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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-30 · 48 (30.11.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 936 Vestrrrrtchlsche Wochensrtzrtfl Nr. 48 eigensten Angelegenheiten zu wecken, warum — genug! schon auf diese Fragen wird eine Antwort schwer zu geben sein. Wahrscheinlich ist an diese Dinge gar nicht gedacht worden! Die Rücksicht aus den bevorstehenden Schluß des bürgerlichen Jahres wird doch nicht allein den Ausschlag gegeben haben, denn allem Anschein nach besteht doch die Absicht, nach dem alten Statut im neuen Jahr auf dieselbe Weise wie im alten — fortzuwuisteln. Man mißverstehe nickt. Es ist nicht im Entferntesten unsere Absicht, an den vieljährigen und allerseits anerkannten Verdiensten des Herrn Präses-Stellvertreters mäkeln zu wollen, und auf das Entschiedenste müßten wir uns gegen das Mißverständniß verwahren, als ob wir bei allen hier in Rede stehenden Herren, welche persönlich unsere unbedingte Hochachtung genießen, etwas Anderes voraussetzt n als die lautersten Absichten, den besten Willen, dieselben zu bethätigen, mitunter auch redliches Bemühen Dies darf uns jedoch nicht abhalten, unserer Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß die Vertretung einer Judenschaft, deren Seelenzahl in das achte Tausend hineinreicht, die Vertretung der hauptstädtischen, zahlreichsten und wohlhabendsten Gemeinde Mährens in den heutigen Zeitläuften ihren Wirkungskreis nicht auf die geordnete Verwaltung des Gemeindevermögens, die Armenpflege und die Erhaltung der bestehenden Anstalten und Einrichtungen in hergebrachter Weise beschränken darf. Die politischen, nationalen und socialen Strömungen der Gegenwart haben auch die Juden in eine starke Mitleidenschaft gezogen, welche ihrerseits unserer Gemeinde neue Aufgaben stellt. Daß unsere Gemeindevertretung diese Aufgaben erfaßt Hab ', hat sich anläßlich der letzten Wahlausschreibung in der sogenannten Wählerversammlung entschieden nicht erkennen lassen. Das jüdische Reich der Chs;aren. Von Dr. Heinrich Gottlieb. (Schluß.) Die Oberherrschaft der Ehazaren über die angrenzenden russisch-slavischen Stämme hatte zwei Jahrhunderte gedauert. Die Abhängigkeit der Russen bestand darin, daß sie den Chazaren einen Tribut in Pelzwerk und anderen Producten entrichteten. Auch lagen an gewissen Punkten der russischen Länder chazarische Garnisonen, worauf die in Südrußland bestehenden Lagerplätze, die noch heute chazarische Plätze heißen, Hinweisen. Es waren dies vielleicht chazarische Handelsfactoreien, die unter dem Schutze von chazarischen Garnisonen standen. NachGolubowski's Ansicht war auch Kiew längere Zeit den Cbazaren unterthan. Er sagt in seiner obenerwähnten Schrift: „Da die chazarische Regierung in religiösen Dingen sehr tolerant war, so ist anzunehmen, daß die Oberherrschaft der Chazaren für unsere Vorfahren (die Russen) nicht drückend war. Es liegen keine Gründe vor. die Beziehungen zwischen Chazaren und Russen als im Allgemeinen oder dauernd feindlich anzunehmen. Im Gegentheil besteht bei den russischen Cbronist-'n dieUeberlieferung, daß die Chazaren mit dem heil. Wladimir in Verkehr traten, um ihn zum Judenthum zu bekehren, was offenbar auf innige culturelle Beziehungen zwischen Cbazarien und Rußland schließen läßt. Der Cultureinfluß der Chazaren auf Rußland dürfte sehr groß gewesen sein." - Die Russen gaben ihrem Fürsten den Titel, welchen die Herrscher Chazariens trugen. Die Zeitgenossen Wladimirs des Heiligen nannten ihn Chem. Dies deutet darauf hin, daß die Russen sich politisch als Nachfolger des Chazarenreiches betrachten. Außer dem Schutze des Handels zwischen Asien und Europa hatte Chazarien das große Verdienst, eine Vormauer Europas gegen den Andrang der asiatiscken Nomadenhorden sowie der arabischen und türkischen Glaubenskampfe zu sein. Der Fall Chazariens war ein Unglück für Europa, denn er öffnete dessen östliche Pforte den Einfällen jener Völker. Die Culturentwicklung der slavischen Völker im Osten Europas wurde hiedurch auf Jahrhunderte lang, namentlich durch die in Folge dessen herangerückte Tartarengefahr gehemmt, denn die zersplitterten russischen Fürsten konnten diesen Horden nicht widerstehen. In Rußland wird das Andenken der Chazaren noch heute in Ehren gehalten. Das kaspische Meer heißt das Chazarenmeer. So nennt es auch der polnische Dichter Mi ckiewicz in seiner Dichtung. „Grazyna" Ein Theil der Krim heißt im Volksmund Chazarien. Bei den Lesgiern im Kaukasus werden die Juden noch heute Chazaren genannt. Interessant ist die zwischen dem südrussischen Cultur- Historiker D u chen s ki und dem großrussischen Geschichtsschreiber Karamzin verhandelte Frage, ob und in welcher Beziehung die heute sieben Millionen zählende Secte der Sobotniki in Südrußland, die, obzwar Christen, den Sabbath feiern, mit den alten Chazaren steht. Duchenski will in den Sobotniki die Abkömmlinge derChazaren finden. Die Erklärung Karamzi n's ist nicht minder abenteuerlich. Karamzin nämlich sagt: Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts kamen zwei jüdische Rabbiner ans Lithauen nach Rußland und es gelang ihnen, einen äußerst zahlreichen Anhang für das Judenthum zu gewinnen. Die Secte breitete sich in ganz Rußland, besonders in Südrußland, so rasch aus. daß die Regierung dagegen einschreiten mußte. Dies sei der Anfang der Secte der Sobotniki. Wahrlich, es ist schwer zu glauben, daß es zwei obscuren Rabbinern gelungen wäre, so rasch so viele Millionen Proselyten zu machen. Wir sehen nirgends in der Geschichte des siebzehnten Jahrhunderts eine jüdische Propaganda und gar in so großem Maßstabe. Derselbe Karamzin erzählt, auf Chroniken gestützt, daß lange vor Ivan IV., dem Erorberer von Susdal, Fürst Georg Dolg o ru ky in den unterworfenen Ländern Heiden, Mohammedaner und Juden traf, die er alle zum Christenthum bekehrte. Also schon bei der Gründung des russischen Reiches finden sich Juden im Herzen von Moskovien (Großrußland) und aus der Zeit von einigen Jahrhunderten später unter Ivan IV. dem Schrecklichen erzählt derselbe Karamzin folgenden Vorfall: „Die Duma (der Rath der Bojaren und der kirchlichen Würdenträger) war in Moskau unter Vorsitz Jvan's versammelt, da erhob sich Z o si m, Patriarch von Moskau, und entwickelte in längerer Rede, daß die Staatsreligion noch immer nicht die Massen des Volkes für sich gewonnen babe. Es sei daher im Interesse des Reiches gelegen, das mosaische Gesetz als Staatsreligion zu acceptiren, da es im Volke viel Anhang besitze. Der Vorschlag Zosim's wurde von einem Tbeile der Duma beifällig ausgenommen. Gegen denselben opponirten die Abgeordneten von Nowogrod und die moskowitischen Bojaren (Abkömmlinge des Eroberers von Susdal). Den Ausschlag gab der Czar (damals noch Großfürst) Ivan, welcher dem Mosaismus abhold war, und infolge dessen fiel derAntrag Zosim's, des Patriachen von Moskau. Alles dies war offenbar eine Nachwirkung der Chazarenerinnerung in der russischen Volksseele, ein Nachglanz des am Firmament der Geschuhte Ost-Europas einst glänzend erstrahlenden Meteors. Stimmen aus dem Publicum. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Angesichts des durch seine Erfolge berauschten, sich immer übermüthiger gebendenden Antisemitismus, angesichts der sich leider immer deutlicher zeigenden zersetzenden Bestrebungen desselben, welche eine fast schon unüberbrückbar gewordene Kluft zwischen Confession und Confession. zwischen Stadt und Land, zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, ja noch mehr, sogar zwischen Mensch und Mensch geschaffen haben, ziemt entschieden ein ernstes Wort. Friede ist die Parole, welche jegliche Regierung — welcher politischen Richtung sie auch angehöre — auszugeben, Humanität und gegenseitige Duldung aller Bürger, die Forderung, welche sie an alle ihre Untergebenen unbedingt zu stellen hat. Nun was sehen wir jedoch, im Gegensätze zu diesem von jedem Unbefangenen wohl als richtig anerkannten Axiom? Eine ihrer Zahl nach zwar geringe, aber durch die unaufhörliche Aufwühlung der Leidenschaften des Volkes, durch die Nährung der Unzufriedenheit desselben, durch ihre terroristische — angeblich zur Unterdrückung der Corruption erfolgende — Thätigkeit mächtig gewordene Partei schwingt sich nach und nach zur ausschlaggebenden im Staate empor, auf sie nimmt man. weil man ihren Terrorismus scheut, in jeder Beziehung Rücksicht, sie betrachtet man als den Ausfluß der Volksseele und unter ihrem Einflüsse werden Bestimmungen getroffen, welche den Stempel ihres Geistes tragen. Ihr Führer, weil der geistig hervorragendste in ihrer Mitte, ein des Wortes mächtiger, den Massen schmeichelnder Mann,

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