Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 984 Destrrretchtsche »ochrnsthrtfl Nr. 51 Josef Abraham Steblirki, der Proselyt. Zu den markantesten Eigenthümlichkeiten des mosaischen Bekenntnisses gehört die Art seines Verhaltens Proselyten gegenüber, welche tief in dem innersten Wesen des Judenthums begründet ist. Seit den ältesten Zeiten einer vieltausendjährigen Geschichte bis auf den heutigen Lag ist das Princip das gleiche geblieben. Expansionsgelüste hat das Judenthum mit Ausnahme emer einzigen Episode nie gehabt, und diese war von Unheilvoller Wirkung. AlS der Makkabäer-König Johann Hyrkan den Jbumäern frelsteüte, auszuwandern oder baS Judenlhnm anzunehmen, da ging er gegen dessen stricken Sinn vor und bitter hat sich dieser politische Fehler gerächt. Betrachtet man das systemalische, consequente Bestreben aller anderen Confessionen nach möglichster Ausbreitung, so sieht man, wie jede einzelne, wär' es nur möglich, den ganzen Erdball, alle Völker der Erde, alle Menschen ohne Ausnahme am liebsten umspannen möchte. Das schwebt ihnen als Ideal vor. Viel Blut ist für dies Schemen vergossen worden, welche vergeblichen Opfer bat es gekostet! Mit sanft einschmeichelnden Künsten der Ueberredung oder mit Ausmalung gräßlicher Höllenstrafen wurde gearbeitet, um nur möglichst viel Recruten des Himmels anzuwerben. War' es nur immer bei den süßen oder bitteren Worten geblieben! Der Prediger hatte einen wackeren Gehilfen, der sich anfänglich discret im Hintergründe hielt, aber bereit war, auf einen Wink vorzutreten — den Folterknecht. Wer nicht wollte, mußte. Ad majorem dei gloriam. . .. Vergleicht man damit das Judenthum in seiner scheinbaren Exclusivität, so wird man sich der Einsicht nicht verschließen können, daß es in Urzeiten schon emen hohen, sehr hohen Standpunkt eingenommen hat, zu welchem sich die Völker Europas erst später durchgerungen haben. Die Anschauungen über Toleranz, Geistes- und Gedankenfreiheit, wie sie zu Ende des vorigen Jahrhunderis zur Reife gelangten, decken sich im Wesen mit denjeitigen, welche das Judentyum zu seiner reservirten Haltung Proselyten gegenüber, von welcher wir ausgegangen, veranlaßten. Das Judenthum war sich der ihm innewohnenden göttlichen Kraft bewußt. Es fühlte sich als Träger der monotheistischen Idee, als Ueberbringer einer großen Sendung, als Vollbringer einer hohen, culturellen Mission. Es spürte sich stark genug, um aus sich heraus bestehen, um fremder Verstärkung entrathen zu können. Gottes Hand trug es ja sichtbarlich durch alle Fährlichkeiten und seine großen Führer lehrten, daß im Gottesvertrauen die Wurzeln seiner Kraft lagen. Jedes Blatt seiner Geschichte bewies es auf's Neue. Was sollten da Proselyten, neue unzuverlässige Elemente, welche oft aus gemeinen, niedrigen Motiven den Religionswechsel vollzogen! Was war mit diesen anzusangen! Deshalb werden auch die Proselyten „furchtbarer als Aussatz", auf den Jdumäer Herodes anspielend, genannt, daher auch das Gebot, daß jenen Personen, welche Aufnahme in das Judenthum begehren, alle Consequenzen dargelegt werden sollen. Die Aufnahme, welche aus egoistischen und rein materiellen Gründen gewünscht wird, ist geradewegs abzuweisen nach dem Ritualcodex. Man sollte wohl meinen, daß zur Zeit der Bedrückung, wo das Judenthum nur schwer lastende Verpflichtungen und nicht den Schatten eines Rechtes besaß, es sich wohl Niemand wird haben einfallen lassen, dieser geschmähten, verachteten Gemeinschaft beizutreten, die so gar keine Propaganda machte, und man geht auch nicht sehr fehl mit dieser Meinung. Um so sonderbarer muß die Erscheinung eines Mannes auf uns wirken, der, mit allen Sinnen begabt, bewußt und wohlüberlegt, aus reiner Ueberzeugung von der Wahrheit und durchdrungen von der Heiligkeit der Lehre Israels, Jude wurde. Es ist dies der katholische Rector und Stadtkämmerer Josef Steblicki, welcher 1785 durch seinen Uebertritt gewaltiges Aufsehen und Staunen erregte....! Eine verdienstliche Broschüre von Dr. Louis Neustadt in Breslau vermittelt uns in dankenswerther Weise die genauere Bekanntschaft dieses merkwürdigen Mannes und zerstreut die Nebelschleier, mit welcher Dichtung und Sage seine Gestalt umwoben haben. Auf Grundlage von archivalischen Forschungen, die hochinteressante Actenstücke zu Tage gefördert haben, lernen wir eine geradezu einzige Gestalt kennen, der wir Beachtung, ja Verehrung nicht versagen dürfen. Wir wollen nur die Resultate der Forschungen, wie sie jetzt vorliegen, kurz überblicken. Josef Steblicki, zu Nikolai in Oberschlesien im Jahre 1734 als Sohn katholischer Eltern geboren, wurde von den Jesuiten erzogen. Trotz feiner guten Bildung wendete er sich dem Gewerbe des Vaters zu, der Fleischer war. 1755 verheiratete er sich, wurde 1766 Stadtschreiber zu Nikolai, trat 1775 in den Schuldienst, 1778 war er Rector — 1780 aber legte er sein Amt nieder. Er war ein eifriger Bibelleser. Da lernte er das Judenthum kennen und lieben. Er gelangte zur Ueberzeugung, daß der jüdische Glaube unveränderlich wahr und der zur Seligkeit führende sei. Nachdem diese Ueberzeugung immer stärkere Wurzeln in feinem Gemüth faßte, zog er auch die Consequenzen. Er aß keine verbotenen Speisen mehr und bereitete sich die erlaubten selbst, den jüdischen Geboten entsprechend. Samstag betete er, wie es bei den Juden gebräuchlich ist. Auch ließ er sich den Bart stehen. Damals ging bekanntlich Alles rasirt. In dem kleinen Oertchen erregte all dies großes Aergerniß. Die Geistlichkeit hörte natürlich bald von der Sache, lud ihn wiederholt vor, machte ihm Vorstellungen, er blieb jedoch unbeugsam fest und fand alle ihre Argumente unzulänglich. 1780 wurde er von der Beichte ausgeschlossen und verließ den katholischen Schuldienst. Bis 1785 ging er in die Kirche. Dann unterblieb auch dies, denn er wollte offen zum Judenthum übertreten. Er legte das von ihm bekleidete Magistratsamt zurück, ordnete feine pecuniären Angelegenheiten, als ob er sich zum Slerven rüstete. Es war auch eine Art bürgerlicher Selbstmoiö, den er unternahm. Was ihm nun am Herzen lag, war die Beschneidung. Aus den bekannten Stellen des Alten und Neuen Testamentes war chm zur Evidenz klar geworden, daß dies em Wesentliches sei. Ec wandte sich wiederholt, aber erfolglos an verschiedene Judengemeinden. Sie wagten nicht, seinem Wunsche zu willfahren. Die Zeiten waren schwere für sie und sie däuen leicht eine Gefahr für sich selbst dadurch heraufbeschwören können. Ueberall, sogar in Krakau, wurde Steblicki abgewresen. Man blieb ihm und den Summen, die er bot, gegn-. über genau so standhaft, wie er selbst mit seinem Vorhaben- Endltch fand sich ein Jude, welcher sich herbeiließ, ihm die Sache zu — erklären und Steblicki vollzog den Act wie der Erzoaler Abraham an sich selbst. „Also soll mein Bund an eurem Fleische sein zum ewigen Bunde". (M. I. Cap. 17 V. 13.) Am 13. September, am Vorabend des jüdischen Versöhnungslages, begab sich Steblicki, mit den weißen Sterbegewänoern versehen, in die Synagoge zum Gebete. Man wollte lhm erst den Eintritt verweigern, ließ ihn aber doch hinein. Er blieb bis zum Ausgang des Jom Kippur inbrünstig betend und selbstverstalrdlich fastend. Von nun an verrichtete er täglich die vorgejchriebenen Gebete bedeckten Hauptes, legte, die Tcffilin an, ließ sich während der Gebete von Niemandem stören und aß von den von seiner Gattin zubereiteten Gerichten nichts außer Milch und Kaffee. Zu Mittag speiste er bei der Rabbinerswitwe Salomon, den Sabbath feierte er wie der frömmste Jude. Allen Versuchen, ihn dem neuen Glauben abspenstig zu machen, waren ganz ohne Erfolg. Seine Mitbürger gewöhnten sich auch daran, ihn als Juden anzusehen. Die Behörden aber , nahmen die Sache nicht so leicht und berichteten an die Oberamtsregierung in Brieg. Wohl hatte Friedrich II. Gewissensfreiheit verbürgt, aber andererseits galt noch die Josephina von 1709, des Kaiser Josephs I. in Schlesien,welche auf jede Ketzerei — und dies galt für eine der schwersten — fürchterliche Todesstrafe setzte. Der Fall war nicht leicht zu entscheiden. Man war, offen gesagt, gar nicht darauf eingerichtet. Der Brieger Gerichtshof ertyeille Syndicus Kosmeli in Pleß den Auftrag, die Sache zu untersuchen, namentlich in der Richtung, ob die Judenschaft nicht irgend welches Verschulden an der Sache treffe. Das wäre das Einfachste gewesen. Dann hätte alles Kopfzerbrechen ein rasches Ende gefunden. Auch der Geisteszustand des Steblicki sei genau zu erheben. Am 7. November 1785 wurden Steblicki's Frau und sein Sohn vorgeladen. Beide sagten mit großer Ehrerbietung gegen den Gatten und Vater aus. Auf seine fleißige Bibellectüre und sein zur Melancholie neigendes Temperament wurde Alles zurückgeführt. Ec sei zeitlebens ein ordentlicher, redlicher Mann gewesen und dem Trünke gar nicht ergeben. Die Frau wies die Zumuthung, sich von ihrem Gatten zu scheiden, entschieden zurück. „Sie wünschte die übrigen Tage ihres Lebens der Bewartung ihres betagten Mannes zu widmen, damit am großen Tage der ewige Richter ihr keinen Vorwurf wegen Vernachlässigung der ehelichen Hilfe mache." Ein rührender Zug weiblicher Treue.