Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Vrsterreichlfchr WochenfchrM Nr. 47 Seite 908 einmal Frau SchnutzinLeuß' Begleitung. Sein Mandat hat er bisher nicht niedergelegt. Der Staatsanwalt von Hannover lehnte die Entlassung des wegen Verdachtes des Meineides verhafteten antisemitischen Abgeordneten L e u ß gegen Caution ab. Einst gehörte Leuß zu den intimsten Freunden des Hofpredigers Stöcker. In dem Personalverzeichniß der Reichstagsmitglieder bezeichnete sich Leuß als „d eu t s ch - s o c i a lan tisem i ti sch". Antisemitische Reichstags-Abgeordnete. Nach Leuß —Zimmermann! Auch den letztgenannten Herrn wird sich die Staatsanwaltschaft demnächst holen. Er hat bei der Gründung der „Deutschen Wacht" einen Verstoß gegen das Actiengesetz begangen. Als ihm der Abgeordnete Bebel diese Dinge rm Reichstage vorhielt, wurde Herr Zimmermann grob, sehr sogar. Die Actiengeschichte ist jetzt in einem Preßbeleidigunqsproceß zwischen Zimmermann und einem antisemitischen Verleger (Gumber) in D r e s d e n zur Sprache gekommen. Herrn Zimmermann wurde dabei durch Aufdeckung seiner entschieden philosemitischen Vergangenheit schrecklich milgespielt. Aber der Sprung vom Bewunderer Heine's zum Antisemitenhäuptling ist auch Anderen von dieser Couleur schon gelungen. Bezüglich des gegen Zimmermann erhobenen Geschäftsantisemitismus sprach das Gericht als erwiesen aus. daß bei den Umwandlungen der Zimmermann'schen „Deutschen Wacht" in eine Actiengesellschaft I ncorrectheiten vorgekommen seien, welche die Staatsanwaltschaft beschäftigten. Es wurde festgestellt. daß Zimmermann für Abtretung seiner Wochenschrift 20.000 M. erhalten hat, aber nicht in baar, sondern in Actien. Diese 20.000 M. hätten in dem amtlichen Gründungsprotokoll als Gründungskosten aufgeführt werden müssen, was unterblieben ist. Der Vorsitzende des Gerichtshofes nahm deshalb an, daß hierin ein Vergehen gegen das Actiengesetz und das Handelsgesetz zu erblicken sei. und erklärte, daß die Staatsanwaltschaft die Untersuchung dieser Angelegenheit bereits in die Hände genommen hat. Den Actionären war nur mitgetheilt worden, daß die Gründung etwa 3000 M. kosten werde. Der Gerichtsvorsitzende bemerkte, daß bei der Gründung der „Deutschen Wacht" allerdings in einer Weise vorgegangen worden sei. welche vielleicht die Gründer noch vor den Strafrichter führen wird. Wieder Girier! Der Pfarrer K a l i n a..in MoraZitz bei H ermann stad t, ein Gesinnungsgen oste der Herren Schneider uud Lueger, wurde vor wenigen Tagen wegen einer Reihe u n si tt lich er Attentate, die er an kleinen Mädchen bis zu 9 Jahren verübt hatte, zu drei Monate Kerker verurtheilt. Die Wahrheitsliebe Lueger's. In dem Verein „Eintracht" auf der Landstraße erzählte Herr Lueger von der „Verjudung" Berlins uud sagte: „Es ist interessant, daß in Berlin trotz der verhällnißmäßig geringen Anzahl von Juden die Macht derselben eine viel größere ift,- als in manch anderen Stödten mit einer bedeutend größeren indischen Einwnbnerzabl. Dos schönste und prächtigste Viertel in Berlin ist das Thiergartenviertes, und hier sind die Eigenthümer der Villen und Paläste beinahe durchwegs Juden. Wie arrogant und uberhebend diese Leute sind, davon nur ein Beispiel: Am Leipziger Platz siebt das Haus des Zeitungsstlden Masse. Der Fries des Haules ist wunderbar gearbeitet, er stellt den Triumphzug der Presse dar. Nun rotben Sie. wer sich unter den Gefesselten, die im Triumpbzuae für die Presse mitgeführt werden, befindet? Unter diesen Gefesselten erblickt man — den Einiger des Deutschen Reiches, Fürsten Bismarck. Das duldet man in Berlin! Es ist wahr, Berlin hat eine aroße Rubmesballe. man findet dort viele Zeichen der außerordentlichen Tapferkeit des deutschen Volkes, aber gegenüber all diesen Zeichen großer Siege und unendlicher Macht ist der Fries am Mosse'schen Palais ein wawanto mari-der Gründer des Deutschen Reiches, der Erfechter all dieser glänzenden Siege, der Hervorbringer des Glanzes und Ruhmes sitzt dort oben als Gefesselter hinter dem Triumvbwaaen der Presse! Ich weiß nicht, ob es wo anders geduldet wird, daß eiu so gefeierter Mann in so niederträchtiger und gemeiner Weise behandelt würde." Das „Fr.-Bl." publicirt nunmehr nachstehendes Schreiben vom Schöpfer des Frieses, Herrn Bildhauer Max Klein, in dieser Angelegenheit an Herrn Rudolf Mosse; dasselbe lautet: Grunewald, den 8. November 1894. Hochgeehrter Herr! Wie ich höre, hat ein Wiener Abgeordneter behauptet, ich hätte (auf Ihre Veranlassung natürlich) Bismarck gefesselt auf dem Fries Ihres Hauses dargestellt. Die Unrichtigkeit dieser Behauptung ergibt sich einfach aus dem Gedankengange, welcher dem Fries zu Grunde liegt und welchen ich, um fernerer: Jrrthümern vorzubeugen, gern einmal klarstellen möchte. Der Fries stellt die Entwicklung des Deutschen Reiches dar und ist in zwei Theile getheilt. Auf der linken Seite vom Beschauer spielt sich zuerst der Kampf und Sieg der Germanen über die Römer ab. Hermann der Cherusker schlägt die Römer, Barus stürzt sich in sein Schwert, indem er noch den Lorbeer von seinem Haupte reißt und ihn Hermann hinreicht. Mehr nach der Mitte hin ragt eine Heldengestalt zu Pferde hervor (der große Kurfürst), dem von seinem eigenen und dem unterworfenen Volke (Wenden re.) gehuldigt wird. Weiterhin sehen wir die innere Entwicklung Preußens (Borussia gibt die Verfassung), die allmälige Vorbereitung zur Hegemonie Preußens. Bismarck, der die abschließende Figur des linken Frieses bildet, ist in stolzer Haltung und in eiserner Rüstung mit auf den Rücken gelegten Händen dargestellt. Den Kopf sinnend nach unten gesenkt, schaut er im Geiste die Wiedervereinigung der deutschen Stämme unter eine Krone und das Krähen des gallischen Hahnes auf der Mauer über seinem Haupte scheint ihm den gesuchten Weg zu weisen; der preußische Adler zu seinen Füßen sträubt die Federn und deutet an, daß er ihn versteht. Der Fries auf der rechten Seite 'zeigt uns, daß der Gedanke sich verwirklicht hat (Wiedererrichtung des Deutschen Reiches). Dem heimkehrenden königlichen Sieger wird von Priesterinnen die Kaiserkrone überreicht, der France werden die Kinder Elsaß-Lothringen wieder weggenommen, und der deutsche Aar zerzaust den gallischen Hahn. Mit vorzüglichster Hochachtung Max Klein. Anton Rubinstein, der große Clavierheros ist in Peterhof gestorben. Er war von jüdischer Herkunft und hatte trotz seines Uebertrittes zur orthodoxen Kirche, wie so manche Convertiten, eine gewisse Anhänglichkeit an den Väterglauben bewahrt. Er componirte einen gewaltigen „Moses" und ungemein bezeichnend für seine schöne Denknngsweise ist das nachfolgende Geschichtchen. Vornehm, wie in Geldsachen, war er auch in allen anderen Dingen, die sein Privatleben berührten, und nicht seine geringste Tugend war die Dankbarkeit. In seinem Salon lag ein Album, dessen erstes Blatt das vergilbte Bild eines alten polnischen Juden aufwies. Damit war eine der schönsten Erinnerungen des Künstlers verknüpft. Er hatte als blutjunger Bursche in einer polnischen Stadt sein erstes Concert anzeigen lassen, doch Niemanden fiel es ein, Sitze zu kaufen. Da kam plötzlich ein alter polnischer Jude, legte einen Rubel hin und sagte: Gib mir ein halbes Dutzend Sitze! „Dieser mein erster zahlender Hörer— so erklärte Rubinstein — erfüllte mich mit solch' namenlosem Entzücken, daß ich ihn, als ich einige Jahre später wieder ins Städtchen kam, auf meine Kosten photographiren ließ, um mir sein Bild aufbewahren zu können." Rubin st ein stellte seine große Kunst oft und gerne in den Dienst der Wohlthätigkeit. Ungeheure Summen hat er für die Armen erspielt und großmüthig und verschwenderisch wäre man fast versucht zu sagen — hingegeben. Das „Deutsche Volksblatt" widmet dem Heimgegangenen großen Künstler diesen Nachruf: „* (Anton Rubinstein.j In Peterhof starb der jüdische Claviervirtuose und Componist Anton Rubin stein am Herzschlage. Er ist bei Jassy geboren, gilt aber als russischer Vertreter der Kunst, da er später nach Moskau kam und sich besonders in Rußland aufhielt. Zu seinen bekanntesten Opern gehören „Nero" und „Feramors. Bekannter als durch seine Opern wurde er durch seine Clavier-Compositionen." Es dürfte auch noch in peinlicher Erinnerung sein, daß es in unserem Gemeinderathe zu unliebsamen Scenen kam, welche die professionellen Skandalmacher arrangirten, als es sich darum handelte, dem Meister für die den Armen Wiens gegebenen äußerst erfolgreichen Concerte — zu danken.