Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 970 Vrflerrelchixche Wochrnkchrtft Nr. 50 Es gibt also neben der Vergani- und Lehrner- Moral auch eine Schönere r-Moral. Armer Georg M a r t y r i u s' Er ist jetzt in Gefahr, vom Drachen, den er großgezogen, aufgefressen zu werden! „Jüdischer Christenhaß." Draußen an den Abhängen des Galizynberges und am Alseck finden sich noch die Reste jenes blühenden Weinbaues, der einst dicht unter den Mauern der alten Kaiscrstadt betrieben wurde. Die Weinbauern von Ottakring und Hernals sind freilich nicht auf Rosen gebettet. Die Stadt dehnt sich immer weiter aus und manches gute Weinland ist bereits in Baugründe umgewaudelt worden, Dazu kommen noch die Verheerungen der Reblaus, welche in den letzten Jahren auch hier argen Schaden angerichtet hat. Den Kampf ums Dasein haben auch die Ottakringer Hauer zu spüren bekommen und die bedrängte Lage derselben haben die christlich-socialen Hetzapostel für ihre selbstsüchtigen Zwecke zu benützen gesucht. Das „Deutsche Volksvlatt" spielte sich als specifisches Organ der W-inbautreibendcn auf und die Herren Liechtenstein und Genossen versprachen den ’ Letzteren das Blaue vom Himmel herunter und suchten auch in ihnen die Ueberzeugung zu wecken, daß alle wirlhschaftliche Roth von den Juden herstamme.' Aber die glänzenden Verheißungen der Christlich-Socialen haben sich nicht erfüllt, denn die Reblaus macht keinen Unterschied in derpolitischen Gesinnung der Weingartenbesitzerund die Liechtenstein und Genossen sind wohl stark im Versprechen, aber wenn cs sich um Thaten, um werkthcitige Hilfe handelt, weiß man sie nirgends zu finden. Das zeigte sich bei Gelegenheit des furchtbaren Hagelschlages, von welchem im Juni d. I. die Gefilde von Ottakring und Hernals heimgesucht wurden. Die christlich-socialen Phrasenhelden, die angeblichen Gönner und Förderer der Weinbautreibenden hielten angesichts des Unglückes, welches die Ottakringer Hauer betroffen halte, ihre Taschen zu, während von fortschrittlicher Seite bedeutende Summen zur Unterstützung der Nothleidenden gespendet wurden. An der Spitze der Hilssaction stand insbesondere ein Mann, dessen segensreiche Wirksamkeit in Ottakring auf Schritt und Tritt zu bemerken ist und unvergängliche Spuren zurücklassen wird, ein Mann, der, obwohl Jude, stets eine offene Hand für die Bedrängten und Bedrückten hat und in der Betyäugung seiner Menschenliebe keine confessionellen Unterschiede kennt, der Brauereibesitzer Herr Ignaz K u j f n e r in Ottakring. Und vor Kurzem ergab sich ein zweiter Anlaß, bei welchem Herr K ufsner den Ottakringer Weinbauern gegenüber seine hochherzige Gesinnung bekundete. In Ottakring hatte sich ein Vercin von Hauern gebildet, welcher daranging, zur Bekämpfung der Reblaus einen. Versuchs wein garten anzulegen. Der Bereinsvorstand wendete sich an das Schottenstift, welches daselbst weite Gründe sein Eigen nennt und bat um Uebcrlaffung eines Grundstückes für den erwähnten Zweck. Die Verwaltung des Stiftes erklärte sich hiezu gegen einen jährlichen Pachtschilling von ca. sl. 160 bereit, forderte aber, daß das Grundstück einen Milchmeier, der dasselbe gepachtet hatte, abgelöst und eingeplankt werde, ohne daß die Pachtdauer durch einen Vertrag festgesetzt werden dürfe. Die Eiuplantung hätte ca. sl. 1000 gekostet, ein Betrag, den die armen Hauer nicht aufzubringen vermochten. In ihrer Roth wendeten sie sich an Herrn Ignatz K u f f n e r. Derselbe gab dem Ansuchen der Hauer ohneweiters m'it der größten Bereitwilligkeit Folge. Er erklärte, daß es sich hier um ein ösfentliches Interesse handle und stellte dem Vereine anheim, von seinem unterhalb der Sternwarte befindlichen Gründen so viel zu nehmen, als er brauche. Herr Kufsner verlangte hiefür lediglich als eine Art Recognitionszins einen jährlichen Pachischilling von sl. 5. sage fünf Gulden, und zeigte sich auch bereit, den grössten Theil des für die Einplankung erforderlichen Betrages aus seiner Tasche zu bestreiten. Der Verein hat den Grund, wohl gewiß ein Joch, wenn nicht mehr, auch schon übernommen und regr.lt. Das ist ein Act werklhätiger Menschenliebe, wie wir ihn in der Geschichte der christlich-socialen Bewegung vergeblich suchen. Die Ottakringer Weinhaner wissen mm,, wo sie ihre wahren und ihre falschen Freunde zu suchen und was sie von dem Hetzrufe der Liechtenstein und Genossen zu halten haben. Dr. Battisti's Glück und Ende. Gelegentlich der Reichsrathswahl des Prinzen Liechtenstein in Ottrakring trat bekanntlich der KatechetDr. Georg B a t t i st i als einer der leidenschaftlichsten Agitatoren desselben auf und vondaanblieber einer der bekanntesten christlich-socialen Rednerim prü sterlichen Gewände, er zog von Wirthshaus zu Wirthshans und begann auch leidenschaftlich hem Kartenspiele zu huldigen. Eine Disciplinaruntersuchung, die vor einigen Monaten gegen ihn angestrengt wurde, förderte außerdem zutage, daß ihm das Haus einer Witwe, deren Töchter er unterrichtete, verboten worden war, weil er zwischen Mutter und Töchtern Unfrieden gestiftet hatte; und daraufhin entzog ihm zu Beginn des heurigen Schuljahres das Consistorium zuerst die Besugniß zur Ausübung geistlicher Uebungen und in weiterer Folge wurde er vom Bezirksschulrathe seines Lehramtes verlustig erklärt. Nach diesem Schlage zeigte.er sich einmal noch in der größeren Oeffentlichkeit, indem , er sich nämlich, wie eine Localcorrespondenz meldet, an der l Lueger-Feier betheiligte. Er nahm damals einen Fiaker und | fuhr zur Votivkirche, von dort zum Feste im Dreherpark und spät Nachts in seine Wohnung — mußte jedoch dem Fiaker! den Fahrlohn schuldig bleiben. Als am nächsten Morgen der Fiaker Furch heim er in seiner Wohnung erschien, um sein Geld zu fordern, fand er den Gesuchten nicht zuhause; Battisti hatte sich, ohne das Bett ausgesucht zu haben, gleich wieder aus seiner Wohnung entfernt und ist seitdem nicht mehr in dieselbe zurückgekehrt. Wenige Tage darauf traf Furch, h e i m e r den Exkatecheten zufällig in dem Einkehrwirths- ' Hause „zum Fasset" auf dem Lerchenseldergürtel und erfuhr, daß Dr. B atti sti dort schon drei Tage nacheinander, vor Kälte zitternd und nur mit einem dünnen Sommeranzuge bekleidet, zu erscheinen pflegte; er hatte seinen Ueberrock verkauft, um leben zu können. Mit dem Kellner fand er sich ad, indem er ihm als Deckung für die kleine Zeche seinen alten Regenschirm und eine Nickeluhrkette zurückließ. Wie er sich mit dem Fiaker auseinandersetzte, dem er auf die Straße folgte, ist nicht bekannt. Battisti irrte von da ab ohne bestimmten Wohnort herum, er übernachtete in kleinen Hotels, dann in Herbergen und wurde vor einigen Tagen gar als — unterstandslos aufgegriffen, jedoch mit Rücksicht auf seinen Stand wieder entlassen. Wo sich Dr. B a t t i st i derzeit aufhält, weiß man nicht, polizeilich ist er nicht gemeldet. Wucher bei Christen und Juden im 16. Jahrhundert. Der soeben ausgegebene 8. Band von Janssen's „Geschichte des deutschen Lölkes seit dem Ausgang dez Mittelalters", Freiburg i. B., Herder, im Wesentlichen noch ein Werk des verstorbenen Verfassers, ergänzt und herausgegeben von L. Pastor ist für Professor Ludwig Geiger Veranlassung, aus dem vorstehenden Werke einige Daten über den Wucher in der „Allgemeinen Zeitung der Juden" zusammen zu stellen. Christen wucherten damals so sehr wie die Juden. Protestan-' tische Prediger wagten nicht, entschieden gegen den Wucher aufzutreten, um sich nicht bei ihren Gemeindeangehörigen mißliebig zu machen. Adelige bewucherten ihre eigenen Bauern, so daß Einzelne 15 bis 40 Gulden Zins vom 100 forderten und erlangten. Besonders schlimm war es von den protestantischen Ländern in Pommern und Schleswig-Holstein, von katholischen in Baiern. Im letzteren Lande und auch sonst, in Städten und auf dem platten Lande, trieben auch die Juden Wucher. Die Zeugnisse dafür sind bekannt und werden jetzt noch mehr als früher von Judenfeinden allerorten gebucht. In dem Treiben der Angehörigen beider Religionen mag also kein wesentlicher Unterschied gewesen sein; der Hauptunterschied bestand nur darin, daß die Inden mit Geld-und Leibesstrafen belegt, häufig genug getödtet oder des Landes verwiesen wurden, während die Christen straflos ausgingen oder unmerkliche Züchtigungen durch die Strafreden der Prediger empsingen. Zwei solcher Strafreden führt Janssen an; sie verdienen auch in den Kreisen, in die sein Buch nicht dringt, bekannt und verbreitet zu werden. Die eine rührt von dem Jngolstädter Prediger Wilhelm Sartorius her (1585) und lautet: „Mit den Christen soll inan, wie viele Weltweisen wollen, fein sachte thun, wenn vom Wuchern und wucherlichen Partiten und Contracten die Rede kommet; nur die Juden soll man schimpfiren, mit Füßen treten, ihnen alles Unglück aus den Hals wünschen, sie als Feinde Gottes und der Menschen verspeien. Mit Verlaub, Herr Gevatter und christlicher Wucherer: ich halt dafür, daß die getauften Juden viel ärger und ärgerer Strafe schuldig sind denn die nngetauften, und daß das gottlose Laster des Wuchers so von den Juden auf die Christen übergegangen, von diesen heftiger denn von jenen geübt wird." Die andere Stelle findet sich in der Schrift von Georg Engelhardt L ö h n e iß, Aulico- Politiea, Remlingen 1625. Sie konftatirt im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts Zustände, die sich allmählich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hatten, und hat folgenden Wortlaut: „Der Wucher bat also überhand genommen, daß auch vornehme, ansehnliche Leute mit solchem schändlichen Laster insicirt sind, und muß man diese Wucherer mehr ehren und