Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 49 Vesterrrichische Wochenschrift Seite 955 In einer wirkungsvollen, längeren Grabrede hat der Ortsrabb'mer Dr. Hillel und anschließend an ihn der Nesse des Verblichenen, Dr. Sigmund M n n z, zu schildern versucht, was der ausgezeichnele Todte für seine Gemeinde war. Einen großen Theil seines Lebens dem Kaufmannsstande zugehörig, blieb er doch immer seiner innersten Neigung zufolge Philantrop und Gelehrrer. Seine humane Betätigung galt zunächst d?m Kreise der jüdischen Leidenden, dock kannte er eigentlich weder confessionelle noch nationale Schranken. Reiche Summen hat er für Anne, Witwen, mittellose Bräute, dürftige Studirende durch Collecten aufznbringen gewußt. Für die „Alliance isra61ite universelle" warb er Mitglieder nicht in Leipnik allein, sondern in Mähren Überhaupt. Dankbar hat dieses den Interessen, insbesondere der unterdrückten Juden des Ostens dienende Weltinstitut oft genug in seinen Annalen des bescheidenen Mannes aus der mährischen Provinzstadt Erwähnung gethan. In einem kleinen Orte lebend, hat er doch die moralische Kraft besessen, stets in seelischem Zusammenhänge mit dem Streben der großen Welt zu sein. Er hatte in Prag als junger Mann die Universität besucht und gleichzeitig dort die Hochschule des Judenthums in einigen erlauchten Vertretern, wie: Ra poport, Samuel Freund, Wesse ly, kennen gelernt und genossen. Dann aber mußte er, dem Zwange privater Verhältniste weichend,;U bcu Seinen in die kleine mährische Stadt übersiedeln, die durch ihren altberühmten Rabbinatssitz einen ausgezeichneten Platz in der österreichischen Judenheit einnahin. Fast rühmte sich Leipnik, ujj einst der Matador talmudischer Gelehrsamkeit, Rabbi Baruch Frankel wirkte, sich zu P-ag, das sozusagen den Kronschatz des Jltdenlhums in seinem historischen Ghetto barg, zu verhalten wie Betlehem zu Jerusalem. So lebte er denn unter dem Zauber der frommen Traditionen dieser mährischen Judengemeinde. Davei aberhalte er auch einen warmen Sinn für das sogenannte profane Wissen. Wenn er sich des Abends mit seinem Pfeifchen im Munde in's Bett legte, da las er noch in einem hebräischen oder französischen oder englischen Classiker. Hub alle diese Werke der Weltliteratur las er in ihrer eigensten Sprache. Er war auch Lehrer, ohne je ein ofsicielles Mandat hiezu besessen oder einen Heller Lohn hiefür empfangen zu haben. Aeltere, an den Alten hängendeMänner führte er in die Weisheit des Maimonides oder Knsari ein. Mit jüngeren Leuten, die ihren Weg in die Welt finden wollten, las er Gibbon's „History of the fall auddecline of the Roman empire1 oder Voltaire's „Charles XII." Einmal kam es vor, daß einige russische Judenknaben, die mit ihren Eltern aus dem kalten Batet lande hatten flüchten müssen, eine Zeit lang Station in Leipnik machten. Da unterrichtete sie dieser Menschenfr.ulcd im Englischen, aui daß sie wenigstens mit den elementarsten Kenntnissen der Sprache ausgestattet in ihrem neuen Paterlande An.erika ankämen. Die Schule hatte an ihm einen keuntnißreicheu Förderer. Lehrer und Schuljugend begleiteten denn auch den einstigen Ortsschulrath in ihm zu Grabe. Wir haben, als wir in der Todtencapelle des Friedhofes an seiner Bahre standen, in der großen Traueroersammlmig auch eine Frau mit einem Kinde auf dern Arm gesehen, und dieses Kind hat gewimmert: Das schien wie eine Nänie für den ideellen Begründer des Kindergartens in Leipnik zu sein. Er selber hatte keine Kinder, keine Frau. Dem Gedanken, eine Ehe einzngehen, latte er entsagt, weil er glaubte, für seine Schwester, eine junge Witwe, und deren fünf unmündige Kinder sorgen zu sollen. Seinen eigenen Interessen trug er in seiner bis zur Opserfrende gesteigerten Selbstlosigkeit feine Rechnung. Man müßte ein Buch schreiben, um alle Beispiele dieser seiner rührenden Selbstlosigkeit aufzuzählen. Der wackere Seelsorger rühmte an der Bahre des Tobten, daß dieser ein tüchtiger und dichterisch veranlagter hebräischer Stylist gewesen sei. So viel steht fest, daß sein Herz ein Dichter war. Die Analphabeten — und deren gab es manche und gibt es noch in der älteren Generation der mährischen Juden — klopften an seine Thür, um sich von ihm die Briese, die sie empfangen hatten, entziffern und die Briese, die sie absenden wollten, schreiben zu lassen. Und wie viele Bittgesuche hatte er für Leute abzusassen, die sich nicht genug schriftfest dünkten. Auch viele von den Epitaphien, die auf den Grabsteinen des alten und des neuen jüdischen Friedhofes in Leipnik prangen, waren sein Werk. Sich selber aber wollte er kein Epitaphium von fremder Hand geschrieben wissen. Er hatte sich schon vor Jahren seine Grabschrist aufgesetzt, um nicht van einem Labredner über Gebühr gepriesen zu werden. Diese seine Grabschrist, die er einem seiner Neffen zur Verwahrung gab, ist ein demüthiges Gebet, ein frommer Aufschrei der Seele zu ihrem Schöpfer. Es war eine heitere Seele, die erst in den letzten Wochen schwerer Krankheit heiter zu sein aushörte. Die edelste Grazie strchlte von diesem Manne aus, der mit Geist sprach und erzählte, immer einen Schatz von Anekdoten und den reizendsten Humor zu Gebote hatte. Er war auch ein kleiner Lebenskünstler, mäßig, unendlich mäßig und abgehärtet, wie ein Spartaner. Noch i» den letzt nr Angusttagen dieses Jahres hat der Schreiber dieser Zeilen mit dem 70jährigen Greise im offenen Flusse, der schon herbstlich kühl zu werden anfing, gebadet. In Sommerszeit zu dem Flusse, zu der Betschwa hinaus zu pilgern, war fast ein Stück Glaubensbekenntniß für ihn. Immer schlossen sich auch einige Freunde ihm an, um sich mit ihm. der auch ein Schwimmer war, den frischen Fluchen des heimatlichen Flusses anzrrvertrauen. Er lebte wie ein Heiliger. Er liebte jedoch das Leben, und nick t ein Funke von Pessimismus war in ihm. So glaubten wir, er würde mit seinen rosig angehauchten Wangen das Jahrhundert überdauern, das nun mit seinem letzten Decenniunr zu sterben im Begriffe ist. Sein Großvater mütterlicherseits — Großvater auch des Reverend Dr. Albert Lövy in London, Selig Löwy in Mü hr isch - Auss ee, dessen edles Bild sein Gemach schmückte, harte ein Alter von über hundert Jahren erreicht. Fast also das Alter Moses', und sagen durfte man auch von ihm wie von dem großen Gesetzgeber der Bibel: „Seine Augen waren nicht dunkel geworven uird seine Kraft war nicht verfallen." Wie gern nun hat er zu diesem Ahnenbilde ausgeblrckt, in welchem der liebenswürdige Großvater in milden Zügen wie ein Patriarch der Vorzeit sortlebt. Wir glaubten, dcr Enkel würde ihm an Jahren gleich werden und einst süß und schmerzlos wie der Großvater in den Tod hinüberschlummern. Doch das kam anders. Anfangs November erkrankte er an einem Karbunkel. Heimische und fremde ärztckche Kunst war seinem Leiden gegenüber ohnmächtig. Zwei Schwestern und eine Schwägerin pflegten ihn. Mitglieder der Gemeinde, der er ein Berather, Lehrer, Friedensrichter und Weiler gewesen, wachten Nächte lang an seinem Schmerzenslager, bis er, als cs noch Nacht war, am Morgen des 28. November seine ekle, um nicht zu sagen heilige Seele aushanchte. Dr. Rudolf Ungerleidrr. Fünfundzwanzig Jahre ivaren es Dienstag den d.December geworden, daß Dr. Ungerleider seine Stelle als Rabbiner und Prediger der Berliner Gemeinde angetreten hat. U n g e r l e i d e r ist im Jahre 1832 zu Neutra in Ungarn als Sohn einer daselbst durch ganze Generationen hochangescheuen, wohlhabenden Familie geboren. Der junge Rudolf war der älteste und bald auch der einzige Sohn. Bon den übrigen Kindern blieb nur das jüngste, ein Mädchen. am Leben. Die herzlichen Eindrücke, die der Knabe im Eiternhanse empfing, waren dazu angethan, auf das Gemüth des Kindes in wohlthäti.gster Weise zu wirken. Nur in äußerst seltenen Fällen kam es vor, daß der Vater seinen Sohn Rabbiner werden ließ. Dennoch ließ U n g er l e id e r's Vater, selbst ein hervorragender hebräischer Gelehrter und Talmudist, den jungen Rudolf in sorgfältigster Weise nebst den gewöhnlichen Studien in den hebräischen Wissenschaften unterrichten. Der Knabe entwickelte ein außergewöhnliches Talent und setzte gar oft seine Lehrer in nicht geringes Erstaunen. Schon als Jüngling vertieft^ er sich in die tiefsinnigen Abhandlungen des Talmuds, dessen Studium seine Lieblingsbeschäftigung wurde. Ein selten inniges Verhältniß verband Rudolf mit seiner Mutter, Amalie Ung er leider. Diese erfreute sich weit und breit großer Verehrung. Diese sanfte, edle Mutternatur hatte auf die Gemüths- und Charakterbildung ihres Sohnes den größten Eindruck gemacht. Das Un g e r l e i d e r'f ch e Haus ivar berühmt durch seine Gastfreundschaft, mit der es Studierende ausnahm und ihnen in vielen Fällen die Vollendung ihres Studiums ermöglichte. Eine stattliche Reihe von Männern, deren Namen heute zu den stolzesten des Judenthums zählen, verdankte ihre heutige Stellung der ihnen in ihren Jugendjahren von den Eheleuten Ungerleider erwiesenen Mildthätigkeit. Nachdem Rudolf Ung er leid er die Elementarschule in Neutra absolvirt hatte, besuchte er daselbst das sechsclassige Gymnasium. Hier erregten seine deutschen Aufsätze durch die Vollendung des Stiles und die schwungvolle Form Aussehen. Der Knabe zeigte bereits Spuren großen Rednertalentes, das bei seiner in der Synagoge anläßlich seiner Lar mizwa gehaltenen Rede, welche infolge ihrer Klarheit, Schärfe des Geistes und Prägnanz des Ausdruckes sowie der innigen, gottessürchtigen Ueberzeugung des Jünglings die Zuhörer äußerst überraschte, völlig zur Geltung kam. Der außergewöhnliche Erfolg dieser ersten öffentlichen» Rede bestärkte den Vater Ungerleider's in seinem Entschlüsse den talentvollen Knaben zum Prediger ausbilden zu lassen. Nachdem Rudolf das nur sechsclassige Gymnasium in Neutra absolvirt hatte, mußte er zum großen Schmerze seiner ihn zärtlich liebenden Mutter das Elternhaus als vierzehnjähriger Jüngling verlassen. Es war ein schmerzlicher Abschied für den feinfühligen, zartbesaiteten Knaben. Nun wandte er sich nach Preß bürg, wo er die letzten beiden Gymnasialjahre vollendete, und begann hierauf an der damals berühmtesten deutschen Universität in Prag seine akademische Laufbahn. Die