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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-07 · 49 (7.12.1894) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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VrAerrrkhilrhe WortzrnschrM Seite 951 Sk. 49 bäumte sich gegen diese schreiende, durch nichts motivirte Ungerechtigkeit auf und R u b i n st e i n ward Jude im Herzen, und wenn er auch nicht daran dachte, gleich dem Professor Horwitz in den Schooß der Synagoge zurückzukehren (Martin Horwitz war als gereifter Mann zum Christenthum übergetreten, so daß er jüdische Traditionen hatte, was Lei R u b i n st e i n, der als Kind getauft wurde, nicht der Fall war), so war sein generöses Gemüth von unendlichem Mitleid für fein unglückliches Volk erfüllt. Anton R u b i n st e i it selbst definirte seine Stellung in folgenden charakteristischen Worten, die der Mitarbeiter des „St. Petersburger Herald" (ein Publicist, der unter dem Pseudonym Le Flaneur schreibt), welcher mit R u b i n st e i n sehr liirt war (ich muß bemerken daß genannter Herr gleichfalls Israelit ist), von ihm selbst gehört und die er in einer von ihm veröffentlichten biographischen Skizze des Verewigten wiedergibt: „Ich weiß wahrlich nicht, was ich bin und zu wem ich gehöre. Gleich dem Sarge Mohamed's schwebe ich zwischen Himmel und Erde und selbst über meine Nationalität und Confession ist man nicht im Klaren. Die Deutschen sehen in mir den Ri ssen; die Russen halten mich für einen Deutschen. Die Juden b etrachtenmich als einen Christen, während d i e C h r' i st e n m i ch d e n I n d e n z u z ä h l e u." M. E. New-Horkex Briefe. 20. November. Die hiesige Wochenschrift „TheAmerican Heblew" feierte am 9. d. M. ihren 15. Jahrestag durch Veröffentlichung einer Prachtausgabe mit Beiträgen von wohlbekannten Männern diesseits und jenseits des Oceans. Reichliche Auszüge aus den Briefen von zwei berühmten Männern sollen für heute den Inhalt meiner eisten Correspondenz bilden. Auf die Frage: „Welchen Eindruck er als jahrelanger Leser hiesiger Zeitungen von seinen Glaubensgenossen in Amerika empfangen und welchen Einfluß er ihnen auf die Zukunft unseres Stammes zutraue?" antwortet der gelehrte Proflssor Dr. M. Lazarus nach einer kurzen Einleitung in folgenden Worten: „Seit etwa 10 Jahren arbeite ich in den besten Stunden, die mir kommen, an einer Schrift, die bei meinen Lebzeiten nicht erscheinen, nach meinem Tode aber den Glaubensgenossen als mein „Vermächtniß" übergeben werden soll. Diese Schrift handelt von der „Erneuerung" oder „Verjüngung" des Judenthums. Es kommt auf das Wort nicht viel an, nur auf die Sache; dagegen aber Wiederbelebung (revlval) darf sie gewiß nicht heißen, denn das Judenthum lebt. Es lebt, beiläufig gesagt, in beiden Parteien (so weit sie mit Ernst und Eifer und unpersönlich vertreten werden), welche beide zu behaupten pflegen, daß in der anderen das wahre Judenthum erstorben sei. Wenn man etwa im Februar einen der Fruchtbäume, etwa einen Apfelbaum, der mittleren Zone ansieht und der Eine behauptet, der Baum ist ja tobt, er ist ja völlig erstarrt und ohne alle innere Bewegung: er irrt sich: Er kennt die Lebens g esetze des Baumes nicht, deren Triebkraft sich ihm, er soll nur ein wenig warten, deutlich offenbaren wird. Wenn der Andere aber behauptet, dies sei ja die wirkliche Gestalt, also auch das wirkliche Leben des Baumes, er irrt sich! Er kennt die Lebensz wecke des Baumes nicht; er soll nur ein wenig warten; erst wenn der Stamm seine Laubkrone erhält — vom Lebensbaume der Religion ist ja die Rede — wenn die frischen Sprossen religiöser Gefühle, wenn die Blüthen religiöser Gedanken und Wahrheiten, wenn die Früchte edler Handlungen erscheinen, dann offenbart sich das volle, das wahre Leben des Baumes. „Es kann nicht meine Absicht sein, hier von dem Inhalt des „Vermächtnisses" Bericht zu erstatten; was ich Ihnen als Quintessenz, als Antwort auf Ihre Frage aus der Einleitung in dieselbe mittheilen wollte, ist nur Ein Satz, der etwa so lautet: Ich fürchte, daß meine Gedanken über Erneuerung oder Verjüngung des Judenthums erst in ferner Zeit, ja ich glaube, daß sie zuerst in fernen Räumen zur Erwägung, und will es Gott, auch zur Geltung kommen werden. Denn nur drüben in Amerika scheinen mir für die Juden die Bedingungen gegeben und auch die wachsenden Kräfte bereits in Bewegung, um einen gewaltigen und tiefgreifenden Proceß zu vollziehen zur Erfüllung des Lebens mit religiösen Mächten. „Seit dritthalbtausend Jahren hat man die Thatsache beobachtet, daß der Gang der Cultur immer von Osten nach Westen ging, daß aber dann die im Westen entfaltete Blüthe sich zurück nach dem Osten wandte. So wird es, denke ich, auch dem Judenthum mit seinen Stationen: Asien, Europa und Amerika gehen. „Was nun inzwischen an Ereignissen auf dem Gebiete der Religion sich begeben hat, hüben und drüben, ha: mich in dieser Erwartung nur bestärkt. Erst im Vergleiche mit den ausführlich geschilderten amerikanischen Verhältnissen würde ich auch die europäischen genauer besprechen, um zu zeigen, wie hier im letzten Menfchenalter alle Bewegungen auf religiösem Gebiete durch den Mangel an Energie erlahmt, auf halbem — was sage ich, halbem — auf dem Zehntel des Weges stehen geblieben sind. Bei den Evangelischen: Die Lichtsreunde, der Protestantenverein, die freien Gemeinden; bei den Katholiken: Die Deutschkatholiken, die Altkatholischen; bei den Juden: Die Rabbiner-Versammlungen, die Synoden. Die meiste Kraft aufgewendet hat noch in Europa in allen Lagern die Orthodoxie, aber auch ohne wesentlichen Erfolg; sie will Alles thnn, um die Menschen für die Religion zu gewinnen, aber sie thut meist Alles, um sie von ihr zu scheuchen. Innerhalb des Judenthums aber fehlt es in Deutschland und Oesterreich — und leider kommt nur Deutschland in Frage, denn Frankreich, England, Italien zeigen von einer religiösen Bewegung rur geringe Spuren — an einer energischen productiven Vertretung und an weiter Ausbreitung der Gegensätze; von einer Bestimmtheit des Gedankengehaltes, einer Klarheit ist weder in Pest noch in Breslau, weder in Wien noch in Berlin die Rede. „Das aber begrüße ich mit wahrer Wonne von den Vorgängen in Amerika. „Schärfe und Bestimmtheit der Gegensätze der Parteien und enger Anschluß aneinander innerhalb einer jeden, sind die beiden Centren in der Elliptik der Bewegung am Sternenhimmel der Ideale. Und dort, wo der große Versöhnungsgedanke unter allen Religionen in dem großen Congreß eine Stätte gefunden — eine Thatsache allerhöchsten Ranges, die Tage in Chicago werden als Datum und Denkmal am Throne Gottes eingegraben sein ,-p C2 ‘tj? *2. Dort sind sogleich die verschiedenen Richtungen innerhalb d»>s Judenthuws mit Kraft und Klarheit, mit Ernst und Würde vertreten. Schon der > Kampf ist Sieg, Sieg gegen den Jndifferentismus. „Man soll nicht verlangen, daß ollen Bäumen Eine Rinde wachse, eine Rinde aber muß jedem Baum wachsen, wenn er der Unbill der Gewalten trotzen und am Leben bleiben soll. Und innerhalb der einen Partei hat neuerdings eine Rabbiner-Versammlung für etwa 120 Gemeinden ein gemeinsames, auf dem Boden der Pietät und des Fortschritts zugleich stehendes Gebetbuch geschaffen. Gott segne die Versammlung und ihr ferneres Wirken! In derselben Versammlung hat Köhler — Gott segne ihn und sein serneres Wirken! — die gewaltige Rede über die spiritual force« des Judenthums gehalten. Die Deutschen haben ein naives, inniges Sprichwort: „Der alte Gott lebt noch!" Ja er lebt ncch, der GottJsraels, in den Herzen der Kinder Israel. (Maleachi 3, 6.)" Den zweiten Brief an die erwähnte Wochenschrift hat ein Arier geschrieben (Sie sehen, ich bin in Fühlung mit den überseeischen, modernen Kunstausdrückcn) kein Geringerer als der berühmte Verfasser des viel gelesenen Werkes ..Israel chez les nations“, Herr Anatole L.ekr oy - Beaulieu. (Etuf (Hie. Marne), 6. Oktober. „Ich lese regelmäßig „TheAmericanHebrew" und immer mit Interesse und Nutzen. Das Blatt gereicht sowohl dem Judenthum, wie den Vereinigten Staaten zur Ehre. Aus seinen Spalten ersieht man, daß die Juden ein Element hoher Intelligenz und Moral bilden. „Ganz besonders fällt mir die wertumfassende Toleranz auf, welche die Redaction Ihres Journal an den Tag legt. Ich finde in ihr ein echtes Gefühl für religiöse Freiheit, die unter allen Phasen moderner Freiheit vielleicht die wichtigste ist. Die Ehre gebührt theils dem amerikanischen Geiste, welcher der religiösen Freiheit so viel zu verdanken hat, theils aber auch dem Judenthum, was man billiger Weise anerkennen muß. „Als gewisse Amerikaner, uneingedenk ihrer glorreichsten nationalen Traditionen, gegen die Katholiken eine Agitation in's Werk setzten, da haben die Israeliten nicht gezögert, die gleiche Freiheit für die römische Kirche wie für alle anderen Kirchen zu vindiciren. Empfangen Sie dafür meinen Tank im Namen der Katholiken Europas. Sie haben den Antisemiten

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