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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-12-07 · 49 (7.12.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 950 Vesterreichische Wochenschrift Nr. 49 Unser berühmter Rubin st ein. Der Koloß der russischen Kunst ist nicht mehr. ..Er verherrlichte in der ganzen Welt nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Vaterland, verherrlichte Rußland seit lange und unaufhörlich, indem er deffen Ruhm hochhielt. Generationen wechselten ab, doch der Enthusiasmus der Nachkommenden, die Anhänglichkeit Europas an den Künstler, die Begeisterung, welche ec durch seine Kunst erweckte, wurden im Laufe von 55 Jahren nicht geringer, wuchsen stets und progressiv. Wenn irgend ein Land von allen Genies wahrer Kunst einen zu den Sei ni gen zählen sollte, so war es Rubin st ein. Wir unsererseits warennicht nur stolz aus ihn, sondern wir liebten ihn, sein Name war für unsere KünstlerdieFahne, um welche sich die einzelnen Kräfte zu gemeinsamer Arbeit schaarten. BeiErinnerung dessen, wie viel dieser Moses für dieKunst in Rußland gethan, welchen spröden, undankbaren Boden er mit seiner mächtigen Hand cultivirt; beim Anblick dessen, wie, ungeachtet seines Alters, seine Kräfte allmälig erstarkten, wurden unsere Künstler geistesstark. EinGenielebtein unsererMitte und wir haben es jetzt verloren." So weit das antisemitische Blatt. Wenn man bedenkt, daß dieselbe Zeitung, die jetzt das Füllhorn ihrer begeisterten Huldigung über den todten Künstler ausschüttet, R u b i n st e i n oft bei Lebzeiten einen „ungezogenen Judenjungen" genannt, so wird man die bittere Ironie begreifen, welche dieser von überschwänglichem Lob strotzende ellenlange Artikel in sich birgt. Als sich unlängst die Nachricht verbreitete, der Capitän des französischen Generalstabes, Dreh fuß (Jude) habe Verrath begangen an der Republik und dem Dreibunde wichtige Documente verkauft, da donnerte die „Nowoje Wremja" gegen die jüdische Depravation, wies triumphirend darauf hin, welche fatale Folgen die Emancipation der Juden nach sich zieht und rieth den Franzosen ernstlich an, sämmtliche Juden aus der Armee und der Beamtensphäre auszustoßen. Der Jude Rubinstein wird verherrlicht, ohne daß man ihn der Judenheit ins Activum stellt, während man den Juden Dreyfußunsins Passivum setzt und die gesammte Judenheit für dessen Verrath verantwortlich macht, alle Juden zu Landesverräthern stempelt. Um logisch zu sein, hätte man alle Juden zu genialen Pianisten erheben sollen, weil einer aus ihrer Mitte sich in der Sphäre der Harmonie hervvrgethan. Beides wäre ebenso logisch wie berechtigt. Da brüsten sie sich mit dem todten R u b i n st e i n, zählen ihn zu den ihrigen und rufen triumphirend aus: Seht, welch große Söhne Rußland hat. Unser Rubin st ein! rufen sie stolz aus und der Berditschewer Handelsjude Hirsch R u b i n st e i n, der Vater des großen Pianisten, kann nicht gegen diese Aneignung protestiren, ebenso wie der Schenkwirth Marcus Antokolski in Wilna nicht dagegen Verwahrung einlegen kann, daß die russischen Zeitungen seinen Sohn, den berühmten Bildhauer, zu den ihrigen zählen und triumphirend ausrufen: Unser Antokolski! Beide Väter sind seit lange tobt, noch bevor ihre Söhne weltberühmt geworden. Antokolski hat sich in Paris niedergelassen, weil, so lange er in Petersburg weilte, er von den ultraorthodoxen Patrioten mit allen Hunden gehetzt wurde, weil er nicht dem Glauben seines Vaters untreu werden wollte. R u b i n st e i n ist freilich rechtgläubiger Christ geworden, daher auch die .nationalen Preßorgane (welche alle ihm begeisterte Lobeshymnen singen) einmüthig seine jüdische Abstammung verschweigen, derselben mit keinem Worte erwähnen, ja sogar seine Heimatstadt Berditschew nicht nennen, da dieselbe ausschließlich von Juden bewohnt ist und aus Berditschew sein „gleichbedeutend ist" mit dem Geständniß, Jude zu sein. Doch da man den Stolz Rußlands ehren, ihm einen glanzvollen Leichenconduct organisiren wollte, so mußte seine Abstammung sorgfältig geheim gehalten w°rden und die blödsinnige Presse handelte gleich dem Vogel Strauß, der bei Verfolgungen den Kopf in den Wüstensand steckt und glaubt, weil er nicht sieht, daß er auch nicht gesehen wird. Nur der „St. Petersburger Herald" störte diese Einmüthigkeit, plauderte aus der Schule, indem er nrb! et orb! verkündete, daß Anton R u b i n st e i n Jude gewesen, daß seine jüdischen Schwestern noch jetzt in O dessa leben und daß R u b i n st e i n stolz auf diese seine Abkunft war. Ich beabsichtige durchaus keine Biographie Rubinstein's zu schreiben. Dieselbe ist allzu bekannt. Ich beabsichtige nur einige Bemerkungen über die Beziehungen des Verewigten zu seinen ehemaligen Glaubensgenossen zu machen, da dieselben als kleiner Beitrag zur Geschichte der russischen Juden dienen können, die ich nächstens in der „Oesterreichischen Wochenschrift" zu eröffnen gedenke. Diese Bemerkungen sind die Früchte häufigen persönlichen Verkehrs mit dem berühmten Künstler, der mir feit vielen Jahren ein lieber werther Freund gewesen und mir Manches mittheilte, was er Anderen, die ihm vielleicht weit näher standen, nie mitgetheilt haben würde. Anton R u b i n st e i n war (gleichwie sein berühmter Bruder Nicolai) bis zu Ende der Siebziger-Jahre dem Judenthum ganz entfremdet gewesen, verhielt sich zu demselben ziemlich indifferent, jedoch durchaus nicht feindlich, wie es öfters bei Renegaten der Fall ist. R u b i n st e i n war als Kind getauft worden, so daß seine Erinnerungen aus der jüdischen Jugendzeit sehr nebelhaft waren. Als Director des Conservatoriums, dessen Gründer er war, räumte er die Hindernisse hinweg, welche der jüdischen Jugend den Eintritt in diese Musikhochschule erschwerten und engagirte als Professoren viele Juden, wie D o v y d o w, Auer, M a r s ch t i l o w i t s ch, die jedoch sich gezwungen sahen, das Christenthum anzunehmen, da sie sonst sich Nörgeleien und Chicanen ausgesctzc sahen. Rubinst e i n zog eine ganze Plejade von Künstlern heran, unter denen viele Juden waren und er sprach sich stets sehr lobend über die musikalische Begabung der jüdischen lernenden Jugend aus und gab zu, daß in vielen seiner Werke jüdische Anklänge sind. Als jedoch am Ende der Siebziger-Jahre die Judenverfolgungen begannen und 1880 sogar die blutigen Krawalle in Balta, Jekaterinoslaw, Odessa und anderen Städten des südlichen und westlichen Rußland zur Schmach der Cultur und der Menschheit inscenirt und die bestialischen Ausschreitungen des durch geheime Emissäre aufgestachelten fanatischen Pöbels nicht nur nicht von den Behörden mit dem Aufgebot aller ihnen zu Gebote stehenden Mittel unterdrückt, sondern tolerirt, ja sogar ermuntert wurden, da machte sich in den Anschauungen R u b i n st e i n's ein ersichtlicher Umschwung bemerkbar, der sich in dem Maße accentuirte und verstärkte, als die Verfolgungen der Behörden und die Ausschreitungen des Janhagels wuchsen. Dieselbe auffällige Erscheinung machte sich übrigens bei vielen getauften Juden Rußlands bemerkbar. Dieselben waren größtentheils, wie es bei Renegaten leider oft der Fall zu sein pflegt, erbitterte Feinde ihrer einstigen Glaubensgenossen. Besonders frappirend war diese Eigenschaft bei dem getauften Juden, dem berühmten Gynäkologen Professor der medicochirurgischen Anatomie Martin H orw i tz, einem der erbittertsten Feinde Israels. Ec verfolgte seine ehemaligen Glaubensgenossen wo und wie er nur konnte, mit einer raffinirten Bosheit und grausamen Consequenz, die in den Opfern dieser Behandlung oft schmerzliches Erstaunen hervorrief. Und in diesem „Sohne Israel", wie ihn die Juden Rußlands nannten, ging plötzlich eine wundersame Veränderung vor. Aus einem wüthenden Antisemiten wurde er ein eifriger Philosemit und veröffentlichte in mehreren Zeitschriften mit voller Nennung seines Namens glühende Artikel zu Gunsten der Unterdrückten.' Das Wehgeschrei der Opfer der Volksjustiz im Süden und Westen Rußlands an der unschuldigen jüdischen Bevölkerung, dieGräuelinB alta, Krementschug, in Mohilewund Odessa u. s. w. hatten in den Herzen des getauften Gelehrten das jüdische Gefühl aus dem tiefen Schlummer, in den es versunken war, wieder erweckt und ein mächtiges Echo wachgerufen. Die Maigesetze des Grafen I g n a t i e w, welche Hunderttausende jüdischer Familien auf dem flachen Lande von Haus und Hof jagten, brodlos machten, hatten das Rechtsgefühl des Professors empört und er sprach uns gegenüber öfters die Absicht aus, Rußland zu verlassen und im Auslande wieder Jude zu werden. Ein früher Tod verhinderte ihn an der Ausführung dieser Idee. Die entsetzlichen Judenverfolgungen hatten aber solch einen Einfluß auf Anton R u b i n st e i n, wenn auch nicht in so hohem Grade, als es bei Martin H o r w i tz der Fall war. R u b i n st e i n fühlte sich dem Judenthum weit näher, als diese Verfolgungen begannen und immer größere Dimensionen annahmen. Tein edles Herz empörte sich gegen die Ungerechtigkeit, sein zartbesaitetes Gemüth konnte diesen Angstschrei eines gehetzten Volkes nicht ohne Grauer; hören, sein Rechtsgefühl

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