Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 924 Vestrrrrtchisrtzr Wochrnschrtfl Nr. 48 rühmen sollt', so gehören ja die Juden Christo näher an, denn wir. Wie auch der heilige Paulus Röm. IX. ausdrücklich bestätigt. Wir sind dann Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn." „Der Apostel, welcher die engen Bande der Nationalität gesprengt hat, rechnet es sich zum Ruhme an, im Hinblick auf seine bisherigen Volksgenosien sagen zu können: „Sie sind Hebräer, ich euch." „Der Antisemitismus ist eine Völkerkrankheit. Nur insofern haben wir diese verschuldet, als wir der dermaligen schwachen nationalen Verdauungskraft, die unter der nationalen Nervosität und Gereiztheit gelitten hat, zuviel zugemuthet haben. Der Arzt verordnet in solchem Falle — Diät. „Für unsere vornehmen, stolzen und hohen Juden, die Fanatiker der Assimilation, ist das eine harte Wahrheit! Wir dürfen aber diese Wahrheit nicht verschweigen. Wir müssen für einen Moment unser Tempo verlangsamen, eine kleine retrograde Bewegung machen, sonst ist Gefahr im Verzüge. „Ein geistreicher Redner im ungarischen Parlament hat einmal den Satz ausgesprochen: Das moralische, besonders das politische Leben hat gerade so seine Stürme, wo die Segel eingezogen werden müssen, wenn wir das Schiff nicht der Gefahr des Unterganges aussetzen wollen. Das ist keine Frage des Liberalismus oder Conservatismus, das ist ein Fundamentalgesetz des sulus rei xublieue. „Die Annalen seiner Geschichte verkünden es dem jüdischen Volke laut und einvringlich, daß es unter besonderer Obhut und Leitung Gottes steht. Wird es sich selber untreu und seiner hohen Mission, so ereilt es immer eine schwere Katastrophe. Das Mißgeschick ist nach den Worten unserer Alten ein prophetischer Mahnruf zur Rückkehr Ed. v. Hartmann in seinem Buche über die Judensrage macht die treffende Bemerkung: „Die Juden waren auf dem besten Wege, sich zu entjuden, da kam der Antisemitismus." Nach den Erfahrungen, den tausendfachen Zeuguiffen der jüdischen Geschichte dürfen wir behaupten : „nicht xost dae, sondern xraxter boe." Die „Gazeta narodowa" nennt diese Aeußenmgen des Abgeordneten Dr. Bloch sein „politisches Glaubensbekermtniß" und meint, daß dieselben im Gegensätze stünden zu der Stellung des Dr. Bloch im reichsräthlichen Polenclub, in welchem sich derselbe als idealer Repräsentant des dem Adel gegenüber stets gefälligen polnischen Judenlhums, als Säule der Assimilation der Juden mit der polnischen Nation betrachte. Nebenbei läuft die vollkommen unwahre Behauptung, daß Dr. Bloch in Ungarn geboren sei und kein Wort polnisch verstehe. Der Artikel der „Gazeta narodowa" weist sonderbare Jnconsequenzen auf. Während er mit der Erklärung schließt, die „Ausklärungeil" Dr. Bloch's werden denjenigen von Nutzen sein, die sich und die Anderen durch.den Irrglauben an die Asiimilirung der Juden mit den Nichtjuden betrügen, beginnt er mit einem begeisterten Lobgesang auf die von jeher geübte Toleranz des polnischen Volkes. Dieser Lobgesang ist vollkommen berechtigt. Die polnische Nation war allezeit von der edelsten Duldung gegenüber anderen Nationen und Confessionen beseelt, und was insbesondere die Inden betrifft, so hat sie niemals die Asiimilirung zur Bedingring ihrer Toleranz gemacht. Die polnischeRepublik war ja auch nicht ein Nationalstaat, sondern ein Nationalitätenstaat, dem der nationale Fanatismus ganz und gar fremd war. Die Constitution vom 3. Mai. spricht ausdrücklich von den Staaten der polnischen Republik und von den einzelnen Nationaliräten in derselben. Niemals haben die Könige und die Magnaten den Versuch unternommen, den verschiedenen Volksstämmen des polnischen Reiches das Joch einer rücksichtslosen und gewaltthätigen Nationalherrschaft aufzuzwingen. Wäre die Forderung nach Assimilirung jemals eine Bedingung der polnischen Toleranz gewesen, so hätte kein polnischer Abgeordneter das Recht gehabt, gegen die Verherrlichung des verstorbenen Czaren Alexander HI. im österreichischen Reichsrath zu protestiren, denn das Bestreben Alexanders III. war ja blos auf die nationale und confessionelle Asiimilirung aller nichtcussischen Nationalitäten gerichtet, die er mit aller Rücksichtslosigkeit durchzusühren suchte. Allerdings — mit dem Beginne der Nationalitäten-Bewegung in Europa wurden auch im polnischen Volke die Assimilirungsbestrebungen lebendig, aber nur unter den Juden. In den gebildeten Schichten unserer Glaubensgenossen wetteiferte man darin, sich Sprachgeschichte und nationales Empfinden des polnischen Volkes eigen zu machen und sich lediglich confessionell als Juden zu fühlen. Es war ein einseitiges Mühen und Hasten, das allerdings von lobenswerthen Motiven getragen war, aber doch erfolglos blieb, weil ihm das Entgegenkommen von der andern Seite fehlte. Und wenn diese Assimilirungsbestrebungen scheiterten, so hat dazu gewiß die „Gezeta narodowa" durch ihre schroff ablehnende Haltung am meisten beigetragen. Daß die „Gazeta narodowa" einen solchen Einfluß üben konnte, erklärt sich durch die Schwäche der Idee. Die Juden waren bereit, sich ganz und gar den Sitten und Gewohnheiten des Volkes anzupassen, in dessen Mitte sie lebten; sie erfüllten sich mit den stolzen Erinnerungen seiner Geschichte, mit seinen nationalen Hoffnungen, sie nahmen Theil an der Pflege seiner Sprache und seiner Literatur, ja sie gingen so weit, ihre wesentliche Eigenart abzustreifen und voll und ganz in dem fremden Volksthum aufzugehen. Die „Gazeta narodowa", die sich seit Langem die größte Mühe gibt, die Assimilirung zu verhindern, und die uns trotzdem vorwirft, daß wir nunmehr, nach den üblen Erfahrungen, für die Assimilirung nicht schwärmen, sage uns doch einmal, was sie unter Assimilirung verstehe? Sie gebe uns endlich eine klare Definition des Begriffes! Es hat den Juden nichts genützt, daß sie polnisch dachten, polnisch sprachen und schrieben, daß sie sich als polnische Patrioten fühlten und mit aller Begeisterung, deren ihr leicht empfängliches Gemüth fähig war, alle nationalen Institutionen förderten, sich mit allen nationalen Bestrebungen identificirten. In den Augen der Gesinnungsgenossen der „Gazeta narodowa" blieben sie dennoch nichts als Juden, und es scheint, daß diese Kreise unter „Assimilirung" nur Eines verstehen: Die Taufe! Nur der getaufte Jude wird als „assimilirt" anerkannt. Jene Assimilation, welche den Juden die Bildungselemente der modernen Culturvöller zusühren, sie mit der Civilisation der Neuzeit erfüllen will, wird nicht nur nicht vom Abg. Dr. Bloch, sondern auch von gar keinem Nationaljuden bekämpft. Wir Alle wollen die Juden auf die Höhe der Zeitbildung erheben. Die „Gazeta narodowa" ist aber nicht geneigt, solche Juden als „assimilirt" anzuerkennen. Der jüdische Finanzpraktikant und der jüdische Rechtspraktikant müssen als Beweis ihrer vollzogenen „Assimilation" den Taufschein vorlegen, um vorrücken zu können, und Bewerber um einen Communalposten müssen zur Erlangung desselben als Document der „Assimilation" — den Taufschein — erbringen, und wenn dieser fehlt, nützen auch die glänzendsten Studienzeugniffe nichts. Jene Art von National-Polenthum, wie sie die „Gazeta narodowa" vertritt, der Nationalfanatismus, findet in der Geschichte des polnischen Volkes keine Begründung. Das letztere hat Toleranz geübt um ihrer selbst willen, nicht aber um nationale Proselyten zu machen. J ainkel der Cymbalschläger, den Adam Miczkiewicz verherrlicht, war keine Assimilirter und sein Herz schlug doch wie kein anderes für die Größe seines polnischen Vaterlandes, und jene jüdischen Helden, welche im polnischen Ausstande ihr Herzblut verspritzten, tvaren gleichfalls keine Assimilirten und doch werden ihre Namen in der Geschichte des polnischen Volkes den Besten der Nation angereiht werden. Sie sind lebendige Beispiele dafür, daß man jüdisches Bewußtsein wohl vereinen kann mit der Hingebung an die Interessen des Vaterlandes, dessen Bürgerrechte man genießt. Als die Juden in die Verbannung zogen, gab ihnen der Prophet Jeremias, den gewiß auch die „Gazeta narodowa" nicht als Affimilator bezeichnen wird, folgende Lehre mit auf den Weg: „Fördert das Heil der Stadt, in deren Mitte ihr lebet, denn in ihrem Heile ist auch euer Heil gelegen." Diesen Ausspruch hat der Abgeordnete Dr. Bloch in seiner Rede citirt und mit diesem Satze deckt sich auch das politische Glaubensbekenntniß des Abgeordneten Dr. Bloch. Ein monotones Buch. (Zur Gedenkfeier des israelitischen Taubstumm en- Jnstituts.) Es sind nunmehr just fünfzig Jahre um, daß das israelitische Taubstummen-Jnstitut in Wien besteht. Fünfzig Jahre sind eine geraume Frist und eine Rückschau aus sie ist wohl