Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021059--04144-3028315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 VrflrrrrtchtMr Wochrnptzrtst Seite 997 weite. Neben ihm saß Graf Gottfried von Pappenheim, ein groß gewachsener, finster aussehender Mann von achtunddreißig Jahren. Er war von ungewöhnlicher Leibesstärke, sein urspünglich dunkles Haar war stellenweise schon grau angeflogen und an der Vorderseite so gelichtet, daß die Stirne ungewöhnlich hoch erschien. Wenn er, was bei ihm häufig vorkam, leidenschaftlich auffuhr, runzelte sich seine Stirne so eigenthümlich, daß auf derselben das Bild zweier gekreuzter Schwerter sichtbar wurde. Sein Helm lag auf dem Tische vor ihm, sein Reitermantel war bei einer lebhaften Bewegung von der Schulter gefallen. Er trug einen Küraß und die Uniform seines berühmten Regimentes. Gottfried Pappenheim hat als kühner Reiterführer in der ganzen Kriegsgeschichte keines Gleichen; und selbst die bedeutendsten derselben, Zrethen, der tolle Murat und Andere, ragen an Tollkühnheit nicht an ihn heran. Joachim Murat, König von Neapel und Schwager Napeleon des Ersten, war bekanntlich in jeder Schlacht, an der er theilgenommen, verwundet worden, wohl ein genügender Beweis, daß er sich ohne jede Rücksicht der größten Gefahr aussetzte, aber trotzdem wird er wohl doch Pappenheim nachstehen, an dessen Körper sich wohlgezählte hundert Narben vorfanden. Pappenheim war im evangelischen Glauben geboren und erzogen, war als Jüngling zum Katholicismus übergetreten, war einer der glühendsten Verfechter desselben, einer der größten Fanatiker seiner Zeit — es will das sehr viel sagen — geworden und zeichnete sich durch die ungestüme Wildheit seiner Angriffe, wohl auch durch seine Unbotmäßigkeit gegen seine Oberselvherren, deren Befehle er oft nicht refpectirte, endlich durch seine Grausamkeiten gegen Protestanten auv, von denen er jeden als seinen persönlichen Feind betrachtete und haßte. Er hatte dem Erzhause und der katholischen Sache schon große Dienste geleistet. General Holk, der rechts neben Wallenstein saß, mochte im Alter zwischen diesem und Pappenheim stehen. Er war mittelgroß, trug die Uniform seines Jägerregimentes, sein wetterhartes, gebräuntes Antlitz war durch eine breite Schmarre, die sich über Stirn und Wange hinzog, entstellt. Seine Jäger waren eines der gefürchtetsten Corps und zeichneten sich ebenso durch Kühnheit als Zügellosigkeit aus. Die drei Herren befanden sich offenbar in einer Besprechung der Kriegslage. Dem feurigen, thatendurstigen Pappenheun behagte die lange Unthätigkeit nicht, er sprach, zu Wallenstein gewendet: „Euer Durchlaucht, die ganze Armee und deren Führer haben die größte Conftdenz in Höchstdero Genie und Experienz; aber derowegen halte ich es doch nicht gegen den schuldigen Respect, wenn ich meine Meinung dahin ausspreche, daß wir es nicht dem Willen der schwedischen Majestät anheimstellen sollen, ob sie Lust hat, uns eine Schlacht anzubieten. Ich bin vielmehr der Oppinion, dem ketzerischen König frisch auf den Leib zu gehen und ihn zu zwingen, mit uns zu raufen. Ich glaube, Gott wird unserem Beginnen seinen reichsten Segen geben, und wir werden die Evangelischen mit Stumpf und Stiel ausrotten, daß jede Spur von ihnen von der Erde verschwinden wird. Der Müßiggang taugt für den Soldaten nicht, wenn das Schwert lange in der Scheide rastet, rostet es. Vorwärts für Gott und Vaterland, ist mein Losungswort." „Ja," erwiderte Wallenstein, „darin besteht Eure ganze Kriegskunst: einhauen, dreinschlagen; ohne jede Berechnung, ohne Vorherbedenken, Alles aufs Gerathewohl dem tollen Zufall überlassend, und wenn dabei ein paar Tausend Mann tüchtiger Kernsoldaten fallen, ficht Euch das wenig an. Es gibt auch gewonnene Schlachten, die man nicht hätte schlagen sollen, weil das Resultat des Sieges durch den Verlust an Mannschaft ausgewogen wird.Ich will nicht einen Mann meiner Armee nutzlos opfern. — Ich fyabe ein neues Kriegssystem erfunden, welches von der ganzen militärischen Welt angestaunt wird. Nur durch dieses vermochte ich das hart bedrängte Erzhaus vor seinen zahlreichen Feinden, dem Türken, dem Franzosen, dem Schweden, dem Hessen, dem Siebenbürger, dem Pfälzer und allen Teufeln zu schützen! — Mein System hat mich immer zum Stege geführt — ich bleib' ihm treu! Gustav Adolf ist ein großer Feldherr, aber ich ein noch größerer, und bald wird es sich zeigen, wem von uns beiden die Welt gehört! Der echte Feldherr muß wie ein guter Schachspieler nicht nur selbst einen guten Zug thun, sondern auch den Gegner zwingen, d e n Zug zu thun, den er für seine Pläne braucht. Gustav Adolf kann sich mit seiner großen Truppenmacht nicht lange in dem ausgesogenen Lande halten, sein Kriegsvolk müßte dort verhungern, oder er müßte die Pferde, die seine Kanonen führen oder seine Reiter tragen, schlachten und verzehren. — Er muß sich von der Stelle bewegen, und thut er dies, kann über die Richtung, die er einschlagen wird, kein Zweifel herrschen. Er ist ein kluger Kopf und hat zu seinen schwankenden Bundesgenossen kein Vertrauen. Der Sachse und der Franzmann erscheinen ihm nicht zuverlässig, er will sie nicht in seinen Rücken haben: auch kann es ihm nicht lieb sein, mich zwischen sich und seinem Erbland zu wissen; er muß auf mich losgehen, und diesmal wird der Angegriffene siegen. Er soll sich diesmal alle Zähne ausbeihen ... Es bleibt bei meiner Entschließung, wir warten hier ruhig den Angriff Gustav Adolfs ab . . . Die Sterne haben mich bislang noch nie belogen, ich hoff' auch diesmal nicht, ich bin überzeugt davon, die nächste Schlacht, die wir schlagen, wird seine letzte sein!" „Mein Fürst!" ergriff Holk jetzt das Wort, „es würde Höchstdero Plan nicht kontrarlren, wenn uns, Pappenheim und mir, gestattet würde, mit unseren Korps, einer links und einer rechts, zu streifen, einzelne Abtheilungen des Feindes zu überfallen und lustig niederzuhauen, oder ihnen elnen Convoi adzufangen, und derlei Schabernack mehr zu spielen. Das erfreuet die Soldaten, bringt ihnen Beute ein, hält sie bei Lust und Laune. Das mein' ich, thät' der Hanpt-Action keinen Emtrag." Der Herzog von Friedland war nicht der Mann, der Wide'-spruch lieble; eine aussteigende Blutwelle färbte seine fahlen Züge bräunlich, seine hellen Augen funkelten, auf seiner Slirne zeigte sich die Zornader, er stieß heftig mit dem Krückenstock aus den Fußboden, lachte spöttisch und rief hohnvvll: „Das wäre was Gescheldres, Ihr superklugen Herren, daß ich in dem entscheidendsten Momente des ganzen, laugen Krieges, meine Armee dem ohnehin numerisch stärkeren Feinde gegenüber noch schwächen sollte. Gustav Adolf ist klug und flink, wir stehen hier in Feindesland und sind ringsum von Spionen und Spähern umgeben. Was hier im Lager vorgeht, wird ihm sofort hinterbracht, ich habe diese Woche schon fünf der Spionage verdächtige Bauern henken lassen — wenn ihm's ein Kundschafter zuträgt, daß ich Euch Beide weggeschickt, dann greift er Euch Beide einzeln an, schlägt Euch auf's Haupt, vernichtet Euch — rückt er dann auf mich los, kann ich mich mit dem Reste der Armee seiner nicht erwehren, dann kann er mich mit feiner Uebermacht erdrücken!" „Durchlaucht!" sprach Pappenheim, „Höchstdero Befürchtungen sind unbegründet. Holk und ich, wir taffen uns nicht fassen, wenn wir auf überlegene Streilkräfte stoßen, ziehen wir uns rasch zur Armee zurück. Es muß etwas geschehen, denn die Croaten im Lager murren, sie wollen zum Kampfe, zum Siege geführt werden, sie wollen Beute machen!'-' „Herr und Gott!" ries der Herzog, zornig mit dem Krückeustock aufstoßend, daß dichte Staubwolken emporwirbelten, „Gustav Adolf, möchr' Euch nicht fragen, ob Ihr Euch fassen lassen wollt oder nicht, er ergriffe Euch mit eisernen Armen und erdrückte Euch!.Und ob den Croaten mein Wille recht ist oder nicht', ist mir gleichgiltig, wenn sie meutern, laß ich sie niederkartätschen! In meinem Lager herrscht nur mein Wille, Jeder, vom Generalseldzeugmeister bis zum Troßknecht, hat mir widerspruchslos zu gehorchen! Ich beuge meinen Willen vor jenem des römischen Kaisers nicht und sollte mich von einem Untergebenen bestimmen lassen? Eher fließt der Rhein zurück, eh' dies geschieht, eher." Wallenstein wurde in seinem heftigen Zornergusse durch Getöse und Pferdegetrappel vor dem Hause unterbrochen. „Wer wagt es, vor meinem Hause zu lärmen?" rief er, an's Fenster tretend. Pappenheim war ihm gefolgt und da er den Herzog um Kopfeslänge überragte, konnte er mit seinem scharfen, feldgeübten Auge sofort die Ursache des Tumultes erkennen. „Meine Kürassiere bringen einen Gefangenen," sprach er, „der gelbe Fleck am Aermel kennzeichnet ihn als Kammerknecht des heiligen römischen Reiches. Was hat der Schelm verbrochen?" rief er laut zum Fenster hinunter. „Er war im Gebüsch am Bachrande auf der Anhöhe versteckt, ohne Zweifel ist er ein Spion der Schweden." „Wer ist das schöne Weib?" srug Pappenheim weiter. „Wie es behauptet," tönte es wieder von unten herauf, „sein Weib". „Das wäre etwas ganz Neues," lächelte Holk, „ein Spion, der Weib und Kinder mit sich führt! Ich Hab' schon viele solche