Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-07 · 49 (7.12.1894) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021057--04107-3028276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 962 Vesterrrichtsche Wochenptzrtst Nr. 49 preisgegeben, hatten die Schweden dort furchtbare Repreffalien J genommen. Es war geplündert, geraubt, gemordet worden,-und Towije mußte am Ausgange des jüdischen Neujahrfestes, um die Ehre seines Weibes zu retten, mit den beiden Kindern die Flucht ergreifen. Dem ersten Impulse folgend, waren sie, nur um der Verfolgung der plündernden Horden zu entgehen, ziellos fortgeeilt. Um Mitternacht, wo sie sich inmitten eines dichten Waldes kurze Zeit sicher glaubten, versuchten sie es, einen Plan für die Zukunft zu entwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß sie auch nach dem Wegzug der Plünderer nicht mehr nach Cham zurückkehren konnten. Die Gemeinde war nicht nur verarmt, sondern deren Mitglieder auch nach allen Richtungen der Windrose zerstreut. Vielleicht war auch das Gotteshaus und die Schule, wie viele andere Gebäude ein Raub der Flammen geworden. Es mochte wohl jetzt durch lange Zeit in Cham kein öffenllicher Gottesdienst verrichtet werden können, Towije wäre dort überflüssig gewesen und hätte keinen Lebensunterhalt gefunden. Ebenso wenig wahrscheinlich erschien es, daß er in irgend einer anderen Gemeinde in dieser Gegend Stellung finden könnte; und Beide stimmten darin überein, daß ihnen nichts übrig bliebe, als es zu versuchen, nach ihrer Vaterstadt zurückzukehren. Da Bayern jetzt vom Feinde besetzt war, konnten sie ihre Heimat nur auf weiten, weiten Umwegen erreichen. Towije und Elke Kohen verkannten den Ernst ihrer Lage nicht, und sie mochten es auch einander nicht verhehlen, daß es viel wahrscheinlicher sei, daß sie auf dem weiten Wege in irgend einer Weise ihr Leben verlören, als daß sie mit ihren Kindern heil die Vaterstadt erreichten. Drei Wochen befanden sie sich schon auf der entsetzlichen und gefährlichen Wanderung, und selbst während dieser hatten die frommen und pflichttreuen Menschen alle religiösen Gebete mit geradezu erstaunlicher Pünktlichkeit erfüllt. Towije hatte täglich Tefillin') gelegt und stets so inbrünstig und andächtig gebetet, als stände er in der Synagoge vor dem Omed 2). (Fortsetzung folgt.) Literatur. Wiener Humoristen. Als Vorbote der herannahenden Festzeit liegt uns der von der bestbekannten Buchhandlung Moritz Perles in Wien, I., Seilergaste 4, ausgegebene Weihnachtskatalog vor. Die Ueb.rsicht der neuen Erscheinungen des Jahres 1894, mit welcher der sehr prakrisch angelegte Katalog beginnt, gibt uns ein treues Bild der rührigen Verlagslhätigkeit des Buchhandels und vermittelt uns die angenehme Kenntniß, datz von den zeitgenössischen Größen der Literatur — z. B. Bamnbach, Ebers, Hanslick u. A. — Neuigkeiten für den Weihnachtstisch vorliegen. In einem anziehend geschriebenen literarischen Feuilleton entwirft S. Wilhelm temperamentvolle Charakterbilder von acht unserer namhaftesten Humoristen: Chiadaeri, Groller. Groß, Henest, Rarlwrrs, Pötzl. Schioarxko^f, Torrelsni, deren wohlgetroffene Bildnisse eine Zierde des Kataloges bilden. Es folgt ein nach Materien geordnetes, systematisches Verzeichnis', welches bei Ankäufen die besten Dienste leistet, indem es eine erwünschte Uebersicht über Prachtwerke, Classiker, wissenschaftliche Werke, Jugendschristen ic. bietet. Wer für Jung oder Alt literarische Festgeschenke zu machen oder seine Hausbibliothek zu vergrößern beabsichtigt, thut gut daran, die BmtztzSNdlUNg Perles um Gratis-Zufendüng des Kataloges anzugehen. Ei« neues Lehrbuch für den israelitischen Religionsunterricht. „Biblische Geschichte und Neligionslehre für die israelitische Jugend an Volks- und Bürgerschulen" betitelt sich ein neues Lehrbuch, das von den städtischen Lehrern S. K o h n und I. Mautner bearbeitet und im Verlage von A. Pichle r's Witwe und Sohn erschienen ist. Man sielst es diesem Lehrbuche auf den ersten Blick an, daß die Verfasser praktische Schulmänner sind. Die zweckmäßige Anordnung des Lehrstoffes, die einfache und doch vernehme Sprache, die treue Wiedergabe des Urtextes zeichnen dieses Lehrbuch von allen bisher erschienenen einschlägigen Werken vortheilhaft ans und man kann in der That von demselben das für ein Schulbuch selten zutreffende Urtheil abgeben: „Aus der Schule für die Schule, von Lehrern für Lehrer, aus wahrhaft jüdischem G emüthe für die empfänglichen jüdischen Kinderherzen. Thatsächlich hat auch das Werkchen allerorts den besten Eindruck gemacht und wurde vom hohen k. k. n.-ö. Landesschulrathe die Einführung desselben an allen Wiener Volks- und Bürgerschulen angeordnet. Wir freuen uns aufrichtig dieses schönen Erfolges und hoffen, daß die Autoren unverdrossen an die weitere Ausgestaltung und Vervollkommnung des Werkes schreiten werden. Sch. — ‘) Philakterien, Gebetriemen, welche jeder Jude von seinem dreizehnten Jahre an beim Morgengebete an Wochentagen anzulegen hat. 2) Vorbeterpult. Briefkasten. Herrn M. in Pardubitz. Sie machen uns aufmerksam, daß das „Deutsche Volksblatt" vom 23. November 1894 ein Feuilleton brachte, welches mit „Ein Dnmmkops" unterzeichnet war. Die übrige Nummer scheint von demselben Verfasser zu sein. Facit indignatio versum; „Auch die Hoffnung will entweichen Stimmer weilen mehr auf Erden. Ach, wir werden's nicht erreichen, Da die Menschen besser werden." Vollkommen Ihrer übrigens nicht ganz originellen Ansicht. Für Gedichte nur ganz ausnahmslw se Verwendung. Herrn Heinrich W., Boskowitz. Der Freiherr von Dingelstedt. welcher die Verse geschrieben vom „Christenviertel", war der Director des Burgtheaters, Hofrath und Verfasser der „Lieder des kosmopolitischen Nachtwächters", ein intimer Freund Heinrich Heine's. Auf ihn bezog sich das bekannte Gedicht „Nachtwächter mit den langen Fortschrittsbeinen". Von letzteren ist allerdings sehr wenig in dem von Ihnen citirten Poem zu merken. Losvereine in S. Für „unbemittelte Losvereine" eine Lanze zu brechen, haben wir keine Veranlassung. Ihre Zuschrift erinnert ein wenig an das Gastmahl der amerikanischen Milliardäre, welches Stellenheim ergötzlich schildert, wo einer wohlthätigeu Regung folgend, eine Collecte gemacht wird, für Witwen und Waisen von einfachen Millionären. Herrn K. L. in W. Sie fragen uns, wie Sie Ihr Söhnchen, welches jüdisch Abraham heißt, deutsch rufen sollen. Heiße» sie es doch „Aegir". Der Vorname Aegir ist, der „Kreuzztg." zu Folge, bei den Berliner Standesämtern im November bis jetzt für 17 Knaben angemeldet worden. Herrn Leopold S. in Wien. Spitzer-Weimar's „Schmähpost", welche über Pfarrer Scherzer consequent unt.r der Spitzmarke „Ein unwürdiger Priester" berichtete, hat sich gedreht: „Der Proceß gegen den Pfarrer Scherzer hat einen für einen Theil der Wiener Presse sehr beschämenden Ausgang genommen. (Einverstanden!) Wochenlang hat sie den unglücklichen Priester durch den Schlamm ihrer Spalten geschleppt. („Schlamm" ist gut!) Scherzer ist jetzt wieder persona grablssima und „w ürdige r" Priester geworden. Herrn Bezirksausschuß F. Als Wiener und Oesterreicher, als Katholik und Mann des Volkes, muß es mir wohlthun, daß Sie durch Ihr Erscheinen bekunden: Die katholische Religion ist nicht die Religion einzelner Stände, sondern die des ganzen Volkes. Vor Gott und vor unserer Religion sind alle Menschen gleich. (Begeisterter Beiiall.) So sprach — Dr. Lueger auf dem Katholikentage 1894! 0 saueta simplleilab! „Kadimahner", hier. Sie fragen uns, was Folgendes aus Nr. 22 der „Unverfälschten Deutschen Worte" bedeute und in welcher Sprache es geschrieben sei: „Mit „Ostmarkgäuer" seien, mit geringen Ausnahmen, nicht allein die Angehörigen des Ostmarkturngaues in Niederösterreich gemeint, sondern alle jene, welche trotz des Breslauer Turnfestes an ein Nationalmachen des fast 5300 Vereine umfassenden Sumpfes, genannt „große deutsche Turnerschast" glauben und der Erstarkung des judenfreien Deutschen Turnerbundes hinderlich gegenüberstehen. Z. B.: Gelegentlich der Bildung des neuen (nationalen) Egerländer Turugaues hat hinter den Couliffen nicht allen die erzliberale Leitung des XV. Turnkreises, sondern vermuthlich von Prag aus auch die „Richtung Neusiegl", (also Ostniarkgäuer) gespielt, damit der neue Gau nicht dem „Deutschen Turnerbunde" anheimfalle." Deutsch ist das gewiß nicht, so viel steht fest. Zum Auflösen von räthselhaften Zuschriften haben wir keine Zeit. Nichts für ungur. Frau Karola S—i in I. Ihr berühmter Landsmann Maurus Jokai trifft den Nagel auf den Kopf und wir wollen sein hübsches Wort aus Ihrem Briefe, weil es uns gut gefallen, hieher setzen: „In schwarzer Seide spazieren ist Buße, mit niedergeschlagenen Augen liebäugeln Pönitenz und th e u r e M e e r k r e b s e es s e n — f a st en!!" M. I. Die größte jüdische Gemeinde Europas hat Wien mit 130.000 jüdischen Seelen. I. Epstein. Ihre Rüge ist berechtigt. Die Abweisung eines Armen an dieser Stelle ist unjüdisch. Für die 105jährige Frau sind uns von Herrn Sachs in Eg er 2 fl. zugekommen. R. F. in Turnseverin. Ad. Cremienx war spaniolischer Abstammung. Druckfehler-Berichtigung. In dem Artikel „Wolf Baß oon Proßnitz" (Nr. 47) wird gebeten folgende Druckfehler zu berichtigen. Zeile 26 lies: Wachenheim.er anstatt Wadenheimer. Zeile 38 lies: "uri sN8">^ was für die Orthographie dieses Namens.von Wichtigkeit ist. Zeile 54 lies: Robert F,ranz anstatt Rabbiner Frank. Zeile 20 lies: V2 Königsberg in Pr. Ed. Birnbaum. Verantwort!. Redakteur: Dr. Joses S. Bloch. — Druck von L. Beck fc Sohn, Wien, VQL, Lerchmselderstraße 46. (Telephon 3288.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.