Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 934 Veprrreirtzifitzr BvortzenfchrM Nr. 48 Lehre verbreitet, daß Reichthum und Armuth, Ileberfluß und ' Mangel Ausstrahlungen göttlicher Waltung sind. Aber ein! talmudisches Sprichwort lautet in deutscher Uederfetzung: „Die! frei einherschreitende Verderbniß macht keinen Unterschied! zwischen Gut und Bös." Steht es nun fest, daß für die sittliche Tragweite eines Delictes nicht immer das Strafausmaß bestimmend sei, so ist auch die Behauptung statthaft, daß mitunter Vergehen, die gemäß der für sie im Strafgesetzbuche normirten Ahndungen geringfügig scheinen, in Anbetracht der dabei mitwirkenden Umstände aber als schwere sittliche Verbrechen sich qualifieiren. Und an solchen gerade möchte ich den sittlichen Abstand unserer fuperioren Arier von den inferioren Juden bemessen. Im Frühjahre 1888 trieben hier katholische Arier einige Nächte hintereinander groben Unfug mit Heiligenbildern und suchten vor ihrer Eruirung den Glauben zu verbreiten — incredibile dictu — der hiesige Pfarrer und Dechant hätte das qu. Sacrilegirim begangen. Man bedenke wohl, was das besagen will, die Symbole seiner eigenen Religion auf thierische Art in der Absicht schänden, um seinen eigenen Seelsorger dessen zu verdächtigen l Ich frage darum Herrn Pros. Dr. S u e ß allen Ernstes, ob es einem Volksstannne, der solche Auswürflinge aus seiner Mitte ausgeboren, gut ansteht, an die Schwächen der Semiten die Lupe anzulegen? Um aber der mundgeläufigen Gleichung von Eins und Keins Rechnung zu tragen, will ich hier noch eines von einer arischen Bettlerin verübten Diebstahles Erwähnung ^thun, den das Tischnowitzer Bezirksgericht mit einer zwciwöchentlichen Freiheitsstrafe geahndet, während es mir in Berücksichtigung aller Nebenumstände an Worten fehlt, die moralische Gesunkenheit dieser Diebin nach Gebühr zu würdigen. Der Antisemitismus. der unsere arischen Bettler erfaßt — wenn sie auf Juden zu sprechen kommen, bedienen auch sie sich der bekannten exitbetL oruantia — hat, der Wahrheit die Ehre, ihrer christlichen Demuth durchaus keinen Eintrag zu thun vermocht. Mit gewohnter Herablassung suchen sie jetzt noch in besonderer Nothlage mit Uebergehung ihrer Connationalen die Juden auf und beten jeden Freitag vor deren Thüren ihr Mer unsrer. Und eine solche betende Bettlerin war es, die meinem Dienstboten, der nach einem Almosen für sie ins Zimmer ging, in dem Momente des Alleinseins in der Küche einige Kleidungsstücke gestohlen. Mag Jemand über die Nothwendigkeit, das, was unser Herz bewegt, dem allwissenden Gotte vorzutragen, wie auch immer denken. Das aber muß Jedermann zugeben, daß das Ziel des Gebetes kein geringeres ist, als den Menschen in Verbindung treten zu lassen mit dem Heiligen und Reinen, ihn zur Nähe Gottes emporzuheben. Ein betender Mensch schüttelt, sozusagen, für eine Weile von isich ab den Staub des Irdischen, er nimmt für eine Weile einen Platz im Reiche der Geister ein, er ist Bürger einer besseren Welt. Uud eine solche Bürgerin einer besseren Welt hat es über sich vermocht, während das Gebet „Vergib uns unsere Schuld" ihren Lippen entströmte, ihr Sündenregister durch ein neues Delict zu vergrößern, indem sie eine Magd bestahl, die ihr eine milde Gabe holen ging! Ich frage nun: Ist eine Confession, die solche Blüthen treibt, berechtigt, geringschätzig auf uns Juden herabzublicken? Wohl kann ich mit einer noch viel größeren Blumenlese aufwarten; aber es ist nicht meine Absicht, den Antisemiten ein Bild ihrer moralischen Gesunkenheit zu entrollen. Was ich mit vorliegender Auseinandersetzung bezwecken wollte, ist, Herrn Prof. Dr. S u e ß zuzurufen: Ihr in Ausführung gebrachter Vorschlag hatte eine außerordentliche Festigung meiner Selbstachtung zur Folge, wofür ihm mein Dank öffentlich abgestattet sei. Lomnitz, im November 1894. Dr. Simon Wo lffso hn, Rabbiner. Erinnerungen an Rubinstein. Im äußersten Osten der Monarchie, hart an der russischen Grenze, liegt die Stadt B r o d y. Diese Stadt, in ihrem ehemaligen Glanze, sie kann mit Stolz Anton R u b i n st e i n, den eben dahingegangenen großen Virtuosen, der von der ganzen gebildeten Welt betrauert wird, einen ihrer Söhne nennen. Aus „Halbasien" ist diesmal eine Geschichte zu erzählen, die es uns in einem anderen Lichte erscheinen läßt, als wir es bisher kennen lernten. Heute sind es freilich schon lange, lange Jahre her, und die Personen, die unsere kleine Episode behandelt, sind seit Langem schon zu ihren Vätern versammelt, aber unsere Erzählung lebt in der Tradition fort und die Enkel sind heute noch von Stolz erfüllt, wenn sie einen kleinen Rückblick auf längst vergangene Zeiten halten können. Da sehen wir denn in jener Patrizierstadt unter den vielen wahrhaft frommen Familien einige besonders hervorragen und um sich einen kleinen Kreis Fortgeschrittener schaaren, die in Weltanschauungen und Benehmen sich vor ihrer Umgebung auszeichnen, und sich, wenn auch von den Mitgliedern der Judengemeinde als „gottlos" verschrieen, allgemeine Achtung erwarben. Es ist dies die Familie des „Landrabbiners", welchen Titel damals der Vorstand der Judengemeinde führte, des von der Negierung anerkannten Religionsweisers, berühmt durch tiefes biblisches Wissen, durch weltliche Kenntnisse und — durch seine schönen Töchter, unter welchen besonders eine — Sara — zu den schönsten des Landes gezählt wurde. Dieser Sara nun widmen wir diese Zeilen, denn sie ist die Großmutter des großen Anton R u b i n st e i n, der freilich — trotz seiner frommen Ahnen — nicht mehr als Jude geboren wurde. Die Erzählung dürfte denn auch zur Charakterisirung der damaligen jüdischen Verhältnisse einiges Interesse bieten. Sara wurde — kaum 13 Jahre alt, der damaligen Sitte und Herkommen folgend zum Traualtar geführt. Der Bund, der sie an einen ihr ganz fremden Altersgenossen fesselte, war selbstredend keine Herzensneigung denn wo kann von einer solchen bei einem Kinde die Rede sein, aber auch das Zusammenleben mit ihrem Manne brachte die Herzen auch später nicht näher und so sehen wir denn, die inzwischen herangewachsene blühende Frau mit 16 Jahren wieder frei und viel umworben von der männlichen Jugend B r o d y's, besonders angebetet aber von einem Doctor W o l f> der trotz allen Werdens und Flehens in den Augen des strengen Vaters als ein Abtrünniger des Judenvolkes kein Gehör finden kann. Wolf versuchte sogar eine Entführung seiner Angebeteten, und nachdem diese an der Weigerung Sara's scheitert, muß er ein weiteres Bemühen aufgeben, verläßt aber auch die Stadt, in der seiner Liebe kein Glück blüht. Der Ruf der schönen Sara drang, obwohl es keine Telegraphen, keine Eisenbahnen, ja in jenen Theilen, wo unsere Erzählung spielt sogar noch keine Chausseen gab, bald über Land und ihr Name wurde auch im fernen Preußen genannt, von wo aus lebhafte Beziehungen mit B r o d y bestanden. Handelsinteressen brachten bald darauf einen deutschen Kaufmann — Löwenstein mit Namen — nach Brody und als Juden in das Haus des Landrabbiners; dort sah er Sara und verließ B r o d y mit wundem Herzen und dem Entschlüsse, nur wiederzukommen, um zu freien. Seine Absicht verwirklichte er denn auch bald und führte das damals 20 Jahre alte Weibchen nach dem fernen Lissa (in Preußen). Damals gab es unruhige Zeiten; Napoleons Heeresmacht berührte auf dem Durchzuge nach Rußland Preußen und schlug auf dem Durchmärsche bei Lissa fein Lager auf. Auf die junge „Halbasiatin" übte das ihr ganz unbekannte Lagerleben eine so mächtige Anziehungskraft aus, daß sie sich nicht versagen konnte, mit den Angesehensten der Stadt, zu denen ja auch sie zählte, eines Sonntags den Weg zu den campirenden Soldaten zu wagen und die begreifliche Begierde, den größten Mann des Jahrhunderts, den Welteroberer Napoleon zu sehen, führte sie so sehr in dessen Nähe, daß auch sie ihm nicht unbemerkt blieb, und nachdem er sich um ihren Namen erkundigt, sich ihr näherte mit den Worten: Nach Rom muß man fahren, um den Papst, Nach Lissa, um die schöne Sara zu sehen". So verbrachte denn die schöne Sara die ersten Jahre ihrer Ehe in Lissa glücklich und in Zufriedenheit, geliebt von ihrem Manne und umgeben von einer stattlichen Kinderschaar, die sie ihm geschenkt. Die Verhältnisse des Kaufmanns Löwen st ein verschlimmerten sich aber zusehends und zwangen ihn schließlich, mit seiner zahlreichen Familie beim Vater seiner Frau Zuflucht zu nehmen, und so kam es, daß die schöne Sara, die so hoffnungsvoll B r o d y verlassen, in gar nicht langer Zeit dahin wiederkam, schwere Sorgen mit sich bringend, aber unter deren Last