Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-14 · 50 (14.12.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021058--04115-3028285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 Orstrrrrichilchr Wochenschrift Seite 969 diten st reiche! Bei der Thal scheint Dynamit angewendet worden zu sein, denn Pulver hat kaum eine solche Kraft wie sie hier zu Tage getreten ist. Anzeige bei Staatsanwalt und Negierung ist erstattet." Antisemitische Cravatten. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Redacteur! Mein Sohn Ludwig H änig ist Commis in der Cravattenbranche. Vor Kurzem offerirte er sich der Firma „Brüder Matura." Cravatten- Fabrik I. Rabenplatz, und erhielt mittelst Schreibens vom 19. November d. I. die Aufforderung, sich persönlich vorzustellen. Er wurde acceptirt und die Modalitäten seiner Anstellung in erschöpfender Weise vereinbart. Nachdem alle Einzelheiten besprochen waren, fragte ihn zum Schlüsse der verhandelnde Chef, ob er „etwa Jude" sei. Auf die bejahende Antwort meines Sohnes wurde Herr Matura plötzlich auffallend kühl und erklärte dem jungen Manne, er werde ihm brieflich bekanntgeben, an welchem Tage er seinen Posten antreten könne. Am folgenden Tage kam jedoch eine Postkarte, in welcher die Firma „Brüder Matur a" meinem Sohne mittheilte, er möge auf den Posten nicht reflectiren. Am 22. November erschien im „Neuen Wiener Tagblatt" ein Inserat der genannten Firma, in welchem dieselbe einen Commis (eingeschaltet: „Christ") suchte. Es ist demnach offenbar, daß die Firma, deren Kunden fast ausschließlich jüdische sind, den mit meinem Sohne abgeschlossenen Vertrag nur deshalb löste, weil er Jude ist. Ich bitte Sie. geehrter Herr Redacteur, diese Gesinnungen der Firma: „Brüder Matura" zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, damit die jüdischen Geschäftsfreunde dieser Herren sich darnach richten können. Hochachtungsvoll Samuel Hänig. II. Pazmanitengasse 20. Jüdische Arbeitgeber. In der Malzfabrik von Klatscher & Löwy in Smichow bei Prag starb vorigen Monat der daselbst bediensiete Maschinist (ein Christ) und hinterließ eine Witwe nebst unversorgtem Kinde. Die Witwe, aller Mittel entblößt, mußte sich mit dem trüben Gedanken vertraut machen, die Wohnung zu räumen, was für dieselbe noch den Nachtheil gehabt hätte, daß sie ihren kleinen Kundenkreis, den sie als Kleidernäherin hatte, und dadurch ihren Nahrunqszweig verloren hätte. Wer beschreibt jedoch die Ueberraschung dieser armen Frau, als ihr von den biederen Herren Klatscher & Löwy Wohnung, Licht und Beheizung noch für geraume Zeit belassen wurden. Die Chefs waren bei dem Leichenbegängniffe ihres Arbeiters anwesend und trafen persönlich Anstalten, dasselbe zu einem würdigen zu gestalten. Auch der Verwalter, ein Jude, stand der Witwc in den trüben Stunden mit Rath und That zur Seite. So handeln jüdiiche Arbeitgeber gegen ihre Arbeiter! Rohbeit und Verwilderung. Der Vertrauensmann eines Humanitären Vereines wurde beauftragt, sich über die Bedürftigkeit eines Unterstübungswerbers zu unterrichten, der weit draußen in einer versteckten Gasse der Brigittenau wohnt. Verlumpte Rangen trieben sich vor den Hausthoren herum und begrüßten den Fremden mit dem Zuruf: „Jud! Jud!" und gaben ihm das Geleite bis an sein Ziel. Dort in der verwahrlosten Wohnung e-nes Handwerkers wurde der Unbekannte von dem hoffnungsvollen Stammhalter, einem etwa zehnjährigen Strolch, mit den Worten empfangen: „Schon wieder so a S..jud da!" Natürlich verrichtete der Samaritaner unter solchen Umständen auf die Erfüllung seiner Mission. Ob sich Schneider oder Lueger der unverschämten Armen angenommen hat, davon schweigt die Geschichte. Pöbel aus der Gesellschaft. Einige Wiener Blätter brachten dieser Tage die Schilderung einer empörenden Scene in einem Vergnügungs-Etablissemcnt. Einige antisemitische Radfahrer (Mitglieder eines großen Wiener Bicycle- Clubs) hatten nämlich ihrem Arierthum allzu lauten Ausdruck gegeben, und einer der Helden gab schließlich eine ritterliche Kraftprobe zum Besten, indem er eine junge Dame ohrfeigte. Herr K.. . . s, der erste Held dieser Scene, ist zwar bisher noch immer Mitglied seines Clubs, doch dürfte die Sache für ihn und die anderen antisemitischen Excedenten nebst dem gerichtlichen noch ein unangenehmes Nachspiel in ihrer Radfahrgesellschaft haben, da ein Mitglied des betreffenden Clubs und eine der capitalskräftigsten „Stützen dieser Gesellschaft" Baron N. Rothschild heißt. Arische Lebensmittelfälschungen. Von Woche zu Woche mehren sich die Gerichtsverhandlungen gegen arische Lebensfälscher. So wurden am 6. d. M. vom Strafrichter Dr. Ger st mann in Hernals nicht weniger als sieben Personen wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit abgenrtheilt. Im Gasthauslocale des Franz I e s ch i n a, wo häufig Concerte und Tanzunterhaltungen gegen billiges Entröe stattfinden, wird ein Bier ausgeschenkt, das, nach dem Befunde der Marktcommissäre, nebst „H an sel" auch Cigarren st um mel, Zahnstocher und dergleichen enthält. Der angeklagte Wirth bestritt zwar, „Tropfbier" als Zusatz zu verwenden, gab jedoch zu. daß mitunter Abzugbier zum Lagerbier nachgegoffen werde. Derftaatsanwaltschaftliche Funccionär erklärte nun, er dehne gegen I e s ck i n a auch die Anklage in der Richtung des Betruges aus. Der Richter erkannte den Gastwirth nach beiden Richtungen hin schuldig und verurtheilte ihn zu einer Geldstrafe von zweihundert Gulden. — Der Fleischselcher Anton Otta wurde angezeigt, daß er am 9. November in seinem Locale circa zwei Kilo total verdorbenen Selchfleisches feilhielt. Er wurde in contumatiam zu fünfzig Gulden G e l d st r a fe, eventuell zehn Tagen Arrests verurtheilt. — Diesem folgte der Gastwirth Richard Weber, der wegen Beimengung von „Hansel" zum Biere zu einer Geldstrafe von fünfundzwanzig Gulden verurtheilt wurde. — Beim Fleischselcher Rudolf Wenzel wurden gelegentlich einer am 29. v. M. vorgenommenen Revision gegen vierzehn Kilo verdorbenes Selchfleisch und verfaulte Würste beanständet. Er erhielt eine Geldstrafe von zwanzig Gulden. — Wegen einer ähnlichen Beanstandung verhängte der Richter über den Selcher Florian Karpel eine Geldstrafe oon zehn Gulden. — Endlich wurden die Gastwirthin Theresia M u n s ch und der Gastwirth Johann P r ü g e r Weden Verabreichung hanselhältigen Bieres verurtheilt, und zwar Erstere zu fünfundzwanzig Gulden, Letzterer zu zehn Gulden Geldstrafe. Ein Arier aus Sachsen. Berlin, 3. December. .Gestern Abend wurde an der 6jährigen Anna Mo sler ein scheußlicher Lustmord im Parke der Lazarus-Kirche verübt. Der Mörder, ein Schuhmachergehilfe Ernst Bischof aus Großenhain in Sachf e n. wurde verhaftet. Der Tbäter ist 24 Jahre alt. Die Sachsen sind bekanntlich die eigentlichen Antisemiten Deutschlands und ihre arische Sittlichkeit zeigt sich bei jeder Gelegenheit im reinsten Lichte. Georg Martyrius. Schönerer und B e r g a n i setzen ihre Katzbalgereien in der ergötzlichsten Weise fort, sie feuern Briefkastenschüsse gegen einander ab. unterziehen gegenseitig ihre moralischen und ethischen Qualstäten einer liebevollen und eingehenden Besprechung und namentlich Herr Schönerer wird es nicht müde, die finanziellen und buchhalterischen Eigenheiten seines ehemaligen Freundes in's rechte Licht zu setzen. Jetzt ist noch ein sicherer Ernst L eh rn er. ein ehemaliger Miteigenthümer des Bergani-Blättchens, in den Streit einbezogen worden. Dieser Herr, dem Schönerer Treubruch. Verratb.Fahnenflucht. Felonie und ähnliche Kleiniakeiten vorwirst, rächt sich, indem er in einem „Eingesendet" aus S ch ö n er e r's Kerkerhaft zu sprechen kommt und heitere Details über das Märtyrerthum des großen Mannes mittheklt. Herr Lehrner erzählt: ..Wie bat Schönerer die vkermonatliche Kerkerhaft abqesesfen? Weiß er vielleicht zufällig noch, welchen Beschränkungen sich ein Sträfling in Bezug auf Speise und Trank unterziehen muß? Erinnert er sich zufällig noch, wer ihm fleißig die ausgesuchtesten Speisen und G et r ä n k e bei feinen B e s u ch e n im Kerker heimlich z u st e ck t e? Wem hat Schönerer mit Bezug auf obige Dienstleistungen am 25. December 1888 Folgendes geschrieben? ..Und nun sage ich Ihnen nochmals herzinnigen Dank für die Begleitung und die meiner Frau während dieser schweren Zeit erwiesenen Aufmerksamkeiten; im Unglücke lernt man die wahren Freunde kennen." Wo bleibt nun die M ä r t y r er kr o n e? Wo bleibt die Wahrheit und Aufrichtigkeit bei jenem bekannten Bilde von Schönerer, das ihn mit dem Wasserkruge und Brot darstellt und dessen Verbreitung er selb st am eifrig st en , betrieb?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.