Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 1004 Vesterretchtsrtzr Wochrnschrtst Skr. 52 Auflösung. Hier bot sich abermals eine Gelegenheit für die ~ jüdischen Kaufleute. Sie waren in der Lage, durch ihre dirccten Beziehungen zu den Glaubensgenossen in Europa überall die Mittlerschaft Amsterdams für England entbehrlich zu machen. Während fast in allen übrigen Zweigen des englischen Handels mit dem Continente während des letzteren Theiles des siebzehnten Jahrhunderts ein Niedergang herrschte, standen die Zweige, an denen die Juden hauptsächlich betheiligt waren, der Handel mit der Levante, Italien, Spanien und Portugal auf festem Grunde. Der Handel mit der Levante war schon seit dem Jahre 1500 größtenteils in den Händen der Juden. Was den englisch-italienischen Handel betrifft, so möge ein interessantes Beispiel die Raschheit, mit der die Juden die durch die Navigationsacte geschaffene neue Lage der Dinge erfaßten, illustriren. Unter den „britischen Kaufleuten" zu Livorno sigurirten bereits im Jahre 1663 zwei Juden. Am bezeichnendsten jedoch zeigt den jüdischen Handelseinfluß in dieser Zeit der Verkehr mit Spanien und Portugal. Seit dem Jnslebentreten der Navigationsacte hatte in einem Zeitraum von 40 Jahren dieser wichtige Handel, der in überwiegendem Maße in jüdischen Händen ruhte, trotz der bereits erwähnten fallenden Tendenz des gesummten britischen Handels mit dem Continent jener Periode, um das Dreifache an Werth und Ausdehnung sich gesteigert. Unter diesen Umständen kann es nicht überraschen, daß! die jüdischen Kaufleute Londons während der letzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts nicht nur zu Wohlstand und Einfluß! gelangten, sondern daß sie zu einem Factor von entschiedener! Wichtigkeit und Nützlichkeit in dem Handelssystem der Metropole sich entwickelten. Trotzdem unterliegt es keinem Zweifel, daß sie bei all' ihren Fähigkeiten, sich für den Handel des Reiches nützlich zu machen, niemals zu dieser Gelegenheit sich auszuzeichnen unter den neuen durch die Navigationsacte auferlegten Bedingungen gelangt wären, wenn die Corporation der City in erster Instanz über sie zu verfügen gehabt hätte. Besaß sie doch, von den allgemeinen Beschränkungen, denen sie die fremden Kaufleute unterwarf, abgesehen, ein eigenthümlich wirksames Mittel, um die jüdischen Kaufleute zurückzudrängen. Sie konnte sie von der Börse ausschließen. Dies hätte, da der gesammte Engroshandel im siebzehnten Jahrhundert durch die Sensale der königlichen Börse sich abzuwickeln pflegte, den doppelten Werth gehabt, daß die jüdischen Kaufleute davon zu ihrem Nachtheil, die Vermittler der anderen Confessionen zu ihrem Vortheil betroffen worden wären. Daß die Rathskörperschaft von dieser Waffe keinen Gebrauch machte, war ohne Zweifel nur der Furcht zuzuschreiben, es möchte ein Conflict mit den Juden bei dem damals unerklärlichen, aber jedenfalls klar ausgesprochenen Schutz, den die Regierung ihnen darbot, zu einem unwiederbringlichen Eingriff in die Gerechtsame der City führen. Der erste Jude, der den Rath um Zulaffung als Sensal anging, war Salomon D ormido, ein Neffe Menaffeh ben Israels und der älteste Sohn jenes Manuel Martinez Dormido, von dem im Jahre 1654 das erste jüdische Bittgesuch an Cromwell um Wiederzulaffung der Juden nach England eingereicht wurde. Mannhaft stellte er sein Gesuch an die City im Jahre 1657, als 'noch das Ergebniß^der berüchtigten Whitehallconferenzen in der Judenfrage in Aller Erinnerung schwebte. Nach dem Buchstaben des Gesetzes fehlte ihm klar und deutlich die Eignung. Er war kein Bürger, und kein Nichtbürger konnte Sensal sein. Ueberdies konnte er als Jude — und sein Judenthum war offenkundig — nicht in ehrlicher Weise den christlichen Eid eines Sensals leisten. Trotzdem verschloffen die Rathsherren vor diesen Thatfachen ihre Augen und leisteten dem Bittgesuch Folge. Sie hielten sich sogar elf Jahre lang zurück, diesen Eid ihm aufzutragen. Andere folgten dem Beispiele Domidos — David Aboab im Jahre 1671, Samuel de Caceres im Jahre 1674, Moses Narrow im Jahre 1679, Jsaac Lindo im Jahre 1681, Josef Ferdinands, der älteste Sohn Antonio Carvajals und Samuel Sasportas, der Sohn des Chachams, der seine Stellung als Schochet und Bodek bei den „Himmelspforten" (Gehalt Pfd. St. 70) preisgab, um sein Glück an der Börse zu machen. Samuel jedoch war zu viel Heißsporn und man setzte ihn im Jahre 1681 wieder an die Luft. Einige dieser Sensale starben oder zogen sich wieder zurück und ihre Plätze wurden ohne Einspruch oder Hinderniß von Anderen besetzt. Nach und nach nahmen sie an der Börse eine vollkommen anerkannte Stellung ein und die Südostecke unter der Colonnade! wurde für sie in derselben Weise separirt, wie jeder anderen leitenden Kategorie der Sensalenzunft ihre besonderen Ecken und Spazierwege zugewiesen waren. Die Bereitwilligkeit, mit der die jüdischen Sensale zugelassen wurden, scheint jedoch als demoralisirender Präcedenzfall in der Verwaltung der königlichen Börse sich erwiesen zu haben. Jüdische Gesetzesüberschreitungen nachsichtig und zugleich solche geborener Christen allzu peinlich zu behandeln, war eine offenbare Unmöglichkeit. Alle Art übelbeleumundete, fremde und schlechte Charaktere hatten ihren Zutritt zu den Pforten der Börse erzwungen. Die Mißbräuche wurden so ernst, daß die Körperschaft im Jahre 1697 um Parlamentsbefuguisse „für die Restringirung der Zahl und Uebelstände der Sensale und Agioteure" einschritt. Darauf wurde ein Comite von Rathsherren eingesetzt, um neue Statuten abzufaffen. Zuvörderst wurde beschlossen, alle ausübenden Sensale mit ihren Erlaubnißscheinen und Zeugnissen vorzuladen. Ueber zweihundert eingeborene und fremde Sensale und achtzehn Juden leisteten der Aufforderung Folge. Darauf hielt das Comite seine Berathungen und Ende April 1697 wurde eine Rühe neuer Verordnungen kundgemacht. Die englischen Sensale wurden auf 100, die fremden auf 12 und die jüdischen ebenfalls auf 12 herabgesetzt. Den Juden wurde die Vorerlangung des Bürgerrechts für den Eintritt in eine Börsenstellung erlassen und der Eid ihren religiösen Bedenklichkeiten angepaßt. Den Juden wurde ferner aufgetragen, sich durch Silbermünzen kenntlich zu machen. Am selbigen Tage wurden die. sechs folgenden jüdischen Sensale in ihren Licenzen bestätigt: Moses Barow, Samuel, alias Francis de Caceres, David de Ffaro, Elias Lindo, Benjamin Nunes, Abraham de Payba. Drei Tage später wurde der zweite Schub, wie folgt, ausgewählt: Jacob Arias, David Avila, Josef Fferdinando, Abraham Ffrancke, Benjamin Levi, Elias Paz. Dies war natürlich ein sehr bedeutsamer Sieg für die Juden. Von den sechs jüdischen Sensalen, die zurückgewiesen wurden, stellte der Eine als Ueberläufer zum Christenthum sich heraus, die anderen waren aus mehr oder minder triftigen Gründen ungeeignet. In Wirklichkeit war also den Juden ihre volle Machtstellung an der Börse belassen worden, ein Kraftmaß, das dem der anderen fremden Sensale zusammengenommen gleichkam und zu dem Gesammtkörper der Londoner Sensale un Verhältniß von 10 Percent stand. Eine großmüthigere Behandlung hätte 'gar nicht verlangt werden können. Sie spiegelt in derber Genauigkeit die commercielle Stellung der jüdischen Kaufleute zum Schluß des siebzehnten Jahrhunderts wieder und spricht laut und beredt für die Höhe des Ansehens, zu dem sie sich emporgeschwungen hatten. Das Verblüffendste an dieser Concession für die Juden aber besteht darin, daß es der erste Fall überhaupt war. wo die City an Andersgläubige und Nichtbürger bürgerliche Privilegien vergab. Dies brachte die Juden in eine bessere Stellung als selbst die fremden Protestanten. Als im Jahre 1708 die Geistlichen, Seniore und Decane, die holländischen und französischen Kirchen gegen die den Juden bezeugte Bevorzugung Protest erhoben und die Bitte stellten, sie möchten ebenfalls als Sensale zugelassen werden, ohne die Verpflichtung, Bürger zu sein, gab ihnen der Rath sein Festhalten an den Bestimmungen des Comites vom 1.1697 mit folgender nachdrücklicher Entscheidung zu wissen: „Niemand, wer immer, die Juden ausgenommen, darf als Sensal an dieser königlichen Börse Zutritt erhalten, der'nichl ein Bürger dieser City ist." (Jewish Chronicle.) Der Prophet Jeremias. Von Prof. Dr. M. Lazarus ^besprochen von,Dr.'D? Feuchtwang). Steinthal hat im Jahre 1887 in Berlin einen Vortrag über „Die Klagelieder Jeremiä" gehalten und denselben dann in der Nationalzeitung (1887 Nr. 68, 70, 72) sowie in seinem 1890 erschienenen Werke „Zu Bibel und Religionsphilosophie" veröffentlicht. Ueber das Letztere habe ich in diesen Blättern Bericht e,stattet. Nun erfreute uns Steinthal's Schwager Prof. Lazarus mit einer trefflichen Arbeit unter obigem Titel. Jüngst hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert. Die wissenschaftliche Welt feierte den Gelehrten als