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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-07 · 49 (7.12.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 4» Destrrrektzifche Wochrnptzrist Seite 961 gebührendem Danke ein Hochzeitsgeschenk als Ehrengabe entgegennehmen, und hoffen wir, daß Ihr es auch uns gestattet, daß wir uns an Eurem Hochzeitstage in gleicher Weise mit einem Geschenke nahen dürfen. Darum bitten wir, beschämt uns nicht mit großer Gabe, damit wir dann nicht gar zu tief zurückstehen/' Ueber Ascher's helles, freundliches Gesicht flog ein verdrießlicher Zug. Er zupfte verlegen an seinem schönen, glänzenden Barte und sprach unsicher: „Ihr seid mir als kluger Mann gerühmt worden, drum wunderts mich, daß Ihr so kindisch sprecht. Unter Freunden — als solche wollen wir uns ja betrachten — ist es die Freudigkeit des Gebers, die dem Geschenke Werth verleiht. Ein Jeder gibt am liebsten das, von dem er glaubt, daß es den Andern erfreuen, oder auch Nutzen bringen kann .... Gestattet, daß ich mein Hochzeitsgeschenk der holden Braut zu Füßen lege." Ascher zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche, ließ einen Pfiff ertönen und sofort darauf hörte man die Treppe unter den schweren Tritten eines Mannes ächzen. Ascher's Diener trat ein, er trug einen Sack, den er auf einen Wink seines Gebieters auf den Boden vor Elke Jeruschalmi setzte. „Ich wußte nicht," sprach Ascher zögernd, „womit ich das Herz der holden Braut am meisten ergötzen könnte, ich kenn' Euren Geschmack nicht, drum verzeiht, daß ich Euch Mühe verursache und Euch höflichst und inständigst bitte, Euch selbst das zu kaufen, wonach Euer Herz steht." „Was meint Ihr damit?" frug Towije fast erschrocken, „was enthält der Sack?" „Ich Hab' es ja schon gesagt," erwiderte Ascher, verlegen den Blick zu Boden senkend, „die Mittel, etwas zu kaufen, was Eurer Braut gefällt!" „Sprecht deutlicher, Herr!" drängte Towije, „was enthält der Sack?" „Tausend Silberthaler!" „Herr!" rief Towije Kohen erröthend, „das Geschenk ist zu groß, als daß wir es annehmen dürften, — das wäre kein Beweis von Achtung und Freundschaft, das wäre ein Geschenk, das uns demüthigte und bedrückte. Nein, Herr! das kann. Elke nicht von Euch annehmen. Wenn Ihr uns ehren wollt, nehmt die überreiche Gabe zurück, ich bitt' Euch inständigst darum." „Auch ich vereinige meine Bitte mit jener meines Verlobten," fügte Elke hinzu. „Ihr seid liebe, thörichte Menschen," versuchte Ascher zu widersprechen. „Mir fällt das Geschenk nicht schwer, und Euch kann's in einem neuen Hausstand gute Dienste leisten. Ihr wißt es, mein Vater ist ein von Gott mit Reichthümern gesegneter Mann, ich habe zwar vier Brüder — Gott erhalte sie, — aber ich bin der Liebling meines Großvaters, welcher mir die Hälfte seines großen Vermögens gibt; ich will nicht groß thun, ich will Euch nur zur Annahme meines Hochzeitsgeschenkes bestimmen; — was in Euren Augen übergroß erscheint, ist es in meinen nicht. Ich Hab' es schon gesagt, ich danke der Jungfer Elke mein Lebensglück, ich bitt' Euch Beide, kränkt mich nicht dadurch, daß Ihr meine herzlich gebotene Gabe zurückweist." „Wenn Ihr mir Dank schuldet und mich zu ehren beabsichtigt," erwiderte Elke, unwillkürlich den schönen Kopf stolz zurückwerfend, „nehmt das Geschenk zurück, und zum Beweis, daß wir Euch nicht kränken wollen, nehme ich einen Theil Eures Geschenkes an," sie nahm einen Silberthaler aus dem Sacke — „das soll mir ein Andenken an einen wackern Mann, an den Enkel meiner unvergeßlichen Wohlthäterin Judith Geronim sein!" „Jungfer Elke," erwiderte Ascher lächelnd, „mein Großvater hatte Recht, als er behauptete, Ihr seid so eigeusinnig fast wie schön, das ist: sehr, sehr eigensinnig, — aber ich kann und will Euch nicht zwingen, — doch will ich die tausend Silbergulden ihrem ursprünglichem Zwecke nicht entfremden," — er zog einen Thaler aus der Tasche und warf ihn in den Sack, um die Tausend wieder voll zu machen, „ich bestimme diesen Sack für zehn tugendhafte, arme Bräute, und bitte Jungfer Elke, die würdigsten in der Gemeinde auszusuchen und zu betheilen .Wenn ich Euch jemals dienen kann, so soll es, so wahr mir Gott helfe, geschehen. Mein Vater ist nicht nur reich, sondern auch angesehen und einflußreich, sein Wort gilt sogar bei des römischen Kaisers Majestät; — wenn Ihr je etwas wünscht, wendet Euch an mich. Nun aber lebt recht wohl und glücklich!" Zwei Tage darauf wurden Towije und Elke im Hofe der Klausjynagoge getraut. Da eben jetzt in Prag keine Cantorstelle erledigt war, mußte Towije eine solche auswärts suchen und brauchte auf eine solche auch nicht lange zu warten. Elwa zwei Monate nach seiner Hochzeit war von der Judengemelnde Eham in Bayern deren Vorsteher in seiner Jugend dleJeschiwo des hohen Rabbi Löw in Prag besucht haue, ein Schreiben an den Parneß *) mit der Bitte eingelaufen, dieser möge ihm einen Ehasan empfehlen, der eine schöne Stimme und die nölhigen Kenntnisse besitze, auch der reiferen Jugend Unterricht zu ertheilen. Die Stelle sei eme ziemlich gut dollrte und eine begnügliche Familie könne ihr Auskommen finden. Der Parneß hielt Towije Kohen für den geeigneten Mann, weder dieser noch seine Frau waren durch verwandtschaftliche Bande an ihre Vaterstadt gefesselt, sie ko unten sich leichten Herzens entschließen, sich m der Ferne eine neue Heimat zu gründen. Towlie entzückte an seinem neuen Bestimmungsorte die ganze Gemeinde durch seine herrliche Summe, befriedigte die Eltern durch seine treffliche Lehrmethode gewann sich durch sein liebevolles Benehmen die Zuneigung der Kinder; Elke gewann durch ihre Anmulh, ihre Bescheidenheit, ihre Frömmigkeit und ihre Mildthätigkeit die Herzen Aller. Die belden Ehegatten lebten ruhig und zufrieden, und als Elke ihren Galten mu einem schönen Knaben und spater Mil einem lieblichen Mädchen beschenkte, schien den begnüglichen Menschen nichts zu ihrem Glücke zu fehlen. Aber nichts ist veränderlicher auf dieser irdischen Welt als das Gluck. Bis vor einiger Zeit war die Stadl Eham von den Schrecknissen des mördertfcheii Krieges, der in Deutschland wüthete, verschont geblieben, um nun umso härter und grausamer von diesen heungesucht zu werden. Ehemals der Markgrasschaft gleichen Namens angeyörend, war die Stadt bei der Zerspaltung Bayerns an die Pfälzer Lime gefallen. Nun war sie wieder von der vayerischen Linie in Besitz genommen worden, es waren abwechselnd ligulsUsche, kaiserliche, bayerische, hessische, schwedische Truppen durchgekommen, hatten Eoulriduliouen erhoben, feindliche Völker hauen auch geplündert, geraubt, gesengt. Wenn es auch als eine Merkwürdigkeit hervorgehoben werden muß, daß trotz der Verrohung und Verwilderung während des dreißigjährigen Krieges nicht fpeciell gegen die Bekenner des jüdischen Glaubens Gewaltlhängkeiten auegeübt wurden, mußten diese doch — rate es in der Natur der Sache lag — unter dem allgemeinen schweren Drucke leiden und die jüdische Bevölkerung in Cham verarmte. Viele Juden waren gezwungen wegzuziehen, und eS waren nun traurige Tage für Towije und Elke gekommen. Seine Einnahmen versiegten, der Gemeindevorsteher, welcher die Beiträge zur Erhaltung der culturellen Bedürfnisse von den Gemeindemngliedern nicht einzutreiben vermochte, dankte ab, und die Gemeinde war endlich rn ihren materiellen Verhältnissen so tief gesunken, daß sie in einer Versammlung aller ihrer Mitglieder beschloß, das Synagegensiiber, welches den raublustigen Croaten und Schweden entgangen war, zu verkaufen, um die Aermsten in der Gemeinde zu erhalten, sie nicht aus Mangel an der nothwendlgslen Nahrung zu Grunde gehen, sie nicht verhungern zu lassen. Schließlich war die Noch in der Ehamer Judengememde so hoch gestiegen, daß diese sich endlich entschloß, sich von dem Heiligsten, das sie besaß, von einem Sefer-Thora 2j, zu trennen, welches sie an die Fürtyer Gemeinde verkaufen mußte. Es ist selbstverständlich, daß unter solchen Umständen an Towije Kohen kem Gehalt ausbezahlt wurde, und ihm auch keine Nebeneinkünfte zufloffen. Es waren trübe, bittere Zelten über ihn und seme Frau hereingebrochen. Es gab Tage, wo die Beiden keinen Bissen in den Mund nahmen, blos um ihre zarten Kinder nicht hungern zu lassen. Sie ertrugen die schweren Leiden mit jener bewundernswerlhen Ergebenheit, wie sie nur das höchste Gottvertrauen einzuflötzen vermag. Sie kamen auch in der Zeit des bittersten Elends und des höchsten Trübsals ihren religiösen Pflichten mit rührendem Eifer nach, und selbst den härtesten Entbehrungen ausgesetzt, hatten sie sich ihre Menschenliebe, ihren milden Sinn bewahrt, und theilteu den oft kargen, oft kaum hinreichenden Bissen mit fremden Hungernden. Allem seit einigen Wochen halle sich ihre Lage noch in allerwesentlichster Weise verschlimmert. Der kaiserliche General Holk hatte — wir haben das schon erwähnt — das unglückliche Vvigtland mit Feuer und Schwert verwüstet; und da Wallenstein das bundesfreundliche Gebiet Bayern dem Feinde ') ersten Gemeindevorsteher -) einer Thorarolle.

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