Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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K.^SRCft^ar-. nrjBiJiaat-s.:»- Skr. 48 Handwerker und Kaufleute hierherzogen. Auch Juden kamen mit den Römern nach Wien, und was das Interessanteste ist, diese römischen Juden waren nicht die Ersten, die hier ihren Sitz aufschlugen, sondern es waren schon viel früher Juden da, denn es ist erwiesen, daß, als man in Gumpendorf unter Karl dem Großen den ersten Wachtthurm baute, man jüdische Grabsteine in chaldäisch-hebräischer Schrift fand, welche auf das Vorhandensein eines jüdischen „Sephard-Geschlechtes" in einer vorrömischen Zeit hinwiesen. — Die Grabsteine waren sehr gut erhalten und man kannte die Namen der daselbst begrabenen Juden ganz genau. Wenn daher von gewisser Seite die Juden in Wien als „eingewandert" hingestellt werden, so entspricht dies den Thatsachen durchaus nicht und es dürfte zum Beispiel dem Wäschehändler Gregorig, dessen Name durchaus nicht altwienerisch, sondern stark slovenisch klingt, sehr schwer werden, zu beweisen, daß seine Ahnen eher da waren als die Juden. Aber dies nur so nebenbei. Gegen die Thatsache, welche die Forschung aufdeckt, gegen die Worte, welche Gräber und Grabsteine sprechen, läßt sich mit noch so schönen Reden in Versammlungen nicht ankämpfen, die Wahrheit läßt sich nicht aus der Welt schaffen, und die Herren, welche es nicht glauben wollen, daß die Juden früher da waren als die Römer, die brauchen gar keine theuren Bücher zu kaufen, sondern in den Gräffer'schen Wiener Dosenstücken finden sie es getreulich erzählt und sogar die jüdischen Grabsteine von Gumpendorf sind darin abgezeichnet. Nun zu unseren Römern und zur Suche nach dem ersten Wiener Wirthshause. Die Gegend des Hohen Marktes darf man sich nicht so vorstellen, wie sie heute aussieht. Der Hohe Markt bildete den höchsten Punkt der neuen Anlage und von hier fiel der Abhang steil ab und wurde am Fuße schon von der Donau benetzt. Das Land von der Ruprechtsstiege bis zum Wasser existirte nicht, das Stück Erde, auf dem sich heute das Hotel „Metropole" erhebt, war nicht vorhanden. Ein Arm der Donau benetzte den Fuß des Hügels, auf dem sich das Castell erhob. Sonst wäre die Situation für die Römer nicht so strategisch wichtig gewesen, wenn sie nicht so gut geschützt gewesen wäre. Und dieser Donauarm war ihnen die beste Schutzwehr gegen die Feinde. Durch das Castell zogen zwei Hauptstraßen. Die eine in der Richtung der heutigen Wipplingerstraße, die andere in der Richtung der Wollzeile gegen Pannonien zu. Diese letztere Straße war auch die wichtigere Etappenstraße für die Römer von der sie ihre Verstärkungen und ihren Proviant bezogen. Von Süden der Triester Hauptstraße waren sie gekommen und diese war durch die fortwährenden Heereszüge gut versichert. Die Straße nach Pannonien bedurfte starker Schutzmaßreaeln, denn da hinter Schwechat wohnte noch viel räuberisches Volk. Ueber die Straße gegen Klosterneuburg zu patrouillirten die Römer bis in die Gegend von Klosterneuburg und in Sievering und Nußdorf pflanzten sie auch den ersten Wein unter Kaiser Probus. Der Hauptverkehr im römischen Wien erstreckte sich jedoch natürlich auf das Forum, denn dort und in allernächster Nähe waren die Geschäftsleute vor räuberischen Ueberfällen sicher. Ein Hinauswagen gegen den Westen zu war nicht rathsam, denn hinter dem Hohen Markt begannen schon die dichten Wälder, die ihren Anschluß an den heutigen Wienerwald fanden und deren letzte Reste sich noch zur Zeit Leopold des Heiligen fanden, der sein Jagdschloß in der Gegend der heutigen Herrengaffe hatte. So sehen wir das Wien der Römer vor uns und ich hoffe, daß ich den Lesern ein klares Bild für Lage und Ausdehnung geliefert habe. Die römischen Legionäre bekamen Naturalverpflegung, aber auch Sold, und dieser war nicht gering. Ein Soldat, der im Kriegslande stand, bezog nach unserem Gelde etwa 50 kr., eine Riesensumme, die heute einem Betrage von 10 fl. entspricht. Das Castell selbst hatte die Ausdehnung von der heutigen Marc Aurelstraße bis zur Judengaffe. Anschließend daran befanden sich die Häuser der Civilbevölkerung, die Frauenhäuser, die Waffenschmiede, die recht viel zu thun hatten, und es ist kein Zweifel, daß auch eine Art von Cantine bestand, in der die Soldaten Alles fanden, was ihnen von der Heimat her lieb und werth gewesen war. Bei den römischen Legionen standen auch die Gefangenen der unterjochten Völker, die man recht weit weg von ihrer Heimat verlegte, sie von römischen Officieren und Unterofficieren befehligen ließ. Das war eine Politik, die wir ja noch bis in die neueste Zeit befolgt sehen, wo man die italienischen Regimenter nach Ungarn, die ungarischen Seite 901 Regimenter nach Italien verlegte, um recht verläßliche, mit der Bevölkerung nicht sympathisirende Soldaten zu haben. Heute, wo ein Volksheer Vaterland und Thron beschützt, steht die Sache anders und die Regimenter bleiben zumeist in ihren Werbebezirken. Diese erste Cantine war das erste Wirthshaus in Wien und dürfte sich dort befunden haben, wo einst die Krebsapotheke stand oder wo sich der Lazzenhof erhebt. Hier fand man nämlich nach den alten Chroniken bei den Abgrabungen und Ausgrabungen zahlreiche Trinkgefäße, Krüge, Flaschen aus Thon, und hart daran dürfte auch der Friedhof gewesen fein, der sich bis auf die Rothenthurmstraße erstreckt haben dürfte. Während die Römer ihre Todten verbrannten, gruben zahlreiche andere Völker ihre Todten in die Erde ein und daß ein solcher Friedhof existirt hat, beweist, daß bei den Garnisonen im Castell Vindobona auch Nichtrömer unter den Waffen standen. Wir haben nun den Fleck gefunden, auf dem das erste Wiener Wirthshaus gestanden ist. Aber wir wiffen noch mehr. Wir wissen, daß der erste Wirth ein gewisser Jacobus Filius Ez.. .. gewesen. Diese Art der Benennung kommt ausschließlich bei Orientalen vor. Sie entspricht dem arabischen und hebräischen Worte „Ben", „der Sohn des". Bei dem Fehlen jedes Familiennamens und zur besseren Kennzeichnung des Individuums war der Name des Vaters hinzugesetzt, z. B. Jacob, der Sohn David's rc. Wenn wir also auf Grund des Gesagten Schlüsse ziehen wollen, so bleibt uns nichts übrig, als die sehr begründete Muthmaßung aufzustellen: Das erste Wiener Wirthshaus stand in dem Winkel zwischen Lazzenhof und alter Krebsenapotheke mit dem Rücken gegen die Rothenthurmstraße, mit der Front gegen den Hohen Markt und der erste Wiener Wirth war ein Jude, Namens Jacob, der Sohn des Ez . . . ., wahrscheinlich der Sohn des Ezechiel. So unangenehm dies auch für mancherlei Personen sein mag, so können wir diese Entdeckung nicht umändern, und so sehr sie auch in die heutige Strömung nicht passen mag, so ist die Muthmaßung doch richtig und der erste Wiener Wirth war wahrscheinlich ein Jude. Literatur. Anti.—Arecolo's Synagoge. — Der barmherzige Bruder» (Drei Novellen von Heinrich Steiner, H. o r k. E. P i e rs v n's Verlag D r e s d e n—L e i p z i g—W i e n, 1805). Aus der Fluth der literarischen Ueberproduction ragen diese Erzählungen hoch empor als das Werk eines gereiften und abgeklärten Geistes. Wie ein rother Faden zieht sich durch alle drei die Lehre von Duldung, /Liebe und Nachsicht gegen Andersgläubige, Andersdenkende und Anderssühlende, eine Lehre, so selbstverständlich, so uralt, die Jeder kennt, Wenige voll begreifen und noch Wenigere ausüben und bethätigen. Es gehört zum Tragischen in der Geschichte der Menschheit, daß die ersten und größten Fuudamenlalwahrheiten, die Grundlagen allen friedlichen und gedeihlichen Zusammenlebens und Wirkens auf der Erde Jahrtausende brauchen, um Geltung zu erringen. Und es wäre doch so einfach . Mit ein wenig Liebe gelänge der ganze Zauber .... Die erste und weitaus größte Novelle des Buches führt uns einen ganzen Menschen vor, der zur Fahne des deutsch-nationalen Antisemitismus geschworen hat. Die Consequenzen dieser Lehre werden von dem Dichter wahr und unerbittlich gezogen und deutlich zeigt er uns, wohin sie führen und führen müssen. Heinrich wird aus dem verjudeten Europa nach Amerika verschlagen und erlebt unter seltsamen Abenteuern einen bedeutsamen Wechsel seiner Anschauungen. Er lernt das Los der unglücklichen Chinesen drüben kennen, er sieht sich selbst wegen seines „papistischen" Glaubensbekenntnisses von starrköpfigen Puritanern geschmäht und verfolgt, er erfährt, was es heißt — fremd sein, gehaßt wegen seiner Nationalität und verachtet wegen seines Glaubens. Ihm selbst geschieht so, wie er einstmals gewollt, daß den Juden geschähe. Die sittliche Läuterung, die sich irr ihm vollzieht, entwickelt sich nicht sprunghaft, sondern schrittweise und mit psychologischer Folgerichtigkeit. Der Verfasser kennt die Deflerreichischr Wochenschrift