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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-28 · 52 (28.12.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 1000 Vrprrrrvtztphr Mochrnschrtfl Str. 53 gangen, aber diese eine Verordnung darf immerhin als Anschlagsaccord gelten, der bezeichnend ist für die künftige Politik gegenüber den Juden. Die bisher mit aller Strenge durchgeführte Ausweisung jüdischer Ansiedler aus derZonevon fünfzig Werft ist ststirt worden. Das ist mehr als eine bloße Weisung an die Polizeiorgane, das ist eine Anerkennung des patriotischen Gefühles der russischen Juden, ein Zeugniß dafür, daß Nikolaus H. seinen jüdischen Unterthanen in Bezug auf deren Hingebung au die vaterländischen Interessen ganz dasselbe Vertrauen entgegenbringt, wie allen Anderen. Die Judengesetze können wieder nur auf jenem Wege geändert werden, welcher der russischen Gesetzgebung vorgeschrteben ist — und dazu braucht es Zeit; aber was sofort geschehen kann, das ist eine Aenderung in der Handhabung dieser Gesetze, und das ist auch zum Theile schon geschehen. In der russischen Bearrrtenhierarchre herrscht ein feines Verständniß für den Willen von oben. Wie man bisher überzeugt war, durch ein Uebermaß an Strenge, durch die härteste Auslegung der Vorschriften bezüglich der Behandlung der Juden eher belobt als mißliebig zu werden, so weiß man heute nach jener ersten Verordnung, daß in Petersburg gewünscht wird, auch die Juden als treue Unterthanen des Czaren zu achten, und man beginnt bereits, sich darnach zu richten. Es wild erzählt, daß der Prinz von Wales während seines Aufenthaltes in Livadia und in St. Petersburg die Aufmerksamkeit des jungen Monarchen auf das bejammernswerthe Schicksal unserer russischen Glaubensgenossen gelenkt und Nikolaus II. in seinem hochherzigen Entschlüsse bestimmt hat, in den bisherigen Einschränkungen und Bedrängungen eine Wandlung eintreten zu lassen. Auf den jungen Ezar soll die Schilderung jener rührenden Treue, welche die aus Rußland vertriebenen Juden auch in weiter Ferne der Heimat bewahrt haben, einen liefen Eindruck gemacht haben. Wir wissen nicht, ob und wie weit diese Nachricht begründet ist, allein das Eine ist gewiß, daß Kaiser Nikolaus II. beflissen ist, sich über alle Verhältnisse in seinem Reiche mit möglichster Gründlichkeit und frei von aller Einseitigkeit zu unterrichten, daß heute nicht nur die Vertreter einer einzelnen Partei, sondern Männer aller politischen Schattirungen und von tieferer Fachkennlniß das hr des Kaisers haben. Und gewiß ist auch, daß diese Männer dem Czaren von den großen wirtschaftlichen Nachtheilen gesprochen haben, welche die strenge Maßregel gegen die Juden für das ganze Land und das ganze Volk im Gefolge hatte. Wiederholt ist in diesen Blättern darauf hingewiesen worden, daß mit der Austreibung der Juden aus den inneren Gouvernements daselbst ein völliger Stillstand in Handel und Gewerbe und als Conseqaen; davon eine rapid fortschreitende Verarmung der Bevölkerung eiugetreten ist. Was waren die Folgen der Ausweisungen der Juden aus den Städten und Dörfern? Alle Elasten des russischen Volkes beklagen einmüthig den Verlust, den der Handel und die Landwirthschaft hiedurch erlitten, sie alle wünschen die Rückkehr der Inden. Mit offenem Sinne und ohne Vorurtheil hat Ezar Nicolaus II. seine Herrschaft angetreten. Unter den Uebeln, welche in Rußland zu heilen sind, wird er die bisherige Behandlung der Judenfrage als eine der bedeutendsten erkennen. Seine bisherigen Aeußerungen haben Zeugniß abgelegt von einem hochentwickelten Gerechtigkeitsgefühl, und man darf nicht daran zweifeln, daß er der Erkenntniß des Uebels auch die Heilung folgen lasten wird. Der Wechsel in der Verwaltung Polens deutet darauf hin, daß der junge Kaiser die Thatkrafr und Entschlossenheit besitzt, die von ihm anerkannte Gleichheit der Confestionen aus der Theorie in die Praxis umznsetzen. Diese religiöse Duldsamkeit kann nicht zur Hälfte geübt werden, sie wird auch den schwer bedrängten Juden in Rußland zu Gute kommen, die ihre Treue und Hingebung an ihr Vaterland und an ihren Herrscher auch in der schwersten Bedränaniß bewiesen haben. Noch wäre es verfrüht, über den Anbruch einer besseren Zeit zu frohlocken, aber die ersten Lichtstrahlen des anbrechenden Jahres werden bereits sichtbar und erfüllen uns mit Vertrauen und gläubiger Hoffnung! Von den jüdischen Colonien in Argentinien. Budapest, 20. December 1894. Seit einiger Zeit dringen nur spärliche und kärgliche Nachrichten aus der neuen Heimat unserer aus Rußland expatriirten Glaubensgenossen, denen die Edelherzigkeit des größten Philantropen unseres Jahrhunderts in dem fernen Argentinien auf veränderter Lebensgrundlage ein neues Vaterland schuf. Und obwohl man unter Hinblick auf die Erfahrung, daß das die besten Zustände sind, von denen man am wenigsten spricht, auch von der Lage der jüdischen Eolonisten daselbst das Beste vermuthen dürfte, so war unsere Neugierde dennoch immerhin auch von einem gewissen Gefühl der Bangigkeit um das Schicksal dieser jungen Ansiedler begleitet. Vor Kurzem jedoch brachte uns von dort ein Gewährsmann ersten Ranges, unser Landsmann Dr. Adolf R o t h, gewesener Director der argentinischen Eolonie, welcher Ende November aus Buenos-Ayres an das Krankenlager seines Vaters eilte, interessante und erfreuliche Mittheilungen, die in Nr. 47 der Wochenschrift „Egyenlöseg" erschienen sind, und deren Uebersetzung ich, soweit sie auf das jüdische Colonialleben daselbst Bezug haben, iiu Nachstehenden folgen lasse: „Das Experimentiren auf dem Gebiete der Colonisation hat — Gott sei Dank — aufgehört. Es hat Millionen verschlungen, großes Menschenmaterial vernichtet, Führer und Systeme abgenützt, eine ganze kleine Armee aufgerieben, nur eines konnte es nicht erschöpfen: Die Güte und Ausdauer jenes Mannes, der in gewisser Hinsicht Moses und Josua in seiner Person vereinigt. Moses, der sein Volk aus. der Knechtschaft befreite, und Josua, der ihm Kanaan als neues, glückliches Vaterland gab. Gegenwärtig werden nur geeignete Territorien angekaust, nur geeignete Leute angesiedelt und geeignete Beamte verrichten mit geeigneten Mitteln ihre Angelegenheiten. An die Stelle der Ueberstürzung ist Planmäßigkeit getreten, die Unsicherheit wurde durch Erfahrung ersetzt, so daß die Colonisation im besten Zuge ist, die weltbedeutenden Pläne des größten Wohlthäters aller Zeiten zu verwirklichen. Eines hat Baron Hirsch schon erreicht und auch blos für dieses Eine schuldet , ihm das über die ganze Erde zerstreute Israel ewigen Dank. Er zeigte, daß der Jude zu seiner Urbeschäftigung zurückkehren kann, daß er als Landmann seinen Platz, wie jeder Andere, ausfüllt; daß er ackert, säet, erntet, Bäume setzt, Reben pflanzt, Gartenbau treibt, Pferde züchtet, seinen Pflug schärst; daß er ein eben solch ausgezeichneter Landwirth werden kann, wie er ein hervorragender Kaufmann ist. Unter den Ländereien, welche Baron Hirsch, resp. die behufs Colonisation gegründete englischeAktien-Gescllschaft angekauft erwies sich nur die größte als die vollkommen geeignete, jene, welche den Namen der engelsguten Gattin des Barons trägt: Clara, welche an und für sich 10O.0OOHektare fruchtbarster Erde in der Provinz Entrerios zwischen den Flüssen Parama und Uruguay in sich faßt. Auf diesem Gebiete, welches man im abgelaufenen Jahre durch zwei neue Ankäufe noch vergrößerte, geschieht die Colonisation feit anderthalb Jahren nach neuem Systeme, welches sich bisher als das allein richtige bewährte und das man auch auf den anderen Ländereien (Moiseville, Mauritio, Maningotes, Palmyra n. s. w.) einführen wird, wo die Colonisation bisher noch erfolglos blieb und die Zahl der Eolonisten immer mehr und mehr schwindet. Dieses System ist das Gruppensysllm nebst der vollständigen Unabhängigkeit der Eolonisten. Eine Gruppe bilden 25 Familien, welche die zu dem Behufe in Odessa bestehende

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