Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 Vevrrredtziptze WochenfchrM Seite 977 Man sieht, daß etwas glüht in diesem Stück und der Zuschauer sogleich vom ersten Anfang an in athemloser Spannung gehalten wird. Aber die ganze Kindsleichengeschichte ist ziemlich starker Tabak für die Nerven wenigstens solcher Menschen, die von der Poesie lieber holde und jedenfalls feinere Wirkungen erwarten. Anderseits kann der Verfasser mit Recht sagen: Ja, wenn ich ein Stück über die mittelalterlichen Judenverfolgungen schreiben und Euch den ganzen Greuel dieses Gemisches von Unsinn und gemeinen Jnstincten eines blut- und beutegierigen, abergläubischen Pöbels zeigen wollte, so konnte dergleichen nicht mit Rosenwasser geschrieben werden. Der Rabbi ist in Bacharach dem Tode entgangen, er flüchtet nach Frankfurt, wo er durch einen getauften Juden angeklagt und vor das Reichsgericht gestellt wird. Der Vorsitzende dieses Gerichtes ist der edle Reichsgraf Georg von Altenstekn, in dessen charakteristischer Art gewiß jeder Zuschauer im Meininger Theater sofort den Herzog von Meiningen selbst erkannt hat. Aber Georg von Altenstein war nicht sofort zur Stelle, so daß der Ankläger und Feind des Rabbi David, vr. Adalbert Barraß, Zeit und Gelegenheit gewann, den Rabbi peinlich zu verhören, d. h. foltern zu lassen. Und diese Scene scheint uns das Aergste, was einem im Theater kann zugemuthet werden. Barraß liebt Rabbi Davids Tochter, Lea. Schon diese fortgesetzte sinnliche Leidenschaft Einem Weibe gegenüber, das bereits eine halbe Leiche ist, infolge der furchtbaren Stürme, die über Lea hereingebrochen waren, hat etwas Unangenehmes für unsere Empfindung. Run soll aber Lea dadurch zur Hingabe an den schändlichen Dränger gebracht werden, daß man ihren Vater vor ihren Augen in die neben dem Kerker liegende Folterkammer binüberführt. aus welcher aldann bald sein Geschrei und Jammern (auch vom Zuschauer!) vernommen wird. Einer solchen peinlichen Scene gegenüber würde Lessing gewiß den Ausspruch wiederholt haben, den er in der Dramaturgie — wenn wir nicht irren — über Gerstenberg's „Ugolino" thut: „Mein Mitleid ist mir zur Last geworden." So weit soll es, unseres Erachtens, der dramatische Dichter nicht treiben. Versöhnend und erhebend ist jedoch der Schluß des Schauspiels. Die Unschuld Rabbi Davids hat sich herausgestellt, seine Ankläger fangen sich selbst in den Schlingen, die sie ihm legten. Freilich Lea stirbt und der Frankfurter Pöbel, der diesen Ausgang nicht wollte, setzt in Verbindung mit Flagellanten und allerlei in die Stadt eingedrungenem Raubgesindel (auch aufgestachelt von Rittern, die den Juden viel Geld schuldig sind), in Frankfurt selbst eine schreckliche Judenhetze mit Verbrennen der Synagoge u. s. w. in Scene. Doch der rettende Reichsgraf von Altenstein mit seinem Gefolge verhindert wenigstens, daß auch Rabbi David erschlagen werde. Und im Angesicht der brennenden Synagoge reichen sich der Rabbi, der tolerante Erzbischof und der großherzige Altensteiner die Hände zu einem Bunde, dessen Weiheworte Wahrheit, Liebe, Menschlichkeit sind. Man darf dieses Schauspiel nickt einfach ein Tendenzdrama zu Gunsten der Juden nennen. Denn der Verfasser hat in seinem Stück? die argen Fehler im jüdischen Volksckarakter keineswegs beschönigt, sondern dieselben sogar ungemein grell beleuchtet, so namentlich in den Gestalten des Frankfurter Banquiers Ben Baron und der Frau und Tochter desselben, Personen, die den Spott der Zuschauer herausfordern, indem sie Typen jüdischen Geldprotzentbums sind, unbarmherzig gegen das arme Volk, hochmüthig und dumm. Der Verfasser hat eben mit objectiver dichterischer Gerechtigkeit Lickt und Schatten nach allen Seiten hin weise vertheilt. Das Scklußergebniß allerdings ist ungefähr dasselbe wie das von Lessing's „Nathan"; wie könnte oder sollte es auch ein anderes sein? Was nun in poetischer Beziehung diesem Stücke seinen Rang anweist, das sind die meisterhaft gedichteten Bolksscenen, zum Theil in Frankfurter Mundart. An ihnen hat man auch beim Lesen vollen Genuß. Denn die vom Verfasier erfundenen Figuren sind lebenswahr und bringen in die oft so gräßliche Handlung woblthuenden Humor, so besonders die Dienstmagd Anna Maria Werner, die ein kostbarer Typus leichtsinnigster Liederlichkeit ist und bei der Aufführung von Frau Prasch- Grevenberg so wundervoll gegeben wurde, daß der Verfasser dieser Künstlerin in einer kleinen Vorrede zu seinem Werk seinen besonderen Dank ausspricht. Wie aber die Massenscenen mit technischer Meisterschaft aufzebaut sind, das kann freilich der Leser, je nach Maß seiner eigenen Bühnenkenntniß, nur ahnen. So viel ist gewiß, daß in dieser Beziehung ein hinreißenderes Bühnenwerk gar nicht denkbar ist. GorrespMllenLr'n. Wien. Der Tempelbanverein für den VIII. Bezirk versendet an die israelitischen Frauen nachstehenden Ausruf, den wir wärmstens befürworten. Geehrte gnädige Frau! Das hohe k. k. Finanz-Ministerium hat im Einvernehmen mit dem hohen k. k. Ministerium des Innern und dem hohen k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht uns mit hohem Erlasse vom 28. December 1893, Z. 50953 die Bewilligung zur Veranstaltung einer Gold-, Silber- und Effecten Lotterie behufs Beschaffung der Mittel für die Erbauung unseres Gotteshauses ertheilt. Wir erhoffen von der Lotterie, deren Abschluß binnen Kurzem erfolgen wird, eine ansehnliche Vermehrung unseres Baufondes. Es fehlen uns jedoch noch 1000 Treffer, deren Ankauf eine wesentliche Schmälerung unserer Lotterie-Erträgnisse herbeisühren würde. Die Frau ist die Verkörperung der Mildthätigkeit, darum wenden wir uns an Sie, und appelliren vertrauensvoll an Ihren Edelmuth und bitten Sie, geehrte, gnädige Frau, uns durch gütige Zuwendung irgend welcher, zu Treffern geeigneter Effecten in unseren idealen Bestrebungen gefälligst zu unterstützen. Jede Hausfrau besitzt derartige. für sie le'cht entbehrliche, für uns aber sehr werthvolle Gegenstände. Wir verfügen bereits über einen Fond von mehr als 70000 fl. und sind unserem Ziele nahe. Wir sind überzeugt. daß dieser Appell an Ihr edles Gemüth nickt fruchtlos verhallen wird, daß Sie unser Ansuchen nicht als Belästigung empfinden, daß Sie vielmehr die Gelegenheit, für die Hebung und Veredlung des jüdischen Cultus ein mildes Werk zu üben, mit Freuden begrüßen. Wir erbitten uns Ihre gütige Zusendung an unser Lotterie-Bureau: Wien VIll., Wickenb urg gasse Nr. 12. Die Liste der edlen Spenderinnen wird veröffentlicht. Hochachtungsvoll Für den Tempelbauverein des Vlll. Bezirkes der Stadt Wien- Lotterie-Abtheitung: VIll.. Wickenburqaasse 12 Dr. Moriz Güdeman n, Oberrabbiner der isr. Cultusgemeinde in Wien, Ebren-Präsident: Leopold Wo l ln er, Rabbiner des Bethaus-Bereines im VIll. Bezirke der Stadt Wien. Förderer des Vereines: Dr. I. S. B l o ch, Reichsraths-Abgeordneter. — Salo Cobn, Vorstandsmitglied der isr. Cultusgeminde in W ien,Börsenrath. — Max Flei sch er. Vorstandsmitglied der israel. Cultusgemeinde in Wien, Architekt. — Theodor Ritter v. Goldschmidt. Vorstandsmitglied der israel. Cultusgemeinde in Wien. k. k. Baurath und Gemeinderath. — S. H eit, Fabrikant und Ortsschulrath. — S. Heller, Director des israel. Blinden-Jnstitutes in Wien. — Moritz Karpeles, Vorstandsmitglied der israel. Cultusgemeinde in Wien. — Gustav Simon. Vicepräses der israel. Cultusgemeinde in Wien, Gemeinderath. — Michael Straffer. Börse-Effecten-Händler. Präses. — Leop. Guttmann. Fabrikant. Präses-Stellvertreter. — Dr. Med. Ludwig Weiß, Präses-Stellvertreter. — Dr. Sigmund Goldberger. Hof- und Gerichts-Advocat, Schriftführer. — Jacob Modern, Architekt, Schriftführer-Stellvertreter. — Hermann Beck, Chef der Firma Wilhelm Beck & Söhne, Caffier. — Isidor Mintz. Privatier, Controlor. — Max Adler. Fabrikant, Adolf Beck, Ch'ff der Firma Wilhelm Beck & Söhne, Moriz Huttrer. Hauseigenthümer. Josef M i t tl er. Kaufmann, Gustav P o l l a k, Chef der Firma Gustav Pollak^Bruder, Hermann P o l l a k. Kaufmann, Heinrich Rosenbaum, in Firma Brüder Rosenbaum. Ausschußmitalieder. — Wilhelm Beck. Privatier und Hauseigenthümer. Max Fleischer, Architekt, S. Steiner, Fabrikant. Revisoren. Lemberg. Der qalizischen Judenschaft ist in der Person des Präses der Lemberger Cultusgemeinde. Herrn Samuel H o r o w i tz, eine hohe Auszeichnung widerfahren. Herrn H oroWitz ist von Sr. Majestät dem Kaiser der Adelsstand verliehen worden. Man darf in diesem Acte kaiserlicher Huld einen Beweis der Anerkennung nicht allein für die großen Verdienste, welche sich Herr