Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- ' •' -.q* Nr. 47 Vrstrrretchischr WochenschrM Seite 911 liche, wie gelehrte Mann in seiner lebhaften Weise: „Von dieser Handschrift müssen Sie in einem österreichischen Blatte Mittheilung machen!" In früheren Jahren habe er wohl manches Material zu einer Geschichte der Gemeinde Proßnitz gesammelt, als aber Rabbiner Weisse mit der Veröffentlichung ähnlichen Materials im „Orient" den Anfang gemacht, habe er die Sache ruhen lassen. „Jetzt", fuhr er fort, „interessirt sich der Proßnitzer Rabbiner für die Geschichte meiner Geburtsstadt '), welchem ich auch mein Material zur Verfügung gestellt habe; an einzelne Personen weiß ich mich nicht zu erinnern." Ist meine Bemühung, über den Proßnitzer Compositeur und Baßsänger etwas in Erfahrung zu bringen, ohne Erfolg geblieben, so sollte ich doch nicht ganz ohne Belehrung ausgehen. Denn bei dieser Gelegenheit wußte der gelehrte Herr von vielen musikalischen Dingen zu sprechen und u. A. von einem ambulanten, mährischen Chasan R. Jtzig Freisinger zu erzählen, dessen Name er in origineller Weise damit erklärte, daß derselbe beim Singen sich nicht mehr — die Backen hielt, was vor jenen sechzig Jahren, als eine Neuerung gegolten habe und besonders gewürdigt wurde. Und in der That läßt sich über die Schicksale des nicht einmal dem Namen nach bekannten Wolf Baß nichts berichten. Ich besitze eine stattliche Reihe Handschriften, alter, zum großen Theile' unbekannter „Meschorerim". Von diesen seien hier genannt: Aberle Mannheimer, auch Wadenheimer geheißen (meine Musikhandschriften Nr. 7 und 31). Abraham Singer (Vater des berühmten engl. Opernsängers John Braham, geb. in London 1774, gest-1856, welcher in Gemeinschaft mit Jsac Nathan die „Hebrew Melodies" des Lord Byron edirte (meine Musikhandschrift Nr. 18), David Baß (Nr. 5); I. Lehmann (29); I. Wolf (31); I. Löbl Wolf (Nr. 46 a. b. Bergl. Berlinische Musikalische Zeit von 1794 S. 171. Der Qnartband 46 a, auf welchem die Jahreszahl 1809 zu lesen ist, enthält auch vorzügli! es „Chasanuth"); Jäkel Singer (Nr. 4, 6, 7, 17, 29. 31, 32, 48); Jekuthiel Meschorer in dem Haag (2, 18, 27); Jona Singer oder Vorsinger (3); Josua Singer (30 a); Juda Herzfeld (27); Juda Stettenhe im (10); Lyon Singer aus England (nym jnK’S Leoni genannt, Nr. 18, 53. Sein in England als traditionell gehender „Jigdal" ist auch in die anglikanische Kirche auf den Choral „The God of Abraham praise“ übergegangen, s. Nathan. Mnsergia vocalis S. 103 und die Anm. daselbst. Im Jahre 1777 wurde er für den besten Sänger des Königreichs erklärt. Sein eigentlicher Name war Meyer Lyon. Circa 1770 als Chorsänger an der großen Synagoge angestellt, wurde er später abgesetzt, weil er in Haendel'schen „Messias" sang. Er wandte sich infolge dessen der Opernbühne zu, auf der er große Erfolge zu verzeichnen hatte, wie er als Componist von Liedern und religiösen Gesängen weit und breit beliebt war. Der I. Theil der Melodie, nach welcher Lord Byron den Gesang „Oh weep for those that weep by Babels streem“ dichtete und die u. A. auch von Rabbiner Frank („Hebr. Melodie") bearbeitet wurde, ist ursprünglich eine „Kaddisch-Cowpvsition" von Leoni, die ich besitze (Handschr. Nr. 24); Der II. Theil derselben Melodie (die auch Max Bruch in seinem Kol Nidrey für Cello benützte) wird auf „Maskil Schir jedidim“ als traditionell gesungen (s. Schir Zion II. Nr. 110); Leoni, zu dessen vorzüglichsten Schülern der oben genannte John Braham gehörte, für welchen C.M. v. Weber das Gebet in „Oberon" componirte, kehrte später zur Synagoge zurück und bekleidete schließlich in Kingston auf Jamaica eine Cantorstelle (s. den Londoner Katalog der .Anglo Jewish Historical Exhibition“ von 1887 S. 51, Nr. 981); Ferner seien genannt: Mryer Koblenz (8,32); Meyer Metz (30a, 79); Nathan Baer (17); Sal. Haag (48). Sal. Sondheimer oder Sontheimer (31, 48); W. Kyzer (17, 28) und Wolf Jtzig Königsberg (31). Die hier zu beschreibende Handschrift stammt gleich den citirten aus dem Nachlasse eines Amsterdamer Chasan, der im Anfänge unseres Jahrhunderts zu den berühmtesten Männern seines Standes zählte. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß Wolf Baß diesem oder einem seiner Vorgänger der Meschorerim- Sitte gemäß seine Compositionen vorlegte, um auf Grund ihrer Trefflichkeit als Baßsänger der Amsterdamer hochdeutschen (aschkenasischen) Gemeinde angestellt zu werden. Die Bassistenstelle bei dieser Gemeinde gehörte zu den Idealen der zünftigen „Meschorerim" des 17. und 18. Jahrhunderts, da sie von hier 1. Vergl. den Appell des Herrn Bezirks-Rabbiner Dr. Hoff in Nr. 27 d. Bl. aus gar leicht zu einem „Chasonus Brief" gelangen konnten, der nicht nur die völlige Qualification für das Borbeteramt bezeugte, sondern zugleich nach erfolgtem Gastvortrage, der in damaliger Zeit allgemein Sitte war, eine feste A n st e l l u n g mit sich führte. Als daher ein großer Zuzug von auswärtigen — deutschen und polnischen — Baßsängern bemerkt wurde, die vielfach in ihrem sittlichen Wandel den berechtigten Erwartungen nicht entsprachen, sah sich die Amsterdamer Gemeinde 1737 veranlaßt, das Vorbeten unter Assistenz von Baßsängern überhaupt zu verbieten. Nur denjenigen Chasanim gegenüber, welchen bis 1739 (Ende t2"2£n) laut „Chasvnus-Brief" (ir-e nwn) ausdrücklich erlaubt worden war, einen „Baß" zu halten, sollte bis dahin eine Ausnahme zu machen gestattet sein; nach den hohen Feiertagen von 1739 durfte auch diese Ausnahme in keinem Falle mehr (2^2 ssiu 21V2) gemacht werden. In Amsterdam sollte kein „Baß" irgend einem Chasan „zuhalten" dürfen. Derjenige Vorsteher, welcher dieser Anordnung zuwider einem Vorbeter hiezu die Erlaubniß ertheilen würde, sollte ohne Einwand (ns pnris '°72) 100 T h a l e r Strafe an die Gemeindecafse zu zahlen haben. (Siehe § 49 der „Tekanoth", Am st. 1737. Ben-Jacob, Thes. S. 671, Nr. 939.) Diese Strenge gegen die Mitwirkung von Baßsängern scheint später aufgehoben worden zu sein, denn 1796 finden wir bereits den gelehrten Meyer Kornick (er war in Kurnik bei Posen geboren) in den „Haskamoth" seine Schrift -aian mfj* als Baßsänger des verstorbenen Amsterdamer Chasan Binjamin Wolf von dem deutschen und dem portugiesischen Rabbiner der Gemeinde in Ehren empfohlen. Ob Kornick, der u. A. gegen den Philosophen Lazarus Bendavid eine Schrift tnrn -in veröffentlichte, später nach Glogau ging, um dort als Sänger thätig zu sein, kann für jetzt nicht angegeben werden. Meines Wissens ist es bisher überhaupt nicht bekannt gewesen, daß der Gegner Bendavid's ein Baßsänger gewesen. Folgende bemerkend werthe Gedanken über die „Accente der Hebräer", die ich in einem „Ueber die Tonkunst" überschriebeuen Capitel „Beiträge" des Lazarus Bendavid (Wien 1797, S. 171) fand, mögen hier ad vocem ihren Platz finden. „ ... Je nachdem der Gedankengang eines Volkes rasch und feurig oder träge und frostig ist, je nachdem seine Neigungen mehr verfeinert oder grob sinnlich sind, je nachdem sein Temperament sich zum phlegmatischen oder cholerischen neigt; je nachdem wird auch seine Sprache einen diesen Verschiedenheiten angemeffenen Vortrag anuehmen, der dem ungewöhnten Öhre singend Vorkommen muß. Die Accente der Hebräer beweisen aber noch deutlicher den Satz, daß bei den Alten der Gesang die gewöhnliche Rede begleitete, und der musikalische Ton der Rede den Ton der Empfindung bezeichnete. Die Accente find freilich eine neuere Erfindung, deren man fich vielleicht erst zu Anfang des elften, aber gewiß nicht früher als zu Ende des neunten Jahrhunderts im Schreiben bediente. (?) Aber das ist sicher nur von den geschriebenen Accenten, ebenso wie von den geschriebenen Vocalen zu verstehen. Man sprach stets mit Vocalen: so wie der Vorleser der Bibel in der Synagoge stets sang. Nur erst dann, als man fürchtete, daß der eigentliche Gesangs verloren gehen und dann die Rede, bei einer so völlig unbestimmten und durch den Mangel des Conjunctivs so äußerst vieldeutigen Sprache gänzlich unverständlich werden dürfte, suchte man dem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen, und den Gesang, der der Sprache so nothwendig ist, an bestimmte Zeichen zu binden. Noch merkwürdiger aber ist es, daß der jüdischen Jugend noch heutigen Tages der Schulunterricht völlig singend ertheilt wird und dieser Gesang eben so sehr von dem gewöhnlichen Redeton aller europäischen Nationen abweicht, als er sich von dem Vortrage der Bibel in der Synagoge und nach den Gegenständen unterscheidet, die gelehrt werden; er ist ganz anders bei den Meditationen des Talmuds, ganz anders bei dem historischen Theile der Bibel und abermals anders bei den poetischen Stellen derselben. Von einem Volke aber, das sich leider im Ganzen so ziemlich gleich bleibt und noch manche Ceremonie gerade so wie vor taufend Jahren beobachtet, läßt sich wohl vermuthen, daß ihm auch der Gesang seiner Sprache einigermaßen vom Vater auf den Sohn vererbt worden sei und die alten Hebräer zum Theil ihre Sprache ebenso abgesungen, wiewohl nicht so ausgesprochen haben mögen, als die jetzigen Juden. Dieser Gesang der einzelnen