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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Oesterretrtzischr Wochenschrift Seite 1001 M. 52 Commission auswählt und von denen ein Theil sich schon in seinem früheren Vaterlande niit Ackerbau beschäftigt ^aben muß. Die zusammengestellte Gruppe schickt ihre erfahrenen Männer voraus, die den Platz der neuen Colouie auswählen; sie messen die zu entstehenden Gassen und Hausgründe aus' und lassen sich nach Wunsch und Einsicht ihre Häuser und landwirthschaftlichen Gebäude ausführen, wozu aber je eine Familie nicht mehr als tausend Francs bekommt. Wenn die 25 Gründe bebaut sind — zu jedem einzelnen gehört auch ein Garten — wenn die Synagoge und Schule fertig sind, so läßt man, selbstverständlich eben falls,''auf Kosten des Barons, die übrigen Mitglieder der Colonie Nachkommen, deren erster Weg in's Gotteshaus führt, das eingeweiht und mit der mitgebrachten Thora und Tempelgeräthen versehen wird. Dann wird dem neuen Dorfe*) feierlich ein Name beigelegt und Segen erfleht auf das Haupt ihres Erlösers und des g>öß-e» Wohlthäters unserer Zeit, Segen aus das neue Vaterland, Segen auf das alte Vaterland, das sie trotz seiner Unbarmherzigkeit lieben und nie vergessen werden. Sobald sie von ihren Häusern Besitz genommen, bekommt jede Familie eine Anweisung, welche ihr an der Gesellschaftscasse in Buenos-Ayres einen Credit auf 5000 Frcs. eröffnet. Dafür kann jede Familie sich selbst den nöthigen Viehstand und Geräthschaften einkaufen, ist aber verpflichtet, nachzuweisen, daß sie für das Geld Derartiges angeschafft. Sobald sie sich eingerichtet haben, werden jeder Familie 50 Hektare Land zur Bebariung ausgemessen, außerdem bekommt sie noch 50 Hektare, welche aber vorläufig so lange Wiesengrund bleiben und nicht früher aufgerissen werden dürfen, bis die Familie sich nicht vergrößert hat. Seit kaum anderthalb Jahren sind auf dem Clara-Gebiete sechzehn solche neue Dörfer entstanden. Zwischen dem einen und dem anderen liegen 2500 Hektare, und da das ganze Gebiet mit den neuen Ankäufen 120.000 Hektare ausmacht, so wird es noch eine gute Weile dauern, bis die Ansiedlung^ darauf abgeschlossen sein wird. Die Colonisten sind verpflichtet, die vorgeschossene Summe und den Kaufpreis des Bodens innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren, non der elften ausgiebigen Ernte gerechnet, der Gesellschaft zurückzuzahlen, welche wieder für diese Gelder neue Felder ankaufen und neue Colonisten zu denselben Bedingungen ansiedeln muß, unter denen sie die ersten Ansiedler colonisirt hat. Ob das Gebiet Argentiniens dazu lange hinreicht, diese Frage wird der Gesellschaft kauni Kopfzerbrechen verursachen. Das Gebiet Argentiniens umfaßt 2,835.970 Quadratkilometer, d. h^ um Vieles mehr, als die Ländereien Oesterreich-Ungarns, Deutschlands und Frankreichs zusammengenommen, während dessen Einwohnerzahl kaum größer ist, als die Siebenbürgens. Die jüdischen Ansiedler bebauen Felder, welche vorder menschliche Hand nie ausgerodet, Pflugschar nie gepflügt. Jedes fußbreite Stück Erde, das sie bebauen, müssen sie vom Urzustände der Cultur erobern, weshalb die Colonisation auch von großer cultureller Bedeutung ist. Je länger die Colonisation dauert, desto besser und rascher entwickelt sie sich und desto größere Dimensionen kann sie annehmen. Jedes Jahr führt der Landwirthschaft neue Arbeiter zu, welche wieder die Lehrer der späteren Ankömmlinge werden, die vorher nie zum Pfluge griffen, und die nach ein, zwei Jahren wieder andere in die Geheimnisse des Ackerns und Säens einführen werden. Administrirt werden die Colonien von Buenos-Ayres aus, der Hauptstadt Argentiniens, wo der Sitz zweier Directoren ist, von denen der eine, Samuel Her sch (der gewesene Direktor der von der Alliance israelite universelle unter dem Namen „Mikweh Jiszrael" in Palästina in der Nähe von Jaffe erhaltenen landwirthschaftlichen Schule) blos in wirthschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten verfügt, während *)Das neueste Dorf trägt den Namen eines trefflichen ungarischen Schriftstellers, des Prof.Dr. Sonnenfeld, dernoch vor Kurzem Mitarbeiter des „Pester Lloyd" war und gegenwärtig Pariser Secretär des Baron Hirsch ist. die Aufgabe des Anderen, Josef Cafes, gew. Professor zu Paris, darin besteht, daß er in den Colonien Schulen gründe und vornehmlich daraus achte, daß die Kinder die Landessprache (spanisch) erlernen, daß man die Heranbildung der Kinder zu Ackerbauern, insoweit es in den Unterrichlsrahmen ausgenommen werden kann, schon in der Schule beginne und damit man in ihnen Liebe und Neigung zu dieser Beschäftigung erwecke. Außer den zwei Directoren bereisen die Colonien fortwährend zahllose Jnspectoren, damit sie sich von dem Verlaufe der Arbeiten überzeugen, hie und da den Colonisten in schwierigen Fällen beistehen und schließlich, damit sie von den Bedürfnissen der Colonisten und überhaupt vom Stande der Colonisaüon der Centrale in Buenos-Ayres Bericht erstatten. In das innere Leben der Colonisten mengt sich weder die Centrale, noch bereit Abgeordnete. Ihr religiöses Leben richten sie sich nach eigenem Belieben ein; Rabbiner, Cantor, Schächter, Religionslehrer bringt sich jede Gruppe gewöhnlich aus dem alten Vaterlande mit. Diese besorgen die religiösen Angelegenheiten und zur Winterszeit, d. .h. in den Monaten Juni, Juli, August (in Argentinien ist damals Winter) halten sie für die Erwachsenen Vorträge aus Bibel, Midrasch und Talmud, damit dieses Wissen, das sie nur an Sabbath und Feiertagen auffrischen können, nicht einrosie. An Samstagen und Feiertagen wurde der dahin verschlagene Frenide überhaupt nicht wissen, daß er unter fleißige Ackerbauern geralhcn ist. Freitag in den Nachmittagsstundcn kehrt Jeder heim von der Arbeit. Er legt Sense, Rechen und sonstige Werkzeuge beiseike, badet sich in der Mikweh, welche riirdeuds feilt, geht rach Hause, legt Feiertagskleider an und bis zum Aburd fft jedls Haus hell erleuchtet, jeder Hof rein gefegt, der Tisch gedickt und am Kochherde das dampfende, herrliche Nachtmahl zurecht richtend, steht die Hausfrau im feiertäglichen Gewände ihren Gemal erwartend, der in der Synagoge mit der Gemeinde im Chore anstimmt: „Komm, mein Freund, der Braut entgegen, den Sabba-th wollen wir empfangen." Die übrigen Tage der Woche verbringen die neuen Ackerbauer in fleißiger Arbeit. — All ihr Sinnen und Trachten ist auf ihre Arbeit gerichtet; Ihr rasches Anpassen, ihre Ausdauer, ihre Geschicklichkeit und ihre gute Auffassung versetzt die Jnspectoren in Staunen, welche studirte Landwirthe sind und nach deren Behauptung manche Gruppe schon so weit gediehen ist, wo man sie erst nach einem Jahrzehnt zu sehen vermeinte. Zu diesem kaum erwarteten Resultat trug in demselben Maße wie die Menschen wohl mehr auch der Boden bei (vom Clara-Gebiete ist die Rede), welcher der dankbarste in ganz Argentinien ist. Den gesegneten, jungfräulichen Boden durchqueren Flüsse, Bäche. Die Urwälder, welche noch vor einigen Jahren die ganze mächtige Ebene bedeckten, wurden nicht ganz ausgerodet, hie und da ließ man wohlweislich ganze Partien davon, ja zwischen den Stationen Domingues und Villaguay erstreckt sich der unberührte Urwald auf ganze zwei Meilen; Jahrzehnte hindurch kann er die ganze Gegend mit allerlei Holz versorgen. Bäume gibt es übrigens millionenweise über das ganze mächtige Gebiet zerstreut, zumeist solche, welche Sommer und Winter hindurch grünen. „Clara", welches in seiner Ausdehnung eine solche Fläche umfaßt, wie jene, die sich zwischen Budapest und Szolnok erstreckt, wird, wie bereits erwähnt, von den Flüssen Parama und Urugay begrenzt. Beide werden von Schiffen befahren, die den Verkehr bis rum La-Plata-Strom vermitteln, welch' Riesenstrom wieder in das große Weltmeer, den atlantischen Ocean, strömt. Die Staatsbahu durchschneidet das Gebiet an mehreren Stellen und verbindet die Provinz mit seinen drei Hauptörtern Parama, Paraguay und Gualeguay und selbst mit der Hauptstadt Argentiniens. Kleinere Localbahnen verbinden die fern von einander liegenden Colonien, welche insgesammt nach Gott einen einzigen Namen preisen, den Namen jenes Mannes, der voll Fürsorge, mit väterlicher Liebe und genialer Weisheit ihre Angelegenheiten lenkt und all' dies ihnen verschaffte.

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