Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m2*£ä&km& L^. :i*iAii >::*r.- -.«.-i - Nr. 51 Drflerrrdtziflhr Wochrnsthrift Seite 985 Tags darauf erfolgte die Vorladung Steblicki's. Der 50jährlge Mann benahm sich schlicht und würdevoll. Er hatte da» Juoentyum, wie er sagte, aus eigener Bewegung erwählt, war von Niemand überreoet worden und erklärte, in dieser Religion leben und sterben zu wollen. „Ich halte mich als wirklicher Jude zum jüdischen Gottesdienste!" Man suchte ihm von der theologifchen Seile mit Bibelstellen beizukommen, aber da erwies er sich als der weitaus Stärkere. Der Kreisphysikus untersuchte seinen Körper- und Geisteszustand. Den Wmk von Oven mit bem Zaunpsahl hatte er natürlich verstanden und fand den L>chäoel „ganz verschieden von anderen, einzelne Knochen hervorragend, andere vertieft". Der Vorsteher der Judengemeinde Abraham Samson erklärte, daß es gar Niemandem eingefallen sei, Proselyien zu machen, und das glaubte man ihm denn auch auf's Wort. Es wäre ein geradezu groteskes Unterfangen gewe,en. Der Magistrat stellte Steblicki das allerbeste Leumundszeugnlß aus, als treuem, pflichtbewußtem, emsigem Beamten. Was war nach alloem in der Sache zu thun?! Der Bericht ging nach Brieg und dann nach Berlin ab. Die Behörde hielt ihn nicht für wahnsinnig, er galt für emen guten Bürger und braven Mann. Die Juden Hanen kein Verschulden. Zwischen den Zeilen konnle man lesen: Am Besten, wir lassen ihn in Ruhe und weisen ihm, Aergerniß zu vermeiden, einen neuen Wohnort an. Dr. Neustadl findet mit Recht, daß der Frledericlanlsche Geist auch durch diesen Bericht einer uniergeoronelen Behörde wehe. Berlin ließ nicht lang aus die Eillscheldung warten. Am 4. waren die Papiere in der Hauptstadt und am 12. schon entschied der Staarsralh in dem sonderbaren Fall: 'Keine Strafe, wo kein Verschulden, keine weitere Untersuchung — Schluß! Der finanzielle Theil der Sache wurde dem Flnanzdepariement zugewiejen. Dieses erließ Steblicki die Judenfteuer, der Aufenthalt wurde ihm ebenfalls gestattet; nebenbei lief die Bemerkung einher, man habe es doch mit einem nicht ganz geistig Gesunden zu thun. Die Juden von Nikolai veclieyenoem mulylgen, Willensstärken Manne, der Alles, Ehre, Einfluß, Stellung und Vermögen feiner Ueberzeugung zum Opfer gebracht und für sie auch fein Leben in die Schanze geschlagen hätte, die einzige Auszeichnung, über welche sie verfügen kolmten. Er wurde ihr Gemeindevorsteher und Unterzeichnete die Schriftstücke „Josef Abraham Steblicki". Seine großen Erfahrungen ln Verwaltungsangelegenheiten verwendete er eifrig und erfolgreich im Dienste der ihm anverlrauten Interessen. Am 20. Mai 1794 brach in Nikolai ein furchtbarer Brand aus. Nach dieser Katastrophe verließ Steblicki die Stadt und zog zu seinem Sohne nach Sorau, wo dieser als Rathskanzlist und Sieuerverwalier lebte. Hier blieb nun der Alte, als frommer Jude im Kreise der ©einen lebend. Er befolgte treulich die Satzungen seines neuen Glaubens und ließ — er war wirklich Jude geworden — die Anderen bei ihrer Ueberzeugung. Er studirle bis in feine letzten Lebensjahre die jüdische Lehre und soll sich wesentliche Kenntniß des rabbmischen Schriftthums angeeignet haben. Seme Lieblingslectüre waren die Psalmen Davld's. Er erreichte ein hohes Alter und seine Gattin, die ihm treu geblieben und heldenmüthig ihm zur Seite gestanden, war um ihn, wie Baucis um Philemon. Noch heute lebt in Sorau ein 94jähriger Greis, der Steblicki noch persönlich gekannt hat und sich seiner genau erinnert. 1806 starb die Frau. Am 16. Mai 1807, an einem Sabbath, folgte Josef Abraham Steblicki im Alter von 73 Jahren im Tode nach. Auf dem jüdischen Friedhof zu Nikolai schläft er den ewigen Schlummer und eine hebräische Inschrift ziert sein Grabmal. Sie lautet zu deutsch: „Hier ruht der wahrhafte P r o s e l y t Josef, Sohn unseres Vaters Abraham, das Andenken des Gerechten sei zum Segen, der Leib und Seele geopfert, um sich zu bergen unter die Fittige der göttlichen Glorie, und Gottes Namen öffentlich geheiligt, zu streiten im Kamps für den Ewigen, zu befestigen unser Gesetz und unseren Glauben. Er stürb am Sabbath den 8. Jjar 557 (nach der aera minor). Möge seine Seele ausgenommen sein in den Bund des Lebens." Die Chewra-Kadischa von Sorau ehrt das Andenken dieses seltenen Mannes noch heute an allen jüdischen Festtagen, wenn man der Verstorbenen gedenkt. Im Tode wurde ihm der Gelehrtentitel „Morenu" verliehen und im Kadischgebete folgt sein Name den Namen der Rabbiner, vor denen der anderen Gemeindemitglieder. Dr. Neustadt's Bestrebungen, in dem merkwürdigen Fall Steblicki eine persönliche Initiative des großen Friedrich zu finden, sind leider erfolglos geblieben. Die Acten schweigen sich aus. Dennoch ist ein Blick in dieselben ebenso interessant, als lehrreich. Die Quellen, aus denen seine Darstellung schöpft, ließ er dieser Nachfolgen. Wir müssen ferne Arbeit als einen werthvollen Beitrag begrüßen — nicht nur zur Geschichte des Judenthums, sondern des menschlichen Geistes überhaupt. F. E. Nus dem stenographischen Protokoll des Abgeordnetenhauses. 344. Sitzung der XI. Session am 15. December 1894. Präsident: Es ist eine Reihe von Rednern zu thatsächlichen Berichtigungen vorgemerkt. Ich bitte aber die betreffenden Herren sehr dringend, mtt Rücksicht daraus, daß wir eine so außerordentlich ausführliche Debatte gehalten haben, sich nunmehr strenge nach den Vorfchriflen der Gefchäslsordnung lediglich an die lhalfächliche Berichtigung zu hatten. Zunächst hat der Abgeordnete Dr. Bloch das Wort. Abgeordneter Dr. Bloch: Hohes HauS! Es hat der Herr Abgeordnete Schlesinger m einer Rede, die ich nicht näher charaklerisiren will, eine große Anzahl von Thatsachen eingeflochlen, die zu berichtigen waren. Ich will aber blos drei derselben hervorheben und sie richttgstcllen. Er hat zunächst mitgethettl, daß Adolf Crämieux einen Preis von einer Million Francs aut den Kopf des preußischen Königs und nachherlgen deutschen Kaisers Wilhelm gesetzt hat. Diese Thatsache ist von den Antisemiten erfunden und nun an die Hundertmale widerlegt worden. Ich selber habe in der „Oesterreichlschrn Wochenschrift" nahezu vierzigmal über diese Lüge gesprochen und einen Brief der Tochter C r ä m i e u x' mit nachstehendem Wortlaute pubttcirt {heut): „Mein Vater war, so lange er lebte, wie alle in der Oeffentlichkeit wirkenden Männer der Verleumdung ausgesetzt. Aber er hat sie immer verachtet, indem er sich begnügte mit der Achtung und der Liebe Derjenigen, die ihm naheslanben. Niemals wäre es ihm in den Scnn gekommen, einen Verleumder zu verfolgen, und ich glaube, daß ich es seinem Andenken schuldig bin, so zu handeln, wie er selbst gehandelt hat. Was die gegen ihn erfundene gehässige Verleumdung betrifft, so wird sie Niemand, sei er ein Deutscher oder Franzose, glauben. Mein Vater hat mit allen seinen Kräften, gemäß seiner Pflicht als Franzose und als Mitglied der Regierung, an dem Werke der nationalen Vertherdigung sich bethettlgt, aber er würde sich und sein Vaterland zu entehren geglaubt haben, wenn er zu einem Meuchelmord ermuthlgt hätte. Eine solche Infamie lohnt nicht der Verfolgung, sie verdient nur Verachtung". Zweitens hat der Herr Abgeordnete S ch le si n g er einen langen Ausruf der „Alliance israeliie« bei ihrer Gründung, den angeblich Aoolf Cremieux publicirt hätte, dem Haufe vorgelesen und hat an das Haus appellirt, daß angesichts eines solchen Aufrufes des Judenbundes in der ganzen Welt das ganze Haus zusammenireten solle zu einem Bunde gegen die Juden. Ich constatire zunächst thatsächlich, daß Adolf Crem i e u x die „Israelitische Allianz" gar nicht gegründet hat,, denn sie ist von Anderen gegründet worden und Cremieux ist erst später dem Vereine beigetreten. Der Aufruf selbst ist ebenfalls als eine antisemitische Erfindung nicht blos heute zum erstenmale von mir constattrt worden; ich berufe mich vielmehr auf dieselbe Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift", wo icy unter dem Titel „Literarische Bübereien" diesen Aufruf gebrandmarkt habe. Allein ich habe hier officielle Actenstücke der „Israelitischen Allianz" in Paris, die sich schon seit circa 15 Jahren dagegen gewendet und erklärt hat, daß jener Aufruf ein antisemitisches Falsificat ist. Im „Antisemitenspiegel" sind vom Abgeordneten Rickert sämmtliche Acten über diesen Aufruf publicirt worden und der Nachweis erbracht, daß dieses Schrrslstück, welches der Herr Abgeordnete Schlesinger verlesen hat, ein antisemitisches Falsificat ist. Ich habe ferner hier ein Flugblatt „Die Alliance isra6üte universelle und die Verlogenheit der Antisemiten", {liest): „Erste Lüge der Antisemiten: Crömieux war gar nicht der Begründer der Allianz. Zweite Lüge der Antisemiten: