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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-23 · 47 (23.11.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 906 VrürrrevtzUche WochenschrM Str. 47 dessen Erbe er war, schon bei dessen Lebzeiten aneignen, Katholiken dursten keine unbeweglichen Besitzthümer erwerben. Jesuiten und katholische Geistliche, welche in England kirchliche Functionen verrichteten, machten sich des Hochverrathes schuldig, u. s. w. Daß die Katholiken von allen öfsentlichen Aemtern in England und Schottland ausgeschlossen waren, ist selbstverständlich. Die Behörden sahen wohl hie und da durch die Finger und verfolgten nur, wenn eine Anklage einlief. Aber es gab doch wieder Leute, welche ein Interesse hatten, zu denunciren, und manche katholische Familien lebten in beständiger Angst oder zahlten den Denuncianten Schweiggeldcr. Wie schlecht die Lage der Katholiken war und wie sehr sie gehaßt wurden, kann man auch daraus entnehmen, daß, als im Jahre 1753 den Juden die Erwerbung des englischen Bürgerrechtes gestattet wurde,') eine Clausel hinzugefügt wurde, derzufolge nur solche, die sich seit wenigstens drei Jahren zum Judenthum bekannten, die Wohlthat dieses Gesetzes genießen sollten, damit dasselbe nicht von Katholiken, die sich beschneiden ließen und als Juden ausgeben wmden, mißbraucht werden könnte. Als die Strafgesetze gegen die Katholiken i. I. 1778 aufgehoben wurden, kam es darüberzu einem Aufruhr in London, den ich bereits in diesen Blättern geschildert habe.^) Die Gesetze wurden zwar trotz des Aufstandes nicht wieder eingesührt, aber das Unterhaus faßte einige für die Katholiken nicht eben freundliche Resolutionen, so z. B.: „Es ist ein Verbrechen, junge Leute zum Katholicismus zu verlocken". Erst ein halbes Jahrhundert später, vier Jahre vor der Geburt Sr. Excellenzdes Herrn Grafen Eduard Taaf fe, wurden die englischen Katholiken emancipirt. Doch blieben sie noch von manchen hohen Aemtern (Lordkanzler, Lordlieutenant von Irland) und Professuren an protestantischen Universitäten ausgeschlossen. Auch mußten sie beim Antreten eines Staatsamtes, beim Eintritt ins Parlament u. s. rm einen - besonderen Eid leisten, nichts gegen den Protestantismus zu unternehmen. Und nun wenden wir uns wieder zur Taaffe'schen Denkschrift, aus der wir zu unserer Genugthuung ersehen, daß man die Beschränkung und Bedrückung der Katholiken mit denselben seichten Argumenten, mit denselben Verleumdungen rechtfertigte, die jetzt von den Antisemiten gegen die Juden angewendet werden. Wie man jetzt mit antisemitischen Schmähschriften überschwemmt wird, so ergoß sich auch zur Zeit des Lord Ta affe eine Fluth von Schmähschriften über die englischen Katholiken. „Es gibt keine Niederträchtigkeit, deren man sie und die katholische Religion überhaupt nicht beschuldigt hätte," klagt er, „und man sucht den Protestanten einzureden, daß die katholische Religion ihren Bekennern den Meineid gestatte, sowie die Zerstörung jedes Staatswesens, das sie nicht beherrschen." — „Man behauptet, daß der Papst ihnen gestatte, sich öffentlich zu anderen Grundsätzen zu bekennen, als zu den, nach welchen sie im Geheimen sich betragen; sie hätten ein öffentliches Bekenntnis;, um damit zu täuschen, ein geheimes, um zu zerstören" .... „Solche Anschuldigungen liest man in Büchern und Zeitschriften, in Tageblättern und Flugschriften;"3) man hört sie in öffentlichen Versammlungen von Rednern, die entweder die Wahrheit nicht kennen oder aus Privatinteresse handeln. Erinnert das nicht an die Faseleien der Antisemiten von den geheimen Lehren des Talmud? „Möchten doch", fährt Lord Ta affe fort,, „die Leute sich Solches nicht einreden lassen und einmal mit ihrem eigenen Verstände die Verhältnisse beurtheilcn; sie würden dann leicht einsehen, wie unsinnig eine solche Behauptung ist. Möchten sie doch bedenken, mit welchen Nachtheilen das öffentliche Bekennt- ') Diese theiliveise Emancipation der Juden stieß auf lebhaften Widerstand im Lande und wurde daher schon im nächsten Jahre wieder aufgehoben. Erst im Jahre 1859 wurden sie vollständig emancipirt. 2) Oesterreichische Wochenschrift vom 5. Februar 1892. 2) Diese wurden aber in England nicht von Schulkindern vor der Kirche verkauft. niß zur katholischen Religion verbunden ist und welche Vortheile man durch den Uebertritt zur herrschenden Religion erlangen kann. Wie? die Katholiken sollten sich öffentlich zu einem Glauben bekennen, der ihnen nur Leiden bringt, wenn sie durch dessen Verleugnung so große Vortheile erringen können? Ist nicht dieses offene Bekenntnis; zu einer Religion, welche ihnen nicht den gerinsten weltlichen Gewinn bringt, die ihnen nur Schmähungen und Vermögensschädigung verursacht, der beste Beweis, daß sie keine Dispens zu Meineid und Falschheit haben?" Und,setzenwirhinzu,stündeindiesenSätzenstetsJuden statt Katholiken, so würden sie auchjetztihrevolleGeltung alsArgumente gegen die Antisemiten haben. Ließen sich die Juden nur von materiellen Vortheilen leiten, würden sie es mit ihrem Gewissen vereinbar halten, sich öffentlich zu einer Religion zu bekennen, die nicht die ihrige ist, dann würden sie sich die vielen Vortheile nicht entgehen lassen, die der Uebertritt zur herrschenden Religion verschafft. Wenn jetzt den Juden vorgeworfen wird, daß sie sich am Vorabend des Versöhnungsfestes durch das „Kol nidre“ von allen geleisteten und zu leistenden Eiden dispensiren lassen, so fehlten solche Vorwürfe auch den irischen Katholiken vor anderthalb Jahrhunderten nicht. Lord Taafse citirt eine von einem katholischen Geistlichen in Dublin im Jahre 1757 gehaltene Predigt, in der es. unter Anderem heißt: „Man verleumdet uns in abscheulicher Weise mit der Behauptung, daß wir ohne Bedenken falsche Eide leisten, in dem Glauben, daß es eine Autorität auf Erden gebe, welche uns Solches gestatten oder zum Meineid Dispens geben könne. Wie ungerecht und grausam eine solche Beschuldigung ist, wisset Ihr am Besten aus den Lehren, die wir Euch stets ertheilt haben, in denen wir solchen Glauben stets für falsch und gottlos erklärt haben". Glauben wir da nicht die Predigt eines Rabbiners aus unseren Tagen zu hören? Zu den beliebtesten Agitationsmitteln der antisemitischen Hetzer gehört das Ausfindigmachen von Verbrechen, welche einzelne Juden begangen haben, um für den Einzelnen das gesummte Judenthum verantwortlich zu machen. Auch solche Pauschalverleumdung fehlte den englischen Katholiken nicht, die man besonders gern der Verschwörung gegen die Regierung, des verrätherischen Einverständnisses mit oem Landesseinde u. dgl. beschuldigte. „Ich leugne nicht", sagt Lord Taafse, „daß einzelne Katholiken sich gegen protestantische Regierungen empört haben, und sie rebellirten mitunter auch gegen katholische Regierungen; aber ihre Religic n verbietet solche Empörung auf das Strengste .... Und doch, als vor einiger Zeit einige Bauern in der Grafschaft Munster Krawall machten, da machte man sämmtliche Katholiken für den Aufstand einiger vom Hunger zur Verzweiflung getriebener Bauern verantwortlich und fährt noch immer fort, es der Gesammtheit der Katholiken vorzuwerfen". So bedarf es also nur einiger Namensänderungen, um aus der T aa f re'schen Vertheidigungsschrift für die Katholiken eine Schutzschrist für die Juden gegen den Antisemitismus zu machen, sehen wir aber genauer zu, so finden wir, daß die Lüge und Unehrlichkeit im Antisemitismus noch viel größer ist als im Antikatholicismus. Zur Zeit des Lord Taafse gab es mächtige katholische Staaten, in denen die Protestanten so schlecht, mitunter sogar noch schlimmer als die Katholiken in England behandelt wurden. Man konnte doch fürchten, daß diese Staaten bei einem Kriege mit England unter den dortigen Katholiken Verbündete finden würden. Auch hatte ja einmal eine katholische Königin in England geherrscht und die Protestanten verfolgt. Die Furcht der Engländer vor den Katholiken war daher, wenn auch eine unbegründete und lächerliche, doch eine ehrliche und wahrhafte. Jüdische Staaten gibt es aber jetzt nicht, und einen jüdischen Herrscher, der die Christen bedrückte, hat es nicht gegeben und wird es nie geben. Das ganze Gerede von Judenherrschaft und Verjudung, von Furcht vor Unterdrückung durch die Juden ist

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