Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-30 · 48 (30.11.1894) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021056--04074-3028242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 930 Drstrrretchifrtze Wochenfchrifl Nr. 48 abgehalten hätte. Wie können Sie sich unterstehen, zu sagen, jedem christlichen Geschäftsmann u. s. w. Wissen Sie viellercht nicht, wie es im alten Testament heißt, der einzigen göttlichen Wahrheit (Ihr Neues ist nur Kinderspiel), wo der Herr Zebaoth durch seinen Knecht Moses spricht; „Ich will Euer Gott und Ihr sollt mein heiliges Volk sein"? Wo kann von einem anderen Volke neben dem Hause Israel die Rede sein? Und Sie wollen von Schamröthe sprechen! Kennen Sie unsere Gesetze? Kennen Sie die Toleranz der Juden? Wissen Sie nicht, daß, wenn die Juden nicht wären, die Christen nicht leben konnten? Wer beherrscht die Börse, daß Millionen umgesetzt werden, wo die Christen ihren Vortheil haben? Rothschild!! Wer hat den Viehhandel in der Hand, daß die Christen Fleisch essen können und die Bauern Geld erhalten? Die Juden. Wer hat überhaupt die Weltgeschäfte in der Hand und schleppt die Christen durch? Die Juden. Und anstatt zum Dank verpflichtet für die unzähligen Wohlthaten sprechen Sie von Schamröthe. Wir Juden liefern den Christen die besten und billigsten Waaren nur aus Toleranz und solchen Undank! Die Christen erfinden Kanonen und Gewehre und der Herr Zebaoth führt uns die größten Capitalien zu; sehen Sie in Ihrer Verblendung hier nicht die Hand des Herrn, der über sein geheiligtes Volk wacht und alle Anderen zu Schanden werden läßt? Wir glauben an der Hand der Thalsachen Ihnen gezeigt zu haben, wie erhaben unser Volk und sein Handeln ist und in was iür einem Unrecht Sie sind. H üten Sie sich vor jeder weiteren Aeußerung, sonst konnten wic die Gedulo verlieren, trotzdem wir das auserwählte Volk Gottes sind und miethen in Ihrer Nachbarschaft einen Ladenund legen im großartigen Maßstabe ein Schuhgeschäft an und wollen dann sehen, wer den Kürzeren zieht. Hochachtungsvoll. HerrDr. Fr. Lange druckte dieses Machwerk ab. Seiner „reindeutschen" Intelligenz fiel ss nicht ein, zu untersuchen, ob dieser Brief in der That von dem jüdischen Inhaber des „Süddeutschen Waarenhaus" ausging. Der Brief aber ist eine Mystifikation von A bis Z. Auf Grund genauer Erkundigung haben die „Mitth. z. Abw. des Antis." festgestellt, daß der Inhaber des Geschäftes den Brief nicht geschrieben hat. Auch das „Höchster Kreisblatt" vom 14. November hält den Brief für eine grobe Mystification. Das „Süddeutsche Waarenhaus" hat sich nun veranlaßt gesehen, im „Kreisblatt für den Kreis Höchst" mit Bezug auf den Brief zu schreiben: Wir erklären, daß wir nie einen solchen Brief geschrieben und auch Niemanden beauftragt haben, in unserem Namen einen solchen zu verfassen und abzusenden. Wir sehen uns daher veranlaßt, eine Belohnung von 50 Mark Demjenigen zuzusichern, der uns den Verfasser des fraglichen Briefes nennt, damit wir denselben zur Anzeige bringen können. Süddeutsches Waarenhaus. Ueberdies hat auch das Bureau des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Frankfurt a. M. eine Belohnung von 100 Mark für Denjenigen ausgesetzt, der den Verfasser derart namhaft macht, daß er gerichtlich belangt werden kann. Das Schreiben ist offenbar seinem ganzen Inhalt und Stil nach ein rein antisemitisches Machwerk. Und mit solchen Waffen kämpft die „teutsche" „Volksrundschau" gegen die jüdischen Staatsbürger. Der Brief erinnert an den berüchtigten Weiner-B ief des „Deutschen Bolksblatt", der nach Annahme des Wiener Schwurgerichtes — in der Redaction des „Deutschen Volksblatt" entstanden ist. Nr. 2 „Das Jahrbuch der AUianee israßlite universelle", so lautete die Ueberschrift eines in Nr. 458 der Berliner antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung" vom 30.September d.J enthaltenen Leitartikels, dessen vollständig unwahrscheinlicher Inhalt den „Central-Berein" deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" veranlaßtc, dem thotsächlichen Inhalte jenes Jahrbuches nachzuforschen. Das Ergebnis; der angestellten Nachforschungen wirft ein grelles Licht auf die „antisemitische Moral", da hier abermals eine dreiste Fä'schung zu dem Zwecke vorliegt, nicht nur die Allianz, sondern auch das Judenthum zu verdächtigen und herabzuwürdigen. Bereits vor etwa rwölf Jahren wies Herr Sanitätsrath Dr. N e u m a n n in der Flugschrift „Die neueste Lüge über die israelitische Allianz, ein Probestück aus der antisemitischen Moral" überzeugend nach, daß der von dem französischen Blatte „L'antisemitiqne" veröffentlichte, angeblich von Cremieux im Jahre 1874 erlassene Aufruf zur Gründung der israelitischen Allianz nichts Anderes sei, als eine dem ersten Aufruf vom Jahre 1860 in der äußrren Form nachgeahmte, aber dem Inhalt nach völlig erfundene Fälschung. Zu diesem Zweck stellte Herr Sanitätsrath Dr. N e u m a n n den Wortlaut der echten Urkunde derjenigen der böswillig gefälschten gegenüber. Daß seit jener „Urkundenfälschung" des Blattes „L'antisemitique" Methode und Moral der Gesinnungsgenossen dieses Hetzorganes sich nicht verändert haben, beweist der oben erwähnte Leitartikel. Derselbe bespricht ein nach Angabe der „Staatsbürger-Zeitung" zum Schluß des jüdischen Kalenderjahres erschienenes „Jahrbuch über die Kosmopolitik der Judenherrschaft". Thatsächlich e x i st i r t aber ein solches Jahrbuch der israelitischen Allianz, welches, mit dem jüdischen Kalenderjahr abschließt, überhaupt nicht! Die Jahresberichte der Allianz beziehen sich auf das gewöhnliche Kalenderjahr; der Bericht für 1893 ist vor etwa 5 Monaten erschienen; derjenige für 1894 überhaupt noch nicht. Ein Vergleich des Jahresberichtes mit dem in dem Artikel der „Staatsbürger-Zeitung" wiedergegebenen Bericht ergibt, daß letzterer durchweg erfunden ist. Von den meisten Darlegungen dieses apokryphen Berichtes findet sich in dem echten Berichte nicht das Geringste; die in dem letzten thatsächlich besprochenen Sachen sind ganz anders behandelt, als in dem gefälschten Schriftstück. Während z. B. nur über die Verurtheilung des Pfarrers Dr. Joseph D e ck e r 1 zu W e r n h a u s, des demselben durch Professor Rohling empfohlenen Convertiten Paulus Meyer und des Redakteurs des „Vaterland" Doll in völlig objectiver Weise berichtet wird, tischt die „Staatsbürger-Zeitung" folgendes frei erfundene Märchen auf: „Als die Judenpartei gegen den Pfarrer D e ck e r t wegen seines „Vaterunser in der Judennoth" eine exemplarische Strafe forderte, erklärten ihr schließlich die Vertrauensminister, daß sie angesichts der ungeheueren tiefgehenden antisemitischen Bewegung und Erregung im Lande unmöglich eine derartige Maßregel durchzuführen wagen dürften. Von der in dem Artikel angekündigten Wiedereinsetzung der russischen Commission für jüdische Angelegenheiten steht in dem echten Bericht kein Wort. Nicht aus den Berichten der Allianz, sondern aus anderen Quellen stammt die Nachricht, daß eine solche Commission in Rußland gebildet werden soll, die sich spcciell mit Ritualsachen beschäftigen werde. Aehnlich verhält es sich mit den übrigen Angaben jenes Artikels, der unverkennbar dazu bestimmt ist, die öffentliche Meinung gegen das sogenannte internationale Judenthum zu erregen. Für den Denkenden bedürfte es kaum esties Vergleiches derartiger Angaben mit dem Inhalt der wirklichen Berichte der Allianz. Selbstverständlich würde die Letztere, wenn sie wirklich die ihr von den Antisemiten zugeschriebenen Machinationen triebe, sich wobl hüten, selbige einem in vielen Tausenden von Exemplaren veröffentlichten Berichte anzuvertrauen. Die Urheber des gefälschten Berichtes rechnen aber auf ein anderes Publicum; sie halten sich an das „Audacter cahmmiare semper aliquid haeret!“ Trotz des seinerzeit durch Herrn Dr. Neumann erbrachten Nachweises der Fälschung jenes Aufrufes vom Jahre 1860 wird, und zwar nicht nur in antisemitischen Kreisen (cfr. Ahlwardt's Judenflinten-Proceß), der gefälschte Ausruf aus dein Jahre 1874 als eine Thotsache behandelt Das läßt erwarten, daß auch das neue Märchen vom Jahrbuch der isiaelitischeu Allianz vielfach als „schätzbares Material" Verwendung finden wird. Die Wirksamkeit eines Katecheten. Das „Tiroler Taglatt" in Innsbruck vom 16. Nov. 1894 schreibt: Wir erhalten aus Matrei eine Zuschrift, in welcher ein empörender Vorfall mitgerheilt wird, von dem wir schon vor einigen Tagen durch einen anonymen Brief unterrichtet wurden. Wir geben die uns zugekommene Mittheilung wörtlich wieder und enthalten uns vorläufig jedes Commeutars in der Erwartung, daß die Herren in Matrei. welche in der Pflege der Seelsorge zu so abscheulichen Mitleln greifen, sich beeilen werden, ihre Handlungsweise zu erklären. Die eingangs erwähnte Zuschrift lautet: „Montag den 12. d. M. nach der Vormittagsschule wurden einige Knaben, die Kinder armer Eltern, in den Decanatswidum citirt, weil dieselben eine Katechismnsfrage nicht herunterzuleiern vermochten. Einigen gelang es, sich durch schleunigste Flucht der ihnen drohenden Gewaltthätigkeit zu entziehen. Zuerst mußten die armen Geschöpfe im Corridor knieend Ausstellung nehmen, während die Hochwürdigen Herren nebenan gemüthlich speisten. Die Delinquenten konnten sich mit dem Wohlgeruche sättigen, der aus der Küche drang. Die Geschichte vom reichen Prasser und denr armen Lazarus könnte fürwahr nicht wahrheitsgetreuer dargestellt werden, denn die vier Knaben waren durchaus Kinder armer Leute, schlecht genährt und allem Elende preisgegeben. Als die Diener Gottcs ihr Diner beendet hatten, wurden die vier Opfer in den Keller geführt, nicht etwa den heurigen Neuen zu kosten, sondern um tüchtig geprügelt zu werden. Der Katechet Ludwig Holz kn echt (er soll besser Prügelknecht heißen) legte einen nach dem andern auf eine für diesem Zwecke bereitgestellte Bank — der nicht ruhig war, wurde mit einem Strick angebund°n — und hieb darauf los, als ob der Hochw. Herr nur eine Matratze ausklopfen wollte. Um diesen Züchtiguugsactuoch größereWeihezu verleihen, stand derHochw. Decan Albert v. Hör mann, f. b. Schulcommissär, daneben und war sichtlich erfreut über das Geschrei und Wimmern der armen Wesen. Daß die zu 20 bis 30 Streichen verurtheilren Delinquenten herzzerreißend schrieen, wird Jeder begreifen, aber die Priester der Religion der Barmherzigkeit blieben dabei ganz kalt. Ja, als der operirende Katechet, vielleicht vor Ermüdung, zu schlagen aufhören wollte, sprach der f. b. Schulcommissär: „Nur noch daraus". Einer von den Knaben wurde derart zugerichtet, daß er kaum mehr zu gehen vermochte. Ein anderer bekam anstatt der Streiche auf den Unaussprechlichen eine erkleckliche Anzahl Batzen auf die Hand, die noch heute die Merkmale dieser argen Züchtigung aufweist. Nach diesem Acte von Uninenschlichkeit wurden die armen Kinder, die nichts als eine Wassersuppe zum Frühstück im Magen hatten, wieder in das Schulzimmer znriicktransportirt und bis zum Beginne des Nachmittags-Unterrichtes von dem unmenschlichen Katecheten übermmssa

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.