Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 Vevrrredtziptze WochenphrM Seite 1003 zunächst die B ö ck el'schen Wechsel bezahlt, ie Vereinsangestestten erst, wenn dann nrch etwas übrig war. Wenn auch die Frauen der Angestellten weinend kamen, um das sauer verdiente Geld ihrer Männer zu holen, „zuerst kamen B öckel's Wechsel — dann and ere intime Sachen, und war dann noch etwas übrig, dann kamen die „Beamten", die in den Augen dieses grasten Volksmannes doch Alle „Verräther" waren." Für Berräther und Spione hielt er seine ganze Umgebung. Bö ckel wird folgendermasten charakterisirt: Seine Haupteigenschaften seien Ehrgeiz und Herrschsucht. „Eines Tages gab er die Anweisung aus, im Blatte keinen Rede-Agitator mehr mit Namen zu nennen. Die Umwandlung des „Reicksherold" in eine Gesellschaft mit ibm als Direktor gab er trotz seiner 60.000 Mark Schulden nicht zu. Er bekannte, daß er sich schäme, Antisemit zu sein, seit Ahlwardt aufgetaucht, und nachher äußerte er, man müsse Ahlwardt in die Fraktion aufnehmen. Als ibm vorgeworfen wurde, er käme nur zu Vorträgen, wenn er Geld gebrauche, entgegnete er: Glauben die Leute vielleicht, daß ich wegen ihres geistreichen Gesvrächls nach dorten komme? Böckel beauftragte angeblich sogar den Verfasser der Broschüre, einem Nationalliberalen, den Vorschlag zu machen, ..daß gegen Zahlung einer anständigen Summe an Böckel in Marburg die Agitation in dem nationalliberalen Wahlkreise unterbleiben solle." Auch über andere Führer und andere Richtungen theilt Herr Georg ähnliche Stücklein und Charakterzüge mit. Wir haben schon öfter Antisemitenführer als Leute charakterisirt, die, um sich selbst persönliche Vorth eile zu verschaffen, ihre Hetze gegen die Juden betreiben. Das Büchlein des einstigen antisemitischen Redacteurs bestärkt uns .nur noch in dieser Ansicht. Hoffentlich gibt der Theil der Bevölkerung, der jetzt noch solchen Leuten nachläuft, recht bald diesen Elementen ebenso den Laufpaß, wie der Mitteldeutsche Bauernverein dem einst in Hessen allmächtigen Dr. Böckel. Diese Enthüllungen und der Proceß Leu ß, des Meineidigen, predigen laut genug. Die ältesten jüdischen Vertreter des Kaufmsnnstsndesund der Börse in London. (Von Lucien Wolf.) Deutsch von Ignatz K a u f m a n n. Während der Rath der City sich heftig dagegen sträubte, die Juden jemals zu den bürgerlichen Freiheiten zuzulaffen, wurde sein Widerstand, ohne daß er es gewahr wurde, langsam, aber sicher untergraben. Die Saat der jüdischen Emancipation war schon lange gedeihlich gepflanzt worden, ehe das Bittgesuch des Salomon Fernandez Nu n ez abgewiesen wurde. Durch den Handel, den sie beherrschten und für dessen gewaltige Ausdehnung ihnen die City sich verpflichtet erklärte, waren die Juden der Stadt unentbehrlich geworden. Die von dieser Körperschaft errungene Anerkennung war der erste Sieg von grundlegender Bedeutung in der englisch-jüdischen Geschichte, den die Juden über die ihnen das Privileg des englischen Bürgerthums verweigernden, neidischen Gesetze davontrugen, ein Sieg, den sie nicht einem abstracten Principe verdankten, sondern nur dem Uebergewicht ihrer Bürgertuqend und ihrer Nützlichkeit für die Wohlfahrt des Handels. Es ist nothwendig, hier kurz zu erzählen, wie die Juden zuerst zu der Stellung britischer Kaufleute gelangten. Nach der Austreibung aus England im Jahre 1290 bestanden zwischen diesem Lande und den Judenschaften auf dem Continent durch den größeren Theil eines vollen Jahrhunderts wohl keine irgendwie belangreicheren Geschäftsverbindungen. Deren Wiederanknüpfunq scheint das Verdienst der spanischen Juden zu sein. Bei diesen wird die Erinnerung an die englische Austreibung naturgemäß eine minder lebhafte gewesen sein als bei ihren Brüdern des Nordens, die zu den Ausgetriebenen vielfach im Verhältniß directer Abstammung oder doch naher Verwandtschaft standen. Der erste Hinweis auf ausländische Handlungen in englischer Wolle und Tüchern, der documentarisch von Mr. Jacobs entdeckt wurde, bezieht sich auf die Juden von Navarra in Pamplona. Im Jahre 1493, erzählt eine Urkunde aus dem englischen Staatsarchiv, wird von jüdischen Flüchtlingen aus Spanien ein Londoner Kaufmann zur Zahlung von Wechselforderungen vor Gericht belangt. Die auf die Verbannung von der Halbinsel im Jahre 1492 gefolgte große Zerstreuung brachte einige Aus- Wanderer auch nach England, und von dieser Zeit nehmen wahrscheinlich die fortgesetzten Handelsbeziehungen der Juden zu England ihren Ursprung. Die jüdischen Kaufleute in London hatten Verwandte in Hamburg, Antwerpen, Amsterdam und Marseilles, unter den Neuchristen von Spanien und Portugal, in den Judenschaften der Berberei und überall in der Levante. Sie waren daher in der Lage, dem ausländischen Handel des Reiches die wichtigsten Dienste zu leisten, die sie nach den überreichen Beweisquellen in der That auch leisteten. Namentlich waren sie, wie es scheint, für den Import von Münzmetall, den ihnen der Verkehr mit Spanien besonders erleichterte, außerordentlich thätig. Agostini, der venezianische Agent in London, schreibt im Jahre 1643 in der That die Aufmunterung der jüdischen Ansiedler durch die Parlamenlsregierung der damaligen Seltenheit des Baargeldes in England zu. Die große Gelegenheit für die Juden kam aber im Jahre 1651, als das sog. lange Parlament die berühmte Navigationsacte herausgab. Das Ziel dieser Maßnahme war die Ausschließung der fremden Nationen vom Eolonialhandel und die Abschüttelung der holländischen Oberherrschaft in der Führung und Verkeilung des europäischen Handels. Eine bedeutende Anzahl holländischer Juden war bereits in Jamaika und Barbadoes angesiedelt, und als nun ihre Geschäfte auf den Londoner Markt beschränkt wurden, fanden ihre früheren Auftraggeber in Amsterdam es nothwendig. ihre Häuser in der englischen Metropole zu etabliren. Die Wiedereroberung Pernambucos durch die Portugiesen im Jahre 1654 verstärkte die jüdische Bevölkerung auf den britischen Colonien. gab außerdem Anlaß zur Gründung einer zahlreichen Gemeinde in Surinam und vermehrte damit zugleich die Londoner Gemeinde und ihren Handelsverkehr. Daß sich die republikanische Regierung veranlaßt sah, die jüdischen Emigranten so freudig aufzunehmen, dürfte ihrem Vertrauen auf deren Anhänglichkeit gegenüber der großen Zahl von Royalisten, die auf die Colonien geflüchtet waren, zuzuschreiben sein. Jedenfalls trugen die liberalen Zugeständnisse, die ihnen eingeräumt wurden, außerordentlich zu ihrem Gedeihen bei. David de Mercado gründete die Zuckerindustrie auf Barbadoes, und eine Zeit lang war der gesammte Zuckerhandel Westindiens ein jüdisches Monopol. Der Vanillehandel auf Jamaika war ebenfalls in den Händen der Juden, wie sie überhaupt in allen Zweigen der transatlantischen Industrie und des Handelsaustausches ein unschätzbares Element bildeten. Die jüdische Gemeinde in London, die dieser Colonialbewegung und den mit derselben verknüpften Handelsregungen sympathisch gegenüberstand, gewann durch all dies an Zahl und Reichthum. Stand ja durch den Schuh des Colonialhandels nicht nur diese einzige ausschließliche Erwerbsquelle in Aussicht; die durch die Navigationsacte geschaffene Handelslage eröffnete dem jüdischen Unternehmungsgeiste noch andere, wichtige Berkehrsbahnen. Den Plantagen war die directe B-rbinduna mit den fremden Märkten abgeschnitten. Das karg vorhandene Capital des Mutterlandes hatte nun auf einmal die ganze Last des Colonialhandels zu ertragen. Daraus entstand beareiflickerweise eine kolossale Geldtheuerung. Jüdische Capitalisten und ihre Stellvertreter kamen nun mit einem Male nach England geströmt und der Handel mit Münzmetall erhielt einen neuen Anstoß. Antonio Carvajal allein importirte in den letzten Jahren seines Lebens jährlich 200.000 Psd. St. in spanischem Gelde. von den Riesenquant'- täten an Stanaensilber abgesehen. Es ist berechnet worden, daß die jüdischen Ansiedler in jener Zeit eine Summe von nicht weniger als 1.500 000 Pfd. St. in baarem Gelde nach England mitbrachten. Einer von ihnen, Diego Rodrigues Marques, erzählt in seinem Testamente, daß er außer den Handelswaaren bei seiner Auswanderung von Lissabon nach London von seinen Verwandten mit einem Capital von 15 000 Pfd. St. ausgestattet wurde, und als er starb, befand sich eine Schiffsladung von Gold und Silber im Werthe von über eine Million Milreis unterweges von Portugal nach England. Solcher Art war auch die Veranlaffung zur Gründung der wichtigen Bankhäuser in London durch die Medina. Da Costa s und Gideons. Während so durch die Navigationsacte dem Handel mit den Colonien eine frische Spannkraft verliehen wurde, war der Effect, den ste auf den Handel mit dem Continente ausübte, ein entgegengesetzter. Den fremden Produkten und Fabrikaten waren die britischen Häfen versperrt worden. Amsterdam war bis dahin das Hauptemporium für europäische Güter aewesen. durch dessen Vermittlung sie nach allen Seiten hin vertheilt wurden. Dieser Zweig des englischen Handels gerieth nun in iwnp