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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 1002 Veflerrrtrtzlsche Mortzenschrtfl Nr. 52 Vor unseren Augen wird die Grundlage einer neuen Geschichte geschaffen, dre Geschichte Israels wird mit einem .neuen Abschnitte, einem schönen uns wunderbaren Capitel bereichert. Antisemitische Charakter-Köpfe. Berlin, 19. December. Vor dem Weihnachtsfeste ertönt der Ruf „Kauft nicht bei Juden!" besonders laut und besonders häufig. Da kommen Leute, wahre Muster von Uneigennützigteu und Menschenfreundlichkert, und suchen das arme verführte Volk vor der „Ausbeutung" durch die Juden zu bewahren. Der gottselige Wandel dieser antisemitischen Wohllhater der Menschheit kann dem Publicum nicht demltch genug vor Augen geführt werden, und wir wollen deshalb dazu helfen, zur Kenntmß der Eigenschaften dieser edlen Männer nach Kräften berzutragen. Wir stützen uns dabei aus das Zeugniß eines Mannes, der.mitten ui der antisemitischen Bewegung stand und der die Personen, mit denen er in Berührung kam, gut beobachtet hat. Ein Postbeamter, Namens Wilhelm Georg, läßt sich, noch nicht 23 Jahre alt, durch eine Rede des jetzigen Abgeordneten Hirschel in einer Versammlung zu G r o ß - S t e i n h e l m zu den „idealistischen Ideen" der Antisemiten bekehren, studirt eifrig antisemitische Schriften, schreibt sogar eine Novelle für den „Reichsherold", für die er als Honorar ein Packet antisemitischer Broschüren erhält, und verläßt seinen Beruf als Postbeamter, um Redacteur bei Dr. Böckel's „Neichsherold" zu werden. In dieser Eigenschaft und später als Redacteur des ebenfalls antisemitischen, aber einer anderen Richtung angehörenden „Deutschen Tageblatt" in Nordhausen hat er vielfach Gelegenhett, die Verhältnisse der antisemitischen Parteien und Gruppen zu studiren. Das- Resultat ist, daß er sich, angeekelt durch das Treiben dieser Vaterlandsfreunde, gänzlich von der Politik zurückzieht, in die er mit so viel Begeisterung hineingegangen. Seine Erfahrungen hat er, soweit sie nicht rein persönlicher Natur sind, in einer Broschüre „M ein Austritt aus der antisemitischen Partei (Hinter den E o u l i s s e n der Antisemiten!)" niedergelegt. (Hannover, Gebrüder Schmidt.) Eine der mächtigsten Organisationen der antisemitischen Agitatoren, gewissermaßen ein Vorbild für die übrigen, war der „M itteldeutsche Bauernverein" des Herrn Dr. B ö ck e l. Er zählte zu der Zeit, als auch Herr Georg für ihn lhätig war, nahezu 12.000 Mitglieder, von denen jedes 1 Mark an den Kassenwart nach Marburg zahlen mußte, macht 12.000 Mark jährlich. „Der Verein wurde nach dem Zeugniß Georgs, der auf dem Rechtsschutzuud Verkaufsbureau desselben und als Agitator für ihn sowie als Redacteur am „Reichsherold" gearbeitet hat, also ein ziemlich anschauliches Bild geben kann, nur als eine O r g a n i sation für d i e Wahlen betrachtet. Das war das Grundübel, dazu kam, daß die Reiseprediger mehr versprachen, als sie halten konnten, und daß der Vorsitzende „allzu diktatorisch" vorging. Es handelte sich ediglichumei. Geschäft. Die Bauern waren Waa re, bei denen lnur die Marktstücke in's Gewicht sielen, man fragte nicht mehr nach Qualität der Vereinsmitgtieder, sondern die Quantität war die Eardinalsrage." Ein Agitator gründete, wie sich ein antisemitischer Abgeordneter ausdrückte, „für fünfzig P r o c e n t" Ortsgruppen. „Hatte der Agitator 50Mann zusammen, so zählten sie 50 Mark, von denen er die Hälfte gleich 25 Mark erhielt. Daß da Krethi und Plethi genommen wurde, erscheint demnach selbstverständlich." „So sammelte der Verein Mitglieder. Was that er sür sie? Er gewährte ihnen Rechtsschutz. Georg räumt ein, daß das Rechtsschutzbureau manchen Nutzen gestiftet, fügt aber hinzu: „Daß es aber auch manchen hessischen Bauern unbewußt zum Processe verleitet hat, nur weil der Gegner des Bauern ein Jude war, wird wohl der Leiter desselben auch zugeben müssen." Der Verein versprach u nentgeltliche Gründung Raiffeisen scher Ca s s e n. „Unentgeltlich wird, so gut wie nichts gemacht," bemerkt Georg, nnd theilt weiter mit, daß es dem Verein an sachkundigen Leuten für solche Gründungen fehle". „Der Verein wollte das Versicherungswesen beleben. Versicherungsgesellschaften haben Hunderte für den Mitteldeutschen Bauernverein gegeben, ohne daß die Vereinsmitglieder irgendwelchen praktischen Vortheil davon hatten. Bö ckel schloß mit einer Hagelgesellschast in Posen ab, die bald darauf „pleite" war. Ein Agitator Böcket's reiste sür eine mecklenburgische Vieyversicherungs-Gcsellschafl, die im Großherzogthum Hessen aber keine Co n c e s s i o n hatte. Den Hauptvortheit halte das Böckel'sche Blatt, in dem die Gesellschaften inseriren mußten." Der erpe Anziehungspunkt im Programm war der g e m e i ns a m e Bezug von l a n o w l r t h s ch a f t l i ch e n A r t i k e l n und Maschinen. Von dem Bezüge von Eolonialwaaren, den der Verein Anfangs besonders betrieb, nahm er später Abstand, weil er dadurch die Krämer ruinirte und Streitigkeiten hervorries. Der Vorsitzende warnte später direct vor dem Bezüge von Eolonialwaaren. Hierzu bemerkt die Broschüre: „Damit trieb er indessen ent Doppelspiel. Von den Colonialwaarenhändlern en gros wie — Berdux-Marburg, Baudoifs- Marburg, König-Hanau — nahm er sehr hübsche In > ertionsgebühren und Procente sür abgeschlossene Verkaufe, die Leute annoncirten stetig, und tn deil Voltsverjammlungen und bet den einzelnen Vertrauensmännern wehrte er ab, sollten die Waaren dieser Lieferanten bezogen werden. Ueberhaupt bei Grossisten, die mit dem Mitteldeutschen Bauernverein Geichäfte machten, war der Vorsitzende dieses Vereines gar nicht blöde. So weiß ich doch, daß die Firma Döring alias König-Hanau 1000 Mart baar au den Verleger des „Reichsherold" gezahlt hat. Die Firma Fenner-Schüchtern mußte 500 Mark bezahlen, und das alles waren ColontalwaarenHändler! Der Lieferant der landwirthschastlichen Maschinen wurde verschiedene Male aufgefordert (von Böcke!), doch endlich jetzt die Procente an den Mitteldeutschen Bauernverein bezw. B. zu zahlen, der Mann reagirte indessen nicht, und so bin ich fest überzeugt, existirte kein Lieferant, der sich nicht in irgend einer Form erkenntlich zeigen mutzte. . Für das Verkaufsbureau wurden sehr hohe Summen, pro Ortsgruppe 25 Mark, aufgebracht. Noch nicht der zehnte Theil wurde zur Gründung des Bureaus verwendet. Wer den Mitgliedern das Bureau empfahl, „flunkerte einfach", bemerkt Georg. Von den „judenfreien Viehmärkte u" sagt er: „Es war einmal", und weist nach, daß die Märkte sich nicht entwickeln können, u. A., weil der eine Bauer dem anderen nicht traut. Der Verein wollte die a l t e n Volkssitten neu beleben, und es entstanden „Knüppelgarden" für B ö ck e l, aus jungen Burschen von 16 bis 18 Jahren bestehend, die Radau machten. Der Verein wollte angeblich,für die W e i t e r b i l d u n g des Landvolks auch durch berufene Landwirthschaftslehrer sorgen. Die Broschüre bemerkt hierzu: „Letzteres isl niemals der Fall gewesen. Landwirthschaftslehrer sind niemals im Mitteldeutschen Bauernverein thütig gewesen. „Das machen wir Alles selbst", sagte der Herr Vorsitzende triumphirend zu mir. Mil der „Weiterbildung des Landvolkes durch Vorträge aller Art" war's auch gerade nicht weit her, denn die Agitatoren des Vereines hatten zum größten Theil s e l b st nicht einmal eine gründliche wissenschaftliche Ausbildung hinter sich. Der Herr Agitator Thomas R e u t h e r (jetziger Redacteur des antisemitischen „Bad. Volksboten" in Heidelberg) ehemals Schriftsetzer in der Druckerei des „Reichsherold", hatte eine Rede vorrälhig, der der Abgeordnete Bindewald den schönklingenden Namen „D i e K u hs ch w a n z r e d e" gab, da in derselben die Geschichte von einem betrogenen Bauer wiederkehrte, dem ein jüdischer Handelsmann eine Kuh mit angeleimtem Schwanz verkauft haben sollte. Ein anderer Redner, speciell für „Jugendbüude", war ein Herr Böller, der früher B l e ch s ch m i e d war. Er beschloß seinen Vortrag gewöhnlich nnt den Worten: „Leut' schaart Euch zusammen, wie sich derDr. Bö ckel zus ammeiigeschaart hat!« Der gediedenste Agitator war entschieden ein ehemaliger Schuhmacher Namens Kaiser. Besonders gern renommirte der Herr bei - den Landwirthen mit seinen geschlcht- Uchen Kenntnissen. In Marburg begann er einstens seinen Handwerkervortrag mit folgenden Worten: „Meine Herren: Als im Jahre 3848 (!) Se onibas (!) an der Unstrut die Mongolen schlug (!) da sang der Dichter Geibel: Wie haben da die Gerber so meisterlich gegerbt, wie haben da die Färber so Purpurroth gefärbt!" Nur schwer war er damals zu bewegen, einzugestehen, daß er sich betreffs der Zahlen und Namen geirrt habe. Einst entspann sich zwischen den zwei Volksrednern Böller und Kaiser ein wilder Streit. Der Erstere war nämlich dem Schuster Kaiser zur Ausbildung im Reden übergeben worden, wogegen sich Boller's Ehrgefühl aber ganz gewaltig sträubte; auf der anderen Seite klagte Kaiser wieder, daß sein Schüler es an dem nöthigen Respect seinem Lehrer vis-a-vis fehlen ließe. Diese Herren sollten also die Weiterbildung des Landvolkes fördern!" Sehr intereffant ist die Schilderung, die Georg von Dr. B ö ck e l entwirft: „Er hatte seinerzeit einen Redacteur, der Geld besaß und die Ehre hatte, für die von Bö ckel geschriebenen Artikel Straf- und Gerichtskosten bezahlen zu dürfen; als der Redacteur 1000 Mark, die er dem Herrn Bö ckel geliehen hatte, sich zurückerstritt, rächte sich Böcke! in seinem Blatte durch Anspielungen. Der betreffende Redacteur R. war auch Cassirer des Mitteldeutschen Bauernvereins und hatte die Mitgliederbeiträge entgegenzunehmen. Aus der Casse wurden

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