Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021057--04098-3028267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2aüa?£&V r^i «?• Nr. 49 Wetterrevtztsche Wosrenfryritt Seite 953 Der folgende Redner, Asvocaturs Concipient Dc. March etti . begrüßte die Anwesenden und legte ihnen ans Herz, vor Allem immer des Vaterlandes eingedenk zu sein, Beispiele des Patciotismns aus den ruhmreichen Erinnerungen an Mazzini und Garibaldi zu schöpfen, nicht aber „socialistischen Träumereien" zu folgen. Unter lebhafter Verblüffung, welche dieser Sprecher hervorbrachte, schloß der Redner nut dem Vor,chlage, „die im Kampfe stehenden Brüder in Istrien, besonders aber die in ihren Ratioualitätscechten verletzten Bürger von Pirano" zu begrüßen. Mit einem Sprunge stand der Referent G e r i n aus der Tribüne. „Esel" — sagte er — „ist der Gedanke an das Vaterland, das wir immer lieben werden. Das Vaterland von uns Proletariern aber ist die mit Roth und Elend kämpfende Familie. Für uns sind das Vaterland die Tausende von Arbeitern, welche in den Schwefelgruben Ziciliens täglich 16Stunden arbeiten müssen, die man mit Peitschen antreibt und die entweder Hungers sterben oder Anarchisten werden müssen. Für uns sin) das Vaterland die Tausende von Arbeiterinnen, die in den Reisfeldern des Mailändischen und Venezianischen wegen ihrer anstrengenden Arbeit bei elender Bezahlung der Pellagra und anderen Epidemien zum Opfer fallen. Das ist unser Vaterland, das wir lieben sollen, dessen wir stets eingedenk bleiben müssen. Ich habe in R o m die zwei großen Denkmäler vergangener Zeiten bewundert: das Pantheon und das Ghetto — a)er ich habe nicht daran vergessen, daß beim Baue des Pantheon 20.000 Sclaven ihr Leben einbüßten, um die großartigen Parphyrsäulen zu befördern und mein Herz blutete, als ich daran dachte, daß in Afrika die armen Juden nach W'.llkür der Regierungen ihrer Freiheit beraubt waren. Es ist gewiß traurig, daß die Italiener des Küstenlandes um ihre Rationalität kämpfen muffen, aber ebenso traurig ist es, daß dort Hu>rderttausende von Croatenu. Slovenen wohnen, entbehrend jedes Unterrichtes und jeder Organisation, fortwährend ausgeböutet und von Hetzern ausgenützt für nichtssagende politische Streitigkeiten." Diese Apostrophe rief einen geradezu unbeschreiblichen Enthusiasmus hervor, der Redner wurde von zahlreichen Anwesenden umarmt und geküßt. Die Begeisterung erreichte aber erst ihren Glpfilpnnkt. als nun der Studirenoe der Medicin Alois Z a n i b o n i als — wie ec sagte — „künftiger Proletarier der Intelligenz" die Sympathien seiner College» zum Ausdrucke brachte. Unter langanhaltenden Eoviva rufen auf das Proletariat, die Studenten und den Referenten Ger in wurde hierauf tue Versammlung geschloffen. ^?^btt»itische Rohheit. In Italien wurde dieser Tage ein scau;öfisch;c Offcier wegen Splonage verurtheilt. Darüber natürlich große E ltrüstung in den französischen Journalen und es werden Sammlungen für den verurtheilten Offwier veranstaltet. Ein Pirisec Antisemitenocgan glaubt noch ein Uebriges thun zu müssen. Nach echt antifemitpchem Muster entwickelt es eine abstoßende Rohheit, indem es über einen ganz Unschuldigen, über den als Mensch wie als Künstler gleich verehrungswürdigen, weltbekannten Componisten Verdi herfällt, und zwar in folgenden, die französische Sprache geradezu verunehrenden Worten: „D.ese abjecte Risse! (die Italiener). Erinnert ihr euch noch, wie ganz Paris sich bei der ersten Aufführung des „Othello" vor dem alten P fferaro Verdi wälzte? Man hätte diesen Spitzbuben mit einen Tritt in den.hinauswersen u rd ihm sagen sollen, daß er seine Werkelmusik nach den Tripelallianztheatern tragen soll. Statt dessen brachte man ihn Ovationen und entehrte von Neuem die Ehrenlegion, rndem man diesem Menschen den Großcordon gab . . ." Sowie die Antisemiten alle Städte, wo sie Hausen, in Verruf bringen, werden auch die Pariser Antisemiten Paris des Renommees guter alter Höflichkeit verlustig machen. Antisemitische Etymologie. Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Reda cteur! Gestatten Sie einem Freunde Ihres Blattes, Sie auf Nc. 2s von Schönerer's „Unverfälschte Deutsche Worte" a lfm.-ctsam zu machen, welche diese Notiz enthalten:' Zur Perfoneunamens-Forfchung. Der in Bayern häufige Banernname „Suttner" (Weibspersonen heißen „Suttnerin") -ist auf „Suite", d. i. eine Bodenvertiefung, in welcher sich das Mistbrod (Iinches oder Regenwasser ansaminelt, zurückzuführen. Im weiteren Sinne bedeutet „Satte" überhaupt „Lacke" oder Pfütze, „Sn ttnerin" die an o)er neben einer solchen Pfütze Häufende. — Bei den Personennamen ist sehr oft auch das Stoffliche (Materielle) ans das Geistige, Sittliche (Moralische) übertragen worden. In ethischer Beziehung sind z. B. die Eigenschaften des Wolfes (Stärke, .'lnsoaner, Kampflust, W.loheit n. dgl.) im Personennamen: Wolfger, Wolfgang, Wolfcat, Wolfhild, Wolfgund. Wolfhart u. s. w. (dessen Koseform Wolf oder Wnlfo lautet), enthalten. In ähnlicher Weise sind auch die mit Eber und Bär zusammengesetzten Personennamen zn betrachten. Ich habe mich ordentlich geschmeichelt gefühlt, als ich das las. Hochachtungsvoll ergebenst Hirsch Wolf Löw-Beer. Ein verurtheilter Priester. Geaz, 28. Noo untrer. Der Muwriten-Pater Philipp Stög er er war schon vor drei Wochen von der Direction des Bin centin ums enthoben und nach einer an die Zeitungen versendeten Notiz angeblich in das Aspanger Kloster einberufen worden. Einst ußreiche Personen waren indessen, eifrig bemüht, die Niederschlagung des Processes zu erwirken. Der Grund der Enthebung S t ö g e r e r's war jedoch in der hiesigen Bevölkerung bereits bekannt und es wäre, falls jene Bemühungen Erfolg gehabt hätten, d:e Sache im Reichsrathe zur Sprache gebracht worden. Uebrigens äst, obgleich das Verbrechen S t ö g e r e r's Stadtgespräch war, das Resultat der vor einigen Tagen zu ungewöhnlicher T a g e s st u n d e hinter verschlossenen T h ü r e n a b g e h a l t e n e n Strafoer Handlung sorgfältig geheim gehalten und nur durch einen Zufall be - -. nntgeworden. Der Abgeordnete Schneider als Assecurauzffatiffiker. Anläßlich der Beralhung über die Gejetzesvorlage, betreffend die sogenannten „Ausv rkäuse", in unserem Abgeordnetenhause, hat Mechamcus Schneider wieder einmal sein bekanntes Lumen leuchten lassen. Er betonte bei diesem Anlässe, daß die „Ausoerkäuser" natürlich durchwegs „langnange Judenrotten" seien und fügte, um das Gruseln des Abgeordnetenhauses zu vermehren, noch die „lehrreiche" Thalsache hinzu, „daß vor einigen Jahren von Seite einer Brandschaden- Versicherungsanstalt Ausweise gebracht wurden, aus welchen heroorging, daß unter 201 Gewölbebränden in Wien in einem Jahre nicht weniger als 199 sich in Localen ereigneten, deren Eigenthümer oder Mtelher Juden waren". Abgesehen davon, daß es wahrscheinlich noch nie ein Jahr gegeben hat, in dem in Wi-en überhaupt 300 Gewötdebrande vorkamen, weiß Jeder, der sich nur einigermaßen für Assecuranzdinge intereffirt, daß keine Versicherungsgesellschaft, außer der Wiener Wechselseitigen Brandschaden-Versicherungsanstalt, jemals specielle Verzeichnisse der Wiener Schadeniälle publicirt hat, und daß die „Wechselseitige", welche solch? Ausweise allerdings veröffentlicht, die Mobilarversicherung überhaupt erst seit circa 9 Jahren betreibt und seit dem Bestände dieser Abtheilung in derselben noch niemals 200 Brandschaden an Waaren oder Mobitar in einem Jahre überhaupt zn entschädigen batte. Der Abgeordnete Schneider scheint also, wre man sieht, nicht nur fremde Stampiglien und packende Blutritualmärchen, sondern auch affecucanz statistische Ausweise selbst zn fabriciren, eine Vielseitigkeit, die in der That alle Bewunderung verdient. „O esterr. Revue" Zur Debatte über das Gesetz, betreffend die Ausverkäufe. Geehrter Herr Redacienr! In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. d. M. har der Abgeordnete Ernst Schneider, anknüpsend an die Bemerkung, daß vielfache Mißbräuche mit der Ausnützung des Ausgleichveriabrens getrieben werden, behauptet, daß wir den Ausgleich der Firma S. F r i e d in der Gotdschmiedgffie übernommen haben. Dem gegenüber bitten wir, zu constariren, daß, wie auch ans der gerichtlichen Kundmachung über den Zwangsausgleich der vorgenannten Firma hervorgeht, w r diesem Ausgleiche vollkommen ferneftehen und mit demselben nie etwas zu thun gehabt haben. Hochachtungsvoll Wien, 31. November 1894. KastnerLOehler.