Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 974 Vrflrrrrlchtptzr rpochenptzrtfl ^Lr. 50 aber ist es das Erste, was Jemand thut, wenn er durch Bildung oder Reichthum in die Höhe kommt, daß er sich möglichst zurückzieht und darnach strebt, sich bei den Christen „beliebt" zu machen. Geht es nun ein Bischen schon zu bunt und beginnt der Wind auch in ihre Salons ein wenig hineinzupfeifen, dann erbetteln sie bei den edleren Elementen der Christen, daß diese sich zu einem Abwehroereine für die Juden zusammenthun. Und diesen Tugenden haben wir es auch jetzt zu verdanken, daß der Ausschuß des Abgeordnetenhauses in seinem Eifer für die christliche Religiosität (den Jeder übrigens an und für sich für berechtigt anerkennen muß) an unsere Religion ganz vergeffen und dieselbe an ihrer empfindlichsten Stelle Lödtlich getroffen hat. Nun sind wir doch endlich aus unserem unseligen Fatalismus erwacht und beginnen um Rettung zu rufen, es ist schon sehr spät, aber noch nicht zu spät. Wir können nicht glauben, daß Regierung und Reichsrath jetzt, wo ihnen das in dem vom Ausschüsse beschlossenen Gesetze enthaltene sacrilegium und Attentat auf die Rechte und Existenz von einer halben Million Seelen — zum Bewußtsein gelangt, aus Hartnäckigkeit oder Liebedienere: gegenüber dem Dutzend Terroristen bei der gegenwärtigen Fassung des Gesetzes beharren werden, hoffen vielmehr, daß man schon die richtige Formel finden werde, um die glaubenstreuen jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden von dem Zwange durch zwei Tage wöchentlich zu feiern, zu befreien, was insbesondere dadurch leicht möglich sein wird, als ja das erwähnte Gesetz selbst heute schon den Landesregierungen resp. Landtagen die Statuirung gewiffer Ausnahmen und Abwechslungen gestattet, so daß nichts im Wege steht, ihnen auch zu Gunsten der sabbathfeiernden jüdischen Gewerbetreibenden die nothwendige Statuirungsfreiheit zu gewähren, wenn man es nicht vorzieht, diese Eximimng gleich von Rechtswegen auszusprechen. Damit aber diese Hoffnungen sich realisiren, ist es Pflicht der Juden aller Länder und speciell der Cultusgemeinden und Seelsorger, die begonnene Action sortzusrtzen und auss Energischeste zu Ende zu führen. Jene Gemeinden -und Corporationen, die noch keine Petitionen abgesendet haben, muffen sich beeilen dies ehestens zu thun. Damit allein ist aber noch nicht Alles gethan. Es müssen Deputationen an die Regierung und das Parlament, ja wenn nöthig bis vor den Thron unseres gerechten Landesvaters aus allen Ländern unserer Monarchie entsendet weiden. Die ehrliche Presse aller Schattirungen möge sich unser annehmen, denn was wir fordern: die Respectirung eines heiligen Gottesgebotes bringt Niemanden Schaden und soll eine halbe Million um ihre Existenz ohnehin schon schwer ringender Menschen vor gänzlicher Vernichtung retten. Wer ruft, dem wird geantwortet, wer um sein Recht kämpft, dem muß sein Recht werden, wer aber in feiger Weise sich selbst ausgibt, der hat nicht nur das Recht auf Existenz, sondern auch auf die Achtung seiner Mitmenschen verwirkt. Da wir für eine gerechte und heilige Sache kämpfen, wird uns hoffentlich Hilfe und Rettung zu Theil werden. — Das walte Gott! Jaroslau. Dr. Blumenfeld. Briefe aus KuMand. n, Die Trauerzeit ist vorüber und Freude herrscht im russischen Reiche, eine wahre aufrichtige Freude, nicht eine „von Amtswegen", nicht eine auf Commando ... Alle Einwohner, wollte sagen Unterthanen, des mächtigen Czarenreiches, haben ihre nicht sehr abgetragenen Traucrgewänder abgelegt, der Trauerrand der Zeitungen ist verschwunden, und die kaum ausgetönten Trauerglocken läuten zu Fest und Jubel. Auf die allerhöchste Bestattung folgt die allerhöchste Vermählung, und dieses Fest feiert ganz Rußland freude- und hoffnungsvoll . .. Auch die jüdische Bevölkerung des großen Reiches hat den Freudentag unseres erhabenen Monarchen in Jubel und Fröhlichkeit, in Gebet und Wohlthätigkeit begangen. Besonders schön gestaltete sich die Feier der Petersburger jüd. Gemeinde, die an diesem Tage ein Festmahl für die recht zahlreichen Zöglinge der Gemeindeschulen und des jüdischen Waisenhauses arrangirte und an die unbemittelten Schüler und Schülerinnen Winterbekleidung und Schuhe vertheilte. Außerdem hat der Gemeindevorstand zur Erinnerung an diesen Frevdentag vierarme Mädchen auf Gemeindekosten verheiratet und ihnen eine anständige Mitgift und Ausstattung gegeben. Das Gerücht von der Sistirung der Ausweisung der Juden aus Jalta, welches Gerücht übrigens in die meisten russischen Blätter übergegangen war, — hat sich leider nicht bestätigt. Aber nichtsdestoweniger steigt die Hoffnung auf bessere Zeiten von Tag zu Tag. Die vox populi, die unserem jungen Herrscher edle Gesinnung und humane Gefühle zuschreibt, scheint doch kein „falscher Alarm" zu fein. Zum Beispiel hat der junge Monarch anbesohlcn, daß bei der Speisung der Armen, die am Bestattungstage des seligen Kaisers und ebenso am Vermählungstoge auf Staatskosten in der Residenz stattfand, kein Unterschied unter den Confessionen gemacht werde, und thalsächlich hat man für die jüdischen Armen „koschere" Tische an verschiedenen Punkten der Residenz eingerichtet. Auch aus der Provinz kommt die Nachricht daß manche Gouverneure (z. B. der kurländische), den Vorstehern der jüd. Gemeinden recht ansehnliche Summen aushändigten, um an den genannten Tagen die jüd. Armen zu speisen. (Uebrigens haben die Juden in der Residenz und in den meisten Provinzstädten auch aus eigenen Mitteln eine Speisung der Armen veranstaltet, an der recht viele christliche Arme theilnahmen.) Wie ich im vorigen Briefe mittheilte, ist unsere antisemitische Presse seit der Thronbesteigung unseres jungen Mo. narchen ganz kleinlaut geworden. Und in der vorigen Woche haben wir die Genugthuung gehabt, daß die „Nowoje Wremja" „sich selbst durchprügelu" mußte. Bekanntlich ist die sogenannte jüd. Exploitation ein Lieblingsthema des genannten Blattes, wie der grsammten Hetzpresse. Unaufhörlich donnern sie gegen die jüd. Gewinnsucht, gegen die ausbeutenden, betrügerischen, demoralisirten jüd. Kaufleute, und unaufhörlich betheuern sie, daß z. B., dank den bettügerischen Manipulationen der jüd. Exporteure, das russische Getreide das Vertrauen der ausländischen Märkte verloren hätte oder, wie sich die „Nowoje Wremja" noch vor einigen Monaten ausdrückte, daß „dank den jüd. Kaufleuten der russische Handel in der ganzen Welt durch seine Unreellität berüchtigt wurde." — Nun wußte zwar Jeder, der seine nationalökonomischen und handelswissenschaftlichen Kenntnisse nicht von den Gelehrten der antisemitischen Presse bezieht, daß jene Insinuationen und Denunciationen nicht nur erlogen, sondern auch absurd sind. Aber doch finden sich Unzählige (hauptsächlich Solche, die gerne einen Sündenbock für ihre eigene Unreellität oder Untüchtigkeit finden möchten), die an das Märchen von der „Abschlachtung" des christlichen Handels durch die Juden, ebenso wie an die Abschlachtung der Christenkinder durch die jüdischen „orthodoxen Secten" glauben. — Nun fällt es aber dem russischen Finanzminister in einer unbewachten Stunde plötzlich ein, dieses so schöne und altehrwürdige Märchen in Nichts zerstieben zu lassen und den wahren Grund des Niederganges des russischen Handels aufzudccken. Das ministerielle Organ „Westnik Finanffow" (Der Finanzbote), die Mißerfolge des russischen Handels auf den asiatischen Märkten besprechend, sagte kürzlich ausdrücklich: „Die Ungewissenhaftigkeit des Moskau'sch en (d. h. des rechtgläubig-russischen") Handels discreditirt die