Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 910 Veflerretchtptzr rvochenschrtfl Nr. 47 Nähe zu bleiben und das eigentliche Deutschthum nicht unberücksichtigt zu lassen, so erinnern der deutsche Orden und der bloße Name Marienburg doch schon an die Beimischung des Kreuzsemitismus zur germanischen Eroberungslust. Diejenigen also, welche im Namen des Germanenthums oder überhaupt der mittelalterlichen U e b er l i es er u n g gegen den heutigen leibhaften Juden auftreten, weil er ihnen im Handel und an der Börse unbequem ist, mögen sich erst an ihren eignen palästinischen Zopf greisen. Erst wenn sie diesen abgeschnitten hätten, könnten sie auch der Judennase mit gutem Gewissen und voll aufspielen. Inzwischen werden sie dem innern Karthago nicht beikommen. Im G e gentheil, sie werden für dasselbe immer mehr ein Fortpflanzungscanal werden. In England hatten Ihresgleichen einen Disraeli zum Lieblingsminister. Der Herr von Israel, der Herr der britischen Lords und Tories — das ist köstlich. Israel braucht sich nur taufen zu lassen: ans Schlesinger brauchte blos Stahl zu werden, und die j ü d i s ch - g e r m a n i s ch e Brüderschaft Stahl und Gerlach waren fertig. Das war judengesichtig und urger manisch in einem schönen Geisteszwitter gezüchtet Diese alte Liebhaberei für die getauften Judengesichter, die nach der Revolution von 1848 in jenem jüdisch-germanischen Zweigespann ihren Ausdruck fand, graffirt bis heute, und hat sogar ein wunderliches Ding von sogenanntem A n 1 i s e m i t i s m u s, im Grunde nur eine Parodie auf den Antisemitismus, aus sich herausgeboren. Sv etwas will nun der Börse zu Leibe, der man doch mit Bajonetten nicht beikommen kann. In den Fugen des Militarismus, der selbst aus dem Feudalismus und nur zum Th eil gegen ihn erwachsen ist, steckt bereits ein Stück Semitismus und nicht blos kreuzritterlich vererbter, sondern leibhafter, und da glaubt man so leicht mit gewissen Unbequemlichkeiten des innern Karthago fertig zu werden, indem man es im Uebrigen schont und bei sich selbst unter Umständen sogar pflegt und hätschelt. Von der materiellen und wirthschaftlichen Jntereffenperknüpfung dieses Karthago mit den Ausbeutungspositionen der eigentlichen Bourgeoisie braucht hierbei noch nicht einmal ausführlich geredet zu werden. Diese Verknüpfung versteht sich von selbst. Ausbeuter von Rassewegen und Ausbeuter von Standeswegen und cultureller Züchtung, das sind nur zwei Arten eines im Grunde übereinst i m m e n d e n T y p u s." Die schwarzen Juden von Ernakulum. Als Stätte verschiedener Religionen ist Kocht n, das alte, für die Ausfuhr seines Pfeffers berühmte Kothinara, gewiß einer der interessantesten Plätze Indiens. Es ist der Hauptsitz der katholischen Syrianer, sowie einer kleinen Gemeinde von Nestorianer, die wieder in mehrere Secten zerfallen. Außerdem lebt aus dem Festlande, d. h. in Ernakulum, eine Colonie schwarzer Juden. Es ist nicht genau sestzustellen, auf welche Weise sie dorthin kamen, und wenn man auch die Ansicht, daß sie die Nachkommen der Eingeborenen sind, die von Hiram und Tarschisch bekehrt wurden, und Ernakulum selbst das sagenhafte Ophir König Salomons ist, als Mythe betrachten muß, so deutet doch Vieles auf einen uralten Ursprung hin, und man wird kauni fehlgehen, wenn man die Gründung der Colonie in die Zeit kurz nach der Freilassung der Juden unter Cyrus verlegt. Das Judenviertel Ernakulum zeichnet sich wenig vor anderen orientalischen Städten aus. Die Straßen sind eng und stets von einer großen Menschenmenge, in der man sofort die charakteristischen, obwohl dunkeln, jüdischen Züge erkennt, belebt. Die Männer fallen sofort durch die von den Ohren herabhängenden Locken und den langen Kafton auf. Bei der weiblichen Bevölkerung stndet man, besonders im Mädchenalter, wirkliche Schönheiten, die sofort durch die großen, geistvollen Augen gegenüber dem stumpfen, sinnlichen Gesichtsausdrucke der übrigen Jndierinnen auffallen. Die Synagoge, die mit prachtvollen alten Delft-Porcellanplatten gepflastert ist, .entzückt jeden Kunstliebhaber. Man zeigt da werthvolle, mit Edelsteinen besetzte Mitren und andere beim Gottesdienste gebrauchte Stücke. Bemerkenswerth sind ferner noch gewiffe der Entzifferung harrende, mit wunderbaren Zeichen bedeckte Kupferplatten, die angeblich eine königliche Urkunde oder Shasanam zu Gunsten der schwarzen Juden enthalten. Besondere Beachtung verdienen auch die prachtvollen, in kostbare Seide emgewickelten alten Handschriften der mosaischen Gesetzbücher. Die schwarzen Juden leben streng allen Vorschriften ihrer Religion nach, und obwohl sie, wie ihre weißen Brüder, selbst den kleinsten Gewinn nicht verachten, so enthalten sie sich am Sabbath jeden Handels. Sie sind hauptsächlich Fisch- und Geslügelhändler, leihen jedoch auch auf Zinsen und treiben sonstiges frommes jüdisches Handwerk. Während der Zeit der Besetzung Kochins durch die Niederländer (1668—1795) waren sie die Helden der nachfolgenden, noch heute mit Stolz erzählten Begebenheiten. Der alte ehrwürdige Radscha von Ernakulum war tödtlich von den Niederländern beleidigt worden. Er schwur, fürchterliche Rache zu nehmen und nicht eher zu ruhen, als bis er die lästerhaften Zungen der weißen Eroberer ausgeschnitten habe. Die weißen Männer jedoch spotteten seiner in ihrer starken Festung; sie besaßen Schiffe und Kanonen, waren wohlbewaffnet und viel mächtiger als seine eigenen treuen Nayars. Nur durch List konnte er denselben beikommen, und hier kamen ihm die niedrigsten und verachtetsten seiner Unterthanen, die schwarzen Juden von Ernakulum, znhilfe. Als er vor Gram und Leid schon krank und voller Furcht, mit einem unerfüllten Schwure vor die Götter zu treten, war, kam von einer Seite, von der er es am wenigsten erwartete, ein Sonnenstrahl voll Hoffnung. Den schwarzen Juden war das Leid ihres geliebten Prinzen zu Herzen gegangen, und so schickten sie die Weisen ihres Stammes mit einem wahrhaft orientalischen Vorschläge zu ihm. Es war einfach — die große Glocke der Niederländer zu stehlen. Denn was war die Glocke Anderes als die Zunge der verhaßten weißen Männer, die bei Tag und bei Nacht höhnisch und herausfordernd zu Sr. Hoheit herüberklang? Der Radscha h'orchte"mit einem traurigen Lächeln zu und willigte, kaum an einen Erfolg glaubend, in den Plan ein. Die Juden waren, wie schon früher erwähnt, Geflügelhändler, und obwohl die Niederländer streng einem Jeden den Eingang zum Fort verwehrten, hatten diese bescheidenen Händler ungehinderten Zutritt. So gelang es ihnen, in einem großen Geflügelkorbe einen Judenknaben in die Festung einzuschmuggeln. Derselbe führte ein dickes Seil mit sich, dessen Ende er in der Dunkelheit der Nacht an der Glocke befestigte, während er das andere Ende über die Mauer warf, wo seine Genossen ihn erwarteten. Sodann umwickelte er den Klöppel mit bereitgehaltenen Tüchern und schnitt die Stricke, an denen die Glocke aufgehangen war, entzwei. Mit vieler Mühe brachte man die Glocke über die Mauer und in ein Boot, das sie in einer halben Stunde vor dem freudestrahlenden Radscha brachte. Die wohlbekannte Gemächlichkeit der Niederländer mag diese abgehalten haben, den Diebstahl zu rächen. Sicher ist, daß die Glocke noch heutigen Tages vor der Schatzkammer des Radschas von Ernakulum hängt und die Stunden zum Besten der schwarzen Inden angibt Wolf Batz von Protznitz. Von Ed. Birnbaum. Königsberg i. Pr. Auf Veranlassung eines Berliner Gelehrten, dessen Wiege in Proßnitz stand und der sowohl als Literarhistoriker, wie als treues Kind seiner Geburtsstadt das lebhafteste Interesse für die Geschichte dieser Gemeinde hegt, soll in Folgendem von einer in meinem Besitze befindlichen Musikhandschrist eines Wolf Baß von Proßnitz berichtet werden. Als ich gelegentlich der Wiener Musik-Ausstellung vom Jahre 1892 dem betreffenden Gelehrten erzählte, daß auch diese Handschrift ausgestellt werden sollte, dies aber unterblieb, weil der Leiter der historischen Abtheilung einen jungen Theologen mit der Sichtung meiner gesandten Ausstellungsobjecte betraut hatte, der so manche Sehenswürdigkeit in's Magazin anstatt in den Ausstellungsschrank dirigirte, erwiderte der ebenso freund-