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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-23 · 47 (23.11.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 47 Vrflrrredtziptzr »mtzrnptzrM Seite 921 abitzrimt, wie die österreichischen Staatsgrundgesetze vom Jahre 1867, von welchen heute zu sprechen schon verpönt ist. Was aber jenen Theil der clericalen Magnaten betrifft, die die Reception der jüdischen Religion ohne Gewährung der Möglichkeit des Uebertrittes vom Christenthume zum Judenthume votiren wollen, so hat der ausgezeichnete Prediger der Budapester israelitischen Cultusgemeinde Herr Dr. Samuel Cohn anläßlich seiner letzten Predigt sehr treffend hervorgehoben, wie liberal in dieser Beziehung (d. h. in der Frage des Uebertrittes) das jüdische Gesetz ist. Der so oft geschmähte und verleumdete Schulchan Aruch bestimmt nämlich: „Wenn ein Kind, welches mit seinem Vater zur jüdischen Religion übergetreten ist, nach seiner Erwachsung zu seiner früheren Religion zurückkehren will, so muß ihm, dies gestattet werden und es wird sonach' derart betrachtet, als wenn es nie Jude gewesen wäre. Dies gilt auch dort wo die Juden die Herrscher sind. (Iore Dea Hilehoth gerim Capitel 268 Absatz 7; vergleiche auch den zum Text gedruckten Beer hetev betitelten Commentar.) Ferner heißt es eben daselbst (Absatz 2): „Der Jude ist verpflichtet, Denjenigen, der zur jüdischen Religion übertreten will, in seiner bisherigen Religion zu bekräftigen. Er ' muß Demjenigen, der zum Judenthum überzutreten gesonnen ist, Hindernisse in den W:g legen. Er ist verpflichtet, ihn zu überreden, daß er in jener Religion verharre, in der er geboren wurde. Er muß ihm sagen, daß man in jeder Religion des ewigen Lebens theilhaftig werden könne. Er ist verpflichtet, ihm zu sagen, daß die Tugendhaften und Gerechten anderer Religionen ebenso an den Belohnungen des-jenseitigen Lebens theilhaben, als jene Israels. Nur wenn er trotz aller Hindernisse und Ueberredung bei seiner Absicht verharrt, darf er in die. Gemeinschaft Israels ausgenommen werden, aber auch in diesen Fällen nur nach längerer Ueberlegungsfrist, welche für ihn festgesetzt worden ist." Briese aus Rutzland. 'i. Das größte europäische Reich ist jetzt in Trauer gehüllt. Das russische Volk beweint den „Czaren-Friedensstifter" — uild der thränenumflorte Blick erhebt sich Vertrauens- und hoffnungsvoll zum jungen Monarchen, zum 27jährigen Selbstherrscher, der gleich durch sein erstes Manifest die Herzen aller Unterthanen gewann. Zwar ist unser junger Kaiser noch eigentlich gar nicht an's Regieren gekommen, und doch schwirrt schon durch die Luft eine „fröhliche Botschaft" von einer neuen Aera, von „besseren künftigen Tagen", und „leise zieht durch das Gemüth ein liebliches Geläute". Das klingt wie die Todtenglocke für den finstern Fanatismus, für den verrohenden, versumpfenden, verdummenden kirchlichen Nationalismus .. . Auch wir Juden hoffen jetzt auf bessere Zeiten, und gar Manches ist geeignet, uns in dieser Hoffnung zu bestärken. Zwar hat die „Nowoje Wrcmja", das Haupt-Bell-Organ der russischen Antisemiten, in ihrem Nekrolog auf den verewigten Czaren ganz besonders seine Verdienste um die „Beschützung des russischen Volkes vor der Exploitation der Juden" (vulgo die Massenausweisungen aus den Dörfern und innerrussischen Städten) hervorgehoben, um dadurch den jungen Herrscher auf die Bahn hinzuweisen, die auch er betreten soll. Aber wie es scheint, hegt sogar dieses Juden-Freß-Organ keine große Hoffnung, sein pium aesiderium erfüllt zu sehen. Und es verdient die Thatsache constatirt zu werden, daß jenes Blatt seit mehr als einer Woche, die Juden gänzlich ignorirt und weder in Artikeln noch in Correspondenzen, noch in irgend einer Notiz, ihrer Erwähnung thut, — was bei einem Blatte, das sich nur vom Judenfraß ernährt, sehr auffallend ist, und was entschieden, nicht einer freiwilligen Zurückhaltung, oder gar einer reuigen Bekehrung zuzuschreiben wäre.... Und unterdeß erzählt die Fama von einem Gnadenact den der junge Czar, gleich an der Schwelle seiner Regierung den Juden bewiesen hat. Bekanntlich befahl der verewigte Kaiser die Ausweisung sämmllicher Juden aus der Stadt Jalta, (die zwar zum jüdischen Ansiedlungsrayon gehört, aber unglücklicherweise in der Nähe des kaiserlichen Schlosses L i v a d i a liegt). In diesen Tagen, (eine Woche nach dem Hinscheiden des Kaisers), ist der letzte Termin für die Auszuweisenden abgelaufen; da wandten sich die unglücklichen Juden in ihrer Noth an den zur Zeit in Livad ia weilenden ruffischen Geistlichen I oann Krönstadtsky, (der durch seine wahre Humanität und außerordentliche Wohlthätigkeit nicht minder, als durch seine merkwürdigen „Wundercuren", in ganz Rußland berühmt ist), mit der Bitte, sich für sie beim jungen Monarchen zu verwenden. Und der „wunderthätige Priester" hat wieder ein Wunder gezeigt. Czar Ni col aiII. hat sofort befohlen, die Juden von Jalta bis auf Weiteres in Ruhe zu lassen. Ob sich die Hoffnungen, die wir in unseren jungen Kaiser gesetzt, verwirklichen werden? Das mag der Allerhöchste wissen, in dessen Hand das Herz der Könige ist. Wir kennen ja unseren jungen Monarchen noch gar nicht, und, ach, wer weiß, ob er auch uns kennt? Das ist ja unser Unglück, daß der verewigte Kaiser uns nur aus den Schilderungen der antisemitischen Presse und aus den Rapporten kannte, die freiwillig oder unfreiwillig dem „Zug der Zeit" folgten ... Und die Presse und die Beamten sind ja noch dieselben, und die verrohten Publicisten und die verdummten Beamten sehen noch , immer die höchste politische Weisheit im Aushecken von Projecten, die auf die Vertilgung der Juden von der Oberfläche des „heiligen" Rußland abzielen. Da kommt der erlauchte Finsterling Fürst M e ts ch ersky (Redacteur des „Graschdanin") mit dem humanen Vorschlag: „Die Juden gänzlich aus sämmtlichen Lehranstalten auszuschließen und ihnen auch nicht zu gestatten, eigene Schulen zu gründen, und ihnen überhaupt alle Mittel zur Bildung abzufchneiden. — Da^ kommt ein minder lichtscheues Blatt (Wilensky Westnik") mit dem „gutgemeinten" Projecte, sämmtliche jüdischen Wohlthätigkeits-Änstalten und Vereine abzuschasfen, sintemal sie die Affimiliation der Juden mit den Russen (vulgo die Taufe) hindern. Em anderes Blatt, dem die jüdischen Ackerbaucolonien in Südrußland ein Dorn im Auge sind, weil sie ein so eclatantesZeugniß von jüdischerArbeitsliebe und jüdischem Fleiß ablegen — ertheilt der Regierung den hochweislichen Rath, die jüdischen Colonisten zwangsweisezu expropriiren und ihreLandtheile den russischen rechtgläubigenBauern abzugeben auf dasderruffische G e i st (lateinisch: spirituch überall eindringen und damit das böse Beispiel der jüdischen Bauern (z. B. Nüchternheit, Menschlichkeit rc.) die russischen Bauern nicht anstecke. Und Projecte dieser und ähnlicher Art liegen massenweise aufgehäuft in den Kanzeleien der Gouverüementsbehörden, — wird der junge Kaiser der Hercules sein, der diese Augias-Ställe mit einem tüchtigen Besenhieb säubern wird und Projecte sammt Projectanten in die Mistgrube werfen wird? Unterdeß nimmt die jüdische Auswanderung aus Rußland bedeutende Dimensionen an. Letzten Sonntag wurden über den Libau-Hafen nach Argentinien per Dampfer „Curonia" 275 Juden auf Rechnung des Baron Hirsch expedirt, und fast allwöchentlich gehen solche große Transporte über Liebau allein, abgesehen von den noch größeren, die über Odeffa emigriren. Diese Emigranten, die durchaus nicht zu den Armen gezählt werden können, da manche von ihnen sogar verhältnismäßig bedeutende Mittel besitzen. — scheinen nicht sonderlich an die „besseren Zeiten" ru glauben, die man sich bei Beginn der neuen Regierung verspricht, und ziehen es vor, in den transatlantischen Republiken Freiheit und Arbeit zu suchen und zu finden. Die Kiew'schen Zeitungen bringen interessante Daten über die Einnahmen von der sogenannten Korobka-Steuer (d. i. eine Fleischsteuer, die den Juden auferlegt ist, um aus den Einnahmen ihre religiösen und Bildungsbedürfnisse zu befriedigen) und über die Verausgabung derselben. Im Kiew'schen Gouvernement allein entrichten die Juden an Fleischsteuer über eine halbe Million Rubel jährlich, und die Regierung verwendet dieses ausschließlich jüdische Geld, z. B. in der Stadt Kiew, auf folgende Weise: 6000 Rubel als Subsidie der Gouvernementskanzlei (!) 15.000 Rubel Subsidie der Stadtverwaltung (!!), obwohl die Juden doch ohnehin sämmtliche Stadt- und Staatssteuern tragen; und circa 15.000 Rubel jährlich zur Verstärkung der Polizei; eine Verstärkung, die deswegen nothwendig ist, damit die Polizei im Stande sei, die Ausweisung der Juden aus der Stadt Kiew prompt und unnachsichtig zu bewerkstelligen (wörtlich nach der Motivirung des General-Gouverneurs)!!! Ueberhaupt betrachtet

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