Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-23 · 47 (23.11.1894) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021055--04050-3028217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

__^ij*:. ' ,f 53 Nr. 47 Vrsterrekhiphe WocherMrist Sette 907 also nichts als Lüge und Verleumdung, nichts Anderes als Vorwand zur Bedrückung und Verfolgung der Juden. Sehr muthig sind freilich die Antisemiten nicht, aber daß sie die Judenherrschaft fürchten, das glauben wir ihnen doch nicht. _ L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die „Schächtreisen" des Meisters Stampiglius. Das .,Deutsche Bolksblatt" vom 18. November 1894 enthielt folgendes „Eingesendet". „Löbliche Redaction des „Deutschen Bolksb latt". Zn meiner Ueberraschung vernehme ich, daß am Niederösterreichischen Katholikentage das Gerücht colportirt worden ist, daß ich die Absicht gehabt hätte, beim Erscheinen Seiner Eminenz des Herrn Cardinals „Pfui Gruscha" zu rufen und daß ich — weil i ch wegen einer Schächtaffaire fortreisen mußte — einen befreun- I deten Herrn mit der Durchführung dieser „Idee" betraut hätte. Ich brauche selbstverständlich nicht erst zu versichern, daß diese ganze Ge- schichte vom Anfänge bis zum Ende erfunden und erlogen ist, dennoch bitte Sie, folgende Warnung in Ihrem geschätzten Blatte aufzunehmen: Es ist seit mehr als einem Jahre zu beobachten, daß über mich die merkwürdigsten Gerüchte erfunden und verbreitet werden, um mich bei unseren Freunden zu discreditiren, ohne daß es mir bisher gelingen konnte, den Urheber derselben ausfindig machen zu können; aber ich warne hiemit den Urheber. Gelingt es mir einmal, den Buben zu entlarven, so werde ich wissen, was ich zu thun habe. Schneider." Man scheint nach dieser merkwürdigen Zuschrift den Ritter Stampiglius auch in dessen eigenem Lager gründlich zu kennen und nach Verdienst zu würdigen. Die Erklärung des Herrn Schneider beweist aber auch, daß dieser Ehrenmann selbst seinen eigenen Parteigenossen gegenüber dem Gerichtssaale mit größter Vorsicht ausweicht, denn Herr Schneider hat gewiß den nöthigen Spürsinn, die Urheber der gegen ihn in Umlauf gesetzten „Gerüchte" ausfindig zu machen. Das kann doch einem Manne nicht schwer fallen, der mit solcher Gewandtheit sogar die Urheber nicht vollbrachter Ritualmorde ausfindig zu machen versteht. Charakteristisch für unsere Zustände ist übrigens die Thatsache, daß Herr Schneider neuerdings den Antritt einer „Schächtreise" öffentlich anzukündigen vermag. Vor Kurzem ist der Arbeiterführer Schuhmeier in Verwahr ungshaft genommen worden, mit der amtlichen Begründung, daß er die strafbare Handlung, derentwegen er angeklagt ist, wiederholen könnte. Gegenüber dem Ritter Stampiglius ist man weniger scrupulös. Er darf sich öffentlich der Absicht rühmen, eine wiederholt begangene strafbare Handlung abermals zu begehen, und Niemand denkt daran, den Mann hieran zu hindern. Zur Ausführung der Staatsgrundgesetze. Kolin, 13. November. Vom Landesausschuffe des König, reiches Böhmen erging gestern in Prager Zeitungen eine Kundmachung, in welcher die Aufnahmsbedingungen in die Pom ologische Landesanstalt in Troja bei Prag bekannt U gegeben wurden. g Ad I dieser Bedingungen lautet: H „Nachweis über das vollendete 14. Lebensjahr (Tauf- 1 schein)". Deutlicherkann allerdings nicht gesagt werden, daß die- 1 jenigen Schüler, die nur mit einem Geburtsschein aufwarten 1 können, keine Aufnahme finden. Es ist dies ein Vorgang, welcher | umso schwerer zu begreifen ist, als doch diese Kundmachung H von der höchsten autonomen Behörde des Landes ergeht, für I deren Erhaltung die Besitzer von Geburtsscheinen genau dieg selben Umlagen bezahlen, wie diejenigen, welche in der Lage I sind, einen Taufschein vorzulegen. Die Erklärung eines katholischen Geistlichen. Im „Nemzeti Ujsäg" finden wir heute die folgende interessante Erklärung : Der „Magyar Allam" verkündet in seiner Nummer vom 8. November, daß er meinen Namen in das „schwarze Buch" eingetragen hat, weil ich beim Leichenbegängnisse des seine Patronatspflichten großartig vollziehenden jüdischen Gutsherrn weil. Ignaz Stern über Ersuchen der Familie, in deren Kreise ich wahrhaft eine Mission erfülle, mit einigen Worten der schönen und edlen Tugenden des Verewigten gedachte, die ihn, obgleich er Jude war, vor Jedermann geehrt und beliebt machten, ihn, dessen Enkel sich bereits im Schoß der katholischen Kirche befinden, von dem einige Bischöfe, Capitel und katholische Patrone lernen könnten, die Patronatspflichten zu erfüllen. Besonders aber der „M. A." könnte Toleranz und Liebe gegen andersgläubige ehrliche Leute lernen. Ich antworte auch nicht, als ob ich meine That beschönigen und entschuldigen wollte, oder als ob mir das „schwarze Buch" weh thäte, denn ich halte für den kompetentesten Richter meiner Thaten mein Gewissen, welches sagt, daß ich mit dieser meiner That dem Katholicismus mehr genützt habe, als der „M. A." mit seinen schonungslosen, rohen Ausfällen, mit denen er seit 35 Jahren die Kirche der Intelligenz beraubt. Ich wollte ihm nur einfach zur Kenntniß bringen, daß mir nicht leicht eine angenehmere Ueberraschung hätte bereitet werden können, als daß ich in seinem „schwarzen Buche" drinn bin. Im Uebrigen gibt es auch unter den internen Mitarbeitern des „M. A." Unbefangene; von einem derselben kann man bei mir im Original einen herzlichen Glückwunsch und Lob für meine That lesen. Und auch er ist katholischer Geistlicher. Gott mit uns. — Egyed, 10. November. Dionys Polgar, Pfarrer. Der „christlich-soeiale" Greitzlerladen. Der in Unter-Meidling, Pfarrgasse (jetzt Albrechtsbergergasse) Nr. 3 etablirte Selchermeister Herr Johann Krautstingel nahm schon seit Jahresfrist wahr, daß ihm Würste, Fleisch und Schmalz in größeren Quantitäten gestohlen wurden. Das von diesen Diebstählen avisirte Commiffariat stellte nun fest, daß die bei dem genannten Selchermeister bediensteten Gehilfen Josef Wolez und Johann F i e d erm o tz die Diebstähle ausgeführt und die entwendeten Eßwaaren dem unter dem Namen „Der politische Greißler" bekannten Gemischtwaarenhändler Paulus Zaritsch in Margareten, Amtshausgasse 2, überliefertem Bei einer im Greißlerladen vorgenommenen Durchsuchung fand man mehr Würste und Selchwaaren als bei manchem Selcher. Es wurde hiebei constatirt, daß Paulus Z a r i t s ch, der als Anhänger und Agitator der christlichsocialen Partei im Bezirke einen gewissen Ruf genießt, auch Brot, Mebl, Feigenkaffee und sonstige Bictual i e n von Kutschern billig a nk a u f te. die diese ihren Herren entwendet hatten. Nahezu das ganze Maarenlager des Greißlers bestand aus gestohlenem Gute. Da er solchergestalt die Lebensmittel an die Kunden viel billiger abgeben konnte, so ging sein Geschäft glänzend. Selbst aus entlegeneren Bezirken kamen Käufer, darunter auch Geschäftscollege n, die beim „politischen Greißler" viel billiger einkauften, als bei den Erzeugern selbst. Zaritsch, sowie dessen Frau und die beiden diebischen Gehilfen des Selchers wurden verhaftet. Leipzig, 19. November 1894. Paulus Meyer, welcher in Wien, wo er bekanntlich der Gewährsmann des Pfarrers D e ck e r t war, wegen Beleidigung und nachher wegen Majestäts-Beleidigung zu mehrmonatlichen Kerkerstrafen verurtheilt wurde, hatte sich vor der dritten Strafkammer des Leipziger Landgerichtes wegen Verleumdung und Beleidigung einer Anzahl von Personen zu verantworten. In einer vom Angeklagten verfaßten Anfangs 1893 hier erschienenen Broschüre: „Wölfe im Schafspelz, Schafe im Wolfspelz", waren nämlich Missionär Urbschatt in Danzig, Pastor Boß in Paris, die Diakonissinnen Martha Philipps in Lemgo und Bertha Rißmann in Aachen, Pastor v. Boddelschwingh in Bielefeld, sowie der Professor der Theologie Dr. Strack in Berlin verunglimpft worden. Nach mehrtägiger Verhandlung wurde Paulus Meyer zu einer Gesängnißstrafe in der Dauer von einem Jahre und zehn Monaten verurtheilt. Der Meineid des Antisemitenführers. Berlin, 14. November. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete für Eschwege-Schmalkalden, Hans Leuß, ist endlich, nachdem schon seit länger als einem Halbjahre die Untersuchung gegen ihn eingeleitet ist, auf Beschluß des Landgerichtes in Hannover daselbst wegen dringenden Verdachtes eines Meineides heute verhaftet worden. Leuß war in dem Ehescheidungsproceß seines Freundes und Gesinnungsgenossen, des Chemikers Dr. S ch n u tz in Hannover, verwickelt. Leuß beschwor, daß er mit der Frau S ch n u tz nicht in intimen Beziehungen gestanden ist. Dagegen wurde inzwischen unter Beweis gestellt, daß er in einem Hotel in Hannover mit der Frau S ch n u tz durch den Hausknecht io flagranti erwischt wurde. Anfangs dieses Jahres machte er viel von sich reden, als er auf der Promenade in Hannover von Sch nutz zweimal nacheinander am hellen Tage öffentlich angefallen und mit einem Spazierstocke gezüchtigt wurde. Dabei befand sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.