Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 976 Vrstrrrrichtschr Wochenschrift Nr. 50 sich mit Eifer und Geschick den Verhältnissen des Landes anpassen, sich ernstlich mit der Erlernung der Landessprache befasien; aus Jünglingen und Mädchen, sogar Männern in vorgerücktem Mannesalter, die nach zehnstündiger Tagesarbeit unsere Abendschulen fleißig besuchen, nach verhältnißmäßig kurzer Zeit sich verständlich ausdrücken können und nach sünfjähriqemAufenth alte ihr Bürgerrecht erlangen. Welchen Gebrauch sie von ihrem Bürgerrecht in der letzten Wahl am 6. November gemacht haben, davon weiß unser „An Schulter und Lenden " hart geschlagenes Tammany eine traurige Mähr zu erzählen. Die zehn Wahldistricte unterhalb der Vierzehnten Straße, an der Ostseite, welche das russisch'jüdische Element einschließen, waren von jeher die Leibgarde von Tammany Hall gewesen, sogenanntes Stimmvieh, das der Pfeife seiner politischen Führer instinctiv folgte. Noch am Abende vor der Wahl rechneten unsere gewandten Politiker, welche bekanntlich die aus dem Stimmkasten hervorgehenden Zahlen im kleinen Finger haben, eine Majorität von 27.000 Stimmen für die Tammany-Candidaten aus. Am Tage nach der Wahl zeigte es sich jedoch, daß nicht allein die 27.000- Majorität in die Brüche gegangen war, sondern daß der Reform-Candidat, Bürgermeister Strong, 6613 über war. Die Campagne-Leiter haben sich somit diesmal um die Kleinigkeit von 33 613 verrechnet. „Und das haben mit ihren Stimmen die Ledrem voters gethan!" So lautete der einstimmige Commentar zum Siege der Reform-Candidaten in den Zeitungen aller Parteien. Ja, Niemand wußte es besser, als die Tammanyten, daß es vornehmlich die Uebrevs waren, von welchen sie über Bord geschleudert wurden. Um dieses Resultat zu Stande zu bringen, mußten aber auch während der Wahlschlacht große Anstrengungen mittelst Wort und Schrift gemacht werden. Flugschriften (Jargon, hebräische und englische) wurden zu Tausenden vertheilt und begierig gelesen. Die Bussian American Hebrew Association (eilte Besprechung derselben behalte ich mir für einen meiner nächsten Briese vor) sandte ihre besten englischen und Jargon-Redner nach den Abeudversammlungen, um die politischen Fragen zu erörtern und die Bestrebungen der Reformpartei auseinanderzusetzen. Einer dieser Herren hat in nicht weniger als vierzig Meetings Reden gehalten. Unsere Reform Sanhendrin hat der genannten Gesellschaft seinen Dank für ihre Leistungen ausdrücken lasten. Das Wort Rabbi Sera's: Awira de erez Jisrael machkim paßt viel besser für Amerika. Die Luft Amerikas schafft praktische Menschen. Kaum gelandet, bringen unsere russischen Glaubensbröder ihre Kinder nach den öffentlichen Stadtschulen, nach jenen Werkstätten, in welchen die Kinder aller Herren Länder ihre ausländischen Kanten und Ecken abstoßen, sich da amerikanisiren und als abgerundete Amerikaner herauskommen. In den zwölf öffentlichen Schulen (public sckools) der genannten Distriete bilden die jüdischen Kinder eine große Majorität, ja in einigen 97 Percent, so daß an jüdischen Feiertagen (an Sabbathen sind unsere Schulen geschlossen) die Zahl der Lehrerinnen oft größer ist, als die der Schüler. Daß die kleineren Knaben und Mädchen, welche in der alten Heimat in einem dumpfen Cbeder gesessen, unsere herrlichen Schulen bald liebaewinnen und sich da auszeichnen, brauche ich nicht erst zu erwähnen. Sie kommen übrigens auch gar nicht so unwissend herüber, denn ein neunjähriges Bübchen beherbergt in seinem jungen Köpfchen wenigstens zwei Bücher Moses mit Raschi, manchmal auch noch einige Abschnitte aus Baba Mezia. Für unsere Stadtschulen sind sie jedoch wie taubstumme Kinder, da sich Lehrer und Schüler nicht verständigen können. Wie und wo sie ihren Vorbereitungs-Unterricht erhalten, werde ich Ihnen in meinem nächsten Briefe mittheilen. Mi Jodea. Ein Drama über Judenverfolgung. „Rabbi David". Schauspiel in 5 Aufzügen von P. W. N. v. S. Zum ersten Male aufgefülrt am 4. März 1894 am Hoftheater in Meiningen. (Leipzig, Reclam-Universalbibliothek, Band 3271.) Der vortreffliche Schweizer Schriftsteller und Bühnendichter Dr. Josef Victor Widmann in Bern schreibt: „Das eine Judenverfolgung zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts in denkbar spannendster Weise vorführende Schauspiel „Rabbi David" wurde dem Herzog von Meiningen anonym eingereicht und trotz solchem auch in der Folge sestgehaltenen Jncognito des Verfassers zur Aufführung angenommen, indem der Scharfblick des theaterkundigsten deutschen Fürsten sofort erkannte, daß hier ein unvergleichlich gutes Bühnenwerk vorliege, die Kunstschöpfung eines Poeten, der sich auf Theaterscenen und Theaterwirkungen wie kaum sonst irgend Jemand verstehe. Die Aufführung (am 4. März 1894) gab dem Herzog Recht. Die Wirkung war eine nie vorher erlebte. Zehn Minuten lang nach Schluß» der Vorstellung verharrte der gesammte Hof, an der Spitze der Herzog, und das Publicum des ausverkauften Hauses im Theater und verlangte stürmisch nach dem Autor. 21 Mal mußte der Vorhang in die Höhe gehen und immer hoffte man, der auch dem Herzog unbekannt gebliebene Verfasser würde sich endlich zeigen. Vergebens. Die Bühne blieb leer. Auch aus den nun auf dem Titel stehenden, vielleicht absichtlich irre führenden Anfangsbuchstaben kann man nicht wissen, wie der Verfasser heißt. Wer er aber ist, läßt sich doch einigermaßen feststellen. Er ist ein Mann von hoher Idealität und Humanität und ein Dichter, der vor Allem für solche Gesinnung Zeugniß geben wollte. Seinem Drama hat er folgende Verse als Geleitworte mitgegeben: So stehen jetzt aus Tod und Leben Wir alle vereint, die auf unsichtbarem Geister-Rütli den Eid geleistet'. Die übermüthige Tyrannei Des frechen Materialismus zu stürzen, Welcher, die Fahne der Freiheit entehrend, Heuchlerisch wüste Anarchie, Wie im Leben der Völker, auch Auf des Parnasses heiterm Gipfel Entfesselt und mit verpestendem Nebel Das Ideal, die Sonne der Menschheit, Verschwärzt als „überwundenen Standpunkt", Damit sein phosphorisches Glimmen der Fäulniß Als Licht erscheine! Aber der Herr läßt sein nidjt spotten! Und über zerschmetterten Baalsaltären Bald leuchtet wieder die alte Sonne". Diese Verse enthalten für den sie voll Verstehenden nicht blos ein Glaubensbekenntniß der allgemeinen Weltanschauung, sondern auch eines der poetisch-literarischen Ueberzeugung. Der Verfasser des „Rabbi David" freut sich, in der Nachfolge Schiller's zu wandeln und hält die auf Ibsen zurückgehende moderne Richtung, wie7 sie namentlich in den ersten Dramen Hauptmann's und anderer norddeutscher Dichter einen oft so cynisch brutalen Ausdruck fand, für eine arge Verirrung. Ihn selbst aber muß man deshalb keineswegs für zimperlich und ängstlich halten in Bezug auf die Mittel, die im Theater die Zuschauer packen. Im Geqentheil können wir ihn in dieser Hinsicht nicht von dem Vorwurfe frei sprechen, daß er im Grausenhaften dem Zuschauer manchmal zu viel zugemuthet hat. Das Stück fängt gleich mit zwei Leichen von neugeborenen Kindern an. Die junge Magd Anna Maria Werner hat ihr heimlich geborenes uneheliches Kind in dem Brunnen, im Hause des Rabbi David zu Bacharach, ertränkt. Ihr Geliebter, Knecht bei Rabbi David, ein gewisser Joel, zu dem sie unter Andern sagt: „Du mußt jetzt helfen, Du bist ja der Vater von der Kindsleich'", gibt ihr den Gedanken ein, sich ganz offen zu der Geburt des Kindes zu bekennen und in der Stadt herum zu schreien, die Juden hätten es ihr gestohlen, um einen Ritualmord auszuführen. Joel will sich hiedurch an Rabbi David und den Juden rächen, da er gewisser Schlechtigkeiten wegen von Rabbi David war bestraft worden. Nun hat aber unglücklicherweise auch die Tochter des Rabbi heimlich ein Kind geboren, die Frucht eines Verhältnisses mit dem Bürgermeisterssohne von Frankfurt a. M. aus der Zeit, während welcher ihr Vater monatelang abwesend war. Dieses Kind hatte sie, damit der heimkehrende Vater es finde und ihr hiedurch das .erste Geständniß erleichtert werde, in die Bibliothek des Rabbi gelegt. Dort wird es von Joel entdeckt, der nun rasch an der Leiche den Schächterschnitt vollzieht. Da Lea in der Folge nicht den Muth findet, sich zu dem Kinde zu bekennen, wird es für das Kind der Magd gehalten und nun besteht kein Zweifel mehr, daß die Juden einen Ritnalmord ausgeführt haben. Der erste Act schließt damit, daß der Pöbel in Bacharach ihre Häuser stürmt und niederbrennt.