Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Keprrrrtchllchr Wvchenschrtfl Nr. 47 Seite 9L2 die Regierung, und selbstverständlich auch die Stadtverwaltungen, diese Mischen Gelder als herrenloses Gut und verfährt bei der Verausgabung derselben mit der größten Willkür. Z. B. hatte die jüdische Gemeinde zu Berditschew recht lange darum petitionirt, daß die Regierung ihr doch von den Korobka-Einnahmen (d. h. von dem Gelde der jüdischenGeineinde) eine Subsidie zur Erhaltung der dortigen Mischen Gewerbeschule gebe, und nach schwerer Mühe geruhte die Regierung, zu diesem Zwecke vierhundert Rubel nota bene aus dem jüdischen Gelde) zu assigniren. Dagegen hat die Regierung der dortigen Municipalität 2000 Rubel jährlich aus den jüdischen Geldern bewilligt zur — Pflasterung der Straßen. Nicht wahr, das ist doch ein blos jüdisches Bedürfniß. Nemo. Aus Rußland Ueber die Thätigkeit der jüdischen Aerzte im Dienste der russischen, städtischen und Landschaftsverwaltungen (die nach Versicherung unserer braven Antisemiten die Mischen Aerzte als die „schlimmste Landplage" betrachten sollen) schreibt der Correspondent der „Rußkaja Jisne" aus Weßjegonsk im Gouvernement T w er:1) „Die Einwohner von Weßjegonsk hatten kürzlich eine heilige, aber recht traurige Pflicht zu erfüllen, indem sie ihren geliebten Arzt, M. M. Ol schwang er, scheiden lassen mußten, der von der Centralregierung nach Kreßnojarsk commandirt wurde. Tiefes und aufrichtiges Bedauern malte sich auf allen Gesichtern, besonders lebhaft aber kam dieses Gefühl bei d?n ärmeren Schichten der Bevölkerung zum Ausdruck, denen der Scheidende nicht nur gewissenhafter Berather in Krankheitsfällen, sondern im besten und weitesten Sinne Helfer in der Roth mar.2 3) Dieser jüdische Arzt hinterläßt Erinnerungen in unserer Stadt, in der, beiläufig bemerkt, kaum drei bis fünf jüdische Familien vorhanden sind, um die ihn der beste Christ beneiden möchte. In der ganzen Stadt gibt es keinen Handwerker und weit in der Umgebung keinen Landmann, der O l s ch w a n g e r anders als mit „theuerster Vater!" (dorogoi Otetz) anredete und für ihn andere Gefühle als die der tiefjten Dankbarkeit und aufrichtigen Verehrung hätte. Dabei wissen sie Alle, daß er Jude ist. Aber, ich glaube, wenn ein Türke und selbst ein Heide sich so vollständig und selbstlos dem Werke der Linderung der Leiden der armen und arbeitenden Volksmassen gewidmet hätte, wie der Jude Olschwanger, und durch seine ebenso segensreiche, wie aufopfernde Thätigkeit, trotz mancher Anfeindung, ein Jahrzehnt lang unermüdlich und unerschrocken fortsetzte, unsere städtische Landbevölkerung in ihrer erdrückenden Majorität hätte ihm ebensogut den Koran und den Buddhismus verziehen oder doch vergessen. Da standen sie nun am denkwürdigen Tage der Scheidung mit entblößten Häuptern am Hafen — die würdigen Repräsentanten der Zünfte und der umliegenden Dorfgemeinden, lauter Graubärte, die im redlichen Mühen um das tägliche Brod ergraut sind, die dem Scheidenden für seine fünfzehnjährige Thätigkeit zwar keine kostbaren Geschenke aus Gold und Silber, dafür aber aufrichtige Thränen der Rührung darbrachten, die schöner glänzten als alle Perlen Indiens. Und dichte Massen vom „gemeinen" Volke drängten sich hastig an das Ufer, um dem Vergötterten das letzte Lebewohl zuzurufen. Wir sahen biedere Handwerkerfrauen und Bäuerinnen ihre Kinder auf die Schulter heben und wir hörten, wie die Mütter den Kindern zuflüsterten: „Der war unser Wohlthäter! Segne ihn Gott und belohne ihn der Herr zehnfach!" — Olschwanger vereinigte fünfzehn Jahre lang die Amtspflichten des Stadt- und Kreisphysicus mit denen des Landschaftsarztes." _ Die Juden in Rumänien. Aus dem von dem Rumänenherrscher persönlich inspirirten Werke „Aus dem Leben König Karl's von Rumänien" („Aufzeichnungen eines Augenzeugen"^ citirt Herr S. M. in einem *) Citirt im „Woßod", Nr. 41 vom 9./2I. October. 2) Der gesperrte Druck gehört überall dem Originale an. 3) Stuttgart, 1894, Cotta. Feuilleton der „N. Fr. Pr." folgende briefliche Mittheilung des Fürsten vom März 1863. Als Cremieux, der berühmte Justizminister Frankreichs, nach Bukarest kam, um die politische Gleichstellung der Juden mit den anderen Unterthanen der Donaufürstenthümer zu befürworten, nahm ihn der Fürst wohlwollend auf. Ihn hatte sein Vater Karl Anton von Hohenzollern gelehrt, über die Judenhetzen mit Abscheu zu denken. In den „Auszeichnungen eines Augenzeugen" kommt die Stellung des Fürsten Karl selber zum Ausdrucke. Auch ohne Commentar sprechen diese Aufzeichnungen für sich. „Ein Schrei des Entsetzens geht", heißt es hier, „durch die Moldau! Die heimlichen Gegner der geplanten politischen Regeneration des Landes haben nichts unversucht gelassen, um die Gemüther in Aufregung zu versetzen und den Rassenhaß stärker anzufachen." Und weiters: „Die Judenfeinde, denen sich natürlich die professionellen Scandalmacher und alle Gegner der neuen Ordnung angeschlossen hatten, zogen, wie eine Lawine anschwellend, durch die Stadt bis vor die Synagoge; dieses erst kürzlich vollendete stylvolle Gotteshaus wurde gänzlich zerstört. Das konnte nur geschehen, weil die Bukarefler Polizei nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe stand und durchaus nicht ihre Pflicht that." Und dann: „19. Juli 1866. Der Ministerrath tritt unter Vorsitz des Fürsten zusammen und beschließt, wegen der gestrigen Unruhen einen Aufruf an die Bevölkerung zu richten; in beredten Worten wird den bethörten und aufgehetzten Menschen ans Herz gelegt, was Alles sie aufs Spiel setzen würden, wenn sie sich jetzt zu Judenhetzen hinreißen ließen." Ferner: „21. Juli. Die Kammer beschließt einen Artikel folgenden Wortlautes: „Nur Christen können rumänische Staatsbürger werden", so daß es den rumänischen Juden unmöglich gemacht ist, auch unter den schwersten Bedingungen in den Besitz der politischen Rechte zu gelangen.Die Ausschließung der Juden von der Erlangung der Bürgerrechte hat Rumänien dem civilisirten Europa gegenüber sehr geschadet." Niemand in Europa war über die Vorgänge in Rumänien dermaßen entrüstet wie Napoleon III. Bei diesem fand Crömieux, der Anwalt seiner im Osten verfolgten Stammesgenossen, trotzdem er dem Bonaparte'schen Staatsstreiche unversöhnliche Gegnerschaft geschworen hatte, stets ein freundliches Ohr. Am 26. Mai 1867 richtete Kaiser Napeleon an den Fürsten Karl folgende Depesche: „Ich kann nicht umhin, Eure Hoheit wissen zu lassen, wie sehr die öffentliche Meinung in Paris über die Verfolgungen aufgebracht ist, deren Opfer, wie man hört, die moldauischen Juden sein sollen. Ich kann nicht glauben, daß die erleuchtete Regierung Eurer Hoheit solche Maßregeln gestattet, die der Menschlichkeit und der Civilisation so sehr widersprechen." Darauf antwortete der Fürst sofort: „Eure Majestät mag versichert sein, daß ich nicht weniger Sorge als Sie selber für die jüdische Bevölkerung hege. . . . Die Schuldigen werden mit aller Strenge der Gesetze bestraft werden." Die Judenhetzen bereiteten dem Fürsten Karl bittere Stunden. Er hatte allen Grund, in Napoleon seinen Protector zu sehen. Der Kaiser aber war nunmehr, wie Madame Cornu nach Bukarest berichtete, von häufigen anti-rumänischen Stimmungen beherrscht. Am 20. Juni schrieb Napoleon wieder an den Fürsten: „Die Affaire der Juden hat auf die Oeffentlich. keit einen lebhaften Eindruck gemacht. Aus dieser eines andern Zeitalters würdigen Verfolgung hat die öffentliche Meinung herausgelesen, daß die Regierung Rumäniens den schlechten Jnstincten der Menge zu schmeicheln sucht." Der Kaiser freilich und auch die öffentliche Meinung Europas thaten wohl dem Fürsten Karl Unrecht, wenn sie ihn für die Unthaten verantwortlich machten, die sich in der Moldau abspielten. Nicht nur Crämieux, sondern auch Sir Moses Montefiore, der bekannte britische Philantrop, überzeugte sich, als er im August 1867 als Mann von mehr als achtzig Jahren persönlich zu Gunsten seiner unterdrückten Glaubensgenossen in Bukarest intervenirte, von der Toleranz des Fürsten. Dieser empfing den Greis mit besonderer Auszeichnung und versicherte ihn, daß er niemals religiöse Verfolgungen dulden werde. In diesem Sinne erklärt der Fürst auch zu Beginn des Jahres 1868, daß ein Land, welches sich immer durch Toleranz ausgezeichnet habe, nicht im neunzehnten Jahrhundert unter seiner Regierung in die mittelalterliche Barbarei verfallen könne, wirthschaftlichen Maßnahmen einen religiösen Anstrich zu geben." Die Welt weiß, daß die Barbarei in Rumänien nicht nur stärker war als der Fürst Karl, sondern auch ist stärker als der König Karl. Verantwort!. Redacteur: Dr. Joses S. Bloch. — Druck von L. B'ck fc Sohn, Wien, VH!., Lerchenfelderstraße 48. (Telephon 3388.)