Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Vrsterrrirtzisrhr WochrnschrM Seite 905 Für den von Josef Wertheimer gegründeten israelitischen Handwerkeroerein spendete Todes co 10.000 fl. (Bei Beurtherlung dieser Summen möge man den damaligen Werth des Geldes in Betracht ziehen, der heute beinahe dreimal so groß ist.) Zur Erbauung eines israelitischen Krankenhauses in Baden gab er 20.000 fl. In Marienchal errichtete er die Gemeinoeschule und Kteinkinderbewahranstalt. Zu Gunsten des israelitischen Gemerbevereines errichtete er eine Stiftung. Von den Zinsen des Capitales erhält alljährlich ein Geselle bei seiner Meisterwerdung sl. 500 C.-M. So lange er lebte, gab er täglich an 50—80 Arme ohne Unterschied der Consession Speise und Trank und trug seinen Erben auf, an dieser Sitte festzuhalten. Dem Wiener Joseph-Spital stiftete er ein Bett. Seine Spenden würden summut eine riesige cumme ergeben. Nur Weniges ist der Oefsentlichkeit bekannt geworden. Er war kein Wohlihäter um der Druckerschwärze willen. Es war ihm Herzensbedürsniß, zu schenken, er mußte Wohlthätigkeit und Großmuth üben, so wie er alhmen mußte. Milde und gut sein war ihm die selbstverständlichste >sache von der Welt. In einem ihm gewidmeten Nachrufe hieß es, daß er sich nur als den Almosenier desGlückes betrachtete. „Was Andere nach dem Tode wollen, das will ich im Leben" sagte er, „ich will meine Wohlthat mitgenießen, durch die Freude, die mir das Wohlthun macht. . . . Mir ist das Wohlthun ein B edürfniß. . ." Er schied im noch frühen Alter von 53 Jahren von. dieser Welt, welche er nur als den Schauplatz für edle Thaten betrachtet hatte. Nicht ohne Ergriffenheit lesen wir die Trauerworte, welche der Rabbiner Lazar Horwitz am 25. November 1844 am Sarge dieses echt jüdischen, großherzigen Mannes gesprochen hat. „Er war ein Vater der Armen und Dürftigen, ein Schutzengel, ein Erretter für die nothleidende Menschheit ..." Deßhalb haben wir auch Anlaß genommen, seinen 50. Todestag zu begehen mit einer Rückschau auf sein Wirken und Thun. Es hat im Judenthum allzeit gute und edle Menschen gegeben. Die Reichsten waren — nach Gottes weiser Fügung — zugleich auch immer die Wohlthätigsten. Was Baron Hirsch, die Rothschild, die Königswarter auf humanitärem Gebiete gelerstet haben und erstere noch fortsahren zu leisten, übersteigt weitaus die Wohlthätigkeitsactionen ganzer Städte und Länder. Des alten Todesco Name — einer früheren Generation angehörig — reiht sich ebenbürtig den Besten an, die wir in dieser Richtung aufzuweisen haben. Sein Angedenken bleibe auch weiter gesegnet — für und für! —n. Eine Taaffe'sche Schutzschrifl für die Inden. In der heiligen Schrift werden die Juden wiederholt ermahnt, stets zu gedenken, daß sie Knechte waren in Egypten. Es geschieht dies besonders dort, wo ihnen, wie in Deuteronomium XXIV 17, 18, die gute Behandlung der Fremdlinge, der Waisen und Witwen befohlen wird. Diese Gesetze sind so edel und menschenfreundlich, der Schutz der Schwachen erscheint so verdienstlich und großherzig, daß er noch jetzt von Vielen, die sich für Volksbeglücker ausgeben, von Leuten, die gerade die Schwachen unterdrücken und bedrängen wollen, zum Feldgeschrei gemacht wird. Um diesen Widerspruch zwischen Reden oder Schreien und Thun zu verdecken, bedienen sie sich eines ziemlich plumpen Kunstgriffes: Sie stellen gerade die Schwachen und Bedrückten als die Starken und Herrschenden dar und geben die wirklich Mächtigen und Gebietenden für arme Bedrückte und Ausgebeutete aus. Es ist die Verwandlung nach dem alten Hexenspruch: „Häßlich soll schön, Schön häßlich sein So erscheint der über viele Tausend Morgen gebietende gräfliche oder fürstliche Grundbesitzer als vom armen Dorfjuden, der weder Ar noch Halm sein eigen nennt, beherrscht, und der reiche Kaufmann, dem ein Dutzend Commis dienen, als vom armen Hausirer, der mit seinem Pack von Haus zu Hans, von Dorf zu Dorf zieht, ausgebeutet. Das Wertere folgt dann von selbst: man hat ja als arrsche Majorität die Klinke der Gesetzgebung in der Hand und macht dre Gesetze danach. Und so lange die neuen Gesetze nicht gemacht sind, hat man ja die Ausführung der alten in der Hand. Irren und Vergessen ist ja menschlrch, und so kann auch mancher höhere oder nrevere Beamte an dre alten Gesetze vergessen oder rrrig glauben, die neuen zum Schutze der angeblich Schwachen seien schon eingeführt. Und hier begreifen wir erst recht die tiefe Bedeutung der alttestamentlrchen Warnung: „Gedenket, daß ihr Knechte wäret rm Lande Egypten!" Wre diese Maynung nicht blos den aus Egypten Befreiten sondern auch ihren Kcndern und Kmdeskmdern bts ms fernste Geschlecht gilt, so gibt es auch jetzt kaum eine Confesslon oder Nation, die nicht em Mal mehr oder weniger geknechtet war, die nicht als Minorität die schwere Hand einer brutalen egoistischen Majorität gefühlt hätte. Und worauf anders beruht denn die jetzige Bedrückung und Verfolgung der Juden in mehreren Staaten Eiltopas, als auf dem rücksichtslosen Gebrauch, den die Majorität von ihrer Stärke macht? Und wie dieser Mißbrauch der Macht jetzt in Folge eines gewissen Schamgefühls mit den Schlagworten „Schutz den Schwachen! Befreiung von der Judenherrschafr" bemäni-elt wird, so ist es auch in früheren Zeiten geschehen, als-Diejenigen, welche jetzt die Macht und die Majorität besitzen, schwach und in der Minorität waren. Aber wie sie so Vieles vom alten Testament vergessen haben oder mißachten, so vergessen sie auch, daß ihre Vorfahren „Knechte waren rm Lande Egyp ten". Auch Gras Tnasse, unter dessen (um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen) wohlwollender Neutralität der Antisemitismus erblühte und erstarkte, scheint es ganz vergessen zu haben. Es wäre vielleicht besser gewesen, ihn, noch während er Minister war, daran zu erinnern, aber „ein Wort an den Minister" wird nlitunter confiscirt. — Und was noch entscheideiider ist, das, woran ich ihn zu erinnern habe, ist noch jetzt beherzigenswerth, gilt auch unter der Herrschaft der Coalition. Denn nur mit dem schärfsten Mikroskop könnte man vielleicht in Bezug auf das Verhalten gegen die Antisemiten einen Unterschied zwischen dem System Taaffe und dem System Windischgrätz entdecken. Aber vielleicht thue ich noch dem gewesenen Ministerpräsidenten Unrecht. Freilich, hätte er sich der Zeit erinnert, da seine Vorfahren „Knechte im Lande Egypten" waren, als sie, eine schwache Minorität, bedrückt, geschmäht und verleumdet wurden, da hätts er vielleicht eine gleiche Behandlung der Juden nicht zugelassen. Und dazu hätte es auch eines besonders starken Gedächtnisses nicht bedurft, denn die „Knechtschaft" hat ja, wenn in letzter Zeit auch etwas gemildert, bis in unser Jahrhundert gedauert, und wo das Gedächtniß nicht ausreicht, da. helfen Geschichtswerke und Denkschriften nach. Eine solche Denkschrift über die Zustände in Irland vom Jahre 1691 bis 1766 liegt vor mir. Ihr Verfasser ist Nikolaus Lord Viscount T a a f f e, *) Großvater von Viscount Rudolf Taaffe, dessen Enkel, Se. Excellenz Graf Eduard Taaffe, vor einem Jahre österreichischer Ministerpräsident war. Die Familie Taaffe ist eine irische, katholische, gehört also einer Consession an, deren Bekenner in Großbritannien und Irland im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ungefähr so behandelt wurden wie jetzt die Juden in Rußland. Von den zahlreichen antikatholischen Gesetzen will ich hier nur einige anführen: Katholiken, welche im Ausland erzogen wurden, verloren ihr Erbrecht. Ein Protestant konnte sich den Besitz seines katholischen Vaters oder Verwandten, *) Observations on affairs in Ireland fiom the settlement in 1691 to the present time, by Nicholas Lord Viscount Taatfe, London 1766, Wieder abgedruckt in Memoirs of the Family of Taaffe, Wien 1856.