Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021055--04060-3028227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
■taä3rz**_&sc- Nr. 47 Orstrrreichische Wochenschrift Seire 917 Geiserich mit seinen Vandalen die ewige Stadt plünderte, in die Tiber geworfen wurde, aus dem Schlamme dieses Flusses heraufzuh ölen. Holland. Dr. H. I. P o l a k, Director des Gymnasiums zu Rotterdam, ist durch ein königliches Deccet zum Professor der Universität Groningen ernannt worden. — Baron Georg R o s e n t h a l, der bekannte Amsterdamer Banquier, hat der dortigen Universität eine ungewöhnlich große Marmorbüste, welche die Minerva darstellt, zum Geschenke gemacht. Bern, 16. November. In der Absicht, die strenge Durchführung des versassuiigsmäßigen Schächtverbotes in allen Cantonen zu erlangen, richtete der Centralvoi stand des schweizerischen Thierschutzvereines an die Bundesversammlung ein Gesuch um Erlaß eines eidgenössischen Ausführungsgesetzes. Der Bundesrath stellt den Antrag, dem Gesuche aus politischen und constttutionellen Gründen keine Folge zu geben. Petersburg. Der Kranz der Judengemeinde trägt die Inschrift: „Wir verherrlichen Deinen Namen von Geschlecht zu Geschlecht, weil die Völker ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit preisen werden." Petersburg. Kaiser Nikolaus und die Kaiserin- Witwe ließen durch den Minister des kaiserlichen Hauses der jüdischen Gemeinde in Petersburg den allerhöchsten Dank aussprechen für ihre Beileidskundgebung und den Ausdruck ihrer loyalen und patriotischen Gefühle. Tlemeen (Algier), 11. November. Gestern Abends fano hier zwischen Turkos und Israeliten ein blutiger Zusammenstoß statt, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Verwundungen gab. Einer der Israeliten erlag seinen Verletzungen. In sehr vielen Cafes wurden die Fensterscheiben zertrümmert. Amerika. Miß Meredith, die berühmte amerikanische Tragödin, tritt zum Judenthum über, um, wie aus Cleveland, Ohio, mitgetheilt wird, den dortigen Milliardär Lipmann zu heiraten. New-Aork. Nathan Strauß hat die ihm angebotene Candidatur als Mayor abgelehnt. Washington. Das Einwanderungs-Comitö hat von Baron Hirsch ein Schreiben erhalten, in dem er den Wunsch ausspricht, die Einwanderung russischer Juden nach den Bereinigten Staaten nicht zu unterstützen, sondern den Strom der Auswanderer nach Argentinien zu lenken. Sydney. Eliezer Levi M on tefiore, der Director der National-Kunstgalerie in Neu-Süd-Wales, ist am 22. October im 75. Lebensjahre, allgemein betrauert, gestorben. Feuilleton. Der Vorbetrr von Cham. Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges von S. K ohu, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Bevor wir in unserer Erzählung fortfahren, wollen wir dem geehrten Leser in gedrängter Kürze die Lebensgeschichte der Ehegatten Towije und Elke K o h e n bis zu dem Momente, wo wir sie verließen, mittheilen. Beide, in Prag geboren, hatten das Unglück, schon in ihrer zarten Jugend ihre Eltern zu verlieren. Towije war von seiner Großmutter, der Mutter seines Vaters, einer armen Frau, erzogen worden, die sich und ihren Enkel dadurch redlich aber kümmerlich ernährte, daß sie in der Breitengosse, der Hauptstraße des Prager Ghetto, unter Gottes freiem Himmel einen Stand hatte und, je nach der Jahreszeit, frisches Obst oder gekochte Erbsen, Steckrüben und andere derartige Delicatessen feilbot. Die alte, zärtliche Großmutter hatte sich den Bissen vom Munde abgedarbt, um ihren aufgeweckten, lernbegierigen Enkel in allem Wissenswerthen unterrichten zu lassen. Als sie schon zu alt und gebrechlich geworden, um sich auf offener Straße noch länger den Unbilden des Wetters preiszugeben, fiel dem zwölfjährigen Towije die schwierige Aufgabe zu, nicht nur sick, sondern auch seine Großmutter zu erhalten, und er war glücklich, hierdurch der alten Frau seine Erkenntlichkeit für die. ihm erwiesenen Wohlthaten abzustatten. Towije verwerthete das Wissen, das er dank seiner Großmutter und seines Elsers, sowie seiner Naturantage erlangt haue. Er unterrichtete Kinder, die noch jünger waren als er, im Hebräisch-Lesen uno in der Bibel. An Sabbathen machte er aber von dem Einzigen, was er von seinem Vater geerbt, oder, wie sich feine Großmutter ausdrückte, von der schönen Matone*), die ihm Gott m die Kehle gelegt, zur Ehre Gottes und zu seinem eigenen Vortheil den Vesten Gebrauch. Towijes Vater, Reb Schrmon, war ein Chasan2) gewesen, von dem erzählr wurde, daß, wenn er seine Summe zu voller Stärke erhob, der centnerschwere Hängleuchter der Synagoge in schwankende Bewegung gerieth, und er einen Ton in einem Athemzuge vom zartesten, fast unhörbaren Ankiingen bis zu gewaltigster Klangfülle anschwellen lassen konnte. Schon als fünfjähriges Wunderkind vermochte Towije alle erdenklichen Nigunim3) nach einmaligem Anhören correct nachzusingen, und zu zehn Jahren schon war er der den Prager Chasonim ein sehr gesuchtes und gm honorirtes „Srngerl"^), das durch den Wohlklang seiner Stimme die Zuhörer entzückte. Wenn es hieß, der kleine Towije würde an einem Sabbathe oder Feiertage in irgend einer der großen Synagogen Prags dem Chasan „zuhalten"3), konnte man mit Gewißheit darauf rechnen, daß das Gotteshaus noch lange vor dem Beginne des Gebetes in allen seinen Räumen bis zum Erdrücken gefüllt sein würde. Als Towije Ko hen zum Jüngling herangereift und aus dem „Singerl" ein Sänger geworden war, dessen Stimme an Biegsamkeit, Kraft, Wohllaut und Umfang von keiner zweiten in Böhmen erreicht wurde, war er in seinen Kr isen eine Berühmtheit geworden. Man fand, daß er seinen Vater noch beiweitem übertraf und bedauerte es lebhaft, daß, als die Stelle eines Cohol-Chasanso) erledigt wurde, ihm diese aus dem Grunde nicht verliehen werden konnte, weil er noch ledig war, und nach den rabbinischen Bestimmungen eine solche nur einem verheirateten Manne zukommt, und Towije mußte sich begnügen, im Synagogenchor die Rolle des dominirenden Bassisten zu übernehmen. Towije K^o h en war ein lernbegieriger Mensch. Während er sein Wissen fortwährend dadurch bereicherte, daß er die Vorträge der berühmtesten Talmudgelehrten besuchte, fand er dadurch eine neue Erwerbsquelle, indem er jetzt auch größere Knaben für den Besuch der „Jeschiwo"^) vorbereitete. Namentlich aber wurde Towije Ko h en's Einkommen dadurch vermehrt, daß er oft von reichen Leuten zur dritten Sabbathmahlzeit, oder an Schwuos8), Simchas Thora3), Chanucka*3), Purim") und anderen heiteren Festen zur Tafel geladen wurde, um sie und ihre Gäste durch seinen Gesang zu erfreuen und zu unterhalten. Bei einer solchen Gelegenheit hatte er seine zukünftige Gattin, die als Mädchen Elke Jerusch almi hieß, kennen gelernt. Judith, die Gattin des reichen und angesehenen Eberl Ger on im, hatte das ganz verwaistevierjährigeMädchen aus Mitleid in ihr Hans genommen und erzogen. Als Elke herangewachsen war, starb ihre Wohlthäterin, aber das junge Mädchen hatte sich durch ihre Frömmigkeit, Anmuth und Dienstwilligkeit die Gunst des hochbetagten, kränklichen Reb Eberl, dessen Pflegerin sie war, in so hohem Grade erworben, daß der launische, reizbare, heftige Mann von Niemand Anderem als von Elke bedient sein wollte und es als etwas Selbstverständliches betrachtete, daß sie bis zu ihrer Verheiratung in seinem Hause bleibe. Elke gefiel dem jungen Manne und auch er glaubte, ihr nicht gleichgiltig zu seiu; aber so lange Towijes Großmutter lebte, mochte er nicht daran denken, eine Ehe zu schließen. Nicht für den höchsten Preis hätte er die gebrechliche, alte, unbeholfene Frau verlassen, nicht für das höchste Glück der Welt hätte er sich von ihr trennen mögen, und ebenso wenig konnte er es einem jungen Weibe zumuthen, mit einer einundneunzigjährigen, vor Alter kindischen, geistesschwachen Greisin zukammenzuleben, deren Launen zu ertragen. Aber als die gute, alte, *) Gabe, Geschenk. 2) Synagogenvorbeter, Cantor. 3) Synagogenmelodien. Sopranist. Ein ohne Zweifel dem veralteten Deutsch entlehnter Ausdruck, der sich wohl am Richtigsten durch Accompagniren, Begüiten wiedergeben läßt. 6) Gemeindevorbeter. In Prag gab es drei derselben, welche — allwöchentlich abwechselnd — in der Altneil-, der Messet und der Altschule fungirten. 7) Talmud- Hochschule. 8) Wochenfeste. 9) Thorafreudenfest. ,0) Tempelweihfeste. u) Fest zur Erinnerung an die Rettung der Juden von der vom persischen Minister Haman geplanten Vernichtung.