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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-14 · 50 (14.12.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 50 Orstrrrrichifche Wochrnfchrifk ihren Brotvorrath aufgezehrt, und auch der kleine Geldbetrag, den sie, als sie Cham verließen, besessen, war auf wenige Kreuzer zusammengeschmolzen. Sie befanden sich in einer Lage, von deren Peinlichkett sich die Menschen der Jetztzeit keinen Begriff machen können. Sie befanden sich in fremdem Lande, ohne Geld, ohne Levensmittel, für die herannahende rauhe Jahreszeit unzulänglich gekleidet, schutzlos, der Gefahr ausgesetzt, von Marodeuren überfallen, gemißhandelt zu werden, sie hatten keinen Freund, keine Zufluchtsstätte, die' Heimat, nach der sie sich sehnten, lag endlos ferne. Mann und Meid befanden sich in tödtlicher Angst Einer um den Andern, und Beide um die armen, hungernden, im Nachtfröste frierenden Kinder, welche die Mühsalen der Reise mit bewundernswerther Ausdauer und rührender Ergebung ertrugen und so begnüglich waren, daß sie Alles vermieden, was die Schwierigkeiten ihrer Eltern noch vermehren konnte. Allein der endlos gütige Gott, der der Menschheit so viele schwere Prüfungen sendet, hat auch für den Arrmsten, Unglücklichsten lindernde Mittel. Der Schlaf ist den ermatteten, verzweifelnden Menschen ein Trostspender. Er kann während dessen Stunden der schönsten Täuschung erleben. Der in Ketten liegende, zu martervollem Tode Berurtheilte kann sich die letzte Nacht vor seinem qualvollen Ende, wenn der Engel des Schlafes milde seine Wimper berührt, einige Stunden als glücklicher Mensch, der Sclave frei, der Verzweifelnde glücklich fühlen. Auch Towije und Elke Kohen hatten unter Gottes freiem Himmel und unter Gottes Schutze einige Stunden ruhig geschlafen, und als sie am Morgen erwachten, fühlten sie sich wie neu belebt. Towije und Elke verrichteten zuerst inbrünstig ihr Gebet, dann wusch diese den Kindern an einem vorüberrieselnden Bache das Gesicht, und, wie sie lächelnd sagte, auch den Schlaf aus den schönen, leuchtenden Aeuglein, dann schritten sie ihres Weges weiter, der sie — wenn auch für ihre Wünsche und Ungeduld zu langsam — den Grenzen des geliebten Heimatslandes näher führen sollte. „Wenn's Gott beliebt", sprach Elke beim Aufbrechen er» muthigend, „läßt er uns durch Tausende von Feinden und Fährllchkeiten glücklich in unsere Vaterstadt gelangen." „Gewiß", erwiderte Towije, „der Heilige, gelobt sei er, vermaqs — ob dies sein geheiligter Wille ist, wein ich nicht... Hoffen wir das Beste!" Drittes Capitel. Albrecht Wallenstein — wir wollen bei dem Namen bleiben, mit dem er zumeist genannt wird — zählt zu den wenigen Persönlichkeiten, die in ihrer Art vollkommen vereinzelt in der Weltgeschichte dastehen. Napoleon der Erste und Cromwell waren aus den Schultern ihrer Armeen emporgehoben worden; es hatte an einem Staatsoberhaupt gefehlt, es war ein solches unentbehrlich, einer mußte es eben werden, aber weder früher noch später hat es je einen Mann gegeben, der sich ohne jegliche Mithilfe aus eigener Kraft zu so schwindelerregender Höhe aufgeschwun'gen, als dieser böhmische Edelmaün, der sich eine Stelle und eine Stellung, wie sie früher nie bestanden, geschaffen, der nur durch die Macht seines Namens, jetzt schon das zweite Mal, zauberartig ein Heer geschaffen, ein Unterthan, der von seinem Kaiser, dem mächtigsten Monarchen der Welt, aufgefordert worden war, ihn vor seinen zahlreichen innern und äußern Feinden zu schützen, das erschlitterte Ansehen des Erzhauses in seinem vollen Glanze wiederherzustellen. Wallenstein hatte siegreich Deutschland und Oesterreich von einem Ende bis zum andern durchschritten, er Hütte am Belt, am Rheine, in Italien, Böhmen, Ungarn, die Feinde seines kaiserlichen Herrn geschlagen. Es gab in seiner Zeit nur einen einzigen Feldherrn, der ihm an Kriegsruhm gleichkam, sein glorreicher, edler Gegner, der Schwedenköuig Gustav Adolf. Wenn wir das Heer ausnehmen, an dessen Spitze Napoleon 1812 nach Rußland zog, wird es seit Weltbestehen kein zweites gegeben haben, das aus so zahlreichen Völkerschaften und so heterogenen Elementen zusammengesetzt war, als jenes des Herzogs von Friedland. In demselben befanden sich Böhmen, Ungarn. Oesterreicher, Baiern, Sachsen, Polen, Italiener, Wallonen, Schotten, sporadisch auch Engländer und Russen; — Katholiken, Evangelische beider Confessionen, Anglicanische, — in diesem Heere dienten Prinzen aus regierenden Häusern — und entlaufene Züchthaulssträflinge. Diese so eigenthümlich Seite 981 zusammengewürfelte Heeresmasse wurde nicht durch das Band eines gememscyaslttchen Vaterlandes, nicht durch das Band eines gememjchasttlcyen Glaubens, za nicht einmal durch das Band eines gleichen, gemelujchaslttcheu Interesses umschlungen, es wurde nur durch den kcasttgen Willen seines obersten Führers, des kaiserlichen Generalissimi, des Capo di axmo, wie er oft genannt wurde, und durch dessen furchtbare Strenge zusammengeyallen. Das ganze Heer, vom Generalfeldzeugmelster drs zuin letzten Fuhcknechr yerab, verehrte rn Wallenstem das Genre und vertraute mtt blindem Glauben seinen erprobten, beispiellosen Fähigkeiten, wohl auch seinem hellleuchtenden Glücksstern. Er hielt in ferner Armee die strengste Manneszucht. Regimenter, dre in der Schlacht nicht ihre Schuldigkeit gelhan, wurden mit furchtbarer Grausamkeit gestraft. Hatte eur Soldat den geringsten Verstoß gegen die Subordination bewiesen, oder in einer Provinz, welche aus Rücksicht geschont werden sollte, geplündert oder Gewaltthat verübt, war Wallenftem mit seinem strengen Unheil überrasch fertig, es lautete; „Henkt die „Bestie!" und war das Wort seinen Lippen entfahren, gab es keine irdische Macht, die für den Delinquenten eine Strafmilderung erlangt hatte. Dagegen belohnte er Jene, die ihm treu ergeben dienten, mtt beispielloser Frelgevigcett, und überhäusre sie mit Gold und Ehren. Er führte stets eme große Zahl goldener Kellen mtt sich, die er an jene Officiere, welche sich m einer Bataille auszeichuelen, sofort auf dem Schlachrsil.de verlheille, auch erhob er Einzelne in den Adelsstand. Eilten großen Thett der Contriduttouen, welche er m den eroberten ober niedergeworfenen Landen erhob, verschenkte er an seine Kriegsobersten, Officiere und Soldaten. Ein zeitgenössischer Schriststeller behauptete, er hätte den Rus gehabt, „daß er das wildrste Umhin oder der größte Kriegscapttäu fei, den die Welt heroorgebrachl." Sem ganzes Wesen rm Umgänge bizarr und abstoßend, hatte auch als Feldherr ein eigentt,tunliches Gepräge. Er vereinigte mtt mtlilärifchem Scharfblick auch jenen des Diplomaten. Er ahmte zuweilen Fabius Cunctatur nach, zuweilen ging er mit erstaunlicher Raschheit vor und erzielte mtt beiden Methoden glänzende Resultate. In seiner stolzen Ueberhebung hatte er einst zum Herzog Maximilian von Baiern gesagt: er würde ihm eine neue Knegsführung lehren. Man könne einen Feind auch ohne Schlachten zu schlagen dadurch vernichten, daß man ihm die Mittel zur Erhaltung seiner Armee entziehe, diese durch Hunger, Entbehrungen, aufreibenden Dienst, decimire, ohne hiebei die eigene Kraft vergeuden zu müssen. Wallenstein liebte es, überhaupt so viel Neuerungen und Aenderungen als nur möglich einzusühren, ja sogar die Art des Trommelschlages wurde bei semen Regimentern modificttt. Allein einem solchen Genie mußte man kleinliche Sonderbarkeiten Nachsehen. Er hatte auch epochemachende Neuerungen in der Kriegskunst eingeführt. So hatte er die Position, die er jetzt einnahm, in ungewöhnlichster Weise befestigt. Er schlug, wie zeitgenössische Schriftsteller berichten, ein Lager aus, „desgleichen man auf deutscher Erde noch nie gesehen." Es bestand nicht, wie bisher die meisten, aus zusammenhängenden Feldwerken, sondern aus solchen, die, von Strecke zu Strecke aufgerichtet, die tobten Winkel mit ihren Geschützen beherrschten. Da Wallenstein dem Artiüeriewesen die höchste Aufmerksamkeit zuwendete, wurden die Feldstücke auch von vortrefflichen Geschützmeistern bedient. Das Lager umschloß mehrere Dörfer, deren Baulichkeiten zum Theile zur Vertheidigung adaptirt wurden. Ebenso zweckmäßig war das Lager an einer Stelle durch Verhaue, an einer Seite durch weite Gräben vor einem plötzlichen Uebersalle geschützt. Die Soldaten waren zum Theil in Häusern, zum Theil in Lagerzelten untergebracht. Der Generaliffimus bewohnte ein von seinem Besitzer, einem sächsischen Edelmanne, verlassenes Landhaus, das aus einem Hochplateau in der Mitte des Lagers stand, so daß er von seinem Fenster aus jederzeit das Ganze überblicken konnte. Während der Herzog von Friedland, wenn er in seinem Palaste in Prag oder auf seinen Herrschaften residirte, mehr als königliche Pracht entfaltete, dreihundert alte Rassepferde in seinem Marstalle hielt, Pagen, Söhne der ersten Avelshäuser, in goldgestickten Sammtgewändern seines Winkes harrten, war er im Lager ein Muster von Einfachheit. Aber trotzdem war er von dem Nimbus seiner Feldherrngröße so umstrahlt, daß schon sein bloßes Erscheinen Furcht und Schrecken einflößte. Bor seinem Hause hielten heute zwei Arquebusirer mit Feuergewehr, Pickelhaube und kurzem Schwert, Wache. Es mußte in seiner

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