Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MKNMLWLWWZZMS--_ Nr. 4 8 Orfirrrrichischr Wochrnschrifl Seite 925 gestattet, selbst ohne in den Verdacht der Ruhmredigkeit und jener Jubiläumsmanie zu verfallen, die neuerdings eine Landplage wird — bald so bösartig, wie eine der zehn imsagenreichen Lande Egypten. So feiert denn auch diese Anstalt ihren Gedenktag mit einer Festschrift. Und diese Festschrift ift ein monotones, ein schrecklich eintöniges Ding. Denn auf allen ihren Seiten steht kein gehässiges Wort, — wie ist das Ende 1894 nur möglich? Und auf allen Blättern steht nichts verzeichnet, nur rastlose Thätigkeit — von Juden; und nicht etwa bedacht für die Füllung ihres Geldbeutels waren diese „schachernden Hebräer!" Sie brachten Opfer — und das für die Aermsten ihrer Stammesgenossen, die nicht einmal oorläustg — den Ruhm ihrer Wohlthäter austrompeten konnten — denn sie waren taubstumm und man wollte sie zu Menschen machen. Und das sicherste Kriterium für den Unterschied zwischen dem Thier und dem Ebenbild Gottes ist noch immer der Gebrauch der Sprache und wird's wohl bleiben. Ein monotones Buch! Mehr, ein aufreizendes Buch! Es steht nämlich so gar kein gehässiges Wort darin, das man als Schlagwort für Wählerversammlungen benützen könnte.. Mehr: es berichtet von einem Werke, von einem großen und mächtig erblühten Unternehmen reiner Menschlichkeit und Menschenliebe, an dessen Wiege — man denke! — ein Jude und ein katholischer Priester gestanren. Das ift doch, wie die Dinge heute liegen, nicht mehr möglich. Damals aber, vor fünfzig Jahren, ging's noch. Da fand sich der Nikolsburger Handelsjude, — so heißt ja wohl das schöne Schlagwort? — Hirsch Kollisch, der am Abend seines Lebens und vor dem Erblinden noch irgend eine Belhätigung seiner Menschenliebe suchte mit dem hochwürdigen Herrn Pater Dr. C z e ch, der eine glänzende und an Aussichten reiche Lehrerstellung am Theresianum aufgegeben hatte, um aus innerster Neigung Taubstummenlehrer zu werden. Sie begegneten einander vorerst; später erst fanden sie sich. Und daraus erwuchs denn das erste Institut für israelitische Taubstumme überhaupt aus der Welt, das Hirsch Kollisch im Jahre 1844 in seiner Heimatsgemeinde im mährischen Nikolsburg errichtete. 17.382 Taubstumme zählte man damals in Oesterreich, Ihrer mögen mehr, viel mehr gewesen sein, denn es gibt immer noch und es gab damals sicherlich noch mehr Eltern, die ein solches Kind für eine Heimsuchung und eine Strafe Gottes ansahen und über sein Dasein am Liebsten schwiegen. 4000 von ihnen fanden' sich nöch in jenem Alter, in dem die Erziehung zu wirken vermag — an 600 wurden wirklich unterwiesen. Mit 6 Kindein eröffnete Hirsch Kollisch seine Anstalt, für die er in Joel Deutsch, der aus Liebe zur Sache just so gehandelt wie der christliche Geistliche Czech, den richtigen Mann gefunden. Und dieser JoelDeutsch — er ward im Laufe der Jahre eine mehr als europäische Berühmtheit auf diesem Felde der Pädagogik und ist der Einzige aus den Gründungs fahren, der noch in erfreulicher Rüstigkeit lebt und an dem Gedeihen seines Lebenswerkes sich ergötzen -und erbauen kann. Er verwarf von Anbeginn jeden künstlichen Behelf, drang darauf, daß sich das Sprachvermögen seines Zöglings entwickeln, daß er wirklich an den Lippen ablesen und sprechen lernen müsse. Ihm ward dabei mancher Erfolg. Mancher, den er als Krüppel, als eine Last sich und der Welt empfing, ward unter seiner Leitung ein erwerbsfähiger Mensch, v'.elleicht gar einFührer und Lehrer Jener, die vordem seine Leidensgenossen gewesen. Man spricht in solchen Fällen gerne von semitischer Frechheit. Der Ruf der Nikolsburger Unternehmung wächst. Ihre Mittel blieben freilich sehr bescheiden, ach sehr bescheiden. Immer wieder muß Hirsch Kollisch in seine Tasche greifen und Fehlbeträge decken. Oeffentliche Sammlungen — aber nur bei den Glaubensgenossen! — werden unternommen; mit ungarischen Zöglingen, die inzwischen neben den Mährern, auf die ursprünglich das Ganze angelegt war, Aufnahme gefunden, wird eine Prüsungsfahrt nach dem damals noch abenteuerlich weit entfernten Pest unternommen. Ihr Erfolg ist in jedem Sinne glänzend; die Leistungen der Zöglinge sinden die höchste Anerkennung, die sich — so sind einmal diese Judm! — in ansehnlichen Geldspenden, in der Zusage einer Subvention aus dem ungarischen Landesschulfonde von jährlich 3000 fl. äußerte, wenn bte Stiftung nach Wien, näher also dem ungarischen Gebiete überfiedle. So kam das Taubstummen- Jnftitut nach Wien; erst nach U n t e r-M e i d l i n g, das damals noch sehr ferne von der eigentlichen Stadt lag, dann in den dritten Gemeindebezirk, wo sich hemnoch, umgeben von einem freundlichen Garten, ihr anmuthend Heim zwischen der Barrch- und Rudolfsgasse erhebt. Mir mehr als unzulänglichen Mitteln ward der Bau unternommen. Die Hingebung dreier Männer, die man nennen darf, weil ihrer Kerner mehr unter den Lebenden weilt: Dr. Iaque s, S ch e y, Bar. Springer, ermöglichte ihn und am 27. April 1848 konnte das Gebäude, das Raum für 100 Zöglinge bol und gleich für eine Erweiterung, wenn sie sich als nöthig erweisen sollte, berechnet ward, von seinen Insassen bezogen und feierlich eingeweiht werden. Seither blüht das Institut. Es kamen Krrsen — so blieb die ungarische Subvention vorläufig aus dem Papier, weil ihr eine gesetzliche Bestimmung entgegenstand, daß erst dann zu Ausgaben geschritten werden dürfe, wenn die Stiftungssumme eine Million Gulden erreicht habe. Sie wurde überwunden. Von ihr und von Anderen berichtet das monotone Buch, das der derzeitige Director Dr. Moriz Brunner verfaßt hat und das noch viel dankenswerlher wäre, brachte es etwas mehr Statistik: wie viel Strftlinge seicher die Anstalt besuchten, welcher Percentsatz darunter bildungsfähig war, welchen Berufen sie sich zugewendet. Und mit 2. December d. I. begeht das Institut seine Gedenkfeier. Da wird es sich nun zeigen, wieder einmal zeigen, daß der Jude, mag man ihm sonst auch nachsagen, was man will, immer und unter allen Umständen das Herz auf dem rechten Flecke hat, daß er immer, in welcher Sprache er auch angesprochen werde, den Wehlaut des Bedrängten und Bedürftigen versteht und zu deuten weiß. Auch das monotone Buch wird bei ihm nicht ungehört bleiben. Es ist monoton, ja; aber einem feineren Ohr klingt darin der Jubel Vieler, die vordem nicht einmal stammeln gekonnt und nun zu jauchzen vermögen; und es erinnert an eme der stolzesten, mühevollsten, lohnendsten wie gelohntesten Thaten jüdischen Gemeinsinnes. Nemo. Dss ungarische Magnatenhaus und die Gmanripatton der Juden im Jahre 1867. (Bon Dr. Isidor S ch w a r tz.) Jedesmal in diesem Jahrhunderte, wenn die „goldene Kammer" Ungarns ihr Veto einlegte, hat Geschichte und Erfahrung ihr Unrecht gegeben. Befürchtungen betreffs Reformen, die das hohe Haus ausdrückte, wurden entschieden widerlegt, seine Zweifel und Beklemmungen betreffs der Ersprießlichkeit des Fortschritts erwiesen sich als eitel Schwarzseherei und Gespensterfurcht. So oft haben die edlen Magnaten, wenn eine fortschrittliche Gesetzvorlage ihnen unterbreitet worden, den Untergang der Religiosität, den Verfall der Sitten und den Ruin des Reiches als die unvermeidlichen, aber niemals eingetrosfenen Folgen der Neuerung in Aussicht gestellt, daß diese unerfüllten Prophezeiungen alle Achtung und allen Glauben im Volke verloren. Es ist eine schlimme Sache um einen Propheten, dessen Weissagungen nie in Erfüllung gehen, und das edle Haus gelangte allmälig in den Ruf, ein Eulennest zu sein, das dichte Finsterniß umgibt und aus dem unheilvolle Rufe in's Weite tönen. Alles, was die stolze Errungenschaft des modernen Ungarn in diesem Jahrhundert bildet, ist wider Willen und unter dem leidenschaftlichen Widerstande der Magnaten dem Volke beschieden worden. Jeder Triumph der Nation ist durch eine Niederlage des aristokratischen Hauses bezeichnet.