Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 47 Oesterrerchifchr Wochenschrift Sette 909 Arische Dienstgeber. Erfurt, 15. November. Die Verhandlung gegen den -Oberförster Gerlach und deffen Frau hat ein grauenvolles Bild von den der Köhler zugefügten Mißhandlungen ergeben. Auf dem Hinterkopfe sah man eine große, von Haaren entblößte, völlig vereiterte Wunde, in der linken Nierengegend eine handbreite brandige Wunde, Spuren schrecklicher Schläge ferner an beiden Füßen. Auf Vorhalten gestand Gerlach, das Mädchen einen oder zwei Tage vorher mit einem Stocke gezüchtigt zu haben. Auf die Bemerkung des Dr. Oertel, daß man einen schwer kranken Menschen doch nicht noch schlagen dürfe, erwiderte Gerlach: „Ja, wenn Einen dieWuth dazu treib t." Es wurde anderseits festgestellt, daß die Angeklagten fleißige Kirchengänger waren und daß Frau Gerlach auch namhafte Beträge für die Gustav Adolf-Stiftung spendete. Ein ehemaliges Dienstmädchen der Angeklagten bekundete, sie habe selbst Sonntags auf dem Acker arbeiten und bisweilen viele Stunden Holz sägen müssen. Auf ihre Einwendung daß Sonntagsarbeit doch verboten sei, antwortete Frau Gerlach: Wirsind fleißigeKirchengänger, dapaßt die Polizei nicht auf. Die Geschwornen sprachen beide Angeklagten schuldig. Gerlach wurde unter Zubilligung -mildernder Umstände zu vier Jahren Gefängniß, Frau Gerlach zu zehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurtheilt. „Die Juden sind unser Unglück." Es ist so bequem, einen Sündenbock zu haben. Deswegen fangen Schlagworte, wie „die Juden sind unser Unglück" die urtheilslose Masse am leichtesten. Nur bedenke man, daß diese Sündenböcke wechseln. Bor 1800 Jahren hieß es: „Die Christen sind unser Unglück." Lecky sagt in seiner berühmten „Sittengeschichte Europas" (Heidelberg 1879. Bd. I. Seite 355): „Wenn die Tiber zu den Stadtmauern steigt", sagt Tertullian (Apol. XL.) ..oder wenn der Nil nicht die Felder überfluthet, wenn der Himmel den Regen versagt, wenn die Erde erbebt, wenn Hunger und Pest das Land verwüsten, ertönt sofort der Ruf „Die Christen vor die Löwen!" „Die Christen sind die Ursache, daß es nicht regnet", war ein Bolkssprichwort in Rom. Erdbeben, die wegen ihrer besonders erschreckenden und für die Unwissenden geheimnißvollen Natur eine sehr große Rolle in der Geschichte des Aberglaubens gespielt haben, kamen sehr häufig in den asiatischen Provinzen vor, und drei und vier Christenverfolgungen lassen sich deutlich auf den Fanatismus zurückführen, den sie erzeugten." Der „Christenhast" der Juden. Wenn man den antisemitischen Schlagworten zu Leibe geht, ergibt sich immer ihre Hohlheit und Unlauterkeit. So wird immer und immer wieder behauptet, die Juden haßten die Christen. Wenn sie es auch hier verbärgen, so trete er in anderen Ländern um so offenkundiger hervor. Dr. Radloff theilt im Band VI. S. 428 „der Ztsch. d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin 1871" eine interessante Beobachtung mit, die er in der mohammedanischen Stadt Samarkand gemacht hatte. Er sagt: Im Allgemeinen läßt sich nicht leugnen, daß wir Christen hier wenig freundliche Gesichter zu sehen bekamen, die schwarzen Augen blitzten unter den buschigen schwarzen Augenbrauen oft im wilden Feuer, und man faßte oft unwillkürlich verstohlen nach der Waste, wenn uns einer dieser stechenden Blicke zugeworfen wurde. Nur ein Theil der Einwohner, wenn auch ein sehr geringer, hat hier die Christen mit wahrem Enthusiasmus empfangen, dies sind die Juden. Welche wunderbare Schickung! Der Jude, der in Europa seit Jahrhunderten in Feindschaft mit den Christen gelebt, er begrüßt hier denselben Christen mit leuchtenden Blicken, drängt sich freudig an ihn heran, und ist hocherfreut ihm einen Gruß zuwinken zu können. Stolz betrachtet er den Christen als seinen Freund, seinen Beschützer, in seiner Nähe sieht er Verachtungsvoll auf den Mohammedaner herab. Mehrere Juden luden uns ein, die Judenstadl zu besuchen. Als wir kaum die ersten Häuser der Judenstadt, die sich äußerlich von den übrigen Stadttheilen nicht unterscheidet, betraten, sahen wir uns von einer Menge umrungen, die uns jauchzend im Triumphe durch die Straße begleitete. Wir wurden eingeladen, in mehrere Häuser einzutreten, und fanden überall eine freundliche Aufnahme. Brod, Früchte, Theeund aus Weintrauben destillirter Branntwein wurden uns vorgesetzt und wir genossen das Dargereichte auf der Galerie, umgeben von einer dichten Menge, die uns neugierig betrachtete. Antisemitismus auf dem Theater. Der Solotänzer des Frankfurter Opernhauses F e r e t t i wurde plötzlich entlassen wegen einer Ohrfeige, die er der Prima-Ballerine B a y z verabreichte. Die Ursache war ein antisemitisches Schimpfwort, welches den Rosenlippen der zarten Balleteuse entschlüpft war. Auf dem in Erfurt jüngst abgehaltenen Jahresfest des evangelisch-kirchlichen Hilfsvereines erzählte der Pastor Riemschneider aus Gudersleben, früher Inspektor der Berliner Stadtmiffion, von einem beim Theater in hoher Stelle befindlichen Herrn, der ihm erklärt habe, er sei Antisemit und werde so lange nicht in die Kirche gehen, so lange in derselben von Isaak und Jacob die Rede sei. — Auch in Wie n versuchte es ein Hofopernsänger vor einigen Jahren, antisemitische Feste durch seine Gegenwart und Mitwirkung zu verherrlichen. Der Versuch bekam ihm aber so schlecht, daß er wenigstens hierin keine „Schule" gemacht hat. Der neue Czar. Krakau, 19. November. Aus Petersburg wird gemeldet: In dem Dorfe Honorowka im Gouvernement Podolien wobnt ein jüdischer Arzt. Leon F r e n k e l. der vor Kurzem ausgewiesen wurde, da Juden der Aufenthalt auf dem Lande verboten ist. Der Arzt brachte gegen die Ausweisverfügung einen Recurs ein. welcher jetzt in günstigem Sinne erledigt wurde. Herrn F r e n k e l wurde vom Senat der Aufenthalt in seinem bisherigen Wohnorte weiter gestattet, mit dem Bemerken, daß es den Aerzten überall gestattet sei, zu wohnen. Antisemitismus und Christenthnm. Die „Wests. Reform", die Ahlwardt herausgibt, brachte am 3. Nov. einen Leitartikel, betitelt „Das innere Karthago," dessen Stil auf Dühring hinweist. Das Blatt führt aus, man müsse erst die Handelsaussaugung der Völker im Innern besiegen, und kommt zu dem Ergebniß, fast „Alle s" sei verjudet: „Was ist nun im Sinne dieser Bemerkungen recht eigentlich das innere Karthago der modernen Welt? Es ist, kurz und bündig ausgedrnckt. die Genossenschaft der Judengesichter und alles dessen, was sich von Nichtjudengesichtern dazu hält. Letzterer Bereich ist groß, sehr groß, ja manchmal fast Alles, während das Bolkchen der Juden selber nur verbältnißmäßig klein ist." Wie verjudet find die K r e u z z e i t u n g s - Partei, die Antisemiten, die Germanen! Die „Wests. Reform" schreibt: „Der Kreuzritter von heute, der „neue preußische", der Neufeudale ist durchschnittlich ein Nachkomme jener Altfendalen, die, das Schwert in der einen, das palästinensische Kreuz in der andern Hand, sich in den verschiedenen Landgebieten erobernd festsehten. Dort drangen sie, den P r i e st e r zur Seite, vor, unterjochten die einheimischen Bevölkerungen und entrissen ihnen d e n G r un d u n d B o d e n, um barau§ ©fiter für sich zu schnitzen. Sie beschönigten und ergänzten ihre Herrschaft durch den neuen geistigen Druck. Die Religion war ihnen eines der beiden Mittel, um ihre Herrschaft zu sichern, und alle Einrichtungen der danach entwickelten Staaten überkamen diese Nrerbschast. Daraus erklärt sich auch, warum noch heute selbst die bereits modernisirten Elemente dieses Schlages an der Neberlieferung besonders aber daran zäh festhalten, daß ihrem Volk auf den Gütern die religiöse Weihe der Nnterthänigkeit nicht abhanden komme. Da hätten wir also die geistigen Krenzsemiten, da hätten wir ein Stück geistige? Karthago, wo man es sonst am wenigsten sucht; da hätten wir es selbst unter den sich antisemitisch Anstellenden, ja sogar unter Solchen, die sich w i r k l i ch und aufrichtig für Antisemiten halten. Letztere, nach allen Wandlungen ihrer Vorfahren bisweilen ehrenwerthe und wohlgesinnte Elemente, haben meist keine Ahnung davon, wie sie den hebräischen Geist in sich ausgenommen haben und noch heute in einem gewissen Maß Träger desselben sind. Doch dieser kleine Ausblick nur nebenbei. Von dieser Gattung ließe sich in Europa viel erzählen, wenn man sich auch noch etwas mit Wilhelm, dem Eroberer Englands, befassen wollte, der für seine normännischen Ritter die Lehne aus den „Aeckern Dritter" fabricirte. Man wird sagen, so etwas sehe ja mehr römischer Eroberung als judenartiger Herrschaft ähnlich. Allein, um nur in unserer nächsten