Religion ist eine ähnliche Erscheinung zu finden. Prophetie ist keine Wahrsagekunst, in ihr herrscht kein Fatum. Den Juden erscheint der Prophet als schicksalwirkende Person; Prophetie ist kein Orakel; für das Orakel gibt es keine Bedingung, iür die jüdische Prophetie nur Bedmgnng, die Bedingung nämlich der sittlichen Vollendung des Volkes. Die Verkündigung des Orakels ist zweideutig, die jüdische Prophetie ist immer deutlich, sie ist bei Jeremias furchtbar deutlich. Der Prophet ist ein Mahner und dieses sein Amt ist das Eigent.hümliche beim jüdischen Volke, nicht weil sie Propheten sind, erlangen sie diesen Charakter, sondern weil sie diesen Charakter haben, werden sie zu Propheten. Die gediegene Mannhaftigkeit ist es, welche sie vor Allem auszeichnet; sie sind das lebendige Gewissen der-Gesammtheit, welcher sie mit unbeugsamer Wahrhaftigkeit und Offenheit entgegentreten. Es ist das Schicksal des Volkes allein, welches ihnen am Herzen liegt. Der Prophet ist ein Staatsmann, ohne Einbildung und ohne alle persönlichen Ansprüche an den Staat. Er übt vor Allem Kritik; aus dem Zeitlichen erhebt er sich zum Ewigen, aus des Tages Vorschrift zur dauernden Wahrheit. Die Ideale der Propheten werden Zielpunkte der Entwicklung für die gesammte Menschheit, denen sie sich nur allmälig nähert. Die Propheten haben den Grund zu aller veredelten Gesetzgebung gelegt und die Erfüllung derselben mit den tiefsten religiösen Motiven dem Volke zu Gemüthe geführt. Deshalb sind die Bücher der Propheten der ewige Text zu aller zeitlichen Predigt, die unendliche, ideale Quelle für historisches Gesetz und Recht, der Erzieher zu reinen und edlen Sitten. Die Weissagung, die Vorverkündigung von Thatsachen ist nichts, die Lehre der Wahrheit ist Alles. Das ist das Allgemeine über Propheten. Bei Jeremias ist nun zuallererst Eines: Es ist Alles menschlich bei ihm, nirgends ist die Rede mehr von einem Wunder; bei Moses, Samuel, Elias und Jesaias sind Wunderhandlungen. Jeremias, zweihundert Jahre vor Sokrates lebend, ist ein moderner Mensch; er lebt und lehrt wie ein Mann der Zeiten, die für ihn eine ferne Zukunft waren. Alles ist auf Vernunft und Sittlichkeit gestellt; nichts von Träumen, nichts von künstlichen Mitteln der seelischen Erregung, nichts von schweifender, stürmnder Phantasie. Lazarus erklärt tiefsinnig, wie bei Jeremias das Sprechen mit Gott zu verstehen sei, und benützt diese Gelegenheit zu einer geistreichen Auseinandersetzung über höhere Eingebung überhaupt. Für unseren Propheten gilt ihm: Jeremias hatte das Bewußtsein, daß eine höhere Macht in ihm wirkte und wie Seite 1005 alles Große und Gute nur auf Gott weisen konnte, so gab es keinen anderen Namen dafür, als daß Gott in ihm und aus ihm redete. Er hat keine besonderen psychischen Zustände, er ist durchaus eine schlichte Natur, aber von Gemüth ein Riese. Merkwürdig ist bei ihm die symbolische Schau, welche sich sofort in die symbolische Handlung umsetzt. Was er sieht, sieht er wirklich, von seiner Berufung an, die er als Knabe aus sich selbst erhält, bis an sein Ende. Er geht hinaus in's Freie und sieht einen Mandelbaum, d«n Baum des Erwachens; die Mandelblüthe schlägt im Frühjahr als erste die Augen auf. Das bedeutet für Jeremias das Erwachen in geistigem Sinne, bedeutet die göttliche Verheißung., „Ich werde wachen über meinen Rathschluß, ihn zu erfüllen.* Die Sachen werden Symbol. Die Gedanken, welche nun Lazarus daran über symbolische Handlung knüpft, von denen unser ganzes Leben erfüllt ist, sind ebenso zutreffend als bedeutend. Das Symbol, ob religiös oder anders, die Fahne, die Flagge, ist ein verdichteter, zusammengeballter Gedanke. „Es gibt einen Unterschied wahrhafter edler Symbole gegen diejenige Art der Symbolbildung, wie sie bei den Heiden meistentheils stattgefunden hat. Das Wesentliche ist: Bei der heidnischen symbolischen Handlung weiß nur der Priester, was sie bedeutet und der Andere soll es nicht wissen; bei der jüdischen ist es umgekehrt, das Symbol wird ausdrücklich eingesetzt um der Bedeutung willen. Jeremias ist einer der größten tragischen Charaktere die je in der Geschichte hervorgetreten sind. Die eigentliche Tragik ist das Leiden für eine Idee. Er leidet das Leid seines Volkes; er erlebt innerlich den Untergang seines Volkes durch ein ganzes Menschenalter, er sieht ihn immerwährend mit offenen Augen; er sieht, daß das Volk dieses Ende verdient. Ja noch mehr, er darf nicht einmal Mitleid fühlen, das verbietet ihm seine sittliche Entrüstung; Gott gebietet: bete nicht. Er ist ein Gottesmann durch und durch, die Welt ist sein Gotteshaus, ihm verschwindet mitten im persönlichen Vorgang das eigene Ich, an ein weltliches Geschäft (Ankauf eines Feldes) knüpft sich eine große historische Betrachtung. Er ist der Conservativste der Conservativen der Religion, aber zugleich ihr größter Reformator; er weist beständig auf die Urzeit zurück, ist aber eifrig über das bloße Hängen an der Ueberlieserung. Hier spricht Lazarus den lapidaren Satz aus: „Tradition ohne Prüfung ist blind und blöde, Neuschöpfung ohne Pietät ist kalt und unfruchtbar; das Alte muß immer wieder neugeboren, gleichsam neu in der Seele geschaffen werden, das Neue muß aus den Wurzeln des Alten emporwachsen. In das Alte muß man sich versenken, zum Neuen muß man sich erheben". Zwei Ideen sind es bei Jeremias, welche das Pathos seines ganzen Lebens und der Zeit seiner Wirksamkeit ausmachen, Ideen, deren Verwirklichung ihm die Bestimmung des jüdischen Volkes sind, die Idee der Gotteserkenntniß und der Sittlichkeit des Volkslebens. Die Aufgabe, welche diesem Volke gestellt ist, dessen Geschichte das Hauptstück der Geschichte des Gottesbewußtseins ausmacht, ist zu schwer; wir dürfen uns über Rückfälle nicht wundern. In der Wüste des Exils ist die Oase der Religion entstanden, aber die Saaten des Jeremias sind es, welche in dieser Oase aufgesproffen sind. Er spricht von Sittlichkeit des Gottesdienstes und diese einzeführt zu haben, ist das Verdienst des Judenthums; diese Sittlichkeit ist noch immer unerreicht, denn die Verfolgung irgend eines Andersgläubigen ist unsittlich. Der Kern des jüdischen Gottesbewußtseins ist: Gott als Urbild und Vorbild der Sittlichkeit, als Gesetzgeber und Vollstrecker derselben zu betrachten. Zwischen Religion und Sittlichkeit hat Jeremias keinen Unterschied gemacht; er spricht auch nie von einer specifisch ceremoniellen Vorschrift; er verlangt Befolgung ethischer Gesetze; er verwirft diepolitischeMoral, verlangt moralische Vrflerrrichtsttzr Wochenschrist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.