Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 946 Vrsterrelchtsche Wochrnschriy Nr. 49 La quistione dacoromana e lo stato ungherese. (Dr. Sch.) Seit der kurzen Zeit ihres Bestandes entfaltet die sogenannte rumänische Culturliga in Bukarest eine fieberhafte Thätigkeit durch die Verbreitung von Flugschriften, Memoranden oder besser gesagt Pamphleten gegen den ungarischen Staat in allen Sprachen, um den europäijchen Völkern ad oculos zu demonstriren, in welcher entsetzlichen und unerträglichen Sclaverei die unglücklichen Rumänen Ungarns schmachten müssen, wie sie von den Magyaren, diesen barbarischen, uncivilisirten, uncultivirten asiatischen Mongolen (stereotype Phrasen der erwähnten Pamphlete) gewaltsam entnationalisirt, mit Feuer und Schwert förmlich ausgerottet werden. Der ungarische Staat hat lange Zeit alle diese Schmähungen mit beispielloser Geduld über sich ergehen lassen. Die Geduld hat aber in Folge des stets vehementer gewordenen Geschimpfes der erwähnten Liga ein Ende genommen. Herr Leopold von Ovary, Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften, Bicedirector des königlich ungarischen Landesarchivs, ist der erste ungarische Publicist, der in einer zu Rom im August dieses Jahres unter dem Titel „La quistione dacoromana e lo stato ungherese" erschienenen Broschüre (die bereits in französischer Uebersetzung vorliegt und nach Verlauf kurzer Zeit im Verlage des Budapester Universitätsclubs auch in deutscher Uebersetzung erscheinen wird), sich der Mühe unterzogen hat, die Fälschungen, Entstellungen und Verleumdungen der rumänischen Liga im Lichte historischer Wahrheit vor dem ausländischen Publicum zu beleuchten. Wir empfehlen wärmslens jedem aufrichtigen Freunde des ungarischen Staates diesen lesenswerthen historisch-politischen Essay. An dieser Stelle müssen wir uns blos auf ein kurzes Resumä seines Inhaltes beschränken. Herr von Ovary beweist uns durch eine Fülle unwiderleglicher, historischer Thatsachen und durch die Resultate sprachvergleichender Forschung zur Evidenz, daß die Rumänen weder Abkömmlinge der Colonisten der römischen Legionen Kaiser Trojans, noch auch romanisirte Dacier sind, daß diese sogar von der rumänischen Akademie der Wissenschaften (die übrigens von dem rumänischen Exminister Titus Majorescu mit dem keinesfalls schmeichelhaften epitheton ornans „Brutstätte der Ignoranz" beehrt wird) propagirte Fabel in das Reich der Mythe gehöre, daß also der sogenannte Dacoromanismus jeder historischen Grundlage entbehre und folglich von einem „historischen Rechte" der Rumänen als der Abkömmlinge der alten Römer auf Siebenbürgen, welche Provinz ihr Erbtheil sei, gar keine Rede sein könne. Diese erste Lüge der dacoromanischen Propaganda wird mit dem Aufwande eines großen wissenschaftlichen Apparates in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise widerlegt. Im zweiten Capitel seiner Broschüre zeigt uns Herr von Ovary, daß die Rumänen romanisirte Illyrier, welche slavischem Einflüsse sowohl in ihrer Cultur, als auch in ihrer Sprache und Religion erlegen sind, aus ihren Wohnsitzen auf der Balkanhalbinsel durch Slaven und Türken verdrängt, in Ungarn Schutz gesucht und gastfreundliche Aufnahme gefunden haben, daß aber vor dem Jahre 1222 keine Spur von Rumänen in Ungarn zu finden sei. Besonders nach der schrecklichen Invasion der Tataren (1241) haben viele ungarische Edelleute, die vom Staate öde Landstriche zum Geschenk erhalten hatten, um dieselben zu bebauen und zu bevölkern, rumänische Ansiedler nach Ungarn berufen. Der überwiegende Theil dieser Einwanderer trieb Viehzucht und führte aus diesem Grunde ein unstetes Nomadenleben. Sie zeigten sich für gar keine Cultur empfänglich, wurden gar oft den anderen Nationalitäten mit festen Wohnsitzen lästig und sehr häufig sind die Klagen speciell von Seite der Siebenbürger Sachsen über Einfälle und Räubereien, welche von bewaffneten Banden der Wallachen begangen wurden. Diese Banden stiegen von den Bergen herab und machten die Landstraßen sehr unsicher. Daher datiren die häufigen königlichen Befehle, die an die siebenbürgischen Behörden behufs Unterdrückung des Räuberunwesens gesandt wurden. Die dacoromänische Geschichtsschreibung deutet aber diese Befehle der ungarischen Könige als „Maßregeln zur Ausrottung und Vernichtung aller Rumänen." Mit Recht bemerkt Herr von Ovary, daß, wenn dies die Absicht der ungarischen Könige gewesen wäre, Niemand sie an der Ausführung dieser ihrer Absicht hätte hindern können. Sehr treffend charakterifirt diese dacoromänische Fälschungssucht und Verlogenheit der schon erwähnte rumänische Exminister Titus Majorescu mit folgenden Worten: „dans notre civilisatiou aetuelle, c’est le mensonge qu’ il fant Je plus ddplorer; mensonge dans les aspirations, mensonge dans la politique, dans 1a poßsie et la grammaire et dans toutes les manifestatione de l’opinion publique“. Im dritten, „Siebenbürgen" überschriebenen Copitel gibt Herr von Ovary eine ethnographisch statistische Schilderung Siebenbürgens, um den Beweis zu erbringen, daß die Autonomie Siebenbürgens unter rumänischer Suprematie die größte Ungerechtigkeit wäre. Wenn auch nach der Volkszählung vom Jahre 1890 von 2,251.216 Seelen Siebenbürgens 1,276,890 rumänischer Nationalität sind, so repräsentiren doch das eine ansehnliche Minderzahl bildende Ungarthum (700.000) und das Deutschthum (218.000) den Reichthum und die Civilisatiou Siebenbürgens, wobei aber noch erwähnenswerth ist, daß die Rumänen nur in 7 zwischen 15 siebenbürgischen Comitaten das numerische Uebergewicht haben und daß überall in den Culturcentren, nämlich in den Städten, die Rumänen in der Minderzahl sind. Es wäre also Heller Wahnsinn, wenn eine Million Ungarn und Deutsche einer culturell tief inferioren Nationalität blos aus dem Grunde ausgeliefert werden würde, weil diese die numerische Mehrheit (und nichts als diese) für sich hat. Dies wäre ebenso — bemerkt sehr richtig Herr von Ovary — als wenn man den Lazzaronis von Neapel die städtische Verwaltung deshalb übergeben wollte, weil sie die Majorität bilden. Die dacoromänische Lüge, daß die Rumänen Siebenbürgen als ihr altes Erbtheil zu beanspruchen ein Recht hätten, wurde bereits im ersten und zweiten Capitel historisch widerlegt, wo der Beweis erbracht ist, daß vor dem Jahre 1222, also durch etwa vierhundert Jahre nach der Begründung des ungarischen Staates in Ungarn und Siebenbürgen keine Spur von Rumänen zu finden sei. Nachdem Herr von Ovary uns in der ersten Hälfte des vierten Capitels gezeigt hat, daß die ganze dacoromänische Bewegung (deren erste Urheber drei ungarische Adelige, Georg Sinkay v. Sinka, Peter Major und Samuel Klein gewesen sind, welche aus dem im Jahre 1754 nach der Union eines Theiles der Rumänen mit der römischen Kirche gegründeten Seminar von BalLzsfalva in Siebenbürgen hervorgegangen und lange Zeit im Solde der ungarischen Regierung gestanden waren) ohne die Connivenz und Duldung der ungarischen Regierung nie hätte entstehen können, nachdem er ferner uns einige crasse Proben gegeben hat, wie geschichtliche Thatsachen von der dacoromänischen Geschichtsschreibung im Widerspruch mit der historischen Wahrheit zum Zwecke der Agitation absichtlich und mit unerhörter Dreistigkeit gefälscht werden, wendet er sich in der zweiten Hälfte des vierten Capitels zn den politischen Ausführungen seiner Schrift und führt die wuchtigsten Hiebe gegen die Hypokrisie und Verlogenheit der dacoromänischen Agitation. Mit Recht fragt Herr v. Ovary: Wenn sich die dacoromänische Liga von Bukarest die Vereinigung aller fremder Herrschaft unterworfenen Rumänen zum Ziel gesetzt habe, warum sie sich ausschließlich mit dem Lose der Rumänen in Ungarn beschäftige und warum sie sich nicht im Geringsten um das Geschick jener Rumänen bekümmere, die doch in beträchtlicher Anzahl in Oesterreich, in Rußland, in Serbien und in Makedonien leben. Wie komme es, daß sie nicht ein Wort des Tadels finde, da sie doch Zeugin der zwangsweisen Russificirung der Rumänen Bessarabiens sei, die zu Tausenden aus ihren armseligen Hütten gejagt und in die Gebirge des Kaukasus gesendet werden, um für ganze Cvlvnien von Kosaken Platz zu machen? In Bessarabien gibt es weder rumänische Schulen, noch rumänische Popen, keine rumänische Zeitung und kein rumänisches Buck kann über die Grenzen dieser unglücklichen Provinz gelangen, die im Begriffe steht, völlig kosakisch zu werden. Die proclamirte, die Union sämmtlicher Rumänen anstrebende Tendenz der Culturliga von Bukarest ist also ebenfalls erlogen, und wenn sie ihre ganze Thätigkeit auf die Agitation gegen Ungarn concentrirt, so geschieht dies aus doppeltem Grunde: Erstens, weil sie zum Zwecke dieser Agitation von dem panslavistischen Rußland mächtig unterstützt wird, und zweitens, weil sie es weiß, daß das wahrhaft konstitutionelle, freiheitliche und liberale Ungarn mit seinen freiheitlichen Gesetzen und duldsamen Regime ein günstiges Terrain für diese ihre Thätigkeit ist, während in Oesterreich oder Rußland ihren Agitationen sehr bald ein unsanftes Ende bereitet werden würde. Es wäre aber wahrlich viel ersprießlicher gewesen, wenn die Liga jene 400.000 Francs, welche sie in den letzten drei