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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-14 · 50 (14.12.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 966 Desterreichtschr Wochenschrift Nr. 50 verursacht, muffen freilich auch die „Grenzboten" zugeben; aber, meinen sie, man muß nicht alle Uebelstände auf einmal abschaffen. Man schaffe zuerst das Schächten ab, wodurch nur das religiöse Gefühl einiger Juden verletzt würde, und, was die Jagd betrifft, die Magen und Gaumen so vieler Christenmcnschen intercffirt, davon werden wir ein andermal reden. Auch darf man nicht übersehen, fügen sie hinzu, daß, wenn wir die Thiere nicht tödten, sie uns am Ende auseffen würden. Daß man seltene Thiere eigens aufzieht, ja mitunter von fernen Ländern kommen läßt, um sie dem grausamen Jagdvergnügen zu opfern und daß man die schädlichen Thiere auf minder grausame Weise als durch Treib- und Parforce-Jagden ausrotten könnte, das scheint das Blatt mit der alten Firma und neuen Tendenz nicht wissen zu wollen. Am charakteristischesten für das antisemitische Blatt ist es aber, daß es voll Staunen und Entrüstung darüber ist, daß auch solche Juden, welche selbst die jüdischen Speisegesetze nicht halten, so eifrig gegen das Verbot des Schächtens auftreten. Was haben sich diese Leute einzumischen, deren religiöses Gefühl dadurch nicht im Geringsten verletzt wird? Da sieht man, wie demoralisirend Antisemitismus, Classen- und Rassenhaß wirken. Weil jeder Stand und jede Claffe nur seine eigenen Interessen vertritt, Großgrundbesitzer und Handwerksmeister, Bauer und Arbeiter offen und ungescheut vom Staat verlangen, daß er nur ihre Specialinteressen wahrnehmen soll; weil jede Nation und jede Confessio» nur für sich Vorrechte beansprucht, weil so viele Volksvertreter zuerst an ihre eigenen Interessen, dann an die ihrer Wähler und ihrer Partei und zu allerletzt, wenn überhaupt, an die des Staates denken; wenn man sich ungenirt und unverschämt zum Classen- oder Confessionsegoismus bekennt, dann ist es nicht zu verwundern, daß ein Mitarbeiter der „Grenzboten" es nicht begreift, warum Jemand sich einer Sache anuimmt, die ihn persönlich nicht berührt, gegen ein Unrecht auftritt, das an Anderen begangen wird. Es ist nicht blos Mitgefühl mit den Glaubensgenossen, sondern auch die Entrüstung über das angedrohte oder zugefügte Unrecht, das so viele Juden, die sich nicht an die talmudischen Speisegesetze halten, zum Kampfe gegen das Schächtverbot treibt. Und diese Entrüstung wird noch durch die geheuchelte ThierfreundUchkeit der Antisemiten verstärkt. Wäre das Rechtsgefiihl, wäre das Gefühl der allgemein menschlichen Zusammengehörigkeit nicht so abgestumpft, so wären gewiß auch viel mehr Christen gegen das die religiösen Gefühle von Hunderttausenden verletzende Verbot ausgetreten. Es ist ein Glück für die Neger, daß sie vor einigen Jahrzehnten befreit wurden. Ein Wilberforce, eine Beecher-Stowe würden jetzt von den „Grenzboten" und ihren Gesinnungsgenossen ausgelacht werden. Was haben diese Weißen sich darum zu kümmern, wenn die schwarzen Sclaven gepeitscht werden? Nur eine fremde Nationalität genießt einiges Wohlwollen in Deutschland, und am meisten seitens der deutschnationalen Antisemiten, auch in Oesterreich. — Es ist die rumänische. Wenn man die Klagen der ungarländischrn Rumänen liest, so gelangt man zur Urberzeugung, daß ihre Lage jedenfalls eine beneidenswerthe ist in Vergleich zu jener der Juden in Rußland. Wie kommt es nun, daß die deutschen Antiseiniten, die für die vertriebenen russischen Juden nur Hohn und Haß haben, mit den Rumänen so zärtlich thun? Könnten wir bei den Antisemiten das Gefühl der Dankbarkeit vermuthen, so würden wir glauben, daß sie den Rumänen dafür dankbar sind, daß sie dorr, wo sie das Heft in Händen haben, die Juden so sehr bedrücken. Es ist aber weniger Rumänenliebe als Magyarenhaß, welcher diesem Benehmen, dieser Sympathie für die Rumänen zu Grunde liegt. Der Antisemit kann es den Magyaren nicht verzeihen, daß bei ihnen die Gleichb.rechiigung der Juden mehr als ein leeres Wort ist, daß die ungarische Regierung den Antisemitismus nicht überhand nehmen läßt. Deshalb sieht man auch bei uns, wenn es gegen Magyaren oder Juden geht, Deutschnationale und fanatische Czechen brüderlich vereint. Mögen die „Grcnzboten" den Bund segnen. N. Eine Singer-Affaire in Währing. Bei der Eröffnung des deutschen Reichstages haben bekanntlich die Socialdemokraten eine unpatrioiische Demonstration in Scene gesetzt, ivelche der socialistische Abgeordnete Singer noch durch eine höchst illoyale Motivirung verstärkte. Die hiesigen antisemitischen Blätter schrieen hierüber selbstverständlich Zeter und Mordio! und sielen mit aller Entrüstung über den „Juden" Singer her. Die Kundgebung der deutschen Socialdemokraten wäre genau so verdammenswerth, wenn der Wortführer nicht zufällig ein Jude, sondern ein Christ gewesen wäre. Aber die antisemitischen Blätter haben nicht die mindeste Berechtigung, sich ob jenes Vorganges zu entrüsten, denn genau dasselbe Schauspiel wie die deutschen Socialdemokraten hat vor wenigen Tagen die antisemitische Majorität des Währinger Bezirksausschusses ausgeführt. Am 7. d. M. bezog der Währinger Bezirksausschuß, welcher bis dahin seine Sitzungen in einem gemietheten Locale abhielt, seinen neuen Sitzungssaal im Bezirksamlshause. Aus diesem Anlasse hielt der Bezirksvorsteher, der bekannte antisemitische Landtagsabgeordnete Baumann, eine Ansprache, unterließ es aber, dieselbe in die bei solchen Gelegenheiten übliche patriotische Kundgebung ausklingen zu lasten. Hierüber sprach der liberale Bezirksausschuß Kerner sein Bedauern aus und der liberale Bezirksausschuß Mayer beantragte, die Versammlung möge ihren loyalen und patriotischen Gefühlen sofort Ausdruck geben. Aber Herr Baumann fand sich nicht bereit, dieser. Anregung zu entsprechen, worauf sich eine sehr erregte Debatte entspann. Herr Mayer äußerte in energischer Weise seine Entrüstung über ein derartiges, in Oesterreich unerhörtes Vorgehen. Herr Baum ann schnitt die Discussion damit ab, daß er Herrn Mayer das Wort entzog und ihn von der Sitzung für ausgeschlossen erklärte. Mit den Worten: „Ich bin ein treuer Patriot!" verließ Herr Mayer den Saal. — Ueber diesen Vorfall, der mit der Ausschließung des liberalen Bezirksausschusses Sebastian Mayer endete, publicirte ein antisemitisches Blatt folgende ausführliche Darstellung: „In Anwesenheit der Herren Bezirksausschüsse Kerner» Palka, Spitschau, Bock, Altrichter, Dr. K r e n n, Obrist, F r e un d v r f er, K ah l ig, B is ch of f, A n d r e, Mayer, Hofmann, Nikl und Angerer eröffnete Bezirksvorsteher Landtagsabgeordneter Baumann die zweite Sitzung im neuen Saale. In der vorhergehenden ersten Sitzung in diesem Saale hielt Herr Baumann eine Rede über deutsche Treue, vergaß aber, auf Se. Majestät ein Hoch auszubringen, wie dies sonst üblich ist. Bei der Verificirungsfrage bezüglich dieses letzten Protokolls ergriff Bezirksausschuß Kerner das Wort und erklärte, er vermisse als guter Patriot und Oesterreicher das usuelle und traditionelle Hoch bei Eröffnung dieses Saales auf Se. Majestät unseren allergnädigften Herrn und Kaiser und dies schmerze ihn tief. (Stürmischer Beifall auf der Galerie). Bezirksvorstand B a u m a n n: Ich bitte die Galerie sich ruhig zu verhalten. Bezirksvorsteher Baumann fragt hierauf, ob Jemand eine formelle Einwendung zu machen habe. Bezirksausschuß Mayer meldet sich zum Worte, um den Antrag K e r u e r 's zu unterstützen. Bezirksvorstand B a u m a n n entzieht dem Redner das Wort und vertröstet ihn, daß er nach Schluß der Anträge zum Worte gelangen werde. Nach mehreren belanglosen Anträgen erhält endlich der liberale Bezirksausschuß Mayer das Wort. Derselbe unterstützt den Antrag des antiliberalen Bezirksausschusses Kerner und verlangt, es möge sofort auf „unseren guten und lieben Kaiser ein dreimaliges Hoch ansgebracht werde n". Bezirksvorsteher Baumann eröffnet hierauf eine Debatte und ertheilt dem Bezirksausschuß Krenn das Wort. Dieser glaubt, es sei eine unerhörte Beleidigung, darüber eine Debatte zu eröffnen und so die Person des Kaisers in die Besprechung zu ziehen. (Oho- Rufe.) Bezirksausschuß Kerner: Das „Hoch" ist halt das erstemal vergessen worden. Bezirksausschuß May er war höchst entrüstet, daß überfeinen Antrag nicht sofort das Hoch ausgebracht wurde und meint, die Herren würden lftber auf Pfarrer D e ck e r t ein Hoch ausbringen. 'Bezirksvorsteher B a u m a n n: Ich bitte, sich parlamentarisch zu benehmen, sonst müßte ich Sie von der Sitzung ausschließen. Bezirksausschuß Mayer: Werken S' mich hinaus. Bezirksvorsteher B a u m a n n : Ich schließe Sie von der heutigen Sitzung aus. Bezirksausschuß Mayer verläßt seinen Platz und ruft dem Bezirksvorsteher Bau mann zu: „Merken Sie sich, Sie haben einen Oesterreicher hinausgeworfen. Sie sind ein guter Obmann, aber in Werschetz!" (Geburtsort des Herrn Baumann.) Mit den Worten: „Ich bin ein treuer Patriot!" verließ Bezirksausschuß Mayer den Saal. (Bravo-Rufe auf der Galerie.) Bezirksvorsteher Baumanu droht, die Galerie räumen zu lassen. Bezirksausschuß Kerner bemerkt, er habe keinen Scandal provociren wollen und habe dies nicht vermuthen können; denn er sei der Meinung gewesen, es sei blos das erstemal auf das Hoch vergessen worden! Er sei Patriot und glaube, Jemanden Patriot zu nennen, sei gewiß keine Beleidigung. (Bravo-Nnse.) Bezirksausschuß H o f m a n n erklärt, nachdem Schluß der Debatte angenommen wurde, er könne dem Bezirksvorsteher einen Borwurf nicht ersparen, nämlich den, daß er über den Antrag des

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