Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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mä&BS8Z.'Z£-. Nr. 48 Vrflerrrdhifttzr VortzrnfchrM Seite 935 nicht gebeugt und noch immer schön. Schön waren auch ihre , Töchter und unter diesen Clara die Auffallendste. War es innerer Trieb, brachte es die gewonnene Welt-- erfahrung mit sich, aber das Haus hatte einen von allen anderen Familien verschiedenen Anstrich und wurde bald tonangebend. Gute deutsche Bücher bildeten den Geist, und auch Musik wurde gepflegt und mit strenger Sorgfalt wachte Sara darüber, daß ihre Töchter — man bedenke damals bei Juden! — französisch ebenso geläufig wie deutsch sprachen. Das Beispiel dieses Hauses wirkte anregend auch auf Andere und so bildete sich ein Kreis, der abgesondert und vielleicht auch verpönt von den Glaubensgenossen seine Lesezirkel hatte und sogar Theater-Vorstellungen arrangirte. Gelegentlich einer solchen, bei der auch ein russischer Jude Rubin stein, der von seinen in Berdyczew lebenden Eltern Studien halber nach B r o d y geschickt worden war, da es in Berdyczew keine Lehranstalten gab, die Brodyer Schule aber schon damals in gutem Rufe stand, mitwirkte, lernte dieser der schönen Sara noch schönere Tochter Clara kennen und nach einigen Jahren führte er sie als sein Weib heim. Die Familie Rubinstein stand damals in Rußland in so großem Ansehen, daß am Hochzeitstage alle Hochzeitsgäste freie Passage über die Grenze hatten, wozu ein specieller Befehl höhern Orts ergangen war. Sollte es nun zum Danke für die Stellung sein, die die Rubinstein, trotzdem sie Juden waren, in Rußland genossen, waren es andere Gründe, die dem Erzähler nicht bekannt, Claras Mann und mit ihm Clara übertraten zum Christenthum und die Kinder — deren zweites Anton, — wurden schon als rechtgläubige Christen geboren. Die Taufe wurde von den Angehörigen zu Brody schmerzlich empfunden. Jahre waren vergangen, daß Clara in Brody nicht gesehen wurde und nur aus ihren Briefen erfuhr man, welches Talent ihr Anton und dessen jüngerer Bruder Nicolaus, der nachmalige Director desConservatoriums in Moskau, für Musik entwickelten und daß sie auf Drängen ihrer Freunde, um die musikalische Ausbildung der Kinder zu vervollständigen, sich nach Moskau begab. Von dort aus wurde eine Reise nach Petersburg angetreten, woselbst bekanntlich Anton Rubinstein vor dem Czar Nicolaus spielte und nachdem Berlin, das nächste Reiseziel, bald erreicht war, langte eines Tages Clara Rubinstein mit ihrer Tochter und den damals neunjährigen Anton in Brody an. Groß war die Freude der nun alten Sara, groß das Erstaunen der Brodyer als „Claire Rubinstein avee ses enfants“, wie es auf ihren Karten hieß, auftauchte. Getauft sein war damals fluchwürdig und der Verkehr beschränkte sich daher während des achttägigen Aufenthaltes in Brody nur auf den engsten Familienkreis, unter dem Anton, der nicht wenig stolz war auf die ihm vom Czaren geschenkte goldene Uhr, sein Cousinchen mit überlegener Klugheit aufzog und sich lustig machte über die kleinstädtischen Verhältnisse. Wie mußte ihm auch Brody Vorkommen, nachdem er Moskau und Petersburg gesehen und seinem jugendlichen Geiste sich die Pracht eines Kaiserhofes eingeprägt hatte. Er mußte auch vor seiner Großmutter Sara seine Meisterschaft auf dem Claviere beweisen, auf demselben Claviere, auf dem seine Mutter den ersten Unterricht genossen. Ob er je dieser Zeit gedachte, der nun entschlafene große Künstler? Erinnert wurde er nie daran, denn die noch heute lebenden Verwandten mahnten ihn nie an diese Zeit, haben ihn auch nie wiedergesehen, — die Kluft ist ja eine zu weite geworden. Der große Brand, dem Brody im Jahre 1859 zum Opfer siel, raubte alle kostbaren; Angebinde, die Clara ihren Angehörigen zum Geschenke gemacht hatte, darunter besonders zwei schöne Pastellbildchen der Kinder, und eine in Wien lebende Kunstfreundin, welcher vorliegende Erzählung, soweit dieselbe in die neuere Zeit gehört, in guter Erinnerung war. wandte sich sogar gelegentlich der Musik- und Theater-Ausstellnng an die nunmehr auch ferne von Brody weilenden Verwandten um die leihweise Überlassung der Bildchen. — Leider konnte diesem Wunsche nicht willfahrt werden. Hermann Ostersetzer. Brunner Schatten. Von M. S. I. Sonntag den 25. d. M. fand hier im Saale des mährischen Gewerbevereines eine von dem Präscsftelloertreter der israelitischen Cultusgemeinde einbcrufene Wählerversammlung statt, behufs Bildung eines Comites — so hieß es in dem Aufruf — für die schon aus den 16. December anberaumte Wahl sämmtlicher Vertreter der ifraelitischen Cultusgemeinde. Der Einberuser eröffnete die Versammlung, zn welcher im Ganzen an die vierzig Herren erschienen waren, kurz nach der festgesetzten Stunde, 10V- Uhr, und behielt zugleich den Vorsitz. Die von einem Wähler vielleicht in nicht ganz zarter Weise, aber wie es scheint, in wohlwollender Absicht gegebene und im Hinblick auf das Alter und die Mittheilsamkeit des Herrn Präses-Stellvertreters wie aus anderen rraheliegenden Gründen gerechtfertigte Anregung, die Versammelten aufzufordern, aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden zu wählen, hatte leider keinen Erfolg. Demgemäß boten arich die nun folgenden Debatten, in welchen die verschiedensten Ansichten vorgebracht wurden, ein Bild der Zerfahrenheit. Es verging mehr als eine Stunde, ohne daß die Versammlung sich darüb r klar wurde, was sie selbst ).i, was sie wolle und was sie solle. War sie eine allgemeine Wähleiversamwlung? — Nein, es waren ihrer eine zu geringe Zahl. Sollten Candidaten jetzt und hir gehört werden? — .ein, dies fei in dem Aufruf an die Wähler nicht erwähnt worden, und wäre dies geschehen, so hätte sich eine größere Anzahl von Wählern eingefunden. Sollte eine andere Wählerversammlung einberufen werden? — Nein, dazu sei die Zeit bis zur Wahl zu kurz bemessen. Sollte sich die Versammlung in corpore als Wahlcomiie constituiren? Man sprach wiederholt pro und contra. War ein kleineres Comite, aus etwa zwanzig oder fünfundzwanzig Mitgliedern bestehend, vorzuziehen? Sollten die Mitglieder der gegenwältig im Amte befindlichen Vertretung dem Wahlcomiie angehören dürfen? — Sollte nicht vielmehr diese Vertretung sich durch Co—Option verstärken und als Wahlcomiie conftttuiven? Dann noch einmal: Sollte das zu bildende Comite eine allgemeine Wählerversammlung zur Anhörung der Candidaten einberusen? Sollten die Candidaten sich schriftlich anmrlden? Alle diese Fragen wurden veutilirt und erwogen, wobei noch andere Gegenstände, wie der Religionsunterricht in den Mittelschulen, die Errichtung eines jüdischen Hospitales, die Hebung des Tempelbesuches gestreift wurden. Welche Beschlüsse endlich gefaßt wurden, sind wir außer Stande genau anzugeben; genau weiß >s vielleicht nicht einmal der Herrgott von Brünn. Also Thatsachen! Kurz vor zwölf Uhr begab sich die Hälfte der noch Anwesenden — einige hatten sich bereits entfernt — in einen anstoßenden Raum, worauf nach kaum fünf Minuten die dort zusammengestellte Mitgliederliste des Wahlcomites zur Verlesung kam, selbstverständlich ausnahmslos höchst ehrenwerthe Namen, auch die der gegenwärtigen Vertreter darunter. In der Eile gerieth auch der Name eines Herrn in die Liste, dessen bis in die Gegenwart reichenden galanten Antecedentien ihm eher die Qualifikation als Mitglied eines Ballcomites verleihen würden; er mag wohl selbst sehr verwundert gewesen sein. Um zwölf Uhr ging man auseinander, ohne daß die Versammlung formaliter geschlossen wurde. Warum die annoch aus neun Mitgliedern bestehende Vertretung — der Form nach wären es zehn, doch der Präses ist nicht mitzurechnen, da er den größten Theil des Jahres abwesend und gewissermaßen nur als ein bloßes Schmuckstück anzusehen ist — warum die noch im Amte befindliche Vertretung die Wahl auf eine so kurze Frist anberaumt hat, warum nicht jeder einzelne der Wähler, deren Anzahl 900 übersteigt, durch Postkarte zur Versammlung eingelnden wurde; warum nicht der ernstliche und mit den richtigen Mitteln unternommene Versuch gemacht wurde, die Wähler aus ihrer Indolenz herauszureißen und in ihnen das Interesse für ihre